{"id":1055,"date":"2017-02-23T15:35:59","date_gmt":"2017-02-23T14:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1055"},"modified":"2025-08-28T09:26:26","modified_gmt":"2025-08-28T07:26:26","slug":"zeitschrift-vorwaerts-schweiz-v-20-1-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/zeitschrift-vorwaerts-schweiz-v-20-1-2017\/","title":{"rendered":"Zeitschrift &#8220;Vorw\u00e4rts&#8221; (Schweiz) v. 20.1. 2017"},"content":{"rendered":"<p>Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution wird uns eine Flut von B\u00fcchern erwarten, deren AutorIn-nen uns erkl\u00e4ren werden, warum die Oktoberrevo\u00adlution von Anfang an ein Verbrechen war. Charles Bettelheim geh\u00f6rte nicht dazu. Der franz\u00f6sische Soziologe hatte Bekanntheit errungen als linker Kritiker der Sowjetunion und des Realsozialismus und machte dabei immer deutlich, dass sein Ziel ein wirklicher Sozialismus ist. Eine Apologie der kapita\u00adlistischen Verh\u00e4ltnisse lag dem 1903 in Paris gebo\u00adrenen und dort 2006 verstorbenen engagierten In\u00adtellektuellen fern. Bettelheims besondere St\u00e4rke war seine profunde Kenntnis der \u00f6konomischen Verh\u00e4lt\u00adnisse in der Sowjetunion und den realsozialistischen Staaten. Er begr\u00fcndete nicht moralisch, sondern mit seiner profunden Marx-Kenntnis, den Wider\u00adspruch zwischen Anspruch und Realit\u00e4t in der real\u00adsozialistischen \u00d6konomie. Wer heute das nur noch antiquarisch erh\u00e4ltliche 1970 erschienene Buch \u00ab\u00d6konomisches Kalk\u00fcl und Eigentumsformen\u00bb liest, bekommt eine gute Einf\u00fchrung in die pr\u00e4zise Argumentationsweise von Bettelheim. Dort weist er \u00fcberzeugend nach, dass es falsch ist, Sozialismus mit Planwirtschaft und Verstaatlichung sowie Kapi\u00adtalismus mit Markt gleichzusetzen. Bettelheim weist darauf hin, dass die formaljuristische Ebene noch keinen Aufschluss \u00fcber die realen Produktionsver\u00adh\u00e4ltnisse gibt und Staatseigentum keine wirkliche Vergesellschaftung bedeutet. Es k\u00f6nnen auch in einer verstaatlichen \u00d6konomie kapitalistische Pro\u00adduktionsverh\u00e4ltnisse vorherrschen, so Bettelheims auf Texte von Marx und Engels gest\u00fctzte Argumente.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Eine Form von Staatskapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>In dem k\u00fcrzlich im kleinen Berliner Verlag \u00abDie Buchmacherei\u00bb erstmals in deutscher Sprache her\u00adausgegebenen B\u00e4nde 3 und 4 seinen Monumental\u00adwerkes \u00abKlassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u00bb spitzt Bettel\u00adheim seine Kritik am sowjetischen Modell fort. Er bezeichnet es als einen Staatskapitalismus, der wei\u00adterhin auf Ausbeutung von Arbeitskraft basiert. Dabei kann sich der Soziologe nicht nur auf Marx, sondern auch auf Lenin berufen. Der hat mehrmals erkl\u00e4rt, dass die Bolschewiki in der Sowjetunion nicht den Sozialismus aufbauen, sondern den Kapitalismus entwickeln m\u00fcssen. Das war nun keine miese Finte der Bolschewiki oder gar ein Betrug an den Massen, die die Revolution gemacht haben. Diese Entwick\u00adlung war vielmehr der tragischen Einsamkeit der Bolschewiki geschuldet. Nachdem alle anderen R\u00e4\u00adterepubliken blutig zerschlagen worden waren, sollte ausgerechnet das kapitalistisch noch kaum entwi\u00adckelte Russland das Modell f\u00fcr den Aufbau des Sozi\u00adalismus werden. W\u00e4hrend Lenin diese Widerspr\u00fcche noch benannte und sogar einmal davon sprach, dass eine neue kommunistische Partei gegr\u00fcndet werden m\u00fcsste, die die urspr\u00fcnglichen Ideen der Revolution nun gegen die Staatspartei erk\u00e4mpfen m\u00fcsse, haben seine NachfolgerInnen diese Widerspr\u00fcche zun\u00e4chst ausgeblendet und dann in der Stalin \u00c4ra blutig un\u00adterdr\u00fcckt. Die ersten Opfer wurden die ArbeiterInnen und die Mitglieder der Bolschewiki. Bettelheim weist \u00fcberzeugend nach, wie mit der Etablierung eines besonderen Typs von Staatskapitalismus in der UdSSR die ArbeiterInnen mehr und mehr entmachtet wur\u00adden. Dabei macht er aber auch deutlich, dass dieser Prozess keineswegs reibungslos vor sich ging und sich grosse Teile der bolschewistischen AktivistInnen gegen diesen Kurs wehrten.