{"id":1495,"date":"2018-03-17T16:13:58","date_gmt":"2018-03-17T15:13:58","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1495"},"modified":"2025-08-28T07:52:09","modified_gmt":"2025-08-28T05:52:09","slug":"express-nr-1-2-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2018\/03\/17\/express-nr-1-2-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;Express&#8221; Nr. 1-2 \/ 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Geschichte schreiben<\/strong><\/p>\n<p><em>Dokumente zur Rolle der Fabrikkomitees in der russischen Revolution zug\u00e4nglich gemacht \u2013 Von Renate H\u00fcrtgen*<\/em><\/p>\n<p>Nach dem Sturz der Zarenherrschaft im Februar 1917 und der \u00dcbernahme der Macht durch eine \u201eProvisorische Regierung\u201c nahm die Arbeiterbewegung in Russland einen rasanten Aufschwung. Ein \u201eArbeiterrat\u201c in Petrograd gab das Vorbild f\u00fcr die legend\u00e4ren Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die als proletarische Gegenmacht zur provisorischen Regierung jene \u201eDoppelherrschaft\u201c begr\u00fcndeten, welche im Oktober 1917 zu ihren Gunsten endete. Neben dem Ausbau dieses auf Stadt-, Bezirks- und Landesebene arbeitenden R\u00e4tenetzes begann sich nach dem Februar die russische Gewerkschaftsbewegung zu entwickeln; als im Juni 1917 die Allrussische Gewerkschaftskonferenz zusammentrat, waren bereits 2.000 Gewerkschaften aller Gr\u00f6\u00dfen, Berufsgruppen und Branchen gegr\u00fcndet.[1]<\/p>\n<p>Eine noch gr\u00f6\u00dfere Verbreitung als die der Gewerkschaften fand nach der Februarrevolution eine in dieser Art bisher unbekannte betriebliche Arbeitervertretung: die Fabrikkomitees. Vor allem in gro\u00dfen Industriebetrieben, namentlich der Metallindustrie, w\u00e4hlten im April 1917 die Belegschaften hier Fabrik- und Werkkomitees. Deren \u201eVorgeschichte\u201c begann 1905, als in den Massenstreiks, neben der Abschaffung unmenschlicher Zust\u00e4nde in den Fabriken und dem Kampf um Brot, auch erste Forderungen nach st\u00e4ndigen Kommissionen von Arbeiterdelegierten erhoben wurden. Die Kampfkraft der russischen Arbeiter reichte jedoch seinerzeit noch nicht so weit, es gelang lediglich, betriebliche Vertretungsorgane wie \u201eWerkstattobleute\u201c und \u201e\u00c4ltestenr\u00e4te\u201c in russischen Gro\u00dfbetrieben zu installieren. Betriebliche und \u00fcberbetriebliche Organisationen einer autonomen Arbeiterbewegung sind in Russland erst im Zuge der Februarrevolution 1917 erk\u00e4mpft worden.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Wenige Wochen nach dem Sturz der Zarenherrschaft erreichte die Revolution mit der Gr\u00fcndung von Fabrikkomitees auch die Betriebe, wo es nun galt, nach der Zarendespotie die \u201eDespotie der Betriebsleitungen zu beseitigen\u201c (Friedetzky\/Thomann, S. 139). Die Fabrikkomitees waren es auch, die ma\u00dfgeblich daran beteiligt waren, dass die revolution\u00e4ren Massenbewegungen den 8-Stunden-Tag, beachtliche Lohnsteigerungen und die Institutionalisierung der Fabrikkomitees erzwangen, mit denen eine verbindliche Grundlage f\u00fcr ihre Arbeit geschaffen wurde.[2] Mehr noch als die Gewerkschaften und die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te waren die Fabrikkomitees \u201evon unten\u201c gew\u00e4hlte Vertreterorgane, die in einem sehr viel unmittelbareren Sinne die Interessen und Bed\u00fcrfnisse der Besch\u00e4ftigten in den Fabriken zum Ausdruck brachten.