{"id":1136,"date":"2017-05-31T16:40:57","date_gmt":"2017-05-31T14:40:57","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1136"},"modified":"2025-08-28T09:26:26","modified_gmt":"2025-08-28T07:26:26","slug":"express-05-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/express-05-2017\/","title":{"rendered":"&#8220;Express&#8221;  05\/ 2017"},"content":{"rendered":"<h3>Klassenherrschaft im Sozialismus<\/h3>\n<p><strong>Warum es sich gerade heute lohnt, \u00bbDie Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u00ab von Charles Bettelheim zu lesen \u2013 von Renate H\u00fcrtgen<\/strong><\/p>\n<p>Auch 2017, im Jubil\u00e4umsjahr der russischen Revolution, wird der mediale Mainstream \u2013 mal mehr, mal weniger platt \u2013 den Beweis antreten wollen, dass das blutige Experiment Kommunismus scheitern musste, nicht nur, weil es dem sehr viel effektiveren und demokratischeren westlichen Kapitalismus unterlegen war, sondern vor allem, weil die Menschheitsgeschichte auch zuk\u00fcnftig keine bessere Welt als diese kenne. Nichts bleibt, lautet dann das Fazit. Und wieder stehen Linke vor dem Dilemma, diesen Siegeranspruch zur\u00fcckweisen zu wollen, ohne dabei Gewalt und Terror, Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung in den Gesellschaften, die sich als sozialistische Alternative zum Kapitalismus verstanden, zu leugnen.<\/p>\n<p>Zahlreiche Diskussionen von Linken zeigen, dass sie zwar klare, unmissverst\u00e4ndliche Positionen einnehmen, wenn es darum geht, die Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungsmechanismen des heutigen Kapitalismus zu benennen; bei der Betrachtung der DDR und anderer \u00bbsozialistischer\u00ab Staaten verschwindet der Klassenstandpunkt dagegen h\u00e4ufig bis zur Unkenntlichkeit. Es scheint immer noch schwierig zu sein, deren Herrschaftscharakter aus linker Perspektive aufzudecken, d.h. aus Sicht der unterdr\u00fcckten Klassen und ihrer Emanzipation, aus Sicht der Befreiung der Lohnabh\u00e4ngigen vom \u00bbrealen Sozialismus\u00ab.<\/p>\n<p>Die sozialistische, antistalinistische, marxistische Linke hat einen langen Lernprozess zur\u00fccklegen m\u00fcssen, bis sie ihren \u00bbKlassenstandpunkt\u00ab gefunden hatte und eine substantielle Kritik an den Verh\u00e4ltnissen in der Sowjetunion und in den anderen \u00bbnachrevolution\u00e4ren Gesellschaften\u00ab1 formulieren konnte. Ein Meilenstein auf diesem schweren Weg der Erkenntnis war das 1982\/1983 ver\u00f6ffentlichte Buch von Charles Bettelheim \u00bbDie Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u00ab, das 2016 im Verlag Die Buchmacherei erstmals in deutscher Sprache erschien.2 Bettelheim, im letzten Jahrhundert f\u00fchrender marxistischer \u00d6konom in Frankreich, beschreibt darin, wie sich die Klassen in den 1930er Jahren in der Sowjetunion unter Stalin mit Repression, Gewalt und Terror konstituierten. Den ersten Teil, jetzt als Band 3 erschienen, widmet er den \u00bbBeherrschten\u00ab, den Bauern, den Arbeitern, der Repression und dem Massenterror, der sie trifft, der Kapitalakkumulation und ihren Krisen, deren Opfer die neuen unterdr\u00fcckten Klassen wurden. Der vierte Band (Teil 2) behandelt die \u00bbHerrschenden\u00ab, die historischen Bedingungen ihres Entstehens, ihre sich wandelnde Ideologie, die Funktions- und Lebensweise der neuen Klasse und die ma\u00dfgeblichen Rolle der Partei.