Medienkritik zu "Stalinismus – eine Sackgasse im Labyrinth der Geschichte"

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“nd” v. 9./10. 1. 2021

Vierzig Jahre Schweigen

Linke Mythen bremsen eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte

Von Renate Hürtgen

Namentlich zu »runden« Jahrestagen leben im offiziellen Mainstream zahlreiche Mythen der Erinnerung an die DDR und die demokratische Revolution vom Herbst 1989 auf. Es sind die Erzählungen der »Geschichte vom guten Ende«, sie berichten von einem Sieg des »Guten über das Böse«. Diese bürgerlichen Mythen klischieren die Geschichte von einem normativen Endpunkt aus, nämlich der Bundesrepublik als vermeintlich bester aller Welten.

Solchen Geschichtserzählungen entgegenzutreten und etwa richtigzustellen, dass die deutsche Einheit nicht als eine zu sich selbst kommende Prophezeiung zu verstehen ist, war und bleibt wichtig für eine linke Geschichts- und Erinnerungsarbeit. Doch darf darüber nicht die Notwendigkeit einer eigenen kritischen Auseinandersetzung mit der UdSSR und den innerhalb ihres Imperiums entstandenen osteuropäischen Ländern aus dem Blick geraten – eben auch der DDR.

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“Initial – Berliner Debatte” Nr. 4 / 2021

Publikationen von Wolfgang Ruge … nicht einmal ansatzweise untersucht“

30 Jahre nach der Erstveröffentlichung legt die Berliner Buchmacherei eine von Renate Hürtgen eingeleitete Neuausgabe der Studie des im April 1956 aus der Sowjetunion in die DDR zurückgekehrten Wolfgang Ruge (1917–2006) als ein Stück „wichtiger Zeitgeschichte“ (14) vor. Ruge untersucht im Buch u. a. folgende Themen: Chruschtschows Rede auf dem XX. Parteitag, Überkommenes aus dem vorherigen Jahrhundert, russische Wurzeln, strukturelle Ansätze, Gewalt, Lenins Ohnmacht, den Beginn der Stalin-Ära, den klassischen Stalinismus, den Platz des Stalinismus in der Geschichte.

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“nd” vom 14.11. 2020

Behutsame Abrechnung

Der Mann, der so alt war wie der Kommunismus, brauchte sich in der Wendezeit nicht sagen lassen, wie repressiv der Staat gewordene Sozialismus sein konnte. Das hatte er selbst erlebt. Schon früh in der kommunistischen Jugend aktiv, floh er 1933 im Alter von 16 Jahren mit seiner Mutter nach Moskau. Dort bekam er, wenn auch nicht am eigenen Leib, Stalins Großen Terror zu spüren. Viele, die im Exil geholfen hatten, verschwanden einfach. Nach Hitlers Überfall wurde er, obwohl Sowjetbürger, aufgrund »deutscher Nationalität« deportiert. Über die Internierungslager, die Arbeit als Holzfäller und Landarbeiter schrieb er später – in seiner Autobiografie »Gelobtes Land«.

Dass er je aus der Verbannung zurückkehren sollte, war auch nicht abzusehen. 1948 wurde ihm und anderen Deportierten durch einen Oberst des NKWD das Gegenteil verkündet. Dass ihm aber gestattet wurde, sein 1941 begonnenes Geschichtsstudium als Fernstudent in Swerdlowsk zu beenden, erwies sich später als Rückfahrschein. 1956 kam er in die DDR und fand Anstellung im neu gegründeten »Institut der Geschichte« (IfG) an der Akademie der Wissenschaften, wo er 1958 Abteilungsleiter wurde – spezialisiert auf Biografien der Weimarer Republik, von Hindenburg über Erzberger und Stresemann bis hin zu Clara Zetkin.

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“Süddeutsche Zeitung” v. 31.8. 2020

Abrechnung eines Verbannten
Wolfgang Ruges frühe Analyse des Stalinismus neu aufgelegt

Das Beachtlichste an dem schmalen Band ist sein erstes Erscheinen 1990, wenige Wochen nach dem Zusammenbruch der DDR und der SED-Herrschaft. Dem Buch vorangegangen waren zwei Essays, die im Januar 1990 in der ostdeutschen Wochenpost und im Neuen Deutschland unter dem Titel „Wer gab Stalin die Knute in die Hand?“ erschienen. Die Einleitung der Sozialwissenschaftlerin Renate Hürtgen in der nun neu aufgelegten Fassung informiert sachkundig über die Biografie des Autors. Der Erscheinungstermin des Buches belegt, dass einzelne Wissenschaftler bereits zu DDR-Zeiten kritisch über die Epoche des Stalinismus nachdachten, aber ihre Ergebnisse unter der Zensur nicht publizieren konnten. Insofern ist Wolfgang Ruges Buch ein Produkt der „inneren Verbannung“ (Renate Hürtgen) und obendrein Zeugnis für die Biografie des Autors.

Die Eltern des 1917 geborenen Wolfgang Ruge, der 2006 gestorben ist, waren Kommunisten und flohen deshalb 1933 in die Sowjetunion. Sein Sohn Eugen Ruge (geb. 1954) erhielt 2011 den Deutschen Buchpreis für den Roman „In Zeiten abnehmenden Lichts“, in dem er die Geschichte der Familie in der DDR beschreibt. 2019 folgte mit „Metropol“ seine Darstellung des Lebens der Familie im Exil. Wolfgang Ruge verbrachte 23 Jahre in der Sowjetunion, davon 15 in Lagern in Kasachstan und Sibirien, wohin viele exilierte deutsche Kommunisten verbannt wurden. Die Familie Ruge konnte erst drei Jahre nach Stalins Tod 1956 in die DDR übersiedeln. Hier war Ruges Vergangenheit in Lagern und in der Verbannung ein Tabu, über das eisern geschwiegen wurde. Erst drei Jahre vor Ruges Tod erschien 2003 seine Autobiografie. Von 1958 bis zu seiner Emeritierung 1983 war der Historiker im „Institut (später Zentralinstitut) für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR“ beschäftigt.

Wolfgang Ruge erhebt nicht den An-spruch, eine Geschichte des Stalinismus zu bieten, sondern konzentriert sich aus der Perspektive des Zeitzeugen auf zwei wesentliche Aspekte. Zum einen die aus der Marx‘schen Tradition übernommene, von Lenin radikalisierte Sicht der Geschichte, die nicht als offen gedacht wird, sondern dem angeblich „unüberwindlichen Gang der historischen Entwicklung der Menschheit zum Kommunismus folgt“, wie es noch im ZK-Beschluss zur Überwindung des Personenkults Stalins vom 30. Juni 1956 hieß. Zu diesem Determinismus gehören privilegierte Akteure – „das“ Proletariat und „die“ Partei, die beide unabhängig von der konkreten geschichtlichen Situation und ihrer zufälligen Verfasstheit handeln. Der zweite Faktor, der den Stalinismus und die ganze stalinistische Epoche bestimmte, war für Ruge die Verwurzelung von Stalins Staat und Herrschaft in der zaristischen Tradition von Autoritaris-mus, Gewalt und Willkür, die dem Diktator als „Sprungbrett“ dienten.

RUDOLF WALTHER


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