{"id":10250,"date":"2026-07-29T15:46:56","date_gmt":"2026-07-29T13:46:56","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=10250"},"modified":"2026-07-29T15:46:58","modified_gmt":"2026-07-29T13:46:58","slug":"der-rabe-ralf-v-maerz-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/der-rabe-ralf-v-maerz-2026\/","title":{"rendered":"Der Rabe Ralf v. M\u00e4rz 2026"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>OHNE VERGESELLSCHAFTUNG KEINE VERKEHRSWENDE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Peter Nowak<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Diskussion \u00fcber die notwendige Transformation in der Autoindustrie. In dem Buch diskutieren Diehl, Rosswog und Donnermeier dar\u00fcber, wie VW sozial-\u00f6kologisch umgebaut werden kann und welche Rolle die Lohnarbeit als Notwendigkeit oder Zwang dabei spielt. Die Scheinl\u00f6sung E-Auto wird ebenso angesprochen wie die Frage, was der Kampf um einen Wandel bei VW mit Antifaschismus zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet in der VW-Stadt Wolfsburg warb Tobi Rosswog zusammen mit anderen f\u00fcr die Verkehrswende weg vom Auto. Sie organisierten Demonstrationen, Stra\u00dfenfeste und spektakul\u00e4re Aktionen, die auch bundesweit f\u00fcr Aufmerksamkeit sorgten. Dazu geh\u00f6rte die Besetzung eines Autozugs im M\u00e4rz 2023. Die Aktivist*innen \u00fcberdeckten \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>\u2026 die Autos mit einer gro\u00dfen Plane, auf der Stra\u00dfenbahnen zu sehen waren. Schlie\u00dflich war es ihr Ziel, dass im VW-Werk k\u00fcnftig Stra\u00dfenbahnen und Busse f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Nahverkehr produziert werden sollten. \u201eVW hei\u00dft Verkehrswende\u201c, lautete das Motto, unter dem sie beharrlich das Gespr\u00e4ch mit VW-Besch\u00e4ftigten suchten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Anfang Dezember im Verlag Die Buchmacherei erschienenen Buch wird diese Diskussion nun gesellschaftlich fortgesetzt. Neben Tobi Rosswog haben der VW-Arbeiter und IG-Metall-Vertrauensmann Thorsten Donnermeier und die Verkehrswendeexpertin Katja Diehl an dem gut lesbaren Band mitgeschrieben. Donnermeier arbeitete 40 Jahre bei VW in Baunatal und hat sich der Initiative angeschlossen. Er stellt klar, dass in seinem Wohnort, einem kleinen Dorf bei Kassel, ohne Auto fast gar nichts geht, weil der \u00f6ffentliche Nahverkehr schlecht ausgebaut ist. Heute stellt er sich die Frage: \u201eWas brauchen wir an Mobilit\u00e4t? Und welche M\u00f6glichkeiten gibt es, die Produktion umzustellen, hin zu Produkten, die keinem schaden, sondern allen dienen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"begeistert-von-den-aktionen\" class=\"wp-block-heading\">Begeistert von den Aktionen<\/h3>\n\n\n\n<p>In dem Buch diskutieren Diehl, Rosswog und Donnermeier dar\u00fcber, wie VW sozial-\u00f6kologisch umgebaut werden kann und welche Rolle die Lohnarbeit als Notwendigkeit oder Zwang dabei spielt. Die Scheinl\u00f6sung E-Auto wird ebenso angesprochen wie die Frage, was der Kampf um einen Wandel bei VW mit Antifaschismus zu tun hat. Dabei wird an die Geschichte des Konzerns erinnert. \u201eVolkswagen wurde nicht als Zivilgesellschaftsprojekt gegr\u00fcndet, sondern als Prestigeprojekt der Nazis.\u201c Obwohl der Volkswagen-Konstrukteur Ferdinand Porsche als SS-Offizier mitverantwortlich f\u00fcr Zwangsarbeit und Kriegsproduktion war, wird er in Wolfsburg weiter mit B\u00fcsten und auf Stra\u00dfenschildern geehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich befasst sich das Trio mit der Frage der Vergesellschaftung. Dabei geht Gewerkschafter Donnermeier in einem historischen Exkurs mehr als 100 Jahre zur\u00fcck. \u201eNach dem Ersten Weltkrieg war die zentrale Erkenntnis der Arbeiterbewegung: Die Produktion muss vergesellschaftet werden.\u201c F\u00fcr die Autor*innen ist es heute wichtig, daran anzukn\u00fcpfen. Denn ohne Vergesellschaftung von VW sei eine Konversion von Autos zu Bussen und Bahnen nicht m\u00f6glich. \u201eEine sozial-\u00f6kologische Konversion \u2013 also der Umbau unserer Industrie zu sinnvollen, klimagerechten Produkten \u2013 l\u00e4sst sich innerhalb kapitalistischer Logiken kaum realisieren\u201c, sind sie sich einig. In einem Kapitel setzen sich die Drei mit \u201ekatastrophaler Konversion\u201c auseinander. So nennen sie eine Konversion von der Auto- zur R\u00fcstungsindustrie, wie sie im VW-Werk Osnabr\u00fcck und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.raberalf.de\/gesellschaft\/ruestungsproduktion-in-berlin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">bei Pierburg in Berlin-Wedding<\/a>&nbsp;geplant ist. Dagegen setzen antimilitaristische Kolleg*innen die Parole \u201eWir produzieren nicht f\u00fcr den Tod\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich wird die Praxis der Initiative \u201eVW hei\u00dft Verkehrswende\u201c beschrieben \u2013 zwei bewegte Jahre, in denen schlie\u00dflich erreicht wurde, dass Automobilarbeiter*innen und Verkehrswende-Aktive gemeinsam agierten. Man merkt den Dreien im Gespr\u00e4ch noch an, wie begeistert sie von den Aktionen waren.