Medienkritik zu "Kritik der Sowjetwirtwschaft - Zur politischen Ökonomie der Sowjetunion"

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“trend” – onlinezeitung 11/2020

Eines waren die Sowjets sicher nicht: Sowjets
Wal Buchenbergs Kritik der Sowjetwirtschaft

besprochen von Wilfried Jannack
11/2020

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Wal Buchenberg hat mit dem Thema abgeschlossen, aber so ganz wird das nicht gehen, weil er nach wie vor das Marx-Forum betreibt. „Die Buchmacherei“ hat das Buch neu aufgelegt und mit einem Vorwort von Klaus Dallmer versehen. Der Text ist historisch und analytisch sehr kenntnisreich angelegt. Produktion, Zirkulation, Distribution und Akkumulation werden aus Marxscher Sicht analysiert. Sozialistische Warenproduktion ist der Widerspruch in sich. Buchenberg behauptet auch nicht, dass es im Sowjetsystem Warenproduktion vorherrschend gewesen sei: Solange Produkte nicht auf einem Warenmarkt erscheinen, verwandeln sie sich nicht in Waren (Buchenberg: 32). Direktiven treten an die Stelle des Geldes. Statt G – W (Pm + A) heißt es Direktive – Pm + A. Eine zentrale Direktive vermittelt Produktionsmittel und Arbeiter*innen. Die Planerbürokratie hat die Fürsorgepflicht für alle Sowjetbürger, die umgekehrt zur Arbeit dienstverpflichtet sind (21). Die Verwalter sind ausschließlich sich verantwortlich und keine Treuhänder der Gesellschaft, „sondern wirkliche Eigner des gesamten von den Arbeitern geschaffenen Arbeitsprodukts“ (21).

Die Sowjetgesellschaft entwickelt sich gemäß Lenin (Staat und Revolution: 402f.) zu einer einzigen Fabrik. Diese verlagert das Gewicht auf die Abt. I – Produktionsmittel(1). Die Anhäufung der Produktionsmittel auf Kosten des Konsums ist der politischen und militärischen Machtentfaltung, dem sowjetischen Weltmachtstreben geschuldet (75). Trotzki und Preobrashenskij wollen mit ursprünglicher Akkumulation nach dem Ende der NEP (s.u.) den industriellen Sprung durchsetzen. Sie benennen ihr Vorhaben mit der Kategorie der ursprünglichen Akkumulation wie im Kapitalismus.

Wie selbstverständlich benutzt Preo­brashenskij den Begriff der erweiterten Reproduktion, also den kapitalistischen Zusammenhang zwischen Abt. I und II (MEW 24: 505ff.). Die ursprüngliche Akkumulation wird letztlich von Stalin nach Ausschaltung der Parteilinken(2) als Zwangskollektivierung gegen die Landwirtschaft durchgesetzt. „Die sowjetischen Bauern hatten durch die Revolution erst Land und Selbständigkeit gewonnen, und verloren jetzt beides“ (86).

Was ging dem voraus? In den ersten Jahren, als die Arbeiter*innen die Betriebe selber verwalten, entwickelt sich die russische Industrie rückwärts zum einfachen Produktentausch ohne Geldvermittlung. „Weil Geld durch zaristische Kriegsverschuldung und Inflation wertlos geworden war, arbeiteten die selbstverwalteten russischen Unternehmen fast nur ‚auf Gegenseitigkeit‘, das heißt jede Betriebsbelegschaft lieferte zunächst an solche Betriebe, die im Gegenzug etwas liefern konnten, wofür sie Bedarf hatten“ (13). Ohne übergreifende Koordination ist die Arbeiterselbstverwaltung nicht lebensfähig. Statt die Koordination zu organisieren werden die Rechte der Räte seitens der Bolschewiki beschnitten. Die Räte mutieren zum Betriebsrat: Sie leiten die Unternehmen nicht mehr und verlieren das Recht, Leitungen ein- und abzusetzen. In der Notzeit 1918-1920 herrschen Versorgungsnot und Inflation. Die Betriebe zahlen keine Löhne, sondern Lebensmittelrationen. Es ist also eine Zeit ohne Geld(3), weil das Geld ohne Wert ist.

Bucharin deutet Mangel und Not in Vorzeichen des kommenden Kommunismus um. „…, dass in der Übergangsperiode, im Prozess der Vernichtung des Warensystems als solchem, ein Prozess der ‚Selbstverneinung‘ des Geldes stattfindet. Er drückt sich erstens in der sogenannten ‚Geldentwertung‘ aus, zweitens darin, dass die Verteilung der Geldzeichen von der Verteilung der Produkte unabhängig wird und umgekehrt. Das Geld hört auf, ein allgemeines Äquivalent zu sein…Der Arbeitslohn wird zur Scheingröße, die keinen Inhalt hat. …Vom Arbeitslohn bleibt bloß eine äußere Hülle erhalten – die Geldform, die zusammen mit dem Geldsystem der Selbstvernichtung entgegengeht“ (Bucharin(1920), Ökonomik der Transformationsperiode, Reinbek bei Hamburg: 215f).