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der schwere Weg der Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p>Man kann das vor \u00fcber 35 Jahren erschienene Buch von Charles Bettelheim nicht vorstellen, ohne die \u00bbVorgeschichte\u00ab seines darin entwickelten Standpunktes zur Natur der sowjetischen Gesellschaft zu erw\u00e4hnen. Als marxistischer \u00d6konom, als kritischer Beobachter der Situation in der SU der 1930er Jahre, als erfahrener Wirtschaftsberater in Kuba und Algerien sowie als Kenner der Entwicklungen in China und Jugoslawien hatte er bereits in den 1960er und 1970er Jahren in verschiedenen Diskussionszusammenh\u00e4ngen marxistischer \u00d6konomInnen, HistorikerInnen und PhilosophInnen eine ma\u00dfgebliche Rolle gespielt. Seine Beitr\u00e4ge dokumentieren zudem einen erstaunlichen Lernprozess. In nur wenigen Jahren \u00e4nderte Bettelheim sein Analysekonzept: von einer zun\u00e4chst sehr technokratischen, \u00f6konomistischen Erkl\u00e4rung der \u00bbNatur der sozialistischen Gesellschaften\u00ab zu einer in der Tradition Marxscher Gesellschaftsanalyse stehenden Kritik an den Klassen- und Herrschaftsbeziehungen in diesen L\u00e4ndern; von der Hoffnung auf eine sich im \u00dcbergang zum Sozialismus befindende Gesellschaft zur Erkenntnis, dass sich mit den Revolutionen im Osten von Anbeginn keine sozialistische Perspektive verband; von der Auseinandersetzung mit Stalinscher Ideologie zu einer historisch-soziologischen Beschreibung der Entstehung von Herrschaftsbeziehungen unter seiner Regentschaft. Bettelheim korrigiert sich permanent, lernt offensichtlich aus seiner praktischen T\u00e4tigkeit als Berater und Beobachter der Entwicklung in diesen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Zwischen 1964 und 1969 fand in der US-Zeitschrift Monthly Review eine Diskussion zwischen marxistischen \u00d6konomen aus dem Westen statt.3 Anlass gaben ihnen die in dieser Zeit in der Sowjetunion, in Ungarn, der CSSR und auch in der DDR stattfindenden Wirtschaftsreformen; in der DDR als \u00bbNeues \u00d6konomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft\u00ab (N\u00d6S) bekannt. Diese Reformpraxen und \u00bbneuen Wirtschaftskurse\u00ab l\u00f6sten unter linken \u00d6konomen eine breite Diskussion \u00fcber die Frage aus, ob damit der eingeschlagene Weg des \u00bb\u00dcbergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus\u00ab noch seine Richtung behalten w\u00fcrde oder ob sich nicht vielmehr mit der Einf\u00fchrung von Profitabilit\u00e4tskriterien und der Betonung \u00bbmaterieller Anreize\u00ab f\u00fcr die Leistungssteigerung der ArbeiterInnen eine Revision des sozialistischen Weges und die \u00bbR\u00fcckkehr zum Kapitalismus\u00ab verbinden w\u00fcrden. Es war zugleich die Frage nach der Rolle von Plan und Markt, von Staat und Wirtschaft, von \u00dcberbau und Basis in einer sozialistischen Gesellschaft. Charles Bettelheim, Paul M. Sweezy und Ernest Mandel bildeten jene Gruppe unter den Diskutanten, die sich in der Ablehnung der Wirtschaftsreformen als \u00bbrevisionistisch\u00ab einig waren; nur in der Begr\u00fcndung gingen ihre Auffassungen auseinander.