Medienkritik zu "Tschikweiber haums uns g'nennt"

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Die Autorin der „Tschikweiber“ im „Beginenhof“ in Berlin

Am 23. Februar 2017 war Ingrid Bauer zu Gast auf einer Veranstaltung des Frauenwohnhauses „Beginenhof“ in Berlin.

Aus ihrem Vortrag gibt es hier einen kurzen Ausschnitt auf You Tube

 


„Jungle-World“ Nr. 8 / 2017

»Georbeit’ hamma viel.«

Dieser Satz ist der rote Faden der 1988 von der österreichischen Historikerin Ingrid Bauer veröffentlichten Studie über die Zigarettenarbeiterinnen im Städtchen Hallein im Salzburger Land. Der Verlag »Die Buchmacherei« hat mit der Neuauflage ein Zeitdokument der Frauengeschichte wieder zugänglich gemacht. Im Zentrum von Bauers Interviews stehen 18 Frauen aus Hallein. Zwölf von ihnen ­haben von 1921 bis zur Schließung 1940 in der Zigarettenfabrik ge­arbeitet. Die in österreichischem Dialekt belassenen Interviewpassagen und die Erläuterungen von Bauer ermöglichen einen Einblick in das ­Leben einer Frauengeneration, das hauptsächlich aus Unterordnung, Demut und viel Arbeit bestand. Schon in jungen Jahren mussten sie zu Hause mit anpacken und sich später als Bedienstete bei reichen Leuten verdingen. Daher empfanden viele die ­Arbeit in der Zigarettenfabrik als Befreiung. In den Gesprächen wird der Stolz deutlich, für ihre Arbeit entlohnt zu werden und sich mit ihren Kolleginnen austauschen zu können. Dabei ging es auch um damals tabuisierte Themen wie Schwangerschaftsverhütung. Noch 50 Jahren später ­erinnern sich die Frauen an kleine Akte der ­Solidarität in der Fabrik und als Höhepunkt an den kurzen Streik ­gegen den Austrofaschismus 1934. Es war ein kurzes Intermezzo des Widerstands. Die Zusammenarbeit des Unternehmens mit dem national­sozialistischen Regime ist gut dokumentiert. Wurden die Frauen in den Interviews jedoch dazu befragt, seien sie ausgewichen, so Bauer. »Nicht aufmuksen« war die Devise. Eine der wenigen Ausnahmen ist die kommunistische Gewerkschafterin Agnes Primocic, über deren ­widerständiges Leben ein Dokumentarfilm informiert, der auf einer DVD dem Buch beigelegt ist.

Peter Nowak


„Sozialismus 5/2016

Frauen gemeinsam sind stark!

Der „Tschik“ ist in der österreichischen Mundart ein Zigarren- oder Zigarettenstummel. Und in Hallein, der Stadt, die nahe Salzburg liegt, da gab es Arbeit nicht nur für Menschen im Salzbergwerk, sondern von 1871 bis 1939 auch in der Zigarrenfabrik.

Im Jahre 1816 wird das Fürstbistum Salzburg Teil der Habsburger Monarchie und Hallein war plötzlich nur einer von vielen Orten, in denen Salz gefördert wurde. Um 1850 lebten in Hallein etwa 4.000 Einwohner, und die Arbeitslosigkeit samt Verelendung war groß. Wenn überhaupt, gab es Arbeit im staatlichen Salinenwesen oder im damit eng verbundenen Handwerk, etwa als Küfer, Holzknecht, Salzachschiffer.

Auch für Frauen gab es Arbeit: Im Bergbau als Essensträgerin. Im Sudhaus arbeiteten pro Schicht immer sechs bis acht Frauen an der Sudpfanne als Holzzieherinnen. Außerdem setzten sie als Radgeherinnen mit ihrer Körperkraft das Schöpfrad in Bewegung, mit dem die Sole aus dem Untergeschoss des Pfannhauses in die Sudpfannen geschöpft wurde. Als Salzhackerinnen zerkleinerten sie große Blöcke zu faustgroßen Brocken. Je drei Kufenheberinnen hoben den Trägern die Salzfässer auf die Schulter. Die Raiffantreiberinnen schließlich machten die Salzkufen versandfertig. Schon damals schlug der technische Fortschritt zu und die meisten Frauen verloren ihre Arbeitsplätze; als dann der Transport nicht mehr auf der Salzach, sondern ab 1871 per Eisenbahn erfolgte, wurde Hallein zur Bettelstadt.