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"nicht-ohne-die-arbeiterinnen\" class=\"wp-block-heading\">Nicht ohne die Arbeiter*innen<\/h3>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich war die Aktion ein gutes Beispiel, wie eine kleine politische Initiative in der Autostadt Wolfsburg gleich in mehrfacher Hinsicht ein wichtiges Zeichen setzte. Sie jammerte nicht dar\u00fcber, dass die gesellschaftliche Linke immer schw\u00e4cher und die rechten Kr\u00e4fte immer st\u00e4rker werden. Sie verbreitet auch keine Weltuntergangsstimmung wie ein Teil der Klimabewegung, wo etwa Tadzio M\u00fcller und andere das \u201esolidarische Preppen\u201c propagieren und sich so ins kleinb\u00fcrgerliche Schneckenhaus zur\u00fcckziehen&nbsp;<em>(<a href=\"https:\/\/www.raberalf.de\/gesellschaft\/die-betonung-liegt-auf-solidarisch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rabe Ralf Oktober 2025, S.&nbsp;22<\/a>)<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im Gegenteil ist die Gruppe nach Wolfsburg, also in die L\u00f6wenh\u00f6hle des Automobilismus, gegangen und hat den Kontakt&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.raberalf.de\/archiv\/rezensionen-26\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">zu den VW-Besch\u00e4ftigten<\/a>&nbsp;gesucht \u2013 aus der klaren Erkenntnis, dass eine Verkehrswende nicht gegen sie, sondern nur mit ihnen m\u00f6glich ist. Sie hat dabei sicherlich nicht gleich Massen erreicht. Es ist aber gelungen, mit Arbeiterinnen und Arbeitern unterschiedlicher Generationen in Kontakt zu kommen. Thorsten Donnermeier ist hier mit seinen 40 Jahren Betriebszugeh\u00f6rigkeit ein pr\u00e4gnantes Beispiel. Er beschreibt, wie er durch die Verkehrswendeaktionen \u00fcberhaupt erst zum eigenen Engagement&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.raberalf.de\/archiv\/filmkritiken-2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">motiviert wurde<\/a>. \u201eIch bin durch eine spektakul\u00e4re und motivierende Aktion das erste Mal auf die Amsel&nbsp;44 und Tobi aufmerksam geworden. Da wurde so ein Autozug als Stra\u00dfenbahn verkleidet. Und da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, Mensch, da geht ja tats\u00e4chlich noch was anderes.\u201c Die Wolfsburger Initiative hatte sich nach der Adresse im Amselweg 44 benannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist dabei, dass Donnermeier mit der Verkehrswende nicht nur \u00f6kologische Aspekte verbindet. \u201eWir m\u00fcssen uns das jetzt nicht so gefallen lassen mit der Deindustrialisierung, mit dem Wegputzen von Arbeitspl\u00e4tzen, sondern wir k\u00f6nnen tats\u00e4chlich etwas anderes produzieren.\u201c Damit stellt er einen Zusammenhang her, der eine Verkehrswende auch f\u00fcr Automobilbesch\u00e4ftigte attraktiv machen k\u00f6nnte. Das k\u00f6nnte eine politische Orientierung f\u00fcr eine gesellschaftliche Linke sein, die damit wieder ein gesellschaftliches Projekt verfolgen w\u00fcrde, das sich nicht in der Verteidigung des Status quo gegen die Rechten ersch\u00f6pft. Vielmehr zeigt das Buch, dass mit der Verkehrswende Fragen von Vergesellschaftung und einer nichtkapitalistischen Perspektive wieder auf die Tagesordnung kommen, nicht als akademischer Diskurs, sondern in der Diskussion mit den Lohnabh\u00e4ngigen.<\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"wie-geht-es-in-wolfsburg-weiter\" class=\"wp-block-heading\">Wie geht es in Wolfsburg weiter?<\/h3>\n\n\n\n<p>Allerdings kommt dabei eine Frage zu kurz: Wie geht es mit der Initiative \u201eVW hei\u00dft Verkehrswende\u201c in Wolfsburg weiter? Hier h\u00e4tte man sich einige konkrete Beispiele gew\u00fcnscht. Gerade das letzte Kapitel, wo noch mal \u00fcber Utopien geredet wird, bleibt leider sehr abstrakt. Es wird zu viel davon gesprochen, was wer angeblich wirklich will, und dabei vergessen, dass auch Bed\u00fcrfnisse kapitalistisch gepr\u00e4gt sind. Das klingt dann stark nach dem New-Work-Guru Frithjof Bergmann. Wenn Tobi Rosswog andeutet, es k\u00f6nnte auch in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft kapitalistische Zonen geben f\u00fcr die Menschen, die sich ausbeuten lassen wollen, dann h\u00f6rt sich das sehr naiv an. Entweder man will eine nichtkapitalistische Gesellschaft aufbauen oder man bleibt im kapitalistischen Verwertungszwang gefangen. Das Buch l\u00e4dt dazu ein, solche Fragen zu diskutieren. Dieses Angebot sollte angenommen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>OHNE VERGESELLSCHAFTUNG KEINE VERKEHRSWENDE Von Peter Nowak Eine Diskussion \u00fcber die notwendige Transformation in der Autoindustrie. 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