<\/p>\n<p>Der erste Beitrag von Bettelheim erschien im April 1965 in der Monthly Review. Darin wandte er sich gegen eine \u00bbabstrakte\u00ab Kritik an der Einf\u00fchrung von Marktmechanismen, wie sie seines Erachtens von Sweezy u.a. vorgebracht wurde, die im N\u00d6S eine Verletzung sozialistischer Prinzipien sahen. Bettelheim hielt dagegen, dass die Orientierung am Markt und seinen Mechanismen nicht notwendig zu einer revisionistischen Politik f\u00fchren m\u00fcsse, wenn denn \u00bbdie Planung auf die konkreten Bed\u00fcrfnisse sowohl der individuellen Konsumenten als auch der Staatsunternehmen\u00ab gerichtet sei.4 Wie man mit einem bedarfsgerechten Plan die Gesetze des Marktes sozialistisch gestalten k\u00f6nne, hatte Bettelheim 1966 in seinem Quasi-Lehrbuch \u00bbTheorie und Praxis sozialistischer Planung\u00ab5 beschrieben. Dort wie in seinem ersten Beitrag in der Monthly Review geht sein Vorschlag dahin, die Gefahren einer markt- und gewinnorientierten Produktion mittels theoretischer Analysen und einer klugen Planung abzuwenden.6<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter erschien ein weiterer Beitrag von Bettelheim in der Monthly Review, in dem er sich wiederum mit Sweezys Auffassung auseinandersetzte, der die Einf\u00fchrung von Marktmechanismen in den \u00dcbergangsgesellschaften urs\u00e4chlich f\u00fcr deren Abkehr von einem sozialistischen Entwicklungsweg hielt. Doch jetzt argumentierte Bettelheim anders als in seinem Beitrag von 1965. Die Existenz von Markt, Geld und Preisen, von Waren, auch die Bedeutung von materiellen Anreizen in den L\u00e4ndern des \u00bb\u00dcbergangs\u00ab seien nichts als \u00bbOberfl\u00e4chenerscheinungen\u00ab eines anderen, wesentlicheren Prozesses. In diesen L\u00e4ndern habe n\u00e4mlich inzwischen \u00bbdas Proletariat (das sowjetische oder das tschechische) seine Macht an eine neue Bourgeoisie verloren\u00ab.7 Ein neues Herrschafts- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnis sei entstanden, ein grundlegend anderes \u00bbsoziales Gebilde\u00ab mit neuen Klassenbeziehungen. Die von Sweezy und anderen kritisierten Marktmechanismen seien lediglich sekund\u00e4re Erscheinungen, eine Folge dieser entstandenen Macht- und Klassenbeziehungen, also Ausdruck und nicht Ursache der beobachteten Entwicklung. Bettelheim warnt Sweezy davor, sich irrt\u00fcmlich \u00bbmit diesem Index zu begn\u00fcgen \u2013 ohne die Bewegung der Widerspr\u00fcche zu beleuchten, die diese Entwicklung bestimmen\u00ab.8 Die damals heftig diskutierte Frage, ob die eingef\u00fchrten Marktmechanismen eine kapitalistische Revision anzeigten oder aber als notwendiger Bestandteil auf dem Weg in eine sozialistische Gesellschaft angesehen werden sollten, lasse sich, so Bettelheim, erst entscheiden, wenn man die grundlegenden neuen sozialen Beziehungen, die Eigentumsbeziehungen, d.h. die Klassenbeziehungen analysiert habe.9<\/p>\n<p>Die Gesellschaften des Ostens als neue Klassengesellschaften zu betrachten, war ein entscheidender Schritt zur Analyse der Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR, wie er sie dann zu Beginn der 1980er Jahre vornahm. Zum Zeitpunkt des Beitrags in der Monthly Review ging Bettelheim noch von einer m\u00f6glichen \u00bb\u00dcbergangsgesellschaft\u00ab zum Sozialismus aus, in der der Markt eine berechtigte Funktion haben w\u00fcrde, allerdings nur dann, wenn sich keine neuen Herrschaftsbeziehungen etablieren k\u00f6nnten. Einige Jahre sp\u00e4ter waren diese Hoffnungen weitgehend verflogen. 