Der Halleiner Gemeindevorstand schafft mit einer Petition („An Arbeitskräften dürfte es also nicht fehlen, zumal die hiesigen Arbeiter durchgehend keinen Grundbesitz haben, daher dieselben resp. ihre Familienmitglieder ihre Zeit und Kräfte ungestört diesem Industriezweige zuwenden können.“) die Betriebsansiedlung, die 1871 mit 215 Arbeiterinnen bezogen wird. Bis 1912 erhöht sich der Personalstand auf 510 Beschäftigte – zu 90 Prozent Frauen. Die alljährliche Produktion erreicht 27 Millionen Zigarren. Hauptsächlich werden die Marken Britannica, Trabucco, Kuba und Portorico gerollt. Pfeifentabak und „Nordtiroler Kautabak“ gehören ebenso zum Repertoire.

In den 1980er-Jahren hat die Historikerin Ingrid Bauer, erstmals unter gleichem Titel, ihre Dissertation veröffentlicht. Das Buch ist die wohl wichtigste Studie, ja eine Pionierleistung der Oral History in Österreich, und Leserinnen und Leser lernen im Dialog mit einer heute historischen, noch vor dem Ersten Weltkrieg geborenen Arbeiterinnen-Generation ein – allein wegen dieser Arbeit der Autorin – heute kaum noch rekonstruierbares eindrückliches Stück Frauengeschichte, Sozial- und Alltags­geschichte, Gewerkschafts- und Industriegeschichte kennen.

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„Wildcat Nr. 100 / 2016“

Kollektive Emanzipation in der Fabrikarbeit

Die Buchmacherei hat Ingrid Bauers 1988 erschienene Dissertation neu rausgebracht und um historische Bilder, ein aktuelles Vorwort und eine DVD-Beilage erweitert. Was sich anfangs etwas langatmig liest, wird zunehmend eine anregende Untersuchung mit analytischem Tiefgang und viel Empathie für Fabrikarbeiterinnen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.
Am besten sind die Stellen, die mit Interviewauszügen (die im Originaldialekt transkribiert sind, die Frauen waren allesamt in ihren 80ern) und deren Interpretation herausarbeiten, wie sich die Arbeiterinnen unter den damaligen Bedingungen organisierten. Hallein in Salzburg, wo das österreichische Tabakmonopol eine dieser Tabakwaren-Fabriken hingestellt hat und wo die Geschichte spielt, ist bekannt für den Abbau von Salz und die heute noch existierende Zellstoffindustrie. Bauer zeigt, dass diese Kleinstadt mit damals knapp 10 000 und heute 21 000 Einwohnern eher prominent sein müsste wegen der renitenten Geschichte dieser proletarischen Frauen.

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Kronen Zeitung 17.2.2016

Das Leben der Tschikweiber

Die Zigarren-Arbeiterinnen in der Halleiner Tabakfabrik: Mit Solidarität und Kampfeswillen in die Geschichte eingegangen.

Ja, Rauchen ist schädlich. Trotzdem gehören Tschik zur Halleiner Geschichte. 1869 startete in der Stadt die Produktion von Zigarren. Damals waren für das Drehen, Spinnen, Sortieren und Verpacken der Zigarren hauptsächlich Frauen zuständig. Und diese waren so gar nicht auf den Mund gefallen. Im Gegenteil, sie waren in, der Bevölkerung sogar für ihr gutes Mundwerk gefürchtet. Der Name „Tschikweiber“ war abwertend gemeint, doch die selbstbewussten Zigarrenarbeiterinnen haben ihre Rolle zum positiven gewendet: „Wir sind wer, für uns existiert sogar ein eigener Begriff“.

Erzählt wird über Zwänge und Hoffnungen, von Anpassung und Widerstand.

