{"id":1265,"date":"2017-11-06T21:25:38","date_gmt":"2017-11-06T20:25:38","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1265"},"modified":"2025-08-28T07:50:06","modified_gmt":"2025-08-28T05:50:06","slug":"graswurzelrevolution-423-november-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/graswurzelrevolution-423-november-2017\/","title":{"rendered":"&#8220;Graswurzelrevolution&#8221; 423, November 2017"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Die Tragik des R\u00e4tekommunisten Willy Huhn. Auf der Suche nach Rosa Luxemburgs Erbe?&#8221;<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>An den lange vergessenen R\u00e4tekommunisten erinnert Jochen Gester mit einem Buch, das auch Texte von ihm enth\u00e4lt, die man lieber nicht lesen wollte.<\/em><\/p>\n<p>\u201eMit Willy Huhn verlieren seine pers\u00f6nlichen und politischen Freunde einen guten Genossen, der als sozialistischer Theoretiker, P\u00e4dagoge und Publizist eine wertvolle politische Arbeit geleistet hat. Willy verf\u00fcgte \u00fcber eine bemerkenswerte Denk- und Ausdruckskraft, die er mit starkem Willen und der F\u00e4higkeit zu tiefen Empfindungen verband. Am meisten erstaunte sein enzyklop\u00e4disches Wissen, das er sich autodidaktisch angeeignet hat.\u201c Diese Rede wurde von Westberliner Jungsozialisten am 24.2.1970 auf der Trauerfeier f\u00fcr Willy Huhn gehalten. Damit wurde ein Mann verabschiedet, der mit 61 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben ist und in seinen letzten Jahren noch einmal Kontakt zur jungen Generation der sich gerade entwickelnden au\u00dferparlamentarischen Bewegung bekommen hat. Es zeugt von der Offenheit und Neugierde von Huhn, dass er einer sich gerade entwickelnden Neuen Linken noch etwas von der Geschichte des R\u00e4tekommunismus vermitteln konnte, einer linken marxistischen Str\u00f6mung jenseits von Nominalsozialismus und Sozialdemokratie. Huhn konnte noch die Anf\u00e4nge der Dogmatisierung der Neuen Linken in verschiedene K-Gruppen wahrnehmen und davor warnen. Lange Zeit war Huhn nur Insidern bekannt. Jetzt hat Jochen Gester, der Gr\u00fcnder des Verlags \u201eDie Buchmacherei\u201c, in langer Forschungsarbeit das Leben des Willy Huhn aufgearbeitet. Das vorz\u00fcglich lektorierte Buch gibt einen \u00dcberblick \u00fcber das ungew\u00f6hnliche Leben eines Mannes, der schon in fr\u00fchester Jugend mit r\u00e4tekommunistischen Gedankengut in Ber\u00fchrung kam. Der Kampf gegen die Zwillingsbr\u00fcder der stalinistischen und sozialdemokratischen Konterrevolution bestimmten sein politisches Leben, das ihn nicht vor verheerenden politischen Fehlschl\u00fcssen bewahrte. In einer biogra schen Skizze zeigt Gester wie der junge Huhn unter seinem tyrannischen Vater gelitten hat, der ihn mehrmals krankenhausreif schlug. Doch mehr noch litt Huhn darunter, dass sein Vater und sp\u00e4ter seine Schwester sein Tagebuch mit den Texten aus fr\u00fcher Jugend an sich nahmen und vernichteten. Huhn empfand das als Diebstahl seiner Kindheit. Er rebelliert in fr\u00fchester Jugend gegen den autorit\u00e4ren Patriarchen, in dieser Zeit bezog er sich positiv auf den Anarchismus und erlebte den fr\u00fchen Tod des Vaters als Befreiung. \u201eIch habe Pr\u00fcgel bekommen von 2-3 bis 18 Jahren. D.H. bis in die letzte Zeit, viel Pr\u00fcgel, Pr\u00fcgel \u00fcber Pr\u00fcgel und noch mal Pr\u00fcgel\u201c, schreibt