Medienkritik zu "Allgemein"

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„Contraste“ Nr. 382 – Juli/August 2016

Mein Besuch in Cecosesola

VON KATHRIN SAMSTAG, WIESBADEN

Solcher Überfluss ist einige Jahre her. Die feria central, die zentrale Markthalle des Kooperativennetzwerks CECOSESOLA im venezolanischen Barquisimeto, funktioniert mit verlässlicher Regelmäßigkeit, aber sie läuft seit Monaten im Notbetrieb. An den Verkaufstagen – Freitag, Samstag und Sonntag – wird ankommen-de Ware direkt in die Verkaufshalle gebracht. Alle Cooperativistas sind stolz darauf, dass zumindest die ersten Käufer*innen an diesem Wochenende 1 kg Reis, 2 kg Nudeln, 1 kg Zucker, eine Baby-Seife sowie fünf Kinderkompott zum precio justo, dem von der Regierung festgesetzten gerechten Preis, kaufen können. Ein solches »Basispaket« hat einen Gegenwert von rund 500 Bolivares, also 50 Eurocent (nach inoffiziellem Wechselkurs im März 2016). Das ist unschlagbar günstig! Eine Lehrerin hat damit aber einen stattlichen Anteil ihres Monatseinkommens von etwa 13.000 Bolivares ausgegeben.

Las ferias – die Märkte

CECOSESOLA blickt auf über 50jährige Wurzeln zurück und hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Wandlungen durchlebt. Zu einem Kernstück haben sich die insgesamt drei Märkte in der Großstadt Barquisimeto entwickelt, die ursprünglich vor allem der Direktvermarktung von Obst und Gemüse dienten. In engster Absprache zwischen Stadt und Land werden Anbaumengen und -orte sowie die Preise koordiniert. Die landwirtschaftlichen Produktionskooperativen liefern ihre Erzeugnisse an festen Tagen mit eigenen Transportmitteln an die städtischen ferias und befördern auf dem Rückweg Trockenprodukte meist externer Lieferant*innen für den Eigenbedarf ihrer Cooperativistas. Selbst in den aktuellen Krisenzeiten gelingt es, viele begehrte Waren großer Hersteller in die gemeinschaftlichen Verkaufshallen zu lotsen. Insgesamt werden so wöchentlich 70.000 Familien versorgt.

Neben den fast überall verfügbaren Würzsoßen und Softdrinks bietet das Sortiment weitere Basisprodukte wie Maismehl, Hülsenfrüchte, Kafee oder Milchpulver. Das Angebot ist derart ungewöhnlich im Venezuela des Frühjahrs 2016, dass sich schon mittwochs nachmittags eine Schlange bildet! Die Anstehenden sichern sich so eine der ersten ausgegebenen Nummern und damit das Anrecht, am Freitagmorgen ganz vorne in der durchnummerierten Schlange auf dem Parkplatz darauf zu warten, dass sich die Tore der Verkaufshalle öfnen. Ein solcher Startplatz ermöglicht an diesem Wochenende den Kauf eines Pakets Toilettenpapier – eine absolute Rarität. Am Sonntagnachmittag – nachdem fast 20.000 Personen allein bei der feria central ihre Einkäufe erledigt haben – wird es dank der strikten internen Verkaufskontrolle immerhin noch das Mangelprodukt Nudeln vorrätig geben. Drei Pakete davon zum unregulierten Gesamtpreis von rund 750 Bolivares inden sich in fast jedem der letzten Einkaufskörbe.

Unverhoffte Chance für Ökologischen Landbau?

Nach dem feria-Wochenende bin ich todmüde und ausgelaugt. Mir ist unerklärlich, wie die Cooperativistas dieses Pensum seit Jahren allwöchentlich durchhalten. Meine Füße sind platt gelaufen vom Produkte zurück in ihre Regale sortieren, die zu viel zur Kasse getragen wurden (»Nein. Wirklich nur 1 kg Reis pro Person!«). Außerdem schmerzen meine Fingernägel noch vom Vortag – vom stundenlangen Säubern wurmstichiger Kohlköpfe für die wartenden Käufer*innen. Nur ein kleiner Anteil der Agrarproduktion CECOSESOLAs ist bisher ökologisch. Das rächt sich derzeit besonders. In Venezuela sind auch künstliche Düngemittel und Pestizide teure Mangelware oder schlicht nicht verfügbar. Etlichem Obst und Gemüse ist das anzusehen. Worin allerdings eine unverhofte Chance liegen könnte: Vielleicht bringt diese Krise jenen Cooperativistas, die für Ökoanbau inklusive der Nutzung samenfester eigener Sorten kämpfen, den erforderlichen Rückenwind. Noch aber schlägt das Herz der meisten Venezolaner*innen für jene glänzenden und saisonlosen Produkte, wie sie Supermärkte außerhalb Venezuelas bis heute füllen. Als einige Kisten Kartofeln aus der teureren maxi feria in den normalen Verkaufsbereich wechseln, gibt es Gerangel um dieses durch Saatgutmangel derzeit knappe Luxusprodukt.

Neben der Erschöpfung nach den vielen Arbeitsstunden erfüllt mich die Freude, an diesem sozialen Weltwunder teilzuhaben. Gemeinsam mit den komplexen Strukturen sind vor Ort organisatorische  Fähigkeiten gewachsen, die gemeinhin gerne als unmöglich abgetan werden.

