{"id":1441,"date":"2018-01-22T13:52:28","date_gmt":"2018-01-22T12:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1441"},"modified":"2025-08-28T07:50:05","modified_gmt":"2025-08-28T05:50:05","slug":"freitag-blog-22-1-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/freitag-blog-22-1-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;der Freitag&#8221; (Blog), v. 22.1. 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unorthodoxer Streiter<\/strong><\/p>\n<p><em>E<\/em><em>ine umfassende Sammlung mit Texten des R\u00e4tekommunisten Willy Huhn ist erschienen<\/em><\/p>\n<p>Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community<\/p>\n<p>Der Gewerkschafter und Verleger Jochen Gester hat sich auf eine publizistische Spurensuche begeben. Zielperson: Willy Huhn. Seine Ergebnisse liegen nun in dem Band \u201eAuf der Suche nach Rosas Erbe. Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909-1970)\u201c vor.<\/p>\n<p>Gester dokumentiert einen Ausschnitt gro\u00dfteils unver\u00f6ffentlichter Texte aus dem Huhn-Nachlass, der sich im Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam befindet. Sein Auswahlmotiv war, \u201eTexte zusammenzustellen, in denen Huhn versuchte, in Abgrenzung zur Sozialdemokratie und zum Bolschewismus eine autonome marxistische Position zu entwickeln.\u201c Den Dokumenten stellt der Herausgeber eine biografische Skizze des Autodidakten Huhn voran.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der 1909 geborene Huhn wurde im Fr\u00fchjahr 1919 mit seiner Familie aus Metz in Lothringen von den franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden ausgewiesen. Die Region fiel nach dem Ersten Weltkrieg an Frankreich. Der neue Lebensmittelpunkt wurde Berlin. Zun\u00e4chst Kreuzberg, sp\u00e4ter Pankow. Huhn begann nach dem Schulabschluss eine Buchh\u00e4ndlerlehre, die er aber aufgrund des Firmenkonkurses abbrechen musste. In einer Fabrik konnte er seine kaufm\u00e4nnische Lehre fortsetzen und abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Black Lives Matter ist die neue gro\u00dfe B\u00fcrgerrechtsbewegung in Amerika. Als im Sommer 2013 George Zimmerman freigesprochen wurde, der den 17-j\u00e4hrigen schwarzen Sch\u00fcler Trayvon Martin erschossen hatte, sammelten sich ihre Anh\u00e4nger unter dem Hashtag #BlackLivesMatter. Jetzt erz\u00e4hlt eine der&#8230;<br \/>\nDie \u201eantiautorit\u00e4re Jugendrebellion\u201c gegen seinen gewaltt\u00e4tigen Vater, der preu\u00dfischer Polizeibeamter war, f\u00fchrte Huhn zum Sozialismus. \u201eDer Sozialismus will uns helfen: ich geh\u00f6re ihm\u201c, schlu\u00dffolgerte der junge Huhn. Der Tod des Vaters 1929 war ein Befreiungsakt. Huhn trat der Jugendgruppe des Zentralverbandes der Angestellten (ZdA) bei und organisierte sich ab Ende 1930 bei den Jungsozialisten, was automatisch die formelle SPD-Mitgliedschaft bedeutete. Das mi\u00dffiel ihm, \u201e[d]enn er wollte ein junger Sozialist und kein Sozialdemokrat sein\u201c, schreibt Gester.<\/p>\n<p>Huhn schloss sich der im Oktober 1931 von der SPD abgespaltenen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) an. \u201eUnsere Hoffnung war, dass die SAP ihrem Namen Ehre machen und eine wirklich sozialistische, d.h. weder eine sozialdemokratische noch eine bolschewistische Partei sein [\u2026] werde\u201c, so Huhn. Er z\u00e4hlte innerhalb der heterogenen SAP zu den vehementen Kritikern des \u201eStaatskapitalismus\u201c in der Sowjetunion. Sein Auftritt in der SAP war indes nur ein Intermezzo. Huhn nahm Kontakt mit den \u201eRoten K\u00e4mpfer\u201c (RK) auf. Eines halbklandestinen Netzwerks, das wesentlich von ehemaligen Kadern der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) gebildet wurde. Die Aktivisten betrachteten den Aufstieg des Nationalsozialismus als unaufhaltsam und bereiteten sich auf die Illegalit\u00e4t vor. Im Zuge der Zerschlagung und des Zerfalls der introvertierten RK-Debattierzirkel zog sich Huhn, der wegen einer schweren Asthmaerkrankung phasenweise vom Wehrdienst befreit war, in die \u201cAbgeschlossenheit der Studierstube des Gelehrten\u201d zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eHuhns politische Desorientierung\u201c kommt \u201eauf schmerzliche Weise\u201c (Gester) in einem Brief von 1942 an einen \u201eKriegskameraden\u201c zum Ausdruck. Darin votierte er f\u00fcr die \u201emilit\u00e4rische Niederringung des Bolschewismus\u201c durch die deutsche Wehrmacht. Huhn plagten nach Kriegsende Schuldgef\u00fchle: \u201eIch will nochmal einen Versuch mit der Arbeiterklasse machen und meine Schuld, dass ich mich resignierend in den politischen Schmollwinkel zur\u00fcckgezogen habe, durch erh\u00f6hten Eifer abb\u00fc\u00dfen.\u201c Im Juni 1945 trat Huhn in die KPD ein, sp\u00e4ter wurde er SED-Mitglied. In der Erwachsenenbildung der Volkshochschulen (VHS) fand er ein berufliches Standbein. Seine als \u201cidealistisch\u201d interpretierten Kurse zum historischen Materialismus gerieten ins ideologische Kreuzfeuer von SED-Kulturfunktion\u00e4ren. Er verlor seinen Posten und trat aus der SED aus.<\/p>\n<p>In Westberlin versuchte Huhn \u00fcber die Herausgabe von Periodika dissidente Marxisten unterschiedlicher Provenienz zu binden. Er fand Anschluss an die Berliner SPD, sorgte aber aufgrund seines Festhaltens am R\u00e4teprinzip f\u00fcr Konfliktstoff und wurde 1954 ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Huhn geh\u00f6rte zu den Inspiratoren des Republikanischen Clubs (RC) in der Hochphase der Au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO). In dieser Zeit setzte er sich mit Lenins vielzitierter Schrift zum linken Radikalismus auseinander, diese \u201eist so ziemlich die m\u00e4\u00dfigste der von ihm verfa\u00dften Schriften\u201c, urteilte er.<\/p>\n<p>Huhn suchte nach einer proletarischen Bewegung des Massenstreiks und der R\u00e4tedemokratie in der Tradition Rosa Luxemburgs. Den \u201eArbeiteraufstand\u201c vom 17. Juni 1953 deutete er als Signal: \u201eDie Arbeiter werden, vielleicht in Unkenntnis Rosa Luxemburgs [\u2026], in ihrer k\u00e4mpfenden Praxis das theoretische Werk Rosa Luxemburgs praktisch fortsetzen [\u2026].\u201c Die Kontroverse um Willy Huhns Hinterlassenschaft ist er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><em>Oliver Rast<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unorthodoxer Streiter Eine umfassende Sammlung mit Texten des R\u00e4tekommunisten Willy Huhn ist erschienen Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[49],"tags":[],"class_list":["post-1441","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-auf-der-suche-nach-rosas-erbe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1441","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1441"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1441\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7981,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1441\/revisions\/7981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1441"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1441"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1441"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}