{"id":162,"date":"2015-03-16T17:33:42","date_gmt":"2015-03-16T16:33:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=162"},"modified":"2025-08-28T17:49:46","modified_gmt":"2025-08-28T15:49:46","slug":"junge-welt-vom-17-3-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/junge-welt-vom-17-3-2014\/","title":{"rendered":"&#8220;Junge Welt&#8221; vom 17.3.2014"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klassische Sozialrevolte<\/strong><br \/>\n<strong>Das Hauptwerk des Anarchisten Volin wurde neu aufgelegt<\/strong><br \/>\nDas Werk \u00bbDie unbekannte Revolution\u00ab entstand in den 1940er Jahren im franz\u00f6sischen Exil. Der russische Anarchist Volin (1882\u20131945, eigentlich: Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum) schildert darin die Revolutionen von 1905 und 1917 in Ru\u00dfland sowie den sich anschlie\u00dfenden B\u00fcrgerkrieg von 1917 bis 1921 aus libert\u00e4rer Sicht. Das 1947 posthum von \u00bbFreunden Volins\u00ab in Paris herausgegebene Buch blieb zun\u00e4chst relativ unbeachtet, erfreute sich aber in der 1968er Studentenrevolte wachsender Beliebtheit und gilt mittlerweile als klassische Schrift zur Geschichte der Sozialrevolten.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Chronist der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Volin beschreibt die revolution\u00e4ren Ereignisse nicht als Au\u00dfenstehender, sondern als Beteiligter. Es finden sich daher bei ihm zahlreiche Detailinformationen, die sonst in keiner historischen Arbeit auftauchen. Als junger Student im Umfeld der russischen Sozialrevolution\u00e4ren Partei politisiert, war Volin \u2013 nach eigenen Angaben \u2013 in den Revolutionswirren von 1905 Mitbegr\u00fcnder des ersten Petrograder Sowjets und entwickelte sich nach R\u00fcckkehr aus franz\u00f6sischem und US-amerikanischem Exil 1917 zu einem f\u00fchrenden anarchistischen Agitator. Nach der Niederschlagung der anarchistischen Bewegung, insbesondere der \u00bbSchwarzen Armee\u00ab des ukrainischen Bauernf\u00fchrers Nestor Machno (1888\u20131934) durch die Rote Armee, wurde Volin 1921 aus Sowjetru\u00dfland ausgewiesen, lebte ab Januar 1922 zun\u00e4chst in Berlin und ab 1925 in Frankreich. W\u00e4hrend der faschistischen Besatzung des Landes nahm er an der R\u00e9sistance teil und starb im September 1945 in Paris an Tuberkulose.<\/p>\n<p>Volin ist in erster Linie als Chronist der Revolution zu lesen, in theoretischer Hinsicht ist sein Buch fragw\u00fcrdig. Seine revolution\u00e4re Programmatik beschr\u00e4nkt sich ausschlie\u00dflich auf den gesellschaftlichen \u00dcberbau, d.h. den Staat. Das ist nicht verwunderlich \u2013 der Autor wurde ma\u00dfgeblich durch den Widerstand gegen den repressiven zaristischen Absolutismus gepr\u00e4gt. Die Schilderung des \u00bbKnutenregimes\u00ab, der \u00bbUnf\u00e4higkeit und Gleichg\u00fcltigkeit des Zaren Nikolaus\u00ab, des \u00bbKretinismus und die Korruption seiner Minister\u00ab und des zwangsl\u00e4ufigen Heranreifens einer revolution\u00e4ren Situation geh\u00f6rt zu den besten Abschnitten seines Buches. Volin beschreibt au\u00dferdem zutreffend das v\u00f6llige Versagen der reformistischen Linken nach dem Sturz des Zarismus in der russischen Februarrevolution 1917 und den daraus resultierenden Aufstieg der Bolschewiki.<\/p>\n<p>Volin waren die Marxsche Definition des Staates als Instrument der Klassenherrschaft und die daraus resultierende These vom Absterben des Staates nach Aufhebung der Klassengegens\u00e4tze offensichtlich nicht gel\u00e4ufig. Auf die revolution\u00e4re Zerschlagung staatlicher Strukturen sollte seiner Ansicht nach sofort eine \u00bbnat\u00fcrliche und freie \u00f6konomische und soziale Aktivit\u00e4t der Assoziationen der Arbeiter\u00ab folgen und die soziale Revolution vollenden. Eine Parteienherrschaft betrachtete er als neue Form der Despotie und beschrieb einmal aus dieser Sicht die kommunistische Regierung der Sowjetunion als \u00bbeine Variante des faschistischen Regimes\u00ab.