Eine, die sich in den 80er-Jahren intensiv mit den Lebensgeschichten der Halleiner Tschikweiber auseinander gesetzt hat, ist die Salzburger Historikerin Dr. Ingrid Bauer. Damals hat sie sich im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Autobus auf den Weg nach Hallein gemacht. Dort angekommen, hat sie gehört, wie Männer über die resoluten Tschikweiber sprachen. 30 Interviews führte sie mit Zigarrenarbeiterinnen, deren Töchtern sowie Frauen, die dort gerne gearbeitet hätten, aber nicht aufgenommen wurden.

„Die Frauen waren bei den Männern sehr begehrt. Sie hatten eine sichere Arbeit und konnten ihre Familie mit ihrem Einkommen erhalten. Schon Generationen vor ihnen waren in der Fabrik, es war ein attraktiver Job, ein Erwerbsarbeitsplatz mit gutem Verdienst und mit gewissen Rechten“, weiß Bauer, die gerne an die Gespräche zurückdenkt. „Sie waren für mich als junge Historikerin sehr bewundernswert und haben sich noch genau an die Arbeitsverhältnisse erinnert.“

Viele Alternativen gab es in dieser Zeit nicht. Klar hätten die Zigarrenarbeiterinnen auch gerne in einem Büro gearbeitet oder wären Lehrerinnen geworden, für eine Arbeitertochter war das jedoch jenseits aller guten Vorstellungen.

Was sie auszeichnete: Ihre Solidarität und ihr Zusammenhalt. Sie saßen sich an großen Tischen gegenüber. Während ihrer Handarbeit gab es viel Austausch über Sorgen. 1940 wurde die Zigarrenfabrik von den Nationalsozialisten geschlossen und das Gebäude für den Rüstungsbetrieb verwendet.

Das Buch von Ingrid Bauer „Tschikweiber haums uns g‘nennt …“ ist nun in einer erweiterten Neuausgabe erschienen und wird am 17. März am Originalschauplatz im „Theaterobjekt“ präsentiert. Im Anschluss eine Filmpräsentation „Tschikweiber“ von „theater bode end sole“. „Es freut mich im Sinne der bereits verstorbenen Frauen, dass ihre Geschichten wieder so viel Aufmerksamkeit erfahren“, so die Autorin. Sie spielten in der Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle

Sandra Aigner

KRONEN ZEITUNG 17.2. 2016


„Solidarität“, ÖGB-Zeitschrift für die Arbeitswelt, Nr. 966, Mai 2016

Tabakfabrik als Ort der Emanzipation und der politischen Bildung

„Is amoi kloar, dass ma bei da Gewerkschaft gewen san. Und es is scho so: Die Orbaiter miassen zaumhoiten, sonst gibt‘s kane Rechte,“

In den 1980er-Jahren hat die Historikerin Ingrid Bauer Zigarrenarbeiterinnen ausführlich über ihre Zeit in der Tabakfabrik Hallein befragt. Es waren selbstbewusste, protestbereite und ‚solidarisch handelnde Frauen. Schon 1920 waren dort 91,5 Prozent der Belegschaft freigewerkschaftlich organisiert. In Österreich hatte der hohe Organisationsgrad den Achtstundentag, die Arbeitslosenversicherung sowie Urlaubs- und Betriebsrätegesetz durchsetzbar gemacht. Es geht in diesem neu aufgelegten Buch neben Wirtschaftsgeschichte darum, was die harte Fabriksarbeit für Frauen auch bedeuten konnte: Emanzipation und Selbstbewusstsein. In der Massenarbeitslosigkeit waren es in Hallein die Frauen, die Arbeit hatten und die Familie ernähren konnten. Die Fabrik war auch Ort politischen Bildung. Die Haushaltsarbeit blieb trotzdem den Frauen: „Des geht ois so automatisch dahin: Do gehst in die Oarbeit in da Fabrik und gehst holt und oarbeitst und daun dahoam oarbeitst holt wieder.“


