{"id":1206,"date":"2017-10-08T12:24:32","date_gmt":"2017-10-08T10:24:32","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1206"},"modified":"2025-08-28T21:24:06","modified_gmt":"2025-08-28T19:24:06","slug":"arbeit-bewegung-geschichte-12017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/arbeit-bewegung-geschichte-12017\/","title":{"rendered":"&#8220;Arbeit. Bewegung. Geschichte&#8221; 1\/2017"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Pionierarbeit und Quelle&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGearbeitet haben wir viel\u201c lautet eines der durchdringendsten Motive der interviewten Halleiner Zigarrenfabrikarbeiterinnen der 1988 erstmals ver\u00f6ffentlichten Kollektiv\u00adbiografie der Salzburger Historikerin Ingrid Bauer. Die 2015 erschienene Neuauflage tr\u00e4gt einen Zusatz im Titel: \u201eFrauen. Ar\u00adbeit. Geschichte.\u201c Dies sind die drei Ecken, zwischen denen sich diese \u00f6sterreichische Pionierstudie der Oral History aufspannt: Es ist die Untersuchung eines spezifischen Milieus in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jh., ein Beitrag zur \u00f6sterreichischen Arbeiterlnnenbewegungs- und Gewerkschaftsgeschichte sowie schlussendlich auch eine Arbeit, die dazu einl\u00e4dt, \u00fcber Konjunkturen der Ge\u00adschichtsschreibung nachzudenken \u2014 nicht zuletzt angeregt durch die einleitenden Worte der Autorin.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ingrid Bauer selbst sprach im Vor\u00adwort der ersten Auflage davon, dass hier ein Beitrag \u201eengagierter Geschichtsschrei\u00adbung\u201c vorliege, verfasst mit \u201ekritische [r], aber immer auch, so hoffe ich wenigstens, solidarische[r] Distanz\u201c (S. 58). Die Historikerin untersuchte in den 1980er-Jahren das relativ geschlossene Milieu der Arbei\u00adterinnen des einzigen gr\u00f6\u00dferen \u201eFrauenbe\u00adtriebs\u201c im agrarisch gepr\u00e4gten Bundesland Salzburg: die 1869 bis 1940 bestehende Zi\u00adgarrenfabrik in Hallein. Das Panorama, das sie dabei zeichnet, reicht \u00fcber die Ge\u00adneration der im Jahr 1920 in den Betrieb gekommenen Arbeiterinnen hinaus, die den Gro\u00dfteil der interviewten Gruppe dar\u00adstellten. Oft waren es in einer Familie drei Generationen von Frauen, die in der struk\u00adturschwachen Region die k\u00f6rperlich belas\u00adtende Akkordarbeit in der Fabrik verrich\u00adteten. Es war die immer noch attraktivere Arbeitsm\u00f6glichkeit als der Dienst in b\u00fcr\u00adgerlichen Haushalten oder schlecht bezahl\u00adte Heimarbeit.<\/p>\n<p>Interviewt wurden insgesamt 18 Frau\u00aden: zw\u00f6lf Arbeiterinnen der Zigarrenfa\u00adbrik und sechs \u201eArbeiterhausfrauen\u201c, die nach der Eheschlie\u00dfung keiner regul\u00e4ren Erwerbsarbeit mehr nachgegangen waren. Nach einer umfassenden methodisch und theoretisch reflektierten Einf\u00fchrung wer\u00adden in f\u00fcnf Kapiteln die Interviews ausge\u00adwertet. Angeordnet sind diese entlang von Lebensphasen wie etwa Kindheit, Jugend oder Erfahrungen in der Fabrik als junge Frauen &#8211; \u201edes woar unser schenste Zeit\u201c (S. 191). Die Interviewpartnerinnen spre\u00adchen ein vielf\u00e4ltiges Themenfeld an, von Wohnverh\u00e4ltnissen und Familienbezie\u00adhungen \u00fcber die eigenen Sehns\u00fcchte und Lebensw\u00fcnsche bis hin zur Kollegialit\u00e4t im Betrieb oder die politischen K\u00e4mpfe in der Zwischenkriegszeit. Begleitet werden einzeln vorgestellte Sequenzen der Interviews durch genaue sozialhistorische Kontextualisierungen der Lebens- und Arbeitsverh\u00e4lt\u00adnisse. Einen genauen Blick wirft Bauer auch auf die \u201efrauenspezifische Betroffenheit\u201c (S. 249) der Arbeiterinnen in Fragen von Verh\u00fctung, Familiengr\u00fcndung und wider\u00adst\u00e4ndigen Handlungen. Versickert ist der Erz\u00e4hlfluss aber offenbar f\u00fcr die Zeit nach der Schlie\u00dfung der Fabrik 1940. Das ent\u00adsprechende Kapitel umfasst nur mehr drei Seiten; die Studie endet hier abrupt. Auch wenn es aus Sicht der Leserinnen spannend gewesen w\u00e4re, mehr \u00fcber die Kriegs- und Nachkriegszeit zu erfahren, unterstreicht das Dargebotene doch den zentralen Stel\u00adlenwert, den die Fabrik im Leben der inter\u00adviewten Frauen hatte.