{"id":175,"date":"2015-03-16T18:27:12","date_gmt":"2015-03-16T17:27:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=175"},"modified":"2025-08-28T17:49:46","modified_gmt":"2025-08-28T15:49:46","slug":"dadda-web-dezember-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/16\/dadda-web-dezember-2013\/","title":{"rendered":"&#8220;DadDa-Web&#8221; Dezember 2013"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/DadA-Buchempfehlung\" target=\"_blank\">Die DadA-Buchempfehlung<\/a><br \/>\n<strong>Die unbekannte Revolution<\/strong><br \/>\nSeit dem Auftreten des Anarchismus als einer politischen Ideologie und Bewegung, etwa z.Z. der Franz\u00f6sischen Revolution, hat es kaum eine revolution\u00e4re Erhebung auf der Welt gegeben, an der sich die Anarchisten nicht beteiligt haben. Das historische Dilemma des Anarchismus ist nur: Das, was die Anarchisten wollen, ist revolution\u00e4r; aber jede Revolution, an der sie sich beteiligten, hat bisher die Niederlage der anarchistischen Bewegung zur Folge gehabt.<!--more--><\/p>\n<p>In der Geschichte der internationalen anarchistischen Bewegung markiert die russische Revolution von 1917\/18 einen tiefen Einschnitt, den der libert\u00e4re amerikanische Historiker Paul Avrich folgenderma\u00dfen charakterisiert:<\/p>\n<p>\u201eDie Revolution von 1917 war die erste Gelegenheit, bei der die Anarchisten den Versuch unternahmen, ihre Theorien in einem gr\u00f6\u00dferen (gesellschaftlichen) Ma\u00dfstab praktisch umzusetzen. Mit den Mitteln der &#8216;direkten Aktion&#8217;, der Enteignung und der Arbeiterkontrolle, des Guerillakrieges sowie der Errichtung von freien Kommunen bem\u00fchten sie sich, nach libert\u00e4ren Grunds\u00e4tzen eine neue Gesellschaft aufzubauen und ihre staatslose Vision Wirklichkeit werden zu lassen.\u201d <a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_note-0\" target=\"_blank\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Der Historiker st\u00f6\u00dft bei der Untersuchung des russischen Anarchismus, insbesondere was die Epoche der russischen Revolution von 1917\/18 und ihrer unmittelbaren Folgezeit angeht, auf verschiedene Schwierigkeiten. Zum einen sind diese Schwierigkeiten mit dem Untersuchungsgegenstand selbst verkn\u00fcpft. Aufgrund der traditionellen anarchistischen Ablehnung von formalen Organisationsstrukturen, lassen sich &#8211; im Gegensatz etwa zur Untersuchung der politischen Parteien &#8211; nur sehr schwer Erkenntnisse \u00fcber die tats\u00e4chliche St\u00e4rke der anarchistischen Bewegung gewinnen.<\/p>\n<p>Das zweite und weitaus gravierendere Problem, mit dem sich der zeitgen\u00f6ssische Historiker bei der Untersuchung besonders des russischen Anarchismus konfrontiert sieht, ist ideologischer Natur. Lange Zeit sind die russischen Anarchisten von den Historikern ignoriert worden. Wie kaum eine andere politische Minderheit hatten die Anarchisten unter dem &#8211; wie James Joll es formuliert &#8211; Erfolgskult der traditionellen Geschichtswissenschaft zu leiden, demzufolge nur politisch erfolgreiche Bewegungen das Interesse des Historikers verdienen.<a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_note-1\" target=\"_blank\">[2]<\/a> Politische Erfolge jedoch k\u00f6nnen die Anarchisten kaum f\u00fcr sich verbuchen. Sieht man einmal von der Spanischen Revolution (1936-1939) ab, in der es den Anarchosyndikalisten zumindest vor\u00fcbergehend gelang, zur dominierenden politischen und gesellschaftlichen Kraft der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen zu werden, so ist die Geschichte des Anarchismus insgesamt betrachtet eine Geschichte der politischen Niederlagen.<\/p>\n<p>Auch und gerade die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung bildet hinsichtlich dieser aus dem \u201eErfolgskult\u201c resultierenden verengten historischen Sichtweise keine Ausnahme. F\u00fcr die Behandlung der Rolle der anarchistischen Bewegung in der russischen Revolution von 1917\/18 durch die sowjetischen Historiker gilt Trotzkijs klassisches Verdammungsurteil der Menschewiki:<\/p>\n<p>\u201eIhr seid elende isolierte Einzelne. Ihr seid bankrott. Ihr habt Eure Rolle ausgespielt. Geht, wohin Ihr geh\u00f6rt: auf den Misthaufen der Geschichte!