1977 war Bettelheim, neben den RedakteurInnen von Il Manifesto, Mitorganisator und Teilnehmer einer Tagung in Venedig, auf der sich kritische KommunistInnen, SozialistInnen und sonstige MarxistInnen aus Ost- und Westeuropa trafen, um sich \u00fcber Herrschaft und Herrschaftsaus\u00fcbung in den \u00bbnachrevolution\u00e4ren Gesellschaften\u00ab auszutauschen. 10 Die TeilnehmerInnen aus dem Osten, darunter GewerkschafterInnen, gingen mehrheitlich von einer Lohnarbeiterschaft in ihren L\u00e4ndern aus, die in einer dem Kapitalismus vergleichbaren Lage sei.11 Bettelheim hatte inzwischen ja eigene Erfahrungen in Kuba und China gemacht, so dass ihn die eindrucksvollen Schilderungen der Lage der ArbeiterInnen in diesen L\u00e4ndern wohl nur hatten best\u00e4tigen k\u00f6nnen. In seinem Beitrag auf dieser Tagung 1977 entwickelte Bettelheim seine Kritik an der verbreiteten These, dass die juristische Abschaffung des Privateigentums in den \u00bbnachrevolution\u00e4ren\u00ab Gesellschaften auch Klassen und Ausbeutung beseitigt habe. Das sei falsch. Vielmehr m\u00fcsse man mit Marx davon ausgehen, dass Staatseigentum kein vergesellschaftetes und damit auch kein sozialistisches Eigentum sei. Damit hatte sich Bettelheim das theoretische R\u00fcstzeug geschaffen, die Macht\u00fcbernahme der Bolschewiki 1917, die eben jenes Verst\u00e4ndnis von einer Verstaatlichung hatten, nicht als Beginn eines sozialistischen Entwicklungsweges zu begreifen.<\/p>\n<p><strong>Die Entstehung der unterdr\u00fcckten Klassen \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Nur kurze Zeit nach dieser Tagung europ\u00e4ischer Linker muss Bettelheim mit der Niederschrift seines Buches \u00bbDie Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR. Dritte Periode: 1930-1941\u00ab12, begonnen haben. Unter \u00bbKlassenkampf\u00ab versteht er hier den Konstituierungsprozess einer neuen Ausgebeuteten- und einer neuen Ausbeuterklasse. Anders gesagt: Er beschreibt die subjektive Seite der Entstehung eines neuen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisses in der Sowjetunion der 1930er Jahre.<\/p>\n<p>Im ersten Teil wird dieser Prozess f\u00fcr die \u00bbBeherrschten\u00ab analysiert: Die Vernichtung der Einzelbauernwirtschaft, das \u00bbBauernlegen\u00ab, wie Marx es in der Darstellung der urspr\u00fcnglichen Akkumulation nennt, und ihre \u00bbUmwandlung\u00ab in die neuen LohnarbeiterInnen der Fabriken und auf dem Land. Zwangskollektivierungen in Kolchosen und Sowchosen und die brutale Militarisierung bei der Errichtung des Fabriksystems (Fabrikdespotie) seien mit Hungersn\u00f6ten auf dem Land und elenden Bedingungen in den St\u00e4dten einhergegangen. Soweit also der urspr\u00fcnglichen Akkumulation im England des 16. Jahrhunderts nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Die gewaltsame soziale Umstrukturierung in der Sowjetunion der 1930er Jahre hatte jedoch einen besonderen Charakter, sie wurde staatlich organisiert. Der Massenterror (\u00bbKrieg gegen die Bauern\u00ab) und die Zwangsarbeit, darunter die Str\u00e4flings- und \u00bbLagerarbeit\u00ab, waren staatlich organisierte Akkumulationsprozesse. Die Arbeitslager, namentlich im Bergbau, in der Schwerindustrie, der Forstwirtschaft und auf dem Bau waren f\u00fcr den Staat wichtige Produktionsst\u00e4tten und wurden bald ein entscheidender Bestandteil der staatlich gesteuerten