Medienkritik zu "Die Klassenkämpfe in der UdSSR"

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„Graswurzel“ 417 – 2017

100 Jahre Staatskapitalismus

Neue Literatur zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution

Zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution wird uns eine Flut von Büchern erwarten, deren AutorInnen uns erklären werden, dass deren Scheitern nur beweist, dass es jenseits von Kapitalismus und Marktwirtschaft keine Alternativen gibt.

Alle Versuche, aus der Kapitallogik auszubrechen, würden nur in Despotie und letztlich im Stalinismus enden. So wird mit dem autoritären Staatssozialismus jede anarchistische, räte- und linkskommunistische Kritik gleich mit beerdigt. Daher ist dem kleinen Berliner Verlag „Die Buchmacherei“ zu danken, dass sie ein zentrales Buch des französischen Soziologen Charles Bettelheim ins Deutsche übersetzt haben.

Der 1913 in Paris geborene und dort 2006 verstorbene Intellektuelle hatte sich in den 1970er Jahren als linker Kritiker der Sowjetunion einen Namen gemacht. Lange Zeit hat er sich auch deutlich gegen den Nominalsozialismus und Kapitalismus gewandt. Dabei bewegte er sich aber, um gleich auch den zentralen Kritikpunkt anzusprechen, im Gedankengebäude des autoritären Sozialismus. So kritisiert Bettelheim in den 1970er Jahren die Sowjetgesellschaft vom maoistischen Standpunkt aus, unterstützte einige Jahre die Kulturrevolution in China, bevor er in den 1980er Jahren mit den sogenannten Neuen Philosophen in China die autoritären Sozialismusvorstellungen selber einer kritischen Prüfung unterzog. Die aber suchten dann den Ausweg ebenfalls nicht in anarchistischen oder dissidenten kommunistischen Vorstellungen, sondern wurden oft zu VerteidigerInnen der Totalitarismustheorie und zu ApologetInnen des Kapitalismus. Diese kritische Entwicklung kann man in den von Andreas Förster ins Deutsche übersetzten Bänden 3 und 4 von Bettelheims Monumentalwerk „Die Klassenkämpfe in der UdSSR“ gut nachverfolgen.

Bettelheims besondere Stärke waren seine profunden Kenntnisse der ökonomischen Verhältnisse in der Sowjetunion und den nominalsozialistischen Staaten. Er argumentierte nicht moralisch, sah den Widerspruch zwischen Anspruch und Realität in der nominalsozialistischen Ökonomie. Wer heute das nur noch antiquarisch erhältliche, 1970 erschienene Buch „Ökonomisches Kalkül und Eigentumsformen“ liest, bekommt eine gute Einführung in die präzise Argumentationsweise von Bettelheim. Dort weist er überzeugend nach, dass es falsch ist, Sozialismus mit Planwirtschaft und Verstaatlichung und Kapitalismus mit Markt gleichzusetzen. Bettelheim erklärt, dass die formaljuristische Ebene noch keinen Aufschluss über die realen Produktionsverhältnisse gibt und Staatseigentum keine wirkliche Vergesellschaftung bedeute. Es können auch in einer verstaatlichen Ökonomie kapitalistische Produktionsverhältnisse vorherrschen, so Bettelheims Argumente, die sich auf Texte von Marx und Engels stützten.

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Zeitschrift „Vorwärts“ (Schweiz) v. 20.1. 2017

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution wird uns eine Flut von Büchern erwarten, deren AutorIn-nen uns erklären werden, warum die Oktoberrevo­lution von Anfang an ein Verbrechen war. Charles Bettelheim gehörte nicht dazu. Der französische Soziologe hatte Bekanntheit errungen als linker Kritiker der Sowjetunion und des Realsozialismus und machte dabei immer deutlich, dass sein Ziel ein wirklicher Sozialismus ist. Eine Apologie der kapita­listischen Verhältnisse lag dem 1903 in Paris gebo­renen und dort 2006 verstorbenen engagierten In­tellektuellen fern. Bettelheims besondere Stärke war seine profunde Kenntnis der ökonomischen Verhält­nisse in der Sowjetunion und den realsozialistischen Staaten. Er begründete nicht moralisch, sondern mit seiner profunden Marx-Kenntnis, den Wider­spruch zwischen Anspruch und Realität in der real­sozialistischen Ökonomie. Wer heute das nur noch antiquarisch erhältliche 1970 erschienene Buch «Ökonomisches Kalkül und Eigentumsformen» liest, bekommt eine gute Einführung in die präzise Argumentationsweise von Bettelheim. Dort weist er überzeugend nach, dass es falsch ist, Sozialismus mit Planwirtschaft und Verstaatlichung sowie Kapi­talismus mit Markt gleichzusetzen. Bettelheim weist darauf hin, dass die formaljuristische Ebene noch keinen Aufschluss über die realen Produktionsver­hältnisse gibt und Staatseigentum keine wirkliche Vergesellschaftung bedeutet. Es können auch in einer verstaatlichen Ökonomie kapitalistische Pro­duktionsverhältnisse vorherrschen, so Bettelheims auf Texte von Marx und Engels gestützte Argumente.