„Junge Welt“ vom 13. Mai 2016

Frauen mit eigenem Geld

Oral History: Ingrid Bauers Buch über die Arbeiterinnen der Zigarrenfabrik in Hallein bei Salzburg in neuer, erweiterter Ausgabe erschienen

Gisela Notz

Was Ingrid Bauer 1988 im Wiener Europa-Verlag veröffentlichte, war bis zu diesem Zeitpunkt einzigartig. Für ihr Buch »Tschikweiber haums uns g’nennt …« hatte die Historikerin zahlreiche ehemalige Arbeiterinnen der Zigarrenfabrik im österreichischen Hallein ausführlich zu ihren Lebensgeschichten interviewt. Der kleinen Berliner Buchmacherei ist zu danken, dass es jetzt wieder erhältlich ist – mit einer neuen Einleitung versehen. Zudem ist eine DVD beigelegt. Sie enthält einerseits das Textbuch und Szenenfotos zum Theaterstück »Tschikweiber« und zwei Dokumentarfilme über Agnes Primocic (1905–2007), Betriebsrätin in der Zigarrenfabrik, Kommunistin und Widerstandskämpferin.

Hallein ist eine kleine Stadt südlich von Salzburg. Die 1870 in Betrieb genommene Zigarrenfabrik war ein bürokratischer Staatsbetrieb. Bauers Arbeit entstand in einer Zeit, in der sich die Frauenforschung etablierte und in der die Historikerzunft die »Oral History« als Methode entdeckte. Ihr gelang damit ein Werk, in dem sowohl Frauengeschichte als auch Sozial-, Familien und Alltagsgeschichte umfassend rekonstruiert wird. »Arbeiterinnengeschichte, ist das Dein Ernst?« wurde sie ungläubig gefragt, als sie die Arbeit an dem Projekt aufnahm. Damals erschien der westlichen Geschichtsschreibung – von einigen Ausnahmen in der Frauenforschung der BRD abgesehen – der Alltag von Arbeiterinnen als zu banal, um sich damit wissenschaftlich zu befassen.

Doch Ingrid Bauer ließ sich nicht beirren, und es entstand ein Buch, das mit vielen Vorurteilen aufräumte, mit denen Fabrikarbeiterinnen teilweise noch heute konfrontiert sind. Sie schilderte auf der Basis der Gespräche mit den Frauen, wie diese selbst ihre betriebliche und außerbetriebliche Realität wahrnahmen und reflektierten. Dabei arbeitete sie die wohl wichtigste Erfahrung der gewerkschaftlich sehr gut organisierten und protestbereiten »Tschikweiber« – Tschik ist ein österreichischer Ausdruck für Zigarette – heraus: Solidarität.

Dennoch hat Bauer nichts glorifiziert: Die Halleiner Zigarrenfabrik war zwar ein »Frauenbetrieb«, doch alle wesentlichen Kontrollpositionen waren fest in Männerhand – vom Direktor bis hin zum Portier, der das Tor verschloss, wenn eine Arbeiterin zu spät kam. Die Autorin machte auch deutlich, dass Frauen billige und willige Arbeitskräfte waren. Sie kosteten wenig, auch wenn sie gegenüber den Hausfrauen privilegiert waren, weil sie regelmäßig eigenes, selbstverdientes Geld hatten – bei erträglichen Arbeitsbedingungen. Die 600 Frauen hätten in dem damals noch ländlichen Ort oft sogar mehr verdient als ihre Männer, sagte Bauer im Interview mit den Salzburger Nachrichten (21.11.2015) anlässlich der Neuauflage des Buches.

Aber nicht nur, weil sie für ein eigenes Haus sparen wollten, sind die Frauen »allesamt gerne in die Fabrik gegangen«. Sie tauschten sich über ihre Rechte, über Verhütung, Sexualität, Ehe- und Familienprobleme, Gewerkschaftsarbeit und sonntägliche (Fahrrad-)Ausflüge mit dem Arbeitersportverein aus.

