{"id":1744,"date":"2018-10-11T14:58:07","date_gmt":"2018-10-11T12:58:07","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1744"},"modified":"2025-08-28T07:50:05","modified_gmt":"2025-08-28T05:50:05","slug":"express-nr-89-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/express-nr-89-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;express&#8221; Nr. 8\/9 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eAus Parteilegenden kann man keine Lehren ziehen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Willy Huhn (1909-1970) \u2013 Kritiker des Nationalismus, der Sozialdemokratie und des Bolschewismus.<\/p>\n<p><em>Von Torsten Bewernitz<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Biografien wie die hier vorliegende zu dem R\u00e4tekommunisten Willy Huhn sind wichtig, weil sie einen Mythos untergraben, der die Wahrnehmung von \u201e1968\u201c bis heute pr\u00e4gt: dass es sich bei den Ereignissen der langen 1960er Jahre um einen Bruch handeln w\u00fcrde, der ein Abschied von der Arbeiterbewegung und eine Hinwendung zu vermeintlich \u201epostmaterialistischen\u201c neuen Bewegungen w\u00e4re. Nat\u00fcrlich gab es diese Aspekte des Bruchs, aber 1968 ist nicht zu verstehen, ohne auch die Kontinuit\u00e4ten zu betrachten, auf denen dieser globale Revolutionsversuch basierte (s. dazu Gregor Kritidis\u2018: \u201eLinkssozialistische Opposition in der \u00c4ra Adenauer\u201c). Dabei war Huhn kein typischer 1968er, aber er war eben einer von jenen vielen wichtigen Stichwortgebern aus der \u201ealten\u201c Arbeiterbewegung, die daf\u00fcr sorgten, dass die Bewegungen der sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahre auch in dieser Tradition stehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Willy Huhn, 1909-1970<\/em><\/p>\n<p>Die Familie des 1909 geborenen Willy Huhn siedelt 1919 von Metz nach Berlin \u00fcber. Huhn, der sehr unter seinem autorit\u00e4ren und gewaltt\u00e4tigen Vater, einem deutschnationalen Polizeibeamten, gelitten hat, emanzipiert sich von diesem w\u00e4hrend seiner Buchh\u00e4ndlerlehre (S. 35-37) und beginnt sich politisch und gewerkschaftlich zu engagieren. Der Nationalsozialismus f\u00fchrt zur Vereinzelung in innerer Emigration, Huhn wird zum einsamen Theoretiker in seiner Privatbibliothek. Dabei blieb er von Repression weitgehend verschont: Zwar kam es zu Hausdurchsuchungen und 1935 wurde Willy Huhn auch als Mitglied der Roten K\u00e4mpfer verhaftet, konnte jedoch glaubhaft machen, diesen niemals angeh\u00f6rt zu haben. Huhns Asthma bewahrte ihn vor dem Kriegsdienst, er wurde lediglich 1939\/40 dienstverpflichtet, sein Wehrdienst wurde 1942 aus dem gleichen Grund abgebrochen. Seine Bildungsarbeit nimmt er nach dem Zweiten Weltkrieg in der SBZ f\u00fcr verschiedene SED-Bildungseinrichtungen in Berlin und Th\u00fcringen wieder auf, bevor es zum Bruch kommt und er 1948 nach Westberlin \u00fcbersiedelt. Als Dozent an der Hochschule f\u00fcr Politik (dem sp\u00e4teren Otto-Suhr-Institut) und Redakteur verschiedener linkssozialistischer Zeitungen wird er zu einem Stichwortgeber der Au\u00dferparlamentarischen Opposition und nimmt in diesem Rahmen neue Themen auf, wie vor allem die Kritik auch der \u201efriedlichen\u201c Atomkraftnutzung (S. 177-183). Huhn verstirbt nach l\u00e4ngerer Krankheit am 17. Februar 1970.<\/p>\n<p>Jochen Gesters Biografie Willy Huhns besteht eigentlich zwei B\u00fcchern, genau genommen sind es sogar drei: eine knapp 200-seitige Biografie, fast 400 Seiten Texte von Willy Huhn und knapp 200 Seiten weitere Beitr\u00e4ge von Willy Huhn auf einer Daten-CD. Willy Huhn ist, so Jochen Gester, ein der heutigen Linken weitgehend Unbekannter. 