Buchenberg verspottet zu Recht diese Form der Befreiung von der Lohnarbeit, bei der man sich vom Lohn nichts kaufen kann. Das Sowjetsystem ist für den Autor weder Sozialismus noch Kapitalismus, sondern eine eigenständige Formation – eben „Sowjetwirtschaft“. Die Ironie: Partei und Staat haben die Sowjets, die Räte, längst entmachtet, die Forderung „Alle Macht den Räten“ ist sinnentleert. 1921 kommt es trotzdem unter dieser Parole zum Kronstädter Aufstand. Nach dessen Niederschlagung führen die Bolschewiki die Neue Ökonomische Politik NEP ein. Durch die NEP entsteht in Russlands Landwirtschaft erstmals in größerem Umfang kapitalistische Warenproduktion – in der Übergangsphase zum Kommunismus, wie man damals noch dachte. Die Bauern produzieren für einen Markt (80). Der private Konsum, der nach 1926 immer weiter im Verhältnis zur Abt. I zurückfällt, ist wie im Kapitalismus warenförmig organisiert. Die Arbeitskraft wird mit Geld bezahlt. Es „bestand kein Unterschied zur kapitalistischen Ware Arbeitskraft und ihrer Reproduktion durch Warenkonsum“ (46f). Die allgemeine Ware, das Geld, wird im Sowjetsystem nicht akkumuliert (bekanntlich wird im Kapitalismus so aus dem Geld das Kapital). Investitionen werden durch Direktiven angestoßen, nicht durch Geld wie im Kapitalismus (68).

Die Bolschewiki greifen bewusst auf die erweiterte Reproduktion(4) zurück. Während für Marx die Schemata der erweiterten Reproduktion wichtig waren für die Erklärung, dass die Akkumulation auch krisenfrei vorangehen kann, nutzt Preobrashenskij den Begriff der erweiterten Reproduktion, um die Industrialisierung Sowjetrusslands zu rechtfertigen. Aus dem analytischen Begriff ist ein Mittel der Wirtschaftspolitik geworden. Damit befindet sich Preobrashenskij in guter russischer sozialdemokratischer Tradition.

Allein in Russland waren die Schemata aus dem zweiten Kapital-Band (MEW 24) um 1900 heftig diskutiert worden – im Gegensatz zur sonstigen Sozialdemokratie. In der Auseinandersetzung mit den Narodniki ging es darum nachzuweisen, dass sich das rückständige Russland kapitalistisch entwickeln könne(5).

Die Eierschalen dieser Diskussion werden die Bolschewiki offensichtlich nicht los. Begriffe und Kategorien, die den Kapitalismus konstituieren – Ware, Markt, Geld, abstrakte Arbeit, Kapital, Kapitalakkumulation als erweiterte Reproduktion, gar die Grundlegung des Kapitalismus in der ursprünglichen Akkumulation – finden zum Teil in der Sowjetwirtschaft einen Platz. Dass sie dabei aufgehoben würden, kann niemand behaupten. Zum Teil werden die Kategorien von Den Protagonisten besonders hervorgehoben (ursprüngliche Akkumulation, erweiterte Reproduktion), zum Teil wird versucht sie in Nischen zu halten (Markt, Ware, Geld), zum Teil wird in ihrer notgedrungenen Abwesenheit (Geld im ‚Kriegskommunismus‘ von Bucharin) ein Zukunftssprung gesehen.

In Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht bezeichnet Lenin dies als „Staatskapitalismus“. Linke, die von der Kritik der Warengesellschaft an das Sowjetsystem herangehen, wählen dagegen oft die Bezeichnung „Staatssozialismus“. Mit seiner Aufgabenbeschreibung der Sowjetmacht als Staatskapitalismus trifft Lenin die Sache besser. Eines waren die Sowjets(6) sicher nicht: Sowjets(7). Wal Buchenberg kommt das Verdienst zu, diese Zusammenhänge sehr plausibel analysiert zu haben. An manchen Stellen habe ich seine Darlegung etwas ergänzt (u.a. um die Auseinandersetzung zwischen legalen Marxisten und Narodniki über die Möglichkeiten des Kapitalismus in Russland anhand der erweiterten Reproduktion in MEW 24).

Anmerkungen 1 Mit der Abt. II sind die individuellen Konsumtionsmittel gemeint.
2 Ironie: Die „Linken“ werden isoliert und ausgeschaltet, weil sie mit diesem Vorschlag kommen (Trotzki garniert den Vorschlag zwar mit demokratischen Forderungen, was der überzogenen Produktionsmittelproduktion aber auch keinen Abbruch tut). Im Anschluss setzt Stalin genau dieses Programm um (ohne es ursprüngliche Akkumulation zu nennen) und nimmt sich dann der dagegen protestierenden „Rechten“ (u.a. Bucharin) an. Übrig bleibt niemand vom Politbüro 1924 – mit Ausnahme Stalins.
3 Ich hatte gehört, dass es in der Anfangszeit Sowjetrusslands eine Zeit ohne Geld gegeben habe. Das war für mich ein Hauptmotiv, dieses Buch zu lesen. Dass sich das dann in dieser Weise in Luft auflöst, hatte ich nicht erwartet.
4 Erweiterte Reproduktion ist ein Merkmal des Kapitalismus. Im Gegensatz zur einfachen Reproduktion, bei der das Mehrprodukt völlig aufgezehrt wird (und zwar von der herrschenden Klasse), wird bei der erweiterten Reproduktion ein Teil des Mehrwerts investiert, was letztlich im Marxschen Reproduktionsschema zeigt, dass ein Fortführen der G-W-G‘-Spirale möglich ist, wobei die Wertzusammensetzungen (organische Zusammensetzung des Kapitals, Mehrwert-, Profitrate und Produktivität) konstant bleiben (siehe Wilfried Jannack, Nachtrag zu Rosa Luxemburgs Auseinandersetzung mit Marx‘ Reproduktionsschemata sowie zu Ralph Netzkers Berechnung eines Überschusses, den es nicht gibt, 09-2020).
5Für Tugan-Baranowsky erbrachten die Reproduktionsschemata den Nachweis der Möglichkeit unbegrenzter Kapitalakkumulation, solange die dafür notwendigen Proportionalitäten eingehalten werden“ (Mattick, Paul (1973), Krisen und Krisentheorien: 85). 6 Bolschewiki 7 Räte
 

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