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Beitrag zur Vorstellung des Buches am 6. Dezember im Buchladen „Schwarze Risse“ Berlin

Leicht überarbeitete Fassung des Beitrags von Renate Hürtgen, einschließlich einiger Anmerkungen der Autorin zur Diskussion

Es ist nicht genug zu würdigen, dass Bettelheim seinen eigenen Ansatz, was den Charakter der Oktoberrevolution betrifft, in nur wenigen Jahren änderte – und zwar in Anschauung der Klassenkämpfe z. B. in Polen um 1980 -, und nicht, indem er ins rechte oder Totalitarismuslager gewechselt wäre … sondern unter Beibehaltung eines marxistischen Ansatzes und einer linken Einstellung … Es gibt für mich ein Phänomen, das wir vielleicht diskutieren sollten: Sein Neuansatz hat keine Wirkung in die Linke hinein gehabt. So weit ich sehe, gab es keine Reaktion auf Band 3 und 4 der „Klassenkämpfe in der UdSSR“, die 1982 in Paris erschienen sind … Nach 1982 hat Bettelheim nur noch drei Bücher veröffentlicht, zwei davon auf Italienisch, eins mit Paul Sweezy zusammen, das davon handeln soll, wie eine wirkliche sozialistische Ökonomie aussehen könnte. (Ich kenne es nicht.)

Das ist umso erstaunlicher, als Bettelheim in diesen Bänden von 1982 – die jetzt von Die Buchmacherei erstmals in Deutsch veröffentlich sind – eine ganz neue Einordnung der russischen Revolution vornimmt. Im Kern besteht dieser Neuansatz darin, dass für ihn 1917 mit dem Sturz des Zarismus und der Errichtung einer provisorischen Regierung ein pluraler revolutionärer Prozess begann, den er eine „kapitalistische Revolution“ nennt. Die negative Arbeit dieser Revolution war die Zerstörung vorkapitalistischer Zustände, die positive die Etablierung einer kapitalistischen Gesellschaft. Welche genaue Richtung dieser revolutionäre Prozess einschlagen würde, welche endgültige „Existenzform“ der Kapitalismus in der Sowjetunion annehmen wird – das war nach Bettelheim zunächst offen. Er beschreibt drei Akteursgruppen, die nach der Februarrevolution entstanden waren: 1. Die revolutionäre Bauernbewegung, 2. Die Sowjets und Fraktionen der Intelligenz, die für demokratische Freiheiten, ein repräsentatives System, den Rechtsstaat und eine Verfassungsgebende Versammlung eintraten und 3. Fraktionen des russischen Volkes, darunter die Akteure der Sowjets und der Intelligenz, die eine Verstaatlichung der Produktionsmittel anstrebten.

Die Weichen sind nach seiner Lesart mit der Machtübernahme (Aufstand) der Bolschewiki gestellt, die die Sowjets nach kurzer Zeit zu Organen der Ratifizierung und Ausführung von Regierungs- und Parteientscheidungen verwandeln. („Revolution von oben“) … Das hing – nach Bettelheim – maßgeblich mit ihrer Auffassung von der Rolle des Staates zusammen, der die eigenständige Rolle der Sowjets zugleich einschränkte, am Ende der 1920er-Jahre waren sie nur noch Ausführende.

Anders als noch in den Jahren zuvor selber gedacht bzw. in seinem politischen Umfeld angenommen, geht Bettelheim also hier nicht mehr von einer sozialistischen Phase aus, die durch schwierige historische Umstände oder infolge von Fehlern der politischen Akteure auf die staatskapitalistische Bahn geraten war. Die Frage, die sich ihm folgerichtig jetzt stellte, war die nach der spezifischen Existenzform des Kapitalismus in der Sowjetunion. Und genau das ist der Inhalt der beiden vorliegenden Bände: Bettelheim will hier die Entstehung und Etablierung „eines juristisch und politisch völlig neuen Typs von Kapitalismus“ nachweisen, dessen Errichtung am Ende der 1930er-Jahre erfolgt war.

Das Spannende ist, das Bettelheim damit den Gedanken einbringt, die allgemein als „sozialistisch“ bezeichneten Revolutionen und Bewegungen sind als Teil einer kapitalistischen Entwicklung zu betrachten. Sie bringen verschiedene Existenzformen des Kapitalismus hervor, jedoch keine Alternative zu ihm.

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„SoZ 09-2016“

Erstausgabe eines Klassikers

von Rolf Euler

«Wenn man aber die politischen und sozialen Verhältnisse analysiert … kommt man zu dem Schluss, dass der Oktoberaufstand eine radikalisierte Fraktion der Intelligenz an die Macht bringt, die sich auf einen Teil der Arbeiterklasse stützt und behauptet, im Namen des Proletariats zu sprechen; und dass das, was unter dem Banner einer sozialistischen Revolution in die Geschichte eingegangen ist, wesentlich eine ‹kapitalistische Revolution› ist, die letztlich zu einer radikalen Enteignung der direkten Produzenten führt.» Weiterlesen


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