Gesamtproduktion. Aber auch Forschung und Entwicklung bekamen in speziell f\u00fcr Fachleute eingerichteten Gef\u00e4ngnislagern \u2013 den ber\u00fcchtigten Scharaga \u2013 Zwangscharakter. Auch au\u00dferhalb der Arbeitslager waren die Arbeitsbedingungen autorit\u00e4r und inquisitorisch; Gewerkschaften wurden zum Teil des Staats- und Herrschaftsapparats, das Arbeitsgesetzbuch wurde zum Strafgesetzbuch umfunktioniert. Die gesellschaftliche Folge: rund 20 Millionen Tote. Die Folgen f\u00fcr die ArbeiterInnen waren \u2013 ich sage es in meinen Worten \u2013 historisch dramatisch: Die russische Arbeiterklasse verlor den Anschluss an die internationale Arbeiterbewegung und konnte ihn bis heute nicht mehr finden.<\/p>\n<p>Diese auf staatliche Massenrepression und Terror gr\u00fcndende milit\u00e4rische Organisation der Gesellschaft sollte allerdings ihre beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen. In nur wenigen Jahren konnte die Produktion, namentlich in der Schwerindustrie, trotz Krisen um bis zu 80 Prozent gesteigert werden; St\u00e4dte wurden gebaut, ganz neue Industriekomplexe mit der notwendigen Infrastruktur entstanden. Dies alles auf Basis einer gewaltigen extensiven Ausbeutung und geringster Reproduktionskosten menschlicher Arbeitskraft inner- und au\u00dferhalb der Lager.13<br \/>\nBettelheim beschreibt die blutige Entstehungsgeschichte der russischen Arbeiterklasse als ihre gro\u00dfe historische Niederlage. Dabei ger\u00e4t ihm der widerspr\u00fcchliche Charakter der urspr\u00fcnglichen Akkumulation aus den Augen, der eben nicht nur Hunger und Elend mit sich brachte, sondern auch zu einer Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft f\u00fchrte, zu einer Arbeiterelite, zur Privilegierung eines Teil der ArbeiterInnen (Stachanowbewegung), sogar zum Aufstieg in die herrschende Klasse. Auch die Bildungs- und Qualifizierungskampagnen von Massen an Bauern und AnalphabetInnen geh\u00f6rt zu den widerspr\u00fcchlichen Folgen dieser \u00bbEntwicklungsdiktatur\u00ab. Indem Bettelheim solche Entwicklungsmomente nur am Rande erw\u00e4hnt, muss er seine Erkl\u00e4rungen, woher die Zustimmung zu diesem System kam, allein auf Angst und eine russisch-nationalistische Ideologie gr\u00fcnden. Das greift zu kurz. In der Realit\u00e4t gab es \u2013 wie immer \u2013 auch unter den ArbeiterInnen \u00bbGewinner\u00ab dieser Industrialisierung.<\/p>\n<p><strong>\u2026 und die Entstehung der herrschenden Klasse<\/strong><\/p>\n<p>Die Konstituierung der herrschenden Klasse war nach Bettelheim ein nicht weniger brutaler Prozess, gleichfalls von Massenrepression und Terror begleitet. Beeindruckend seine Schilderungen des ewigen Wechsels der politischen Linie, mit der Folge einer st\u00e4ndigen Existenzbedrohung f\u00fcr alle, die einen Posten bezogen hatten, von dem sie nach kurzer Zeit \u00bbliquidiert\u00ab wurden. In diesen Jahrzehnten festigte sich jener untert\u00e4nige Kadertypus, der seine soziale Stellung mit Willk\u00fcr und Gewalt verband.14<\/p>\n<p>Die wesentlichen Vorg\u00e4nge in den 1930er Jahren, die nach Bettelheim am Ende zu einer herrschenden Klasse mit besonderem Aussehen f\u00fchrten, waren: die Schaffung eines neuen Typs von Partei- und anderen Kadern aus den unteren Schichten (was er mit einer Kulturrevolution verbindet); der permanente \u00bbAustausch\u00ab von Kadern