{"id":1747,"date":"2018-10-11T15:03:19","date_gmt":"2018-10-11T13:03:19","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1747"},"modified":"2025-08-28T07:50:05","modified_gmt":"2025-08-28T05:50:05","slug":"arbeit-bewegung-geschichte-iii-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/arbeit-bewegung-geschichte-iii-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;Arbeit.Bewegung.Geschichte&#8221; III \/ 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;. . . ein Vielschreiber und anregender Theoretiker. Gerade dort, wo er wie ein Terrier sich in weiterf\u00fchrende Fragestellungen verbiss und zu Widerspruch herausforderte.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Gregor Kritidis<\/em><\/p>\n<p>Der Berliner R\u00e4tesozialist Willy Huhn geh\u00f6rt zu den marxistischen Theoretikern in Deutschland, die nach 1945 an die Traditionen der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik ankn\u00fcpften und ihre historische Erfahrungen an die j\u00fcngere Generation weiter vermittelten. Obwohl er insbesondere Mitglieder des Berliner SDS beeinflusste, sind seine Schriften weitgehend unbekannt. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass Huhns politischen Positionen quer zu den vorherrschenden Str\u00f6mungen der politischen Linken in Deutschland liegen und sich gegen\u00fcber politischer Instrumentalisierung sehr sperrig verhalten. Vor diesem Hintergrund ist es zu begr\u00fc\u00dfen, dass Jochen Gerster einen gro\u00dfen Teil der Texte aus dem Nachlass Huhns im Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte in Amsterdam dem deutschsprachigen Publikum zug\u00e4nglich gemacht hat. Um den Umfang des Buches zu begrenzen, sind rund 200 Seiten Text auf CD-ROM beigef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Die Probleme der Huhn-Rezeption in Deutschland zeigen sich beispielhaft an der Ver\u00f6ffentlichung von Huhns Kritik an der Sozialdemokratie in dessen 2003 neu im ca ira-Verlag herausgegebener Schrift \u201eDer Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus\u201c. Kommentatoren charakterisieren die Sozialdemokratie unter R\u00fcckgriff auf Huhns \u00dcberlegungen \u00fcberhistorisch als sozialfaschistische Kraft und entsorgen den Marxismus als eine den Antisemitismus f\u00f6rdernde Theorie gleich mit.<\/p>\n<p>Derart zweifelhafte Thesen und Schl\u00fcsse sind jedoch wenig geeignet, eine Auseinandersetzung mit den Anschauungen Willy Huhns anzuregen.<\/p>\n<p>Jochen Gester geht einen anderen Weg. Seine Intention besteht darin, Willy Huhn selbst zu Wort kommen zu lassen und sich mit eigenen Deutungen in seiner fast 200seitigen biographischen Skizze eher zur\u00fcck zu halten. Darin besteht sowohl eine St\u00e4rke als auch eine Schw\u00e4che, denn der Werdegang Huhns als auch seine Schriften fordern geradezu zur Kritik, Diskussion und Reflexion heraus.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Willy Huhn, 1909 als Sohn eines preu\u00dfischen Kriminalbeamten geboren, verbrachte seine vom \u201epolizeilichen\u201c Patriarchat (S. 23) gepr\u00e4gte Jugend in Berlin. Fr\u00fch wandte er sich der antiautorit\u00e4ren, r\u00e4tesozialistischen Arbeiterbewegung zu und arbeitete sich autodidaktisch aus der geistigen Enge des Elternhauses heraus. Huhn absolvierte eine kaufm\u00e4nnische Lehre und wurde Mitglied im sozialdemokratischen Zentralverband der Angestellten. In dessen Jugendgruppe in Pankow-Sch\u00f6nhausen erhielt er die Impulse, die ihn zur SAP sowie zu den r\u00e4tesozialistischen Roten K\u00e4mpfern f\u00fchrten. Deren Vordenker wie Bernhard Reichenbach und Karl Schr\u00f6der kn\u00fcpften an die R\u00e4tebewegung der Novemberrevolution an und positionierten sich gleicherma\u00dfen gegen den Reformismus der SPD und den Bolschewismus der KPD.<\/p>\n<p>Angesichts des Verfolgungsdrucks w\u00e4hrend des Faschismus zog sich Huhn immer mehr in seine Privatbibliothek zur\u00fcck und begann, das Scheitern der Arbeiterbewegung zu analysieren. In den Fokus r\u00fcckte er dabei insbesondere den autorit\u00e4ren, etatistischen Fl\u00fcgel der Sozialdemokratie. Er zeichnete dabei ideologiekritisch den positiven Bezug auf den nationalen Staat von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg \u00fcber die Burgfriedenspolitik und das B\u00fcndnis mit den alten Eliten bis zur Kapitulation am Ende der Weimarer Republik nach. Die Ursache f\u00fcr die Hegemonie des Staatssozialismus machte Huhn in den realen Widerspr\u00fcchen aus, denen die Sozialdemokratie des Kaiserreiches ausgesetzt gewesen sei Einerseits hatte sie gegen die feudale Oberschicht den Standpunkt der radikalen liberalen Demokratie zu vertreten, andererseits musste sie sich gegen das wirtschaftsliberale B\u00fcrgertum antiliberal positionieren (S. 78). Mit ihrem positiven Staatsbezug habe die Sozialdemokratie objektiv die Ausdehnung der staatlichen B\u00fcrokratie in alle Bereiche der Gesellschaft und damit dem totalen Staat des Nationalsozialismus erm\u00f6glicht. Die SPD, so Huhn, \u201es\u00e4te den nationalen Sozialismus, aber erntete ihn nicht!