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend andere russische Anarchisten ihre ideologischen Differenzen mit den Bolschewiki im B\u00fcrgerkrieg nach der Oktoberrevolution zur\u00fcckstellten und sich auf deren Seite schlugen, lehnte Volin das Fortbestehen staatlicher Organisation als Verrat an der Revolution ab. Er sah sich darin best\u00e4rkt, als die Rote Armee im B\u00fcrgerkrieg zwar zeitweilig gemeinsam mit anarchistischen Einheiten gegen die zaristische und b\u00fcrgerliche Konterrevolution k\u00e4mpfte, am Ende aber konsequent alle bewaffneten Gruppierungen zerschlug, die die sowjetrussische Regierung nicht anerkannten. Die Darstellung der Matrosenrevolte von Kronstadt Anfang 1921 sowie der K\u00e4mpfe von Machnos anarchistischer Bauernarmee, an denen Volin selbst teilnahm, machen einen Gro\u00dfteil des Buches aus.<\/p>\n<p>Volin schildert die bewaffnete Erhebung der ukrainischen Bauern richtig als Sozialrevolte gegen das Fortbestehen feudaler Besitzverh\u00e4ltnisse sowie gegen die permanente Auspl\u00fcnderung ihrer D\u00f6rfer durch ausl\u00e4ndische Interventen und B\u00fcrgerkriegsarmeen. Die Ursachen ihrer Niederlage gegen die Rote Armee sah Volin in der allgemeinen Schw\u00e4che der anarchistischen Bewegung sowie in der Trunksucht und pers\u00f6nlichen Launenhaftigkeit Machnos.<\/p>\n<p><strong>Theoretische Widerspr\u00fcche<\/strong><\/p>\n<p>Er deutet allerdings nur an, da\u00df die von Machno und dessen Beratern angestrebte freie Assoziation b\u00e4uerlicher Kommunen in der S\u00fcdukraine mit dem radikalen Industrialisierungsprogramm der Bolschewiki kaum vereinbar gewesen w\u00e4re. Zu den Widerspr\u00fcchen in seinem Buch z\u00e4hlt, da\u00df Volin einerseits mehrfach den Zwangscharakter der Arbeit in der Sowjetunion beklagt, grunds\u00e4tzlich aber andererseits einer Industrialisierung keineswegs ablehnend gegen\u00fcbersteht. Seine Prophezeiung, das von den Bolschewiki durchgesetzte Modernisierungsprogramm werde rasch scheitern, kann aus heutiger Sicht nur Kopfsch\u00fctteln hervorrufen \u2013 die Sowjetunion stieg bekanntlich innerhalb kurzer Zeit zu einer Weltmacht auf und blieb es jahrzehntelang. Sie brach erst lange nach Volins Tod zusammen \u2013 aus ganz anderen Gr\u00fcnden als er vorhergesagt hatte.<\/p>\n<p>Machnos Revolution\u00e4re Aufstandsarmee der Ukraine (RPAU) trug anfangs zum Sieg der Roten Armee gegen konterrevolution\u00e4re Truppen, gegen b\u00fcrgerliche ukrainische Nationalisten und deutsche Interventen bei. Die Frage bleibt: H\u00e4tte es 1921 zu einer langfristigen Verst\u00e4ndigung zwischen der sowjetrussischen Regierung und den aufst\u00e4ndischen Bauerngemeinden der Ukraine kommen k\u00f6nnen? Vielleicht. Immerhin endete etwa zeitgleich in Mexiko ein zehnj\u00e4hriger B\u00fcrgerkrieg mit einem bis zum Ende des Jahrhunderts funktionierenden Kompromi\u00df zwischen dem liberalen st\u00e4dtischen B\u00fcrgertum und den Resten von Emiliano Zapatas (1879\u20131919) Bauernarmee. Das steht aber nat\u00fcrlich nicht in Volins Buch.<\/p>\n<p>Den Artikel finden Sie unter: http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/03-17\/056.php<\/p>\n<p><strong>Gerd Bedszent<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klassische Sozialrevolte Das Hauptwerk des Anarchisten Volin wurde neu aufgelegt Das Werk \u00bbDie unbekannte Revolution\u00ab entstand in den 1940er Jahren im franz\u00f6sischen Exil. 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