2003 hat zwar der Freiburger \u00c7a-Ira-Verlag Huhns Hauptwerk \u201eDer Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus\u201c neu herausgegeben, nicht jedoch, ohne ein spitzes Nachwort zu den vermeintlichen Problemen in Huhns Denkens hinzuzuf\u00fcgen \u2013 das Faible der sogenannten \u201eAntideutschen\u201c f\u00fcr den R\u00e4tekommunismus habe ich angesichts der Widerspr\u00fcche dieser beiden Denkschulen (Angst vor der Masse\/Hoffen auf die Masse) nie nachvollziehen k\u00f6nnen. Wenn ich dieses Interesse interpretieren sollte, so findet sich die \u00dcberschneidung darin, dass der R\u00e4tekommunismus zu einer starken Theoretisierung neigt und in aktuelle K\u00e4mpfe nur wenig eingreift, sondern eine beobachtende Position einnimmt. Er ist dabei allerdings immer auf der Suche nach revolution\u00e4rem Handlungspotential, w\u00e4hrend die \u201eantideutsche\u201c Ideologieschule nach Belegen daf\u00fcr sucht, dass die Masse strukturell reaktion\u00e4r ist und bleiben wird.<\/p>\n<p>Willy Huhn ist einer zweiten Generation der R\u00e4tekommunisten zuzurechnen: W\u00e4hrend die Begr\u00fcnderInnen der Schule \u2013 Rosa Luxemburg, Anton Pannekoek, Karl Korsch, eingeschr\u00e4nkt aufgrund der sp\u00e4teren Geburt auch Paul Mattick \u2013 oftmals durch eine sozialdemokratische Parteiaktivit\u00e4t und die Beteiligung an der Revolution 1918\/19 gepr\u00e4gt sind, wird der b\u00fcrgerliche Metzer Offizierssohn erst in der sp\u00e4teren Weimarer Zeit aktiv. Jochen Gester schildert den Weg dahin von der Revolte gegen den autorit\u00e4ren Vater \u00fcber die Jugendgruppe des (im ADGB organisierten) Zentralverbands der Angestellten zum Engagement in der SAP und bei den Roten K\u00e4mpfern, denen Gester einen ausf\u00fchrlichen Exkurs widmet (S. 60-78). Seinem famili\u00e4ren Hintergrund entsprechend und vielleicht auch den M\u00f6glichkeiten der Zeit geschuldet, ist Huhns Engagement theoretischer Natur, Jochen Gester nennt ihn einen \u201eauf eine Gelehrtenexistenz begrenzten Autodidakten\u201c (S. 90). Das \u00e4ndert sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Huhn schreibt f\u00fcr die Pro und Contra, Neues Beginnen und den Funken und erlebt als Stichwortgeber der republikanischen Clubs einen zweiten Fr\u00fchling mit jungen Leuten, die sich f\u00fcr seine Geschichte und sein Denken interessieren. Zu seinen klassischen Themen \u2013 der Kritik des Nationalismus, der Sozialdemokratie und des Bolschewismus \u2013 kommen neue Themen wie die Nutzung der Atomenergie. L\u00e4ngst war Willy Huhn zu diesem Zeitpunkt bereits aus der SPD ausgeschlossen, ein Ausschluss, der sich von 1951 bis 1954 erstreckte.<\/p>\n<p><em>Querulant mit Charakter<\/em><\/p>\n<p>Dieser lange Prozess weist auf einen Charakterzug Huhns hin, der in politischen Kreisen nicht selten ist und, auch wenn wahrscheinlich viele LeserInnen ein Lied \u00fcber anstrengende KollegInnen und GenossInnen zu singen verm\u00f6gen, auch nicht ausschlie\u00dflich negativ zu beurteilen ist: Ganz offenbar handelte es sich bei Willy Huhn um einen notorischen Querulanten. Das zeigen vor allem seine Auseinandersetzungen mit dem Zentralkomitee der SED w\u00e4hrend seiner kurzen Karriere in der Erwachsenenbildung der DDR (S. 121-129) wie auch der recht lang andauernde Prozess des Parteiausschlusses aus der westdeutschen SPD (1951-1954, S. 164-171), aber auch die Querelen um die linkssozialistische Pro und Contra. Klein beigeben war offenbar gar nicht Willy Huhns Art. Seine Kritik an der SED zwang ihn 1948 zum illegalen Umzug nach Westberlin, denn in Ostberlin f\u00fchlte er sich \u201eim Hinblick auf gewisse kritische Arbeiten \u00fcber Russland und den Bolschewismus nicht mehr sicher\u201c (S. 129). Im Falle des Parteiausschlusses aus der SPD ging es im Wesentlichen um seine Analysen der historischen Rolle der Sozialdemokratie, in diesem Sinne verlangte er auch von der SPD selber, sich dieser Geschichte zu stellen, anstatt Parteilegenden aufzubauen oder zu reproduzieren.