<\/p>\n<p>Auf Grund ihrer N\u00e4he zur Basis wurde den Fabrikkomitees in der linken Geschichtsschreibung immer eine besondere Bedeutung zugesprochen: als Organen authentischer Arbeitermacht, als jenem Teil der revolution\u00e4ren R\u00e4tebewegung, in dem sich die Anf\u00e4nge einer neuen, selbstverwalteten, sozialistischen Produktion zeigen w\u00fcrden. Als Beleg f\u00fcr diese, den Fabrikkomitees zugedachte historische Aufgabe ziehen sich namentlich durch die linke Literatur die immer gleichen Zitate von der geplanten \u00dcbernahme der Macht durch die Arbeiterbasis.[3]<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt jedoch auf, dass diese Einsch\u00e4tzung der historischen Rolle der Fabrikkomitees fast ausschlie\u00dflich auf der Grundlage von Beschl\u00fcssen, Statuten, Kongressmaterialien und Zeitzeugenberichten erfolgt, mithin also auf Absichtserkl\u00e4rungen beruht und auf inzwischen selbst in den historischen Kontext zu stellenden Aussagen.[4] Bislang fehlten weitgehend solche Quellen, die etwas \u00fcber die den Beschl\u00fcssen folgenden Taten berichten, Dokumente, mit deren Hilfe sich auf die praktische Arbeit der Fabrikkomitees vor Ort schlie\u00dfen lie\u00dfe. Diese L\u00fccke ist mit den Sitzungsprotokollen des Fabrikkomitees der Putilow-Werke, die in dem j\u00fcngst erschienenen Buch \u201eAufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland\u201c von Anita Friedetzky und Rainer Thomann ver\u00f6ffentlicht wurden, kleiner geworden.<\/p>\n<p>Auf 120 Seiten sind hier erstmals Protokolle und Dokumente des im April 1917 gegr\u00fcndeten Fabrikkomitees der Petrograder Putilow-Werke, eines R\u00fcstungsbetriebes mit \u00fcber 40.000 ArbeiterInnen und Angestellten, auf Deutsch erschienen (Friedetzky\/Thomann, S. 509-634). Die HerausgeberInnen haben sich daf\u00fcr entschieden, die Protokolle dieses Werkes aus dem Russischen zu \u00fcbersetzen, weil es eine hervorragende Rolle im revolution\u00e4ren Umbruchprozess gespielt hat und damit exemplarisch f\u00fcr den Charakter dieser betrieblichen Basisorganisationen steht. Tats\u00e4chlich war \u201edas Fundst\u00fcck\u201c, auf dem die \u00dcbersetzung von Anita Friedetzky beruht, sehr viel umfangreicher: Ein 1979 in Moskau erschienener Sammelband \u00fcber \u201eDie Fabrik- und Werkkomitees Petrograds 1917\u201c sowie ein zweiter Band von 1981 dokumentieren die Sitzungsprotokolle von insgesamt vier Gro\u00dfbetrieben der Stadt.[5] In der sowjetischen und nach 1990 russischen Forschung wurde, wie Anita Friedetzky im Vorwort zu den Dokumenten schreibt, auf diese Ver\u00f6ffentlichungen kein Bezug genommen; in der deutschen vereinzelt auch erst nach 1989. (Vgl. Altrichter 1997, S. 281)<\/p>\n<p>Nun muss die Geschichte der russischen Fabrikkomitees ganz sicher nicht v\u00f6llig neu erforscht oder umgeschrieben werden. Neu aber ist, dass wir durch die Protokolle zum ersten Mal erfahren, wie deren allt\u00e4gliche Arbeit aussah, wie sie sich bem\u00fchten, in Kriegszeiten die Produktion aufrecht zu halten, wie kompliziert der Kampf um die \u201e\u00dcbernahme der Kontrolle\u201c durch die russischen ArbeiterInnen gewesen war und wie er am Ende des Jahres 1917 ausging. Gerade die Linke und namentlich jene Linke, die aus gutem Grund den Basisbewegungen besondere Aufmerksamkeit schenkt, hat sich all zu oft und zu schnell verf\u00fchren lassen, die Selbstdarstellungen und Absichtserkl\u00e4rungen f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen und sich nicht die M\u00fche gemacht, sie von den realen Vorg\u00e4ngen