\u201c (S. 89). Auch die KPD habe als radikalisierte Variante des Staatssozialimus ebenso zur Reproduktion etatistisch-autorit\u00e4rer Tendenzen beigetragen.<\/p>\n<p>Diese weitreichende Kritik an der alten deutschen Arbeiterbewegung kombinierte Huhn mit einer unbewu\u00dften Affirmation ihres philosophischen Idealismus, der dazu beitrug, seinen Ohnmachtsgef\u00fchlen den Status einer historischen Notwendigkeit zu geben. Aus seiner kritischen Analyse wurde unter der Hand eine historische Notwendigkeit des NS-Regimes, die in eine Affirmation des Regimes und seiner imperialistischen Eroberungskriege m\u00fcndete. Eine Br\u00fccke dazu bildet die doppelte Ablehnung sowohl des westlichen Liberalismus als auch des Bolschewismus, die f\u00fcr Huhn einen Sieg des Deutschen Faschismus w\u00fcnschenswert machte (S.87). Nicht bessere Einsicht, sondern chronisches Asthma hinderten Huhn schlie\u00dflich, am von ihm mit h\u00f6heren Weihen versehenen Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht aktiv teilzunehmen.<\/p>\n<p>Gester kommentiert einerseits recht n\u00fcchtern Huhns zunehmende Desorientierung: \u201eDer auf seine Gelehrtenexistenz beschr\u00e4nkte Autodidakt begann sich schrittweise der neuen politischen Umgebung anzupassen. So nahm ein ideologischer Wandlungsprozess seinen Lauf, an dessen Ende die geistige Kombattantenschaft zum \u201aUnternehmen Barbarossa\u2018 stehen sollte\u201c (S. 90). Andererseits bleibt er bei der Analyse dieser Wandlung sehr zur\u00fcckhaltend, obwohl sich mit einer solchen Analyse die Frage der Integration der Arbeiterbewegung in das NS-Regime neu aufschlie\u00dfen lie\u00dfe. Denn Huhns Konformismus war wohl nicht opportunistisch, sondern die Konsequenz eines \u00fcberspannten Idealismus&#8217;, der wider besseren Wissens versucht, dem Wirklichen das Vern\u00fcnftige abzugewinnen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr Huhns \u201eSchuldeingest\u00e4ndnis\u201c 1946, er habe \u201egegen\u00fcber der Hitler-Diktatur eine Art Tolerierungspolitik\u201c betrieben (S. 101). Auch ausgehend von dieser sich selbst entlastenden Formulierung, lie\u00dfen sich zahlreiche Fragen ankn\u00fcpfen. Etwa inwieweit nach 1945 \u00e4ltere Positionen ungefragt wieder aufgegriffen wurden. Gerade in der Person Huhns die Besch\u00e4digung des politisch-moralischen Identit\u00e4tskerns der alten Arbeiterbewegung mit H\u00e4nden greifbar.<\/p>\n<p>So ist es kein Zufall, dass nach 1945 alle Versuche einer r\u00e4tesozialistischen Reorganisierung scheiterten. Es war vor diesem Hintergrund die St\u00e4rke Huhns, in den Debatten der 1950er Jahre wichtige Elemente des R\u00e4tesozialismus zu aktualisieren: Die Betonung der ideellen und organisatorischen Eigenst\u00e4ndig- und Unabh\u00e4ngigkeit, die Kritik am Stalinismus und am liberalen Kapitalismus sowie an allen Formen autorit\u00e4rer Organisierung und b\u00fcrokratischer Herrschaft. Praktisch brachte ihn diese Positionierung in Widerspruch sowohl mit der SED \u2013 1948 zog er nach Westberlin\u2013 als auch mit der SPD, aus der er 1954 aufgrund seiner Redakteurst\u00e4tigkeit f\u00fcr die linkssozialistische Zeitschrift \u201epro und contra\u201c ausgeschlossen wurde. Stein des Ansto\u00dfes war neben einer Kritik am Krieg in Korea eine historisch zutreffende Artikelserie \u00fcber die Rolle der MSPD in der Novemberrevolution.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zeit des Kalten Krieges sind Huhns Texte ein wahrer Fundus kritischer Positionen, zumal er meist gegen den Mainstream der politischen Linken argumentierte und etwa als erster die \u201efriedlichen Nutzung\u201c der Atomenergie als Illusion bek\u00e4mpfte. Dass Gester Huhns dezidierten Antizionismus nicht ausspart, obwohl Huhn zu diesem Thema kaum publiziert hat, ist mehr den aktuellen Debatten geschuldet. Gester weist den Vorwurf, Huhn sei Antisemit, gest\u00fctzt auf zahlreiche Textbelege fundiert zur\u00fcck und versachlicht hiermit die Diskussion.<\/p>\n<p>Wer den umfangreichen, kaum erschlossenen Nachla\u00df Huhns kennt, kann ermessen, welcher Verdienst Gester zukommt, die Texte dieses originellen, sperrigen Denkers zug\u00e4nglich gemacht zu haben. Denn Huhn war ein Vielschreiber und anregender Theoretiker. Gerade dort, wo er wie ein Terrier sich in weiterf\u00fchrende Fragestellungen verbiss und zu Widerspruch herausforderte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;. . . ein Vielschreiber und anregender Theoretiker. 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