aller Ebenen, um sie den Erfordernissen einer staatlichen Planung, nicht nur der Wirtschaft, anzupassen, und die Ausschaltung aller alten Kader in der Partei, die dem autokratischen Staats- und Parteiaufbau Stalins im Wege standen. Letzteres war so einfach nicht herzustellen \u2013 die Oligarchen, wie Bettelheim jene Kader nennt, die sich als f\u00fchrende Gruppe innerhalb des herrschenden Blocks bereits etabliert hatten, wehrten sich gegen diese Alleinherrschaft. Doch am Ende der 1930er Jahre sei eine Herrschaftsstruktur etabliert gewesen, in der ein kleiner F\u00fchrungskreis diktatorisch die politische Herrschaft (\u00bbAgenten des Kapital-Eigentums\u00ab) sowohl \u00fcber die herrschende Klasse der \u00bbAgenten des Kapitals als Funktion\u00ab als auch \u00fcber die Volksmassen aus\u00fcbte. Wer sich mit den polit\u00f6konomischen Herrschaftspraktiken im \u00bbrealen Sozialismus\u00ab besch\u00e4ftigt, f\u00fcr den schafft Bettelheim mit seiner \u00dcbertragung der Marx\u2018schen Funktionsteilung des \u00bbGesamtkapitalisten\u00ab auf die fr\u00fche Sowjetunion eine Reihe von Aha-Erlebnissen.<\/p>\n<p>Anders als bei der Darstellung der Konstituierung der Arbeiterklasse verf\u00e4hrt Bettelheim hier viel analytischer und beschreibt klarer die rationalen Hintergr\u00fcnde f\u00fcr dieses Klassenkonstrukt. Demnach waren es die historischen Umst\u00e4nde in der SU, die es n\u00f6tig machten, die Einheit der herrschenden Klasse mittels Terror und Zwang herzustellen; Privilegien h\u00e4tten nicht ausgereicht und die zentrale Planwirtschaft konnte \u2013 nach Bettelheim \u2013 diese Einheit auch nicht im Selbstlauf herstellen. Es brauchte eine zentrale politische F\u00fchrung, die die Widerspr\u00fcche der Interessen innerhalb der herrschenden Funktionsklasse tilgt. In den \u00bbKlassenk\u00e4mpfen in der UdSSR\u00ab wird dem staatlichen, respektive dem Handeln der Partei eine entscheidende Bedeutung zugemessen, was angesichts der realen Dominanz des monopolistischen Staatswesens nicht verwundern kann. Seine zentrale Frage nach der staatlichen Organisation einer stabilen Herrschaft in der Sowjetunion weist bereits darauf hin, dass sich Bettelheim methodisch der Regulationstheorie zuwenden wird.15<\/p>\n<p>Wer Bettelheims \u00bbKlassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u00ab liest, wird also mit einigen Defiziten zu rechnen haben. Eine \u00bbendg\u00fcltige\u00ab historische Einordnung dieser Gesellschaft liefert er nicht, jedoch eine F\u00fclle von empirischem Material, zahlreiche Daten \u00fcber die Wirtschaft, die Lebenslage der ArbeiterInnen und Bauern, die politischen Auseinandersetzungen in den 1930er Jahren in der SU, die Politik Stalins. Wir verstehen nach der Lekt\u00fcre den Prozess der Etablierung eines neuen Herrschafts- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisses besser. Die \u00bbnachrevolution\u00e4ren Gesellschaften\u00ab, die ma\u00dfgeblich das 20. Jahrhundert gepr\u00e4gt haben, in diese Epoche des Industriekapitalismus einzuordnen, den globalen Stellenwert des Kommunismus zu begreifen, seine spezifischen Entwicklungsmomente, l\u00e4sst uns Bettelheim jedoch als Aufgabe zur\u00fcck.16<\/p>\n<p><em>Renate H\u00fcrtgen<\/em><\/p>\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><br \/>\n1 So nannten 1977 die Teilnehmer einer Tagung die \u00bbrealsozialistischen L\u00e4nder\u00ab. Vgl. Anm. 11 in diesem Artikel.