zu unterscheiden \u2013 ein Unterschied, auf den auch Rainer Thomann hinweist. (Vgl. Friedetzky\/Thomann, S. 144) Mit den Sitzungsprotokollen der Fabrikkomitees von April 1917 bis Oktober 1917 haben wir jetzt eine Grundlage f\u00fcr diese notwendige Arbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eEin Bild unglaublicher Arbeitsf\u00fclle\u201c \u2013 Die Protokolle<\/strong><\/p>\n<p>Da in den Putilow-Werken der Direktor und sein Gehilfe im Zuge der revolution\u00e4ren Februarereignisse get\u00f6tet worden, Ingenieure und Angeh\u00f6rige der Administration geflohen oder im Krieg waren, bestanden die ersten Aufgaben der frisch gew\u00e4hlten Mitglieder des Fabrikkomitees darin, dabei zu helfen, die Produktion dieses wichtigen R\u00fcstungsbetriebes in Gang zu halten. Seit ihrer dritten Sitzung am 17. April 1917 besch\u00e4ftigte sich das Komitee vor allem mit Stillstandszeiten, Rohstofflieferungen, Einstellungen von Soldatenfrauen, aber auch mit Fragen der Entlohnung. In der immer katastrophaler werdenden Versorgungslage spielten die Fabrikkomitees in Zusammenarbeit mit den \u00f6rtlichen Sowjets in der Region bald eine zentrale Rolle. Im Putilow-Werk gr\u00fcndete das Fabrikkomitee ein \u201eVersorgungskomitee\u201c, k\u00fcmmerte sich um Material f\u00fcr eine Schule und um den Zustand im Kindergarten. (Vgl. S. 242) Um diesen vielen Aufgaben gerecht zu werden, musste das 20-k\u00f6pfige Gremium einige Funktionen an zu diesen Zwecken gegr\u00fcndete Kommissionen abgeben. Eine Kultur- und Bildungskommission wurde ins Leben gerufen, eine Lebensmittelkommission, eine Untersuchungskommission, Tarifkommission, eine Kommission, die mit der Auswahl von notwendig gebrauchten Spezialisten betraut wurde, u.a.m. Achtmal hat das Fabrikkomitee der Putilow-Werke allein im April 2017 getagt. Es entsteht ein Bild unglaublicher Arbeitsf\u00fclle. Es ist ungemein spannend, von der Arbeit dieser Fabrikkomitees zu erfahren, von den Themen, die sie besch\u00e4ftigten, und auf diese Weise auch Einblicke in die durchaus kontrovers gef\u00fchrten Selbstverst\u00e4ndnisdiskussionen \u00fcber ihre Rolle bei den bevorstehenden Massenentlassungen oder \u00fcber den Sinn und die Reichweite von Arbeiterkontrolle zu erhalten. (Vgl. S. 592-596)<\/p>\n<p>Viele Diskussionen in den Sitzungsprotokollen \u2013 wie die \u00fcber die Einf\u00fchrung einer \u201eTageslohnarbeit\u201c (S. 542)[6] oder die Einrichtung eines \u201eTarifb\u00fcros\u201c (S. 519)[7] \u2013 erinnern an gewerkschaftliche Forderungen, die nicht nur in der deutschen Arbeiterbewegung gestellt worden waren. Die geplanten \u201eWerkabteilungskomitees\u201c mit drei bis neun Mitgliedern in Werkst\u00e4tten mit 100 bis 1.000 Besch\u00e4ftigten \u00e4hneln ebenfalls auf den ersten Blick einer gewerkschaftlichen Vertrauensleutebasis und scheinen damit dem Strukturaufbau von Gewerkschaften vergleichbar. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch, dass diesen Abteilungskomitees Funktionen zugewiesen wurden, die das Zust\u00e4ndigkeitsspektrum traditioneller Gewerkschaftsarbeit erheblich erweiterten. Ihre Hauptaufgabe sollte es sein, die \u201eEinhaltung und richtige Organisierung der inneren Ordnung der Werkstatt\u201c zu gew\u00e4hrleisten und dabei alles \u201ein eine angemessene Richtung f\u00fcr das gesamte Werk zu lenken\u201c (S. 532) Solche weitgehenden Zust\u00e4ndigkeiten der Fabrikkomitees f\u00fcr das Werkgeschehen und sogar f\u00fcr das Leben (und \u00dcberleben) in der