<\/p>\n<p><strong>Klassengesellschaft neuen Typs<\/strong><\/p>\n<p>Die profunden Kenntnisse der sowjetischen Verh\u00e4ltnisse und besonders der \u00d6konomie zeigen sich da, wo Bettelheim die Debatte \u00fcber die Be-triebsleiterInnen nachzeichnet. Die hatten nach der Revolution massiv an Autorit\u00e4t eingeb\u00fcsst. Statt\u00addessen haben die Arbeiterkomitees viel Einfluss gehabt, der immer mehr beschnitten wurde, doch auch dieser Prozess war keineswegs linear. Wenn die ArbeiterInnenrechte zu stark eingeschr\u00e4nkt wurden, initiierte die Partei wieder eine Kampagne gegen die Macht der TechnikerInnen. Zudem wurden die Ge\u00adwerkschaften aufgefordert, die Interessen der Arbei-terInnen besser zu vertreten. Ob solche Kampagnen reiner Populismus waren oder ob sie auch ein Aus\u00addruck der improvisierten Politik der Bolschewiki war, die gegen\u00fcber ihrem eigenen Selbstbild und der Pro\u00adpaganda oft reagierten, l\u00e4sst Bettelheim offen.<\/p>\n<p>Sehr differenziert betrachtet Bettelheim auch die Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zu\u00adn\u00e4chst um eine Initiative gehandelt, die bei Seg\u00admenten der FacharbeiterInnen entstanden ist, die die M\u00f6glichkeiten der ArbeiterInnenmacht nutz\u00adten, die es nach der Oktoberrevolution gegeben hat. Doch bald wurde diese Initiative von der Staatspar\u00adtei vereinnahmt und verf\u00e4lscht. Auf einmal wurden \u00fcberall Stachanow-Wettbewerbe ausgerufen, die meist keinerlei Erfolge brachten. So wurde eine In\u00aditiative von unten abgew\u00fcrgt. Teile des Proletariats reagierten darauf allergisch, weil damit die Arbeits\u00adnormen erh\u00f6ht wurden. Bettelheim kommt auch zu dem Schluss, dass die bolschewistische Basis durch\u00adaus aus einem Teil der FacharbeiterInnen bestand. Es gab erfolgreiche Kampagnen, um mehr Arbeiter-Innen in die Partei aufzunehmen. Allerdings sei ein Teil der Neumitglieder gleich in Funktion\u00e4rsposten aufger\u00fcckt und habe sich so von der proletarischen Herkunft entfernt. Bettelheim zeigt auch auf, dass das Nomenklatura-System hierarchisch gegliedert war und es unterschiedliche Zug\u00e4nge zu Verg\u00fcns\u00adtigungen aller Art gab. So bildete sich eine Klassen\u00adgesellschaft neuen Typs heraus. Ein Teil der alten FacharbeiterInnen wurde zur Nomenklatura und beutete andere ArbeiterInnensegmente aus, die oft erst aus der Landwirtschaft mehr oder weniger freiwillig abwanderten. Die rigide Politik gegen die B\u00e4uerinnen und Bauern erinnert auch an die ur\u00adspr\u00fcngliche Akkumulation im Kapitalismus, wo das Bauernlegen ein wichtiger Bestandteil daf\u00fcr war. Diese Aspekte werden von Bettelheim in klarer Dik\u00adtion benannt und werden f\u00fcr eine hoffentlich kont\u00adroverse Debatte sorgen.<\/p>\n<p><strong>Einfluss der Neuen Philosophie<\/strong><\/p>\n<p>Doch leider bleibt das Buch nicht bei einer kommunistischen Kritik an der Sowjetunion stehen. An mehreren Stellen wird der Westen gelobt und gerade im zweiten Teil wird in eindeutig totalitaris-mustheoretischer Art und Weise \u00fcber die Sowjetuni\u00adon gesprochen. Hier wird deutlich, dass das Buch zumindest im zweiten Teil zunehmend von der so\u00adgenannten Neuen Philosophie kontaminiert ist, die sich bald als Vork\u00e4mpferin des freien Westens gegen den \u00f6stlichen Despotismus aufspielte. Solche T\u00f6ne kommen auch bei Bettelheim vor allem im hinteren Teil des Buches vor. Da hat er sein Fachgebiet verlas\u00adsen und allerlei Theoriefragmente der Neuen Philo\u00adsophie verwendet, deren Ziel ein Kampf gegen alle Formen linker Politik war. Einige der in dem Buch h\u00e4ufig zitierten WissenschaftlerInnen haben sp\u00e4ter das ber\u00fcchtigte Schwarzbuch Kommunismus her\u00adausgegeben. So zeigt sich an diesem Buch ein zwei\u00adfacher Bettelheim: Der pr\u00e4zise argumentierende mit profunder Marx-Kenntnis operierende \u00d6konom und der von der Neuen Philosophie beeinflusste Totalitarismustheoretiker.<\/p>\n<p><em>Peter Nowak<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 100. 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