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„SoZ 09-2016“

Erstausgabe eines Klassikers

von Rolf Euler

«Wenn man aber die politischen und sozialen Verhältnisse analysiert … kommt man zu dem Schluss, dass der Oktoberaufstand eine radikalisierte Fraktion der Intelligenz an die Macht bringt, die sich auf einen Teil der Arbeiterklasse stützt und behauptet, im Namen des Proletariats zu sprechen; und dass das, was unter dem Banner einer sozialistischen Revolution in die Geschichte eingegangen ist, wesentlich eine ‹kapitalistische Revolution› ist, die letztlich zu einer radikalen Enteignung der direkten Produzenten führt.»

Mit dieser radikalen These stimmt Charles Bettelheim, der bekannte französische marxistische Intellektuelle, die Leser seiner Analyse der Klassenkämpfe in der Sowjetunion aus den Jahren 1928–1940 ein. Auf gut 600 Seiten seiner jetzt erst übersetzten und von der Buchmacherei herausgebrachten Untersuchung begründet er mit einer Unzahl von wirtschaftlichen und politischen Fakten seine These.

Bettelheim (1913–2006) war als kommunistischer junger Mann Mitte der 30er Jahre in der Sowjetunion zu Besuch und lernte dort die Verhältnisse unter Stalin kennen. Ähnlich wie André Gide kritisiert er die dortigen Zustände, tritt in die Résistance ein und bleibt Zeit seines Lebens ein revolutionär denkender Mann. Seine Sympathien wenden sich der chinesischen oder kubanischen Revolution zu, seine Ideen werden während der 1968er Bewegung aufgegriffen und verstärkt. Später bricht er mit diesen Anschauungen und versucht, die Zusammenhänge zwischen Entartung und den theoretischen, ideologischen und politischen Grundlagen dieser Revolutionen zu analysieren.

Das Vorwort der Herausgeber erläutert – für Zeitgenossen dieser Entwicklung sehr erhellend – die Entwicklung der Ideen Bettelheims und stellt sie in den größeren Zusammenhang der Versuche, Emanzipation vom Kapitalismus anders zu denken als durch Übernahme der Staatsmacht und Ausübung zentralistischer Wirtschaftsleitung.

Bettelheim erläutert die innere Entwicklung in der damaligen UdSSR von Politik, Wirtschaft und Partei in den zwei Bänden sowohl vom Standpunkt der «Beherrschten» als auch der «Herrschenden». Er untersucht die Enteignung der Bauern und die dadurch verursachten Krisen, die massenhafte chaotische Einwanderung in die Städte und die «Salarisierung», also die Umwandlung der Bauern in Lohnarbeiter unter der despotischen Leitung der Partei und der Betriebsleiter. Er stellt einen Zusammenhang her zwischen den schweren ökonomischen Krisen und dem Terror bis zum Mord gegen abweichende Parteimitglieder, protestierende Arbeiter, Bauern und die ehemalig führenden Revolutionäre der KPdSU. Seine Untersuchungen zum Kolchos-System, zum Fabriksystem und zur inneren Entwicklung der Partei stützen sich auf viel Material, das zum großen Teil erst nach dem Ende der Stalin-Zeit zur Verfügung stand, aber auch auf Protokolle, Berichte und Zeitungsartikel aus den 30er Jahren.

Bettelheim untersucht vor allem die terroristischen Maßnahmen, die im Namen der «Diktatur des Proletariats» stattfanden, die Angst, Denunziation, Willkür. Er erläutert, dass die Übernahme der «Staatsmacht» durch die Revolution keineswegs zu einer sozialistischen Demokratie, Beteiligung der Volksmassen an der gesellschaftlichen Planung und Leitung führte, sondern zu einer anderen Art der Ausbeutung der Arbeit. Dazu kritisiert er die Begrifflichkeit der Stalinschen Bürokratie und ihre ideologischen Verdrehungen des marxistischen Erbes.

Wer nun meint, das wären alles «alte Kamellen», mit denen sich nur noch Historiker beschäftigen müssten, der wäre gut beraten, in dem Buch zu stöbern. Man bekommt einen guten Einblick in die Entwicklung, die letztlich nach dem Ende der Sowjetunion die kapitalistischen Verhältnisse nur um so deutlicher gezeigt hat, als immer mehr «Privatleute» sich des staatlich organisierten Vermögens bemächtigten und die Bevölkerung Russland «erneut beraubten». Die ausführlichen Untersuchungen Bettelheims sollten als ebenso aktuell betrachtet werden, wie etwa Erfahrungen aus der großen Wirtschaftskrise 1929 oder des New Deal. Das hat auch den Grund, dass er faktenreich die Außenpolitik der UdSSR aus jenen Jahren erläutert, vor allem gegenüber Deutschland und dem Faschismus, bis hin zum Nichtangriffspakt, und damit ein Bild dieses Landes zeichnet, wie es in dieser Art nicht zu lesen war. Bettelheims Untersuchungen erscheinen mir wie ein Vorläufer und Ergänzungsbuch zu Pikettys Das Kapital im 21.Jahrhundert – aus der «anderen Welt», als es noch den Bruch zwischen West und Ost gab.

Dem Verlag «Die Buchmacherei» ist es gelungen, mithilfe von Spendern und Stiftungen die Übersetzung und Herausgabe der beiden Bände in einem Buch zu ermöglichen. Eine dankenswerte Leistung, da sich immer weniger Menschen, vor allem aber auch Wissenschaftler mit Fragen der gesellschaftlichen Transformation befassen. Die Herausgeber hoffen, «einen Beitrag leisten zu können, den politischen Lernprozess der damaligen kritischen Marxistinnen und Marxisten bekannt und weiter verfügbar zu machen». Sicher auch, wäre zu ergänzen, im Sinne einer Aufklärung und, wenn möglich, heutigen politischen Bewegung zur Überwindung kapitalistischer Verhältnisse.


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