Stadt, verweisen darauf, dass es keine andere Kraft gegeben hat, die das durch Krieg und Revolution entstandene Vakuum h\u00e4tte ausf\u00fcllen k\u00f6nnen. Es scheint so, dass diese Zust\u00e4ndigkeiten auf der betrieblichen Ebene zwischen Gewerkschaft und Fabrikkomitee im Laufe des Jahres 1917 allm\u00e4hlich ineinander \u00fcbergingen; die Mitglieder der Fabrikkomitees waren in jedem Fall Gewerkschaftsmitglieder, wahrscheinlich auch Funktion\u00e4re von Gewerkschaften und Parteien \u2013 wobei Funktionen und Parteizugeh\u00f6rigkeit der Komitee-Mitglieder nicht angegeben sind. In k\u00fcnftigen Forschungen sollten die Geschichte der Fabrikkomitees und die der Gewerkschaften nicht mehr getrennt, sondern als zwei Seiten eines Prozesses der Entstehung der russischen Arbeiterbewegung behandelt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gute Gr\u00fcnde, diese Geschichte neu zu begreifen<\/strong><\/p>\n<p>Aber unterschieden sich die russischen Fabrikkomitees nicht zuallererst und grunds\u00e4tzlich von Gewerkschaften dadurch, dass mit den Komitees die Fabriken faktisch in den H\u00e4nden der ArbeiterInnen Russlands lagen oder doch wenigstens mit ihnen eine \u201eorganisatorische Form im Kampf um die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die Produktionsmittel\u201c (S. 140) geschaffen worden war? In den oft zitierten Beschl\u00fcssen und Statuten sind tats\u00e4chlich weitreichende Befugnisse formuliert, die in Richtung einer umfassenden Arbeiterkontrolle weisen. (Vgl. S. 143) In den Protokollen des Fabrikkomitees finden sich jedoch keine Hinweise darauf. Im Rahmen der hier dokumentierten T\u00e4tigkeit des Fabrikkomitees beschr\u00e4nkte sich diese Kontrollfunktion darauf, Anfragen an die Administration zu richten (vgl. S. 518), Bitten und Vorschl\u00e4ge an die Direktion zu \u00fcbermitteln (vgl. S. 527), einen Vertreter des Fabrikkomitees ins Einstellungsb\u00fcro zwecks \u201e\u00dcberwachung der Einstellung von Arbeitern\u201c abzukommandieren oder mit der Administration \u00fcber die Produktion landwirtschaftlicher Ger\u00e4te zu verhandeln. (Vgl. S. 522 u. 598) Wenn die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse entsprechend waren, hatten solche Vorschl\u00e4ge wohl durchaus reale Chancen; doch die \u201eendg\u00fcltige Entscheidung\u201c blieb immer noch der Direktion vorbehalten.[8] Die in den Protokollen des Putilow-Fabrikkomitees ver\u00f6ffentlichte Selbstverst\u00e4ndnisdiskussion \u00fcber den Sinn und die Gefahren von Arbeiterkontrolle, als Fabrikkomitee damit Unternehmerfunktionen wahrnehmen zu m\u00fcssen, l\u00e4sst den Schluss zu, dass hier bisher keine \u00dcbernahme der Produktion erfolgt war. (Vgl. S. 626-630) Wahrscheinlich l\u00e4sst sich die Machtverteilung in den Betrieben bis zum Oktober 2017 \u00e4hnlich wie im ganzen Land richtiger als \u201eDoppelherrschaft\u201c denn als \u00dcbernahme der Macht durch die Arbeiter beschreiben. \u201eSo eine Situation schafft nur eine Doppelherrschaft im Werk: der Direktor und das Treffen\u201c, schreibt ein Fabrikkomitee-Mitglied. (S. 611)<\/p>\n<p>Auch wenn einige Funktionen der Fabrikkomitees weit \u00fcber die einer traditionellen gewerkschaftlichen Interessenvertretung hinausgingen: Selbstverwaltungsorgane, die die Produktion in die H\u00e4nde von Arbeitern legten \u2013 wie in der linken Geschichtsschreibung gern behauptet \u2013 waren die russischen Fabrikkomitees jedoch nicht.