Huhn als er die sozialistische Jugendbewegung entdeckt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em><br \/>\nWilly Huhn: \u201eDer Sozialismus \u2013 ich geh\u00f6re ihm\u201c<\/em><\/p>\n<p>Schnell kommt er in Kontakt mit Einzelpersonen, die jenseits der SPD und der KPD f\u00fcr eine r\u00e4te- kommunistische Linie eintraten. Darunter auch SPD-Mitglieder am linken Rand, die vom Ausschluss bedroht waren. In der Linksabspaltung Sozialistische Arbeiter Partei (SAP) geh\u00f6rte Huhn mit seiner kleinen Gruppe zum antiparlamentarischen Fl\u00fcgel. \u201eKlassenkampf statt Wahlkampf\u201c, hie\u00df die Losung von Huhn und seinen FreundInnen. Dabei wird deutlich, dass sie, was die Hochhaltung der reinen Lehre betraf, ihren KontrahentInnen in nichts nachstanden. Noch wenige Monate vor Machtantritt des Nationalsozialismus stritten sich die unterschiedlichen Fraktionen der SAP \u00fcber die richtige Linie im Umgang mit dieser Bewegung.<\/p>\n<p><em><br \/>\nF\u00fcr den deutschen Endsieg<\/em><\/p>\n<p>Im NS-Staat versuchte die Gruppe zun\u00e4chst zu \u00fcberwintern, ein Teil ging in den Widerstand, mehrere seiner Freunde starben in Konzentrations- oder Vernichtungslagern. Huhn aber wurde 1941 zum Verfechter des deutschen Endsiegs. Gester fand diese Texte im Nachlass und es spricht f\u00fcr ihn, dass er sie ebenfalls in das Buch aufnahm. Wir lernen keinen Helden kennen, sondern einen Mann, der neben seiner treffenden Kritik an Nominalsozialismus und sozialdemokratischen Etatismus eben auch im Jahre 1941, als der NS- Regime Europa mit Terror \u00fcberzog, diese S\u00e4tze schrieb: \u201eWir k\u00f6nnen uns jedenfalls keine Parlamentarisierung Deutschlands noch die Balkanisierung Mitteleuropas w\u00fcnschen, solange die \u00fcbrige Welt imperialistisch ist. Deshalb muss Deutschland siegen\u201c. Huhn war sich nicht nur sicher, dass Deutschland nicht geschlagen werden kann, sondern setzte noch hinzu: \u201eDiese \u00dcberzeugung beruht gerade auf meinen kriegswirtschaftlichen Studien, und ich glaube von mir sagen zu k\u00f6nnen, dass ich heute von Kriegswirtschaft ebenso viel verstehe wie von der Geschichte\u201c. Damit stellt er sich nun selber kein gutes Zeugnis \u00fcber die Beurteilung seiner wissenschaftlichen Arbeiten aus. Nach 1945 \u00e4u\u00dferte er stellenweise Scham \u00fcber seine NS-Apologie, sprach von Vereinsamung ohne den Kontakt mit GenossInnen. Nach einen kurzen Intermezzo in der Sowjetischen Besatzungszone, wo er in die KPD und dann in die SED eingetreten war, mit der autorit\u00e4ren Partei in Konflikt geriet, siedelte er nach Westberlin \u00fcber, wo er sich zun\u00e4chst in der SPD und nach seinem Ausschluss in verschiedenen linkssozialistischen Kleinstprojekten engagierte und sich dabei immer schnell auch mit den eigenen GenossInnen \u00fcberwarf. Huhn hat viele Texte produziert, viele sind in dem Buch das erste Mal ver\u00f6ffentlicht. Nur ein Teil konnte im W\u00e4lzer Platz finden, der Rest ist im PDF-Format auf einer DVD zu nden, die dem Buch beiliegt. Es sind hellsichtige Texte dabei \u00fcber Politik, Wirtschaft und Kultur. Huhn wurde einer der fr\u00fchen Kritiker der Atomkraft, nicht nur die Bombenproduktion sondern auch die sogenannte friedliche Nutzung lehnte er ab. Schon Ende der 1950er Jahre versucht er eine Anti-AKW-Initiative in Westberlin ins Leben zu rufen. Er lebte am Rande des Existenz- minimums und konnte Berlin nur sporadisch verlassen, weil er sich regelm\u00e4\u00dfig beim Arbeitsamt melden musste, um seine karge Unterst\u00fctzung nicht zu verlieren.