{"id":1529,"date":"2018-04-09T09:40:54","date_gmt":"2018-04-09T07:40:54","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1529"},"modified":"2025-08-28T07:52:09","modified_gmt":"2025-08-28T05:52:09","slug":"junge-welt-v-9-4-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2018\/04\/09\/junge-welt-v-9-4-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;Junge Welt&#8221;, v. 9.4. 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Revolution ist Kleinkram<\/strong><br \/>\n<strong>Eine Dokumentation geht \u00bbAufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland\u00ab nach und idealisiert diese<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht hat sich dieses Buch zuviel vorgenommen. Jedenfalls f\u00fcr eine einzige Publikation. Es versucht eine Geschichte des Jahres 1917 in Russland von unten, es ediert die Protokolle des Fabrikkomitees der Petersburger Putilow-Werke aus dem Revolutionsjahr, und es beansprucht, eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr zu finden, dass die Arbeitermacht, wie sie in der Februarrevolution zutage trat, schon ein Jahr sp\u00e4ter von den Bolschewiki relativ widerspruchslos liquidiert werden konnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der aufschlussreichste und gleichzeitig unbefriedigendste Teil des Buches ist die Dokumentenedition, die etwa 150 der knapp 700 Seiten einnimmt. Sie folgt einer sowjetischen Publikation von 1979, die Koautorin Anita Friedetzky in Teilen aus dem Russischen \u00fcbersetzt hat \u2013 leider nicht immer gut oder auch nur lesbar. Was soll zum Beispiel eine \u00bbAbschreibmaschinenkopie\u00ab (S. 512) sein? Ein \u00c4rgernis ist die vollkommen willk\u00fcrliche Transliteration russischer Texte ins Deutsche, die keiner irgendwie anerkannten Konvention folgt (\u00bbRewolutzija\u00ab), und ein echtes Hindernis der Umstand, dass die Titel russischsprachiger Sekund\u00e4rliteratur nicht etwa f\u00fcr diejenigen, die sie nutzen k\u00f6nnten, im Originaltext nach irgendeinem sinnvollen System \u2013 es gibt deren mehrere \u2013 in lateinische Buchstaben \u00fcbertragen wurden, sondern ins Deutsche \u00fcbersetzt. Davon hat niemand etwas: der Russischsprachige nicht, weil er die Titel erst wieder zur\u00fcck\u00fcbersetzen muss, um sie in der Bibliothek zu finden, der nicht Russischsprachige auch nicht, weil er die referenzierten Schriften ohnehin nicht versteht.<\/p>\n<p>Die Dokumente selbst zeigen eine Arbeiterklasse, die ihre betrieblichen Angelegenheiten selbstbewusst in die Hand nimmt, sich aber auch in Kleinigkeiten verrennt: Sitzungen lang wird dar\u00fcber diskutiert, wer eine Jobgarantie bekommen soll: Leute, die an die Front gehen, Leute, die ins Dorf wollen, um an der Fr\u00fchjahrsbestellung teilzunehmen? Warum die einen ja, die anderen nicht? Kann man vertreten, dass die eine Kategorie von Arbeitern in Schl\u00fcsselpositionen eine Lohnerh\u00f6hung durchsetzt, wenn andere leer ausgehen? Es geht um Wohnungsfragen und Brennstoffe, das ganze Programm der \u00bbM\u00fchen der Ebene\u00ab. Die Revolution ist die Resultante. Die hier dokumentierte Selbstverwaltung fand ihre Grenzen, wo ein gewaltsamer Zugriff auf das Eigentum der Bourgeoisie in der Logik der Entwicklung lag. Davor schreckten die Arbeiter zur\u00fcck. Mehrfach werden die b\u00fcrgerlichen Eigent\u00fcmer aufgefordert, f\u00fcr die Zulieferung von Rohstoffen f\u00fcr die selbstverwalteten Betriebe zu sorgen. Waren die Revolution\u00e4re von 1917 wirklich so naiv, vom Klassengegner zu erwarten, er werde eine Produktion subventionieren, die nicht mehr seinem Gewinn diente? Die Appelle zeigen, dass die Aussage der Autoren\/Herausgeber, die eigentliche Revolution sei die vom Februar 1917 gewesen, nicht der Oktober, differenziert zu betrachten ist.<\/p>\n<p>Gewiss, die These hat viel f\u00fcr sich. Tats\u00e4chlich wurde das zaristische System von Petersburger Arbeiterinnen und Arbeitern gest\u00fcrzt, ohne dass und bevor die sozialistischen Parteien sich dar\u00fcber im Klaren waren, was da \u00fcberhaupt im Gange war. Nur stellt sich, wenn man die Dokumente im Zeitablauf liest, auch heraus, dass die Putilow-Arbeiter, als es um die milit\u00e4rische Sicherung der Revolution ging, gern \u2013 und ohne Zwang \u2013 auf die F\u00fchrungserfahrung der Bolschewiki zur\u00fcckgriffen. Deren Bedeutungszuwachs nach dem Kornilowputsch und infolge der konterrevolution\u00e4ren Praxis der Provisorischen Regierung in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 1917 war keine Manipulation und keine Usurpation, sie entsprach den Bed\u00fcrfnissen der Massen, die sich ihre Revolution nicht stehlen lassen wollten, und denen die Bolschewiki als Leute gegen\u00fcbertraten, die wussten, was sie wollten, und wie sie es zu erreichen gedachten.<\/p>\n<p>Ein anderes Thema ist, was die Bolschewiki aus diesem Vertrauen gemacht haben: was daran die von den Autoren unterstellte Perfidie war, was dagegen objektiver Zwang der Verh\u00e4ltnisse. Ja, es stimmt, die Bolschewiki haben schon Anfang 1918 die Fabrikkomitees entmachtet, ein Jahr sp\u00e4ter war nicht mehr viel von ihnen \u00fcbrig. Jeder mit ein paar \u00bbbraunen B\u00e4nden\u00ab im Regal kann nachlesen, wie Lenin im Laufe des Jahres 1918 zum Advokaten einer Rekonstruktion der kapitalistischen Arbeitsverh\u00e4ltnisse unter dem politischen Patronat des Sowjetstaates wurde. Weil sie effizient waren und die neugeborene Sowjetrepublik nicht auf Dauer von der Pl\u00fcnderung der 1917 vorgefundenen Vorr\u00e4te leben konnte. Die einzigartige Erfahrung der Arbeiterselbstverwaltung des Jahres 1917 ging dabei vor die Hunde. Aber w\u00e4re das unter dem Druck der materiellen Not der Jahre 1918 und 1919 nicht ohnehin passiert? Sie hatte keine Chance, ihre Kapazit\u00e4ten zur Bew\u00e4ltigung der katastrophalen Wirtschaftskrise zu beweisen, aber sie bleibt eben auch den Beweis schuldig, dass sie es gekonnt h\u00e4tte. Die Herausgeber stehen auf der Seite der Petersburger Arbeiter von der Basis. Leider sind sie der Verlockung erlegen, diese Basisbewegung zu idealisieren. \u00bbEs war ein magischer Moment\u00ab, hei\u00dft es \u00fcber einen der Tage Ende Februar. Das, Genossen, ist Kino, und keine Geschichtserkenntnis.<\/p>\n<p><em>Reinhard Lauterbach<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Revolution ist Kleinkram Eine Dokumentation geht \u00bbAufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland\u00ab nach und idealisiert diese Vielleicht hat sich dieses Buch zuviel vorgenommen. 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