Die Tschikweiber haben zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrise, Erwerbslosigkeit und Armut, die Herrschaft der Austrofaschisten und der Nazis erlebt. Sie erinnerten sich in den Gesprächen an ihren Streik gegen den sich in Österreich etablierenden Klerikalfaschismus am 12. Februar 1934, der eigentlich ein landesweiter Generalstreik werden sollte. Dass die anderen Halleiner Betriebe nicht wie sie streikten, verziehen sie den dort arbeitenden Männern nicht. Die Arbeiterinnen erlebten Repressionen und Entlassungen.

Viele versuchten gleichwohl, die »große Politik« aus ihrem Berufsalltag herauszuhalten. Etliche wurden aber außerhalb der Arbeitszeit illegal politisch aktiv – bis die Zigarrenfabrik 1939 an einen Rüstungsbetrieb verkauft wurde. Über ihr darauf folgendes Hausfrauendasein wollten die Arbeiterinnen Ingrid Bauer nicht viel erzählen. Sie hatten es sich ja nicht ausgesucht.


„ak“ 615, April 2016

Tabakarbeiterinnen

Die Tabakwerke im Salzburgerischen Hallein waren nicht typisch für Fabriken vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Mehrheitlich verdienten die dort angestellten Frauen mehr als Männer in anderen Betrieben der Region. Damit übernahmen sie die Versorgung ihrer Familien und waren nicht die üblichen »Zuverdienerinnen«. Viele organisierten sich gewerkschaftlich und sozialdemokratisch, sie waren bekannt für ihr Selbstbewusstsein und kämpften gegen übergriffe der (männlichen) Vorarbeiter, für höhere Löhne und bessere Sozialleistungen. Die Neuauflage des 1988 erstmals erschienenen Buches von Ingrid Bauer ist nicht nur wegen der Beschreibung des Widerstandes der Frauen interessant, sondern auch weil eine »Arbeitergeschichte« erzählt‘ wird; die über die Fabrik hinaus geht. Der Alltag der Frauen (und wenigen Männer) wird von ihrer Kindheit bis hin zur Schließung der Tabakproduktion beschrieben: das Wohnen, die Arbeit im Haushalt, das Weggeben der Kinder und die eigene Kindheit – entfernt von der leiblichen Familie etc. Nicht zuletzt wird sichtbar, dass die Frauen doppelte Arbeit leisteten, weil sich die Männer bis auf Ausnahmen nicht an der Hausarbeit beteiligten. Die Autorin erzählt nicht nur eine widerständige Regionalgeschichte der Arbeit innerhalb und außerhalb der Fabrik. Sie macht auch Lebens- und Geschlechterverhältnisse sichtbar, die in der üblichen Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung selten vorkommen.

Robert Foltin


„DER STANDARD“ vom 30.11.2015

Eine Geschichte der Arbeiterinnensolidarität

Es ist dem ehemaligen Bildungsobmann der IG-Metall und ehemaligen Kommunalpolitiker der Linken in deutschen Mönchengladbach zu verdanken, dass ein wichtiges Stück Arbeiter- und Frauengeschichte Österreichs wieder zugänglich ist. Braeg ist es gelungen die Salzburger Historikerin Ingrid Bauer zu überzeugen, ihr 1987 im Europa-Verlag erschienenes Buch über die Tabakarbeiterinnen von Hallein in einem kleinen Berliner Verlag neu aufzulegen. Der Band zählt zu den Pionierstudien der Oral History in Österreich und war nicht einmal mehr antiquarisch erhältlich.

Die „Tschikweiber“ sind Frauen-, Sozial-, und Alltagsgeschichte, Gewerkschafts- und Industriegeschichte in einem. Ingrid Bauer erzählt anhand von lebensgeschichtlichen Interviews die Geschichte der selbstbewussten, gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnenschaft aus den Tabakwerken der Salinenstadt Hallein – in unmittelbarer Nähe zum bürgerlich-reaktionären Salzburg gelegen. DieTabakwerke wurden 19039 von den Nazis geschlossen.