[9] Sie trieben die politischen Akteure aller Parteien an, brachten die Interessen namentlich der Fabrikarbeiterschaft nach Verbesserung ihrer Lage ein und waren zweifelsohne entscheidende Motoren der russischen Revolution.[10] Ob das auf den Betrieb konzentrierte Modell der Arbeiterkontrolle tats\u00e4chlich eine die Gesellschaft umw\u00e4lzende Zukunft gehabt h\u00e4tte, scheint mir angesichts der neuen Quellenlage fraglich. Ich bin sehr gespannt darauf, wie andere diese Texte lesen und zu welchen Schl\u00fcssen sie kommen. Eine offene, im besten Sinne objektive Diskussion ist mit den vorliegenden Protokollen nun m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Rolle der Fabrikkomitees nach der Oktoberrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Es stellt sich allerdings die Frage, ob nach der Oktoberrevolution und mit dem Ende der \u201eDoppelherrschaft\u201c in Russland die Fabrikkomitees nun die ihnen zugeschriebene Funktion der \u00dcbernahme der Produktion wenigstens in Ans\u00e4tzen realisieren konnten? Tats\u00e4chlich \u00e4nderte sich mit dem Sturz der Provisorischen Regierung das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zugunsten der Fabrikkomitees, denen die Aufgabe zufiel, die Nationalisierung der Betriebe voranzutreiben. Mit dem Dekret \u00fcber die Arbeiterkontrolle, den Richtlinien und Statuten, die am Ende des Jahres 1917 den in \u00fcber 800 Betrieben mit ca. 200.000 Besch\u00e4ftigten arbeitenden Fabrikkomitees eine gesellschaftliche Legitimit\u00e4t gaben, wuchs deren Macht erheblich an.[11] Aber was bedeutete dieser Machtzuwachs tats\u00e4chlich? Wie sah die \u201eArbeiterkontrolle\u201c in dieser Hochzeit der Fabrikkomitees zwischen November 1917 und M\u00e4rz 1918 konkret aus?<\/p>\n<p>Bemerkenswerterweise sind in den 1979\/81 in der Sowjetunion herausgegebenen Protokollb\u00e4nden keine Sitzungsprotokolle f\u00fcr diese Zeit enthalten. Und der Beitrag von Rainer Thomann im vorliegenden Buch, der sich auf das Jahr 1917 konzentriert, kann bei seiner Darstellung der Zeit nach der Oktoberrevolution nur auf Sekund\u00e4rliteratur zur\u00fcckgreifen. Danach entsteht der Eindruck, dass sich die Lage in jedem Betrieb anders darstellte und die Ausf\u00fchrung der \u201eArbeitermacht\u201c von einem \u201esozialpartnerschaftlichen\u201c Miteinander \u00fcber offene Konflikte mit der Betriebsleitung bis zur \u00dcbernahme der wegen Materialmangels immer h\u00e4ufiger still liegenden Betriebe durch das Fabrikkomitee reichte. (Vgl. S. 350) Tats\u00e4chlich wurde die wirtschaftliche Situation immer katastrophaler, was in der Realit\u00e4t hie\u00df, dass die Arbeiter in der Regel einen Betrieb \u00fcbernahmen, dessen \u00dcberleben am Ende nicht gesichert werden konnte. Hinzu kam, dass bereits im November 1917 eine Diskussion dar\u00fcber begann, welche gesellschaftlichen Funktionen die Fabrikkomitees, Gewerkschaften und der inzwischen gegr\u00fcndete Oberste Volkswirtschaftsrat jeweils \u00fcbernehmen sollten. Im Januar 1918 wurde die Rolle der Fabrikkomitees als Organe der Gewerkschaften und damit auch ihre Unterordnung unter deren Kontrolle beschlossen; zeitgleich war ein Gesamtrussischer Rat f\u00fcr Arbeiterkontrolle gebildet worden, der ebenfalls die unabh\u00e4ngige Arbeit der betrieblichen Basiskomitees einschr\u00e4nkte. (Vgl. S. 341-351) Wie aber sah angesichts dieser \u201eBeschlusslage\u201c die Arbeit der Fabrikkomitees nun praktisch aus? Wer f\u00fchrte die den Arbeitern zugeschriebene Nationalisierung der Fabriken durch bzw. welche Organe waren noch daran beteiligt? Haben die Fabrikkomitees sich gegen ihre \u201eEntmachtung\u201c durch die Gewerkschaften gewehrt?