<\/p>\n<p>Dass die Analyse der historischen Rolle der Sozialdemokratie ein Schwerpunkt in den Schriften Huhns war, zeigt auch der zweite Teil des Buches mit den Beitr\u00e4gen Huhns. Huhn kritisiert an der Geschichte der Sozialdemokratie eine Fixierung auf einen autorit\u00e4ren Staat, begonnen bei Lassalles Vorstellungen der staatlich gef\u00f6rderten Arbeitergenossenschaften \u00fcber die Idee des \u201eVolksstaats\u201c bis zum \u201eKriegssozialismus\u201c, der Idee also, dass die preu\u00dfische Organisation des Ersten Weltkriegs Vorbild f\u00fcr den Sozialismus sei. Konsequenz dessen, so Huhn, konnte nur ein \u201enationaler Sozialismus\u201c sein und letztlich der Nationalsozialismus. Huhn schildert also die Entstehung des Nationalsozialismus auch aus den Ideen und Ideologien der Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Huhns zweiter Schwerpunkt, die Kritik des Bolschewismus, kann als Fortsetzung ebendieser Analyse gesehen werden, denn was f\u00fcr Lassalle und Kautsky gilt, gilt f\u00fcr Lenin und Trotzki nicht weniger. Die Auseinandersetzungen mit Trotzki f\u00fchren zum Bruch mit Ernest Mandel und zur Aufgabe des Redakteurspostens in der Pro und Contra: Trotzkis Rolle in der russischen Revolution setzt Huhn mit der Rolle Noskes in der deutschen Revolution gleich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Huhn ist die Niederk\u00e4mpfung der deutschen Revolution, um die S\u00e4ulen der Weimarer Republik \u2013 \u00f6konomischer Burgfrieden, politischer Burgfrieden und Kriegssozialismus \u2013 zu etablieren, der Vorl\u00e4ufer des Nationalsozialismus. Die absurde Achse Lenin-Hindenburg, wie Rosa Luxemburg die Kollaboration Russlands und Deutschlands genannt hat, setzt sich im Hitler-Stalin-Pakt fort.<\/p>\n<p><em>Der \u201epolitische Kompass\u201c<\/em><\/p>\n<p>Zwischen dem r\u00e4tekommunistischen Engagement in der Weimarer Zeit und dem Engagement in der Neuen Linken im langen 1968 liegt freilich unter anderem auch die Zeit des Nationalsozialismus. In den beginnenden 1940er Jahren entsteht aus Huhns Geschichtsfatalismus die zeitlich begrenzte \u201eEinsicht\u201c, dass das nationalsozialistische Deutschland eine bestimmte historische Rolle habe, u.a. die Niederschlagung der englischen Vorherrschaft, dass infolgedessen der Russlandfeldzug notwendig sei und der Sieg Deutschlands das richtige Ziel. Der Nationalsozialismus sei die bessere Alternative zum Liberalismus, so der Grundtenor dieses kurzzeitigen \u201epolitischen Schwenks\u201c, den Jochen Gester als \u201eVerlust des politischen Kompass\u201c bezeichnet (S. 90-101).<\/p>\n<p>Obwohl die deutsche und niederl\u00e4ndische r\u00e4tekommunistische Tendenz in ihren Theorien mehr Wert auf freiheitliche und Selbstverwaltungsaspekte legt als Sozialdemokratie und Bolschewismus, so teilt sie mit diesen beiden doch einen historischen Determinismus (wenn auch ohne die \u00fcbliche naturalistische Begr\u00fcndung) und radikalisiert den daraus resultierenden Fatalismus und Attentismus noch; der niederl\u00e4ndische Kommunist Henk Sneeviet sprach diesbez\u00fcglich einmal von den \u201eKlosterbr\u00fcdern des Marxismus\u201c. Bez\u00fcglich der Problematik von Nationalismus und Faschismus f\u00fchrte genau diese fatalistische Haltung zu dem \u201eVerlust des politischen Kompass\u201c: Angesichts der Weltwirtschaftskrise, die in diesen Kreisen nicht