{"id":1447,"date":"2018-01-21T13:57:03","date_gmt":"2018-01-21T12:57:03","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1447"},"modified":"2025-08-28T07:50:06","modified_gmt":"2025-08-28T05:50:06","slug":"taz-v-1314-1-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/taz-v-1314-1-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;TAZ&#8221; v. 13\/14.1. 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eEr teilt das Schicksal\u00a0vieler linker Querdenker\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Willy Huhn war zu links f\u00fcr die SPD und vergessener Pionier der Westberliner Anti-AKW- Bewegung. Der Politikwissenschaftler Jochen Gester hat ein Buch \u00fcber ihn ver\u00f6ffentlicht\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Der Autor: Jochen Gester, Politikwissenschaftler, 1951 geboren, Ende der Sechziger durch die Au\u00dferparlamentarische Bewegung politisiert. In den Siebzigern am Versuch kommunistischer Gruppen beteiligt, die Betriebe zu politisieren. Seit Jahren ehrenamtlich in der IG Metall aktiv. In seinem Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c ver\u00f6ffentlichte Gester Ende 2017 die Biographie \u201eAuf der Suche nach Rosas Erbe\u201c \u00fcber den weitgehend vergessenen Berliner Linkssozialisten Willy Huhn.<\/p>\n<p><em>taz: Herr Gester, was hat Sie an Willy Huhn so interessiert, dass Sie eine politische Biografie \u00fcber den weitgehend vergessenen Berliner Linkssozialisten verfasst haben?<br \/>\n<\/em>Jochen Gester: Ich bin durch die 68er-Bewegung sozialisiert worden und entdeckte zu Beginn der siebziger Jahre den Marxismus. Leider habe ich mich in der Folge wie viele andere auch der \u201eautorit\u00e4ren Wende\u201c der damaligen Linken verschrieben. Viel sp\u00e4ter begriff ich, dass diese Wende eine Sackgasse ist. Seitdem suche ich den Weg zur\u00fcck zu meinen antiautorit\u00e4ren Urspr\u00fcngen, ohne dabei die sozialistische Ausrichtung aufzugeben.<\/p>\n<p><!--more--><em>Und dabei kann Willy Huhn behilflich sein?<br \/>\n<\/em>Mich interessiert, wie das emanzipative Potenzial der ArbeiterInnenbewegung heute mit einer neuen Ausrichtung revitalisiert werden kann. Willy Huhn geh\u00f6rte zu einer dissidenten Str\u00f6mung der damaligen Arbeiterlinken, die genau das bewegte. In unserem Verlag Die Buchmacherei widmen wir diesem Thema eine ganze Reihe.<\/p>\n<p><em>Warum war Huhn weitgehend vergessen, obwohl er bis zum Tod auch zur Westberliner APO gute Kontakte hatte?<br \/>\n<\/em>Er teilt hier das Schicksal vieler linker QuerdenkerInnen, die sich nicht einfach als Zeugen f\u00fcr eine gerade angesagte Organisationsphilosophie eingemeinden lassen. Er passte weder zu den Versuchen einer erneuerten Sozialdemokratie noch zu den Spielarten einer leninistischen Renaissance. Das Aufeinandertreffen mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) lag dann sehr nahe. Huhn war vorher bereits wegen seiner linken Kritik aus der SPD ausgeschlossen worden. Die Liaison mit dem antiautorit\u00e4ren Fl\u00fcgel des SDS w\u00e4hrte dann aber nur kurz, weil Willy Huhn bereits 1970 starb und das Antiautorit\u00e4re an Anziehungskraft verlor.<\/p>\n<p><em>Sie zitieren viele bisher unver\u00f6ffentlichte Texte und Briefe. Wie erhielten Sie Zugang zum Nachlass?<br \/>\n<\/em>Das war einfacher als erwartet. Seine in Zeitschriften ver\u00f6ffentlichen Texte konnte ich \u00fcber die Staatsbibliothek bekommen, und der Zugang zu seinem \u00fcber zehn Regalmeter umfassenden Nachlass im Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte in Amsterdam ist frei zug\u00e4nglich. Im Buch kann man so 600 Seiten Huhn im Original lesen, und auch in meiner biografischen Skizze spricht er vor allem selbst.<\/p>\n<p><em>Sie verschweigen die \u201edunklen Seiten\u201c von Willy Huhn nicht, etwa seine zeitweise Unterst\u00fctzung des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Warum war es Ihnen wichtig, auch diese Seite zu zeigen?<br \/>\n<\/em>Ich habe lange genug an Ikonen gehangen. Mir war es wichtig, Huhn als Person real und gerecht zu beurteilen. Das geht nicht, ohne seine Verirrungen beim Namen zu nennen.<\/p>\n<p><em>Sie haben sich auch mit Huhns Verh\u00e4ltnis zum Zionismus auseinandergesetzt \u2026<\/em><br \/>\nIn der Neuver\u00f6ffentlichung eines Teils seiner Texte um das Jahr 2000 hatte der herausgebende Verlag in einem Nachwort Huhn und mit ihm die ganze r\u00e4tekommunistische Bewegung zur Speersspitze des Antisemitismus gemacht. Mir war es wichtig herauszustellen, dass der Attackierte sicher ein Antizionist, jedoch nie ein Antisemit war.<\/p>\n<p><em>Im Titel Ihres Buchs verorten Sie Willy Huhn auf den Spuren von Rosa Luxemburg. Wie passt das denn aber zu den dokumentierten Texten, in denen er sich in die Tradition des Nationalkommunismus gestellt hat?<br \/>\n<\/em><br \/>\nIch w\u00fcrde das so nicht teilen. Huhn argumentierte in Absehung seiner dunklen Jahre \u2013 im NS-Staat, als er seine politischen und sozialen Netze verloren hatte \u2013 in marxistischer Tradition. Seine sp\u00e4ten Abhandlungen \u00fcber den Nationalkommunismus sind zu komplex, um daraus so einfache Schlussfolgerungen zu ziehen.<\/p>\n<p><em>Wie kam es, dass Huhn auch noch Pionier der Westberliner Anti-AKW-Bewegung wurde?<br \/>\n<\/em>In Westberlin war in den sechziger Jahren unter dem SPD-B\u00fcrgermeister Brandt ein Atommeiler geplant. Huhn hat sich daraufhin als bef\u00e4higter Autodidakt in die ganze englischsprachige Literatur zum Thema eingearbeitet und sie als Linker politisch bewertet. So wurde er zum Aktivisten gegen die sogenannte friedliche und die milit\u00e4rische Nutzung der Atomenergie.<\/p>\n<p>Interview: <strong>Peter Nowak<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEr teilt das Schicksal\u00a0vieler linker Querdenker\u201c Willy Huhn war zu links f\u00fcr die SPD und vergessener Pionier der Westberliner Anti-AKW- Bewegung. 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