Cecosesola: ein langjähriger Aushandlungsprozess

CECOSESOLA hat keine Chefs. Nirgends gibt es feste Vorgesetzte. Wer am Markttag bei der feria central morgens zuerst kommt, hilft beim Aufüllen der Regale. Sobald Käufer*innen in der Halle sind, öfnen nach und nach die Kassen. Weitere Cooperativistas bereiten das Frühstück vor, kontrollieren die Ein- und Ausgänge, weisen Autos ihre Parkplätze zu, etc. Das alles organisiert sich scheinbar von Geisterhand, letztlich aber dank einer Mischung aus rotierender Verteilung fester Aufgaben und einem kurzfristigen Gespür für Unterstützungsbedarf. Nur eine Gruppe Praktikant*innen von einer Kirchengemeinde hat dieses System noch nicht ganz verinnerlicht. Irgendwann sitzen sie gelangweilt zusammen, während ihre Kundschaft kurzerhand selbst Hand anlegt und das letzte Gemüse direkt aus den Kisten nimmt. In anderen Ecken bemühen sich Cooperativistas nach wie vor um die friedliche und möglichst geordnete Bewältigung des langsam abebbenden Andrangs. Die Öfnungszeiten sind weit ausgedehnt. Niemand soll ohne Nahrungsmittel nach Hause geschickt werden, auch wenn das allwöchentlich viele zusätzliche Arbeitsstunden bedeutet.

Ein solches Selbstverständnis und die Gestaltung der Arbeitsabläufe sind nicht einfach an andere Orte verplanzbar. Sie sind das Ergebnis eines langjährigen Lern-und Aushandlungsprozesses innerhalb flacher Kommunikationsstrukturen. Seit vielen Jahren wird bei der feria central und ihren Schwesterkooperativen viel Zeit in Versammlungen investiert. Fast täglich indet irgendwo eine reunión statt. Daran teilzunehmen ist unglaublich eindrücklich. Es sind große Gesprächsrunden mit oft an die hundert Teilnehmenden, die in einem steten Prozess von einem Thema zum nächsten wechseln und dabei ohne Tagesordnung, Moderation und Redeliste auskommen! Wer einen neuen Punkt einbringen möchte, muss Gespür für den richtigen Zeitpunkt entwickeln. Unmittelbar dreht sich die Diskussion dann um dieses neu aufgeworfene Thema, bis es vorerst geklärt ist. Auf diesem Wege sind sehr viele direkt über Probleme und Herausforderungen informiert und am Finden von Lösungen beteiligt. Das ist sehr zeitintensiv, aber letztlich enorm efektiv. Es bildet die Basis für immer wieder neue, atem-beraubende Projekte (wie den gemeinsamen Bau eines Krankenhauses) und den sozialen Zusammenhalt, der auch die Bewältigung der aktuellen Versorgungskrise erlaubt.

Zwischen Wirtschaftskrise und Steuerlast

Leider ist diese venezolanische Wirt-schaftskrise derzeit nicht das einzige Problem von CECOSESOLA. Die Cooperativistas müssen »nebenbei« dafür sorgen, dass ein neues Gesetz zur Besteuerung von Kooperativen abgeändert wird, das ihnen mehr Steuern als einem Privatunternehmen beschert. Während meines Besuchs füllt sich das Gelände der feria central am Sonntagnachmittag also erneut mit Menschen. Diesmal sind es keine Käufer*innen, sondern Cooperativistas der verschiedensten angeschlossenen Kooperativen, die sich gemeinsam auf den Weg nach Caracas machen wollen. Dort soll am folgenden Morgen eine Verfassungsbeschwerde beim obersten Gerichtshof eingereicht werden und  ußerdem eine Kundgebung stattinden. Einige Reisewillige kochen, andere halten ein Nickerchen, manche sind in Gespräche vertieft und eine stetig wachsende Gruppe übt Sprechgesänge und Klatschrhythmen in der großen Versammlungshalle ein. Um 23 Uhr erscheinen die ersten Busse. Sie sind schnell gefüllt. Da unklar war, wie viele Cooperativistas sich genau der Reise anschließen, sind etliche Busse auf Abruf bestellt. Nach einer Stunde ist der gesamte Parkplatz wieder wie leergefegt und fast 500 Personen sind auf dem Weg in die Hauptstadt. Unglaublich! Solch ein Organisationsniveau verknüpft mit Hierarchiearmut und freundschaftlichen Umgangsformen. Und das alles ist keine Freizeitaktivität am Wochenende und bei schönem Wetter, sondern Alltag.

Nachtrag Mai 2016: Die Lage vor den ferias ist nun so angespannt, dass CECOSESOLA die Einstellung des Verkaufs der preisregulierten Drittprodukte erwägt. Eine entsprechende Ankündigung schreckte die Regierungspartei auf. Erstmals seit Monaten fand ein Gespräch statt, was auch im Steuerstreit nur helfen kann.

Die Autorin besuchte im Juni 2015 und im März 2016 erneut Cecosesola.

Heinz Weinhausen schreibt uns: Was wohl aus Platzgründen weggelassen wurde, sind die Möglichkeiten zu Buch und Film zu Ceco. Und auch die Möglichkeit zum Spenden für medizinischen Bedarf.


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