selten als \u201eTodeskrise des Kapitalismus\u201c falsch eingesch\u00e4tzt wurde, galten den R\u00e4tekommunisten die faschistischen Regime als notwendige Begleiterscheinung des Kapitalismus und wurden als vermeintlich vor\u00fcbergehende Beschleuniger dieser Krise teilweise sogar begr\u00fc\u00dft. Als historisch-materialistische Notwendigkeit entsprachen sie, trotz ideologischer und ethischer Ablehnung ihrer Ideologie, einer \u201ewirklichen Bewegung\u201c der widerspr\u00fcchlichen Kr\u00e4fte des Kapitals. Von dieser Denkfigur aus ist es gedanklich und emotional nur noch ein kleiner Schritt, den Willy Huhn tun muss, um den Nationalsozialismus zu verteidigen.<\/p>\n<p>Offensichtlich hat dieser Kompass allerdings des \u00d6fteren ziemlich verr\u00fcckt ausgeschlagen. Ohne der v\u00f6lligen Verurteilung Huhns als Antisemiten, die die Herausgeber seines Buches \u201eDer Etatismus der Sozialdemokratie\u201c (ca ira 2003) nahelegen, zustimmen zu k\u00f6nnen, kann ich doch auch Jochen Gesters Verteidigung Huhns nicht zustimmen. Zuviel von Huhns Argumentation ist hier klischeem\u00e4\u00dfig abgeschmackt: \u201eSemiten\u201c seien sprachlich eben auch die AraberInnen, es ginge nicht um ein \u201eVolk\u201c, sondern um eine \u201eReligion\u201c&#8230; \u2013 das sind nicht gerade starke Argumente gegen einen Antisemitismusvorwurf. Auch Huhns Kritik an Luther (S. 594-604) als Antisemiten ist wenig \u00fcberzeugend, um seinen eigenen Antisemitismus zu entkr\u00e4ften. Wenn Huhn auf eine spezifisch j\u00fcdische Geschichte eingeht und schlussfolgernd aus dieser suggestiv fragt \u201eSind sie wirklich in diesem Sinne unschuldig an allem, was von 1933 bis 1945 geschah?\u201c (S. 186) und sogar noch weiter geht, dass \u201eeine soziale Gruppe wie die Juden\u201c aus ihrer Geschichte heraus besonders anf\u00e4llig f\u00fcr rassistische Deutungen und Faschisierung sein m\u00fcsse (S. 187), so kann man das nur Antisemitismus nennen.<\/p>\n<p>Fragw\u00fcrdig ist auch Huhns Mitarbeit an dem Querfront-Projekt Neue Politik, einer im Hamburg der 1950er\/1960er erscheinenden Zeitung, die wohl am ehesten als \u201enationalrevolution\u00e4r\u201c zu bezeichnen ist \u2013 damit steht Huhn jedoch nicht allein, zahlreiche renommierte Linke (etwa Paul Mattick) schreiben hier. Vergleichbar ist das vielleicht mit \u00c4u\u00dferungen Noam Chomskys oder Johan Galtungs heute in neokonservativen und sogar rechtsextremen Medien.<\/p>\n<p>Wir finden also einen notorischen Querulanten, dessen Judenbild fragw\u00fcrdig ist, der f\u00fcr eine kurze Zeit im Nationalsozialismus die geschichtlich fortschreitende Kraft zu finden glaubt und auch in der Bundesrepublik noch in Querfront-Zusammenh\u00e4ngen schreibt. Aber das ist nur eine Seite der Bilanz. Huhns Analysen der Sozialdemokratie, des Bolschewismus und Trotzkismus wie auch seine historischen Analysen (gerne h\u00e4tte ich die nicht mit in die Auswahl genommenen Analysen des T\u00e4uferreichs zu M\u00fcnster und des ostdeutschen Generalstreiks 1953 gelesen), auch der Gro\u00dfteil seiner Biografie und vor allem sein Engagement in den Bewegungen um 1968, lassen eben deutlich den Menschen erkennen, der \u201eauf der Suche nach Rosas Erbe\u201c war. Wer sucht, verl\u00e4uft sich auch manchmal, das sollte man niemandem vorwerfen. Und wer heute noch nach dem Erbe Rosa Luxemburgs sucht, der sollte bei seiner Suche auch die Schriften Willy Huhns einbeziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAus Parteilegenden kann man keine Lehren ziehen\u201c Willy Huhn (1909-1970) \u2013 Kritiker des Nationalismus, der Sozialdemokratie und des Bolschewismus. 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