<br \/>\n2 Im Original: \u00bbLes luttes de classes en URSS. 3\u00e8me p\u00e9riode: 1930-1941\u00ab, \u00c9dition du Seuil: Paris, Band 1 Les domin\u00e9s (1982), Band 2 Les dominants (1983)<br \/>\n3 Strotmann, Peter (Hg.): Zur Kritik der Sowjet\u00f6konomie. Eine Diskussion marxistischer \u00d6konomen des Westens \u00fcber die Wirtschaftsreform in den L\u00e4ndern Osteuropas\u00ab, mit Beitr\u00e4gen von Bettelheim, Dobb, Foa, Hubermann, Robinson, Mandel, Sweezy u.a., Wagenbach: Berlin 1969<br \/>\n4 Strotmann 1969, S. 51<br \/>\n5 Bettelheim, Charles: \u00bbTheorie und Praxis sozialistischer Planung\u00ab, deutsche Erstausgabe, Trikont: M\u00fcnchen 1971<br \/>\n6 Strotmann 1969, S. 59<br \/>\n7 Strotmann 1969, S. 112, im Original kursiv<br \/>\n8 Strotmann 1969, S. 115<br \/>\n9 Strotmann 1969, S. 114<br \/>\n10 Bettelheim, Charles u.a. (Hg.): \u00bbZur\u00fcckforderung der Zukunft. Macht und Opposition in den nachrevolution\u00e4ren Gesellschaften\u00ab, Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1979<br \/>\n11 Aus Ungarn waren Istvan M\u00e9sz\u00e1ros angereist, aus Polen Edmund Baluka, Vorsitzender des Streikkomitees auf der Warski-Werft 1971 in Stettin, und Krzysztof Pomians. Die sowjetische Dissidenz vertraten Leonid Pljuschtsch und Boris Weil, die Tschechoslowakei war mit Jir\u00ed Pelik\u00e1n und Ludvik Kavin von der Charta 77 vertreten. Zugegen war Carlos Franqui, ein Anf\u00fchrer der kubanischen Revolution, der nach der positiven Stellungnahme von Castro zur Invasion des Warschauer Pakts 1968 nach Europa emigriert war.<br \/>\n12 Darin die B\u00e4nde 3 und 4 \u00bbDie Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u00ab; die 1977 erschienenen B\u00e4nde 1 und 2 behandeln die Periode 1917 bis 1920<br \/>\n13 Der \u00d6konom Bettelheim gibt hier eine gute Analyse des Zusammenhangs von Akkumulation und Krise, sinkenden L\u00f6hnen, extensiver Ausbeutung, niedriger Arbeitsproduktivit\u00e4t u.a.m. in der SU der 1930er Jahre. Vgl. Bettelheim, Die Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR, Die Buchmacherei: 2016, S. 261-308<br \/>\n14 Vgl. Alexijewitsch, Swetlana: \u00bbSecondhand-Zeit. Leben auf den Tr\u00fcmmern des Sozialismus\u00ab, Hanser: Berlin 2013<br \/>\n15 Bettelheim wurde Direktor des Centre d \u00c8tudes des Modes d\u00b4\u00ecndustrialisation, Bernard Chavance, Vertreter der l\u00b4economie institutionelle, sein Sch\u00fcler.<br \/>\n16 Vgl. dazu: Renate H\u00fcrtgen, Was f\u00fcr eine Revolution? Was f\u00fcr ein Jahrhundert? Ein Blick auf die Geschichte linker Aufarbeitung, in: Prokla 186. Zeitschrift f\u00fcr kritische Sozialwissenschaft, Westf\u00e4lisches Dampfboot: M\u00fcnster 2017, S, 131-144<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klassenherrschaft im Sozialismus Warum es sich gerade heute lohnt, \u00bbDie Klassenk\u00e4mpfe in der UdSSR\u00ab von Charles Bettelheim zu lesen \u2013 von Renate H\u00fcrtgen Auch 2017,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[37],"tags":[],"class_list":["post-1136","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-klassenkaempfe-in-der-udssr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8018,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1136\/revisions\/8018"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}