<\/p>\n<p><em><br \/>\nIn der Tradition des Nationalkommunismus<\/em><\/p>\n<p>Huhns kritischer, noch heute aktueller Text zu Martin Luther ist eine Ausnahme. Ansonsten zieht sich durch seine Schriften ein brauner Faden, der davon zeugt, dass er sich mit der Kritik an Nationalismus und Antisemitis- mus kaum besch\u00e4ftigt hat. Es wird deutlich, dass seine zeitweilige NS-Apologie kein Zufall ist. Sp\u00e4ter schreibt er mehrmals von Deutschland als eines \u201etotal besiegten Volkes\u201c. Da war Huhn bestimmt nicht auf der Suche nach dem Erbe von Rosa Luxemburg, wie der Titel des Buches suggeriert. Die entschiedene Antinationalistin h\u00e4tte sicher daran erinnert, dass die revolution\u00e4re Arbeiterklasse in Deutschland schon im Fr\u00fchjahr 1919 von den Freikorps im B\u00fcndnis mit der SPD besiegt wurde. Ein eigenes Kapitel widmet Gester Huhns Schriften zum Judentum und Zionismus, die man wirklich lieber nicht lesen m\u00f6chte, wie der israelsolidarische Kommunist Jochen Bruhn in seiner Auseinandersetzung mit Huhn richtig bemerkte. Doch es ist wichtig, dass man sie jetzt lesen kann. Huhn ging sogar soweit, Mitglieder des Zentralrats der Juden mit Schriften gegen Israel und den Zionismus zu bel\u00e4stigen. Als sich die israelische Regierung Mitte der 1960er gegen den Aufstieg der NPD wehrte, schrieb Huhn: \u201eMit welchem Recht fordern denn die Israelis von der Bundesrepublik eine Bek\u00e4mpfung der NPD \u2013 die sowieso von allen politischen Parteien abgelehnt und angegriffen wird? \u2026 Die Israelis sollen erstmal vor ihrer eigenen T\u00fcr kehren, ehe sie sich in solche Angelegenheiten bei uns einmischen.\u201c Zuvor hatte er die israelischen Soldaten mit der SS verglichen. Bei solchen T\u00f6nen ist es auch nicht verwunderlich, dass Huhn auch zeitweise f\u00fcr ein Querfrontbl\u00e4ttchen publizierte, das nationalistische Linke ansprach und in anderen Artikeln die NPD lobte. Es ist aber falsch, wenn Bruhn wegen Huhns Nationalismus und Antisemitismus gleich seine gesamten r\u00e4tekommunistischen Inhalte begraben will. Huhn bezog sich in seiner letzten Schrift, die er 1968 verfasst hat, und an die APO gerichtet war, auf die nationalkommunistische Gruppe der fr\u00fchen 1920er Jahre um Laufenberg und Wolffheim und propagierte dort: \u201eEine Linke, die nicht auch die berechtigten Interessen des deutschen Volkes nach au\u00dfen hin vertritt, und gerade gegen die Siegerm\u00e4chte von 1945, wird niemals eine Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich haben, die Situation ist heute noch \u00fcbler als nach dem Versailler Ultimatum von 1919.\u201c Hier ist in jedem Wort ein deutschnationales Ressentiment zu nden und hier ist Huhn nicht auf der Suche nach Rosas Erbe, sondern auf der Su- che nach dem deutschen Nationalismus. So stehen wir vor den Schriften eines Mannes, der bei all den vielen erhellenden Texten \u00fcber Sozialdemokratie und Stalinismus vom Nationalkommunismus nicht loskam. Das macht die eigentliche Tragik von Willy Huhn aus.<\/p>\n<p><em>Peter Nowak<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Tragik des R\u00e4tekommunisten Willy Huhn. 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