Von besonderer Bedeutung ist der Band, da er sich mit der Widerständigkeit und Solidarität vomn Arbeiterinnen beschäftigt. Einfache Frauen wie Fabrikarbeiterinnen und Bäuerinnen wurden von der historischen Forschung bis dahin völlig ausgeblendet. Bauer geht es dabei jedoch um mehr als nur das lokale Beispiel: Die ist bestrebt, im Konkreten das Grundsätzliche zu erkennen, es geht also auch um das heute oft verloren gegangene Bekenntnis zum Widerstandsgeist und zur Solidarität.

Dem erweiterrt aufgelegten Band ist nun auch eine DVD beigelegt. Auf dieser findet sich das Textbuch zum Theaterstück Tschikweiber (Hartmann/Hassfurter) und ein Dokumentarfilm von Uwe Bolius über die wohl bekannteste Widerstandskämpferin Agnes Priomocic, Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht.

Thomas Neuhold


„Salzburger Nachrichten“ 21.11.2015

Rollentausch beim Zigarrendrehen

Arbeiterinnen. Mit ihrer Studie über die „Tschikweiber betrat die Historikerin Ingrid Bauer Neuland in der Geschichtswissenschaft. Die Lebensgeschichten der Tabakarbeiterinnen besitzen 28 Jahre nach dem Erscheinen immer noch Aktualität.

Andreas Praher

Der älteren Generation in Hallein ist die Zigarrenfabrik noch ein Begriff. Das Bild von streikenden, widerständigen Frauen ist in Erinnerung geblieben. Dass mehrheitlich Frauen das männliche Konsumgut Zigarre in Hand­arbeit herstellten, lag an arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich. Und dass diese Frauen sich gewerkschaftlich stark organisierten, war ein Spezifikum der Tabakindustrie. Die Halleiner Zigarren­fabrik war mehr als ein florierendes Wirt­schaftsunternehmen. Sie war Ausdruck einer bestimmten Arbeiterinnenmentalität.

SN: Sie haben Mitte der 1980er-Jahre als eine der ersten Historikerinnen die Geschichte von Arbeiterinnen aufgegriffen. Was veranlasste Sie zu der Oral-History-Studie über die „Tschikweiber“?

Bauer: Als junge Historikerin war ich ge­prägt von der demokratischen Aufbruchstimmung der 70er-Jahre, den neuen sozia­len Bewegungen und der Frauenbewegung. Gleichzeitig erlebte ich eine innovative Phase der Geschichtswissenschaft, die sich geöffnet hat für neue Ansätze, neue histo­rische Akteure in den Blick genommen hat, eben breite Bevölkerungsschichten. Was mich noch sehr inspiriert hat, war die „Gra­be, wo du stehst“-Bewegung. Geschichte ist überall: Grabe in deinem Stadtviertel, in deinem Wohnblock, in dem Betrieb, in dem du arbeitest, in der Schule, die du besuchst. Das machte mich hellhörig für das Thema Zigarrenarbeiterinnen in Hallein. Ich hatte vorher nie etwas von ihnen gehört, und als ich mit dem Bus von Salzburg nach Hallein gefahren bin, haben zwei ältere Herren über die „Tschikweiber“ geredet, die resolut war en, anders zusammengehalten haben und am 1. Mai aufmarschiert sind und gestreikt haben. Das hat dem gängigen Frauenbild widersprochen, auch sozialen Stereotypen, i war der Beginn meiner Spuren suche.

SNI: War dieser Widerspruch der Reiz an der Thematik?

Zunächst war es sicherlich das. Diese Rollenumkehr, dass es Frauen waren, die im Vergleich zu ihren Männern die besseren Arbeitsplätze gehabt und mehr verdient haben, dass sie gern in die Zigarrenfabrik gegangen sind und ihre Mütter und Groß­mütter dort schon Arbeiterinnen waren. Und. ihr enorm hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, über 90 Prozent, der war untypisch für diese Zeit. Salzburg war damals stark ländlich geprägt. Drei Viertel alle Frauen sind auf haushaltszentrierten Arbeitsplät­zen tätig gewesen, waren Mägde, Dienst­botinnen, Hausgehilfinnen oder mithelfen­de Familienangehörige. Da fallen 600 Frau­en in einer Fabrik, die Geld haben, auf. Die Frauen waren begehrt auf dem Heiratsmarkt. „Wenn einer eine erwischt hat, die in der Fabrik war. dann hat er zugegriffen“, hieß es. Das waren starke Geschichten, die diese Frauen verkörperten. Wobei sie von typischen Lebensrealitäten zwischen Fabrik und Daheim eingeholt worden sind. Viele mussten ihre Kinder zu Bauern geben. Heute würde man sagen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