<\/p>\n<p>Durchg\u00e4ngiges Thema der Erz\u00e4hlun\u00adgen und der Studie ist &#8211; nicht un\u00e4hnlich dem Klassiker der sozialwissenschaftli\u00adchen Forschung \u201eDie Arbeitslosen von Marienthal\u201c1 &#8211; die Arbeit: und zwar die Erwerbsarbeit in der Fabrik genauso wie die Reproduktions- und F\u00fcrsorgearbeit zu Hause. In den Blick kommen dabei Verschr\u00e4nkungen von Geschlechter- und Klassenverh\u00e4ltnissen und schichtspezifi\u00adsche Sinnangebote. So war es auch f\u00fcr die eigene Selbstachtung wichtig, eine \u201egute Arbeiterin\u201c (S. 212) zu sein. \u201eWieviel ist dem \u00dcberlebensdruck geschuldet und wieviel daran ist Herrschaft?\u201c (S. 64), fragt Bauer hierzu. Die St\u00e4rke der Studie liegt in der Auslotung der Zwischenr\u00e4ume des Gesagten der Interviewpartnerinnen und der konsequenten Kontextualisierung des Erz\u00e4hlten mit weiteren Quellen. Sichtbar wird die die Frauengeschichte der 1980er- Jahre auszeichnende interdisziplin\u00e4re Dialogizit\u00e4t, hier vor allem mit Arbeiten der feministischen Sozialwissenschaft. Als weiteres Charakteristikum lie\u00dfe sich auch der Anspruch nennen, zwischen Wissen\u00adschaft und Gesellschaft zu vermitteln. Un\u00adgew\u00f6hnlich und bestechend ist die Trans\u00adparenz, mit der die Autorin den eigenen Forschungsprozess kommentiert.<\/p>\n<p>Die Grenzen der mikrohistorischen Studie auf Basis von Interviews zeigen sich freilich in den Tabus. Eines davon ist die Thematisierung von eventueller Begeiste\u00adrung der Interviewten f\u00fcr den Nationalso\u00adzialismus. Was diese Studie aber deutlich macht, ist die Weise, wie die gesellschaft\u00adlichen und \u00f6konomischen Zumutungen die Fabrik zu einem ambivalenten Ort wer\u00adden lie\u00dfen. Einerseits war sie ein Ort der Kontrolle und Disziplin, erschwert durch die Doppelbelastung der Haushalts- und Familienversorgung. Die \u201eTschikweiber\u201c waren der Akkordarbeit im Betrieb und zu Hause sowie der Willk\u00fcr der Beamten unterworfen. Sie zogen aber andererseits Anerkennung aus einer Arbeit, die ihnen (eigenes) Geld, Solidarnetzwerke und ein erweitertes, auch widerst\u00e4ndiges, Hand\u00adlungsspielfeld erm\u00f6glichte. Die Interview\u00adpartnerinnen berichten mit Stolz, w\u00e4hrend des \u00f6sterreichischen B\u00fcrgerkriegs im Feb\u00adruar 1934 als einziger Betrieb in Hallein den Aufstand des sozialdemokratischen Schutzbundes durch die Einhaltung des Generalstreiks mitgetragen zu haben.<\/p>\n<p>Eingedenk der soziologischen Theorie\u00adentwicklungen der 1980er-Jahre auf der ei\u00adnen und der \u201eneuen\u201c Subjekte der Alltags-, Mikro- und Frauengeschichtsschreibung auf der anderen Seite ist diese Studie heu\u00adte Pionierarbeit und Quelle zugleich. Sie er\u00ad\u00f6ffnet einen Blick in die Lebenswelten der Arbeiterinnen in dieser kleineren Indust\u00adriestadt in der \u00f6sterreichischen Peripherie w\u00e4hrend der ersten H\u00e4lfte des 20. Jh. Bis dato sind Studien wie diese f\u00fcr \u00d6sterreich selten.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzt wird die zweite Auflage durch eine beigelegte DVD, die einen Doku\u00admentarfilm von 2002 \u00fcber die Halleiner Betriebsr\u00e4tin und Widerstandsk\u00e4mpferin Agnes Primocic enth\u00e4lt. Es handelt sich hierbei um die interviewte Agnes P. in In\u00adgrid Bauers Studie. Auch zu finden auf der DVD sind Aufnahmen einer Festveranstal\u00adtung f\u00fcr Agnes Primocic und das Textbuch des Theaterst\u00fccks \u201eTschikweiber\u201c. Damit dokumentiert die DVD auch die vielf\u00e4lti\u00adgen geschichtspolitischen, zivilgesellschaft\u00adlichen und k\u00fcnstlerischen Auseinander\u00adsetzungen, die aus der wissenschaftlichen Arbeit Ingrid Bauers hervorgegangen sind. Es ist eindeutig ein Verdienst, die Studie in dieser Form neu aufgelegt zu haben.<\/p>\n<p><em>Veronika Helfert<\/em><\/p>\n<p>1 Marie Jahoda\/Hans Zeisel\/Paul Lazarsfeld: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch \u00fcber die Wirkun\u00adgen langandauernder Arbeitslosigkeit, Leip\u00adzig 1933<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Pionierarbeit und Quelle&#8221; \u201eGearbeitet haben wir viel\u201c lautet eines der durchdringendsten Motive der interviewten Halleiner Zigarrenfabrikarbeiterinnen der 1988 erstmals ver\u00f6ffentlichten Kollektiv\u00adbiografie der Salzburger Historikerin Ingrid&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[33],"tags":[],"class_list":["post-1206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tschikweiber-haums-uns-gnennt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1206"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8197,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1206\/revisions\/8197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}