\u201d<a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_note-2\" target=\"_blank\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Hinweise \u00fcber einen aktiven, geschweige denn, konstruktiven Beitrag der russischen Anarchisten zur Oktoberrevolution lassen sich in der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung nicht finden; wohl aber ideologisch verzerrte Darstellungen, die in \u201ebester\u201c b\u00fcrgerlicher, aber auch klassisch marxistischer Tradition zumeist auf eine Gleichsetzung von Anarchismus und Terrorismus bzw. \u201eBanditentum\u201c hinauslaufen. So findet sich beispielsweise in der Gro\u00dfen Sowjetischen Enzyklop\u00e4die folgende Charakterisierung der anarchistischen Bewegung Russlands:<\/p>\n<p>\u201eDer Sieg der Gro\u00dfen Sozialistischen Oktoberrevolution hat in den Reihen der Anarchisten in Russland zu v\u00f6lliger Mi\u00dfstimmigkeit und Zersetzung gef\u00fchrt. Die F\u00fchrer der Anarchisten verwandelten sich in eine b\u00f6swillige Clique von Feinden des Sowjetstaats, des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, begaben sich auf den Weg der offenen Konterrevolution und des Banditismus.\u201d<a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_note-3\" target=\"_blank\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Bedingt durch die politische Verfolgung und physische Liquidierung der anarchistischen Bewegung Russlands durch die Bolschewiki, die schon kurz nach der Oktoberrevolution einsetzte, ihren H\u00f6hepunkt mit der Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Aufstands 1921 und ihren Abschluss in der Stalin\u00e4ra fand, gelangten nur wenige authentische Informationen \u00fcber die Aktivit\u00e4ten der russischen Anarchisten in den Westen. Dass die Geschichte des russischen Anarchismus wenigstens in ihren groben Konturen geschrieben werden konnte, ist vor allem den Berichten der wenigen anarchistischen Emigranten zu verdanken, denen es wie Arschinow, Maximoff und Volin gelang, Anfang der 20er Jahre Sowjet-Russland zu verlassen.<\/p>\n<p>Der M\u00f6glichkeit der direkten Agitation innerhalb Sowjet-Russlands beraubt, sahen sich diese Emigranten von der internationalen anarchistischen Bewegung in die Rolle der \u201eVerk\u00fcnder der Lehren\u201c der russischen Revolution gedr\u00e4ngt. Dass ihre Darstellungen der russischen Revolution sich zumeist auf eine Demaskierung und Anprangerung der bolschewistischen Terrorherrschaft beschr\u00e4nkten, ist angesichts der von ihnen erlittenen Repressionen durch die Bolschewiki durchaus verst\u00e4ndlich, war aber dem tieferen Verst\u00e4ndnis der Gr\u00fcnde, die das Scheitern der anarchistischen Bewegung Russlands bewirkten, nicht f\u00f6rderlich. Verallgemeinernd l\u00e4sst sich feststellen, dass in der anarchistischen Emigrantenliteratur der 20er und der fr\u00fchen 30er Jahre kaum der Versuch einer selbstkritischen Analyse des russischen Anarchismus gemacht wurde. Eine Ausnahme bildet das 1947 erschienene Werk La Revolution inconnue (Die unbekannte Revolution) von Volin, das die Geschichte der revolution\u00e4ren libert\u00e4ren Bewegungen in Russland und in der Ukraine f\u00fcr den Zeitraum von 1825 bis 1921\/22 dokumentiert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-176 size-medium\" src=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937-208x300.jpg\" alt=\"350px-Voline_1937\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937-208x300.jpg 208w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937-113x163.jpg 113w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937-200x289.jpg 200w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937-8x12.jpg 8w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937-104x150.jpg 104w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_1937.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der russische Anarchist Volin (Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum; 1882-1945).<br \/>\nDer Autor des Werkes war der aus b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen stammende russische Publizist Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum, geb. 1882, der unter seinem nom de guerre \u201eVolin\u201d sp\u00e4ter als Anarchist eine internationale Bekanntheit erlangte. Eichenbaum hatte in Sankt Petersburg Jura studiert und sich seit der