SN: Ihre Forschungsarbeit war damals eine Pionierarbeit. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe noch den Satz im Ohr: „Arbeiter­innengeschichte, ist das dein Ernst?“ Das hat sich aber rasch geändert und die Reso­nanz auf das Buch war groß. Sowohl in der Wissenschaft als auch weit über Salzburg hinaus. Das hat mich damals erstaunt, ist aber nachvollziehbar, weil neue Zugänge wie Alltagsgeschichte die Geschichtswis­senschaft popularisiert haben. Man spürt im Buch, dass es um einen anderen Blick geht, wie ein sehr konkretes, anschauli­ches, farbiges Bild von Arbeits- und Lebens­verhältnissen entfaltet wird. Es wird nicht über die Arbeiterinnen geschrieben, son­dern gemeinsam mit ihnen im Dialog. Die Darstellungsform ist fast ethnografisch.

SN: Mittlerweile, 28 Jahre nach dem ersten Buch, ist Frauengeschichte ‚ ein zentraler Forschungsgegenstand. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Die historische Frauenforschung hat durch ihr Potenzial, Geschlechterstereotypen zu hinterfragen und aufzubrechen, viel bewegt. Weil man mit Vergleichsbeispielen aus der Geschichte anschaulich belegen konnte, dass damalige Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit einen historischen Entstehungskontext, haben. Dass sie gewachsen sind- und was gewachsen ist, kann verändert werden. Wie eine Gesellschaft mit Frauen und Männern umgeht, mit Männlichkeit und Weiblichkeit, welche Zuschreibungen es gibt, das ist diskutierbar, ist gestaltbar. Unter den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen rücken die „Tschikweiber“ in anderer Hinsicht wieder näher. Sie und ihre Familien waren einge­bunden in Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, prekäre soziale Verhältnisse. Diese Realitäten werden wieder drängender durch Phänomene der neuen Armut. Nicht nur, wenn man an Spanien und Griechenland denkt, wo sich das drastisch abzeichnet.Und das sind eben auch Themen der I930er-Jahre, die mit diesen Frauen verbun­den sind. Ihre Lebensgeschichten sind ab­geschlossen, aber an der Art und Weise, wie wir sie lesen, könnte sich im Kontext der aktuellen Realpolitik in vielen europäischen Ländern etwas ändern.

SN: Wie kann die Studie hier einen Beitrag leisten?

Geschichtsforschung leistet selten direkte Beiträge. Sie macht es möglich, eigene Schlüsse zu ziehen. Auch bei der aktuellen Flüchtlingsbewegung, bei der Historiker gefragt werden, wie war denn das früher, kann man aus historischen Kontexten nicht eins zu eins etwas ableiten, aber es ist ein Erkenntnisrahmen, aus dem man Aktuelles präziser in den Blick und in den Griff kriegt, indem man ein Vergleichsszenario hat. Aber um aus der Geschichte zu lernen, braucht man Leute, die etwas aus der Geschichte lernen wollen. Leute, die Fragen stellen und die, wenn sie dieses Buch lesen, andere Fra­gen stellen als in den 8oer-Jahren gestellt wurden. In denen es darum gegangen ist: Toll, da gibt es starke Frauen, die mir starke Geschichten erzählen. Vielleicht nimmt man jetzt, da Arbeitsverhältnisse aufgeweicht werden, das Prekäre mehr wahr. Wir sprechen heute von der Fabrik 4.0, wo der Workflow digitalisiert ist. Aber es geht um dasselbe. Was ist menschenwürdige Arbeit? Welche Spielräume gibt es? Welche Vorga­ben machen gesellschaftliche Strukturen und wie viel Handlungsmächtigkeit liegt beim Einzelnen?


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