<\/p>\n<p>Im Anschluss an eine Vorstellung des Buches \u201eAufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland\u201c am 3. Februar in Berlin waren sich die DiskutantInnen darin einig, dass die genauen Vorg\u00e4nge in den russischen Fabriken dieser Zeit und die tats\u00e4chliche Rolle der Fabrikkomitees weitgehend unbekannt sind. W\u00fcrden sich in den russischen Archiven Sitzungsprotokolle von 1918 finden, k\u00e4men wir vielleicht einer Antwort auf die Fragen danach n\u00e4her, welche Rolle die Fabrikkomitees in der russischen Revolution vor und nach dem Oktober 1917 tats\u00e4chlich gespielt haben. Das ist keine ganz unwichtige Frage, denn mit der Bestimmung des Charakters der Fabrikr\u00e4te steht und f\u00e4llt die Einsch\u00e4tzung des Charakters der ganzen russischen Revolution als antikapitalistisch-sozialistische Bewegung.<\/p>\n<p>Es ist zum einen das Verdienst des Buches, uns einen Teil dieser Dokumente zug\u00e4nglich gemacht zu haben; zum anderen, dass es eine Darstellung der russischen Revolution im Jahre 1917 enth\u00e4lt, die nicht, wie immer noch verbreitet, als Parteien- oder Str\u00f6mungsgeschichte, sondern als \u2013 im besten Sinne \u2013 Geschichte \u201evon unten\u201c geschrieben ist. Rainer Thomann gelingt es mit seinem Text, alte Gewissheiten oder Annahmen und sogar linke Mythen \u2013 wie die der Rolle der Bolschewistischen Partei als Unterdr\u00fcckerin der Fabrikkomitees \u2013 infrage zu stellen. (Vgl. S. 457) Seine pr\u00e4zise Darstellung der Vorg\u00e4nge auf dem Ersten Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress im Januar 1918 zeigt, wie die Konfliktlinien tats\u00e4chlich verliefen, und dass nicht nur die Bolschewiki eine Unterordnung der R\u00e4te unter die Gewerkschaften anstrebten. (Vgl. S. 351-364) Was hat also die betriebliche R\u00e4tebewegung tats\u00e4chlich zu Fall gebracht? Warum konnten die Akteure den eingeschlagenen Weg ihrer Emanzipation nicht fortsetzen? F\u00fcr Rainer Thomann liegt eine zentrale Erkl\u00e4rung im Klassengegensatz zwischen der Arbeiterbasis und den Funktion\u00e4ren der Parteien, die auch die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te dominiert h\u00e4tten. Mir scheint, diese Erkl\u00e4rung greift nicht nur zu kurz, sie geht auch in eine falsche Richtung. Dem Autor scheint selbst aufgefallen zu sein, dass mit dieser Deutung der Geschichte der Stein der Weisen noch nicht gefunden wurde, und er regt zu weiteren notwendigen Forschungen an. (Vgl. S. 453) Eine solche Haltung, die zum Weiterdenken auffordert, macht das Buch doppelt lesenswert. Ich w\u00fcrde es zur Pflichtlekt\u00fcre namentlich aller Bewegungslinken machen.<\/p>\n<p><em>* Renate H\u00fcrtgen, Historikerin und im Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen Ost West aktiv<\/em><\/p>\n<p>_________________________________________________________________<\/p>\n<p>[1] Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genie\u00dfen, mitunter h\u00e4tten diese neuen Gewerkschaften nur aus wenigen Personen bestanden, wie Helmut Altrichter schreibt (vgl. Helmut Altrichter: \u201eRussland 1917. Das Jahr der Revolution\u201c, Z\u00fcrich 1997, S. 282)<br \/>\n[2] Dies alles tats\u00e4chlich Realit\u00e4t werden zu lassen, war das Ergebnis harter politischer Auseinandersetzungen mit den Unternehmen, namentlich der Privatbetriebe, aber auch mit der Provisorischen Regierung, die eher halbherzig die Forderungen durchsetzen half.