{"id":10202,"date":"2026-07-28T17:10:45","date_gmt":"2026-07-28T15:10:45","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=10202"},"modified":"2026-07-28T18:20:29","modified_gmt":"2026-07-28T16:20:29","slug":"kulturmag-juni-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/kulturmag-juni-2026\/","title":{"rendered":"Kulturmag Juni 2026"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>True Crime Berlin, diesmal als Roman<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(AM) Dieser historische Kriminalroman steht Meilen \u00fcber dem, was wir sonst oft unter einem solchen Label serviert bekommen. Es ist einer der spektakul\u00e4rsten Doppelmorde der deutschen Geschichte: die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 vor dem Hotel mit dem paradiesischen Namen Eden im Berliner Bezirk Tiergarten. Kaum ein anderer Autor hat sich so intensiv mit der deutschen Novemberrevolution&nbsp;befasst wie&nbsp;<strong>Klaus Gietinger<\/strong>. Mit bereits einem halben Dutzend B\u00fcchern \u00fcber Revolution und Konterrevolution in Deutschland hat er diese historische Zeit umkreist. Er hat zu den Morden selbst recherchiert, hat die Biografie des unmittelbaren Befehlsgebers geschrieben, des Freikorps-Hauptmanns Waldemar Pabst, hat dessen Netzwerke recherchiert und Monografien zur Volksmarinedivision und zum Kapp-Putsch ver\u00f6ffentlicht. Seine Gesamtdarstellung \u00bbNovember 1918\u00ab umrundete die Ereignisse. Manches aber kann die Fiktion einfach besser. Nach sechs Sachb\u00fcchern zum \u00bbverpassten Fr\u00fchling des 20. Jahrhunderts\u00ab, so der Untertitel von \u00bbNovember 1918\u00ab, hat Gietinger sein Thema des verhinderten Experiments eines basisdemokratischen Sozialismus noch keineswegs ersch\u00f6pft. Jetzt also&nbsp;<strong>Berlin 1919<\/strong>&nbsp;(so der Untertitel) als gewichtiger, wuchtiger Roman mit 492 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Handlung folgt recht genau wahren Ereignissen. Mit einer Ausnahme. Die zwei Hauptpersonen haben nie gelebt, alle anderen schon\u00ab, ist dem Roman vorangestellt. 90 Prozent der Handlungsstr\u00e4nge sind belegbar, l\u00e4sst der Verlag uns wissen. Gietinger erfindet zwei junge polizeiliche Ermittler mit Vorgeschichte: die Kriminalassistentin Cl\u00e4re und den Kriminalkommissar Richard. Sie ermitteln f\u00fcr das Berliner Polizeipr\u00e4sidium unter dem authentischen Bernhard Wei\u00df, \u00bbder erste Jude, der ein solch hohes Amt, den des Vizekriminaldirektors im preu\u00dfischen Polizeidienst bekleidete\u00ab. Claire hat es faustdick hinter den Ohren, sie f\u00fchrt ein Doppelleben, ist polyamour\u00f6s, arbeitete w\u00e4hrend des Krieges in der R\u00fcstungsindustrie, fand so zur USPD und konspirierte mit deren milit\u00e4rischem Arm, den \u00bbSchwarzen Katzen\u00ab. Ihr Vater ist in der SPD, die selbstzerfleischenden Konflikte der Linken dieser Zeit personalisieren sich (l\u00e4ngst) nicht nur mit ihm. Insgesamt bietet der Roman rund 130 Personen auf, das Verzeichnis gliedert sie in Polizei, Eltern, Matrosen, Revolution\u00e4re, Hotel-Besch\u00e4ftigte, Milit\u00e4r, Regierung, Finanziers, Freundinnen und Freunde, Pazifisten, eine Fotografin ist auch dabei. Immer wieder wird es geradezu panoramisch, ich f\u00fchlte mich an den gro\u00dfen Film \u00bbMenschen am Sonntag\u00ab erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Gietinger, der ja auch ein formidabler Filmregisseur und Filmautor ist, f\u00fchrt souver\u00e4n Regie. Sein Roman ist kondensierte Geschichte. Den Titel&nbsp;<strong>Tote auf Urlaub<\/strong>&nbsp;teilt er sich mit dem Erstlingsroman von Milo Dor (1952), der eine Geschichte aus dem kommunistischen Widerstand aus den Jahren 1941-45 erz\u00e4hlte. (Mein Portr\u00e4t <a href=\"https:\/\/culturmag.de\/crimemag\/portraet-milo-dor-reinhard-federmann-oder-der-unsinn-von-e-und-u\/172602\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">dazu hie<\/a>r.) Keine schlechte Gesellschaft, f\u00fcrwahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>True Crime Berlin, diesmal als Roman (AM) Dieser historische Kriminalroman steht Meilen \u00fcber dem, was wir sonst oft unter einem solchen Label serviert bekommen. 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