<br \/>\n[3] Vgl. Yvonne Hermann (1975): \u201eDemokratie und Selbstbestimmung im Konzept der russischen Oktoberrevolution\u201c, Gaiganz, S. 88ff.<br \/>\n[4] Vgl. A.M. Pankratowa (1976): \u201eFabrikr\u00e4te in Russland. Der Kampf um die sozialistische Fabrik\u201c, deutsche Erstausgabe, Frankfurt a.M. (Moskau 1923).<br \/>\n[5] Im vorliegenden Buch sind auf S. 471-506 auch die jeweiligen Vorworte der sowjetischen Ausgaben von 1979 und 1981 ins Deutsche \u00fcbersetzt. Ihr Erkenntniswert ist jedoch zweifelhaft, da sie nicht historisch-kritisch kommentiert werden.<br \/>\n[6] Es ging um die Frage des Zeitlohns im Gegensatz zum St\u00fccklohn. \u201eAkkord ist Mord!\u201c war eine Losung der Arbeiterbewegung nicht nur in Russland gewesen.<br \/>\n[7] Tarifverhandlungen gab es im Sommer 1917 in Russland nicht. Und da sich schon wenige Monate sp\u00e4ter die Gewerkschaft wie in allen staatssozialistischen L\u00e4ndern zu einer Staatsgewerkschaft entwickelte, muss r\u00fcckblickend festgestellt werden, dass die Arbeiterklasse in Russland und der SU bis 1990 keine organisierten autonomen Streik- und Tarifk\u00e4mpfe erlebt hat. Diese fehlende Arbeiterbewegungstradition muss bei der Einsch\u00e4tzung der aktuellen Situation in Russland immer mit gedacht werden.<br \/>\n[8] Dass eine Arbeiterkontrolle wie beabsichtigt im September 1917 noch immer nicht Realit\u00e4t geworden war, machen die internen Auseinandersetzungen dar\u00fcber deutlich, ob sich das Fabrikkomitee der Putilow-Werke an den vom Unternehmen beabsichtigten Massenentlassungen beteiligen sollte. \u201eKontrolle \u00fcber die Produktion bei gleichzeitiger Pflicht, die Interessen des Werks zu wahren\u201c, fasst Thomann den Konflikt, vor dem das FK stand, zusammen. Ebd., S. 263.<br \/>\n[9] Thomann verweist darauf, dass der tendenziell betriebsegoistischen Bewegung der gesellschaftliche Zusammenhang fehlte, um tats\u00e4chlich eine relevante gesellschaftliche Kraft zu werden; zudem h\u00e4tten sie zwar die Arbeiterkontrolle im Betrieb gefordert, jedoch nie die formal-juristische Eigentumsfrage gestellt. Vgl. ebd., S. 155<br \/>\n[10] Ein Arbeiter sagte auf der Petersburger Konferenz der Fabrikkomitees am 10. September 1917:\u201eAlle Parteien, die Bolschewiki nicht ausgeschlossen, versprechen den Arbeitern das Himmelreich auf Erden in hundert Jahren \u2026 Wir brauchen Ver\u00e4nderungen nicht erst in hundert Jahren, sondern jetzt sofort.\u201c Ebd., S. 246. Thomann zitiert A.M. Pankratowa 1976<br \/>\n[11] Das war lediglich ein Bruchteil der \u00fcber 9.500 Betriebe mit dreieinhalb Millionen Besch\u00e4ftigten in ganz Russland. Vgl. ebd., S. 348 und 248<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichte schreiben Dokumente zur Rolle der Fabrikkomitees in der russischen Revolution zug\u00e4nglich gemacht \u2013 Von Renate H\u00fcrtgen* Nach dem Sturz der Zarenherrschaft im Februar 1917&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[59],"tags":[],"class_list":["post-1495","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufstieg-und-fall-der-arbeitermacht-in-russland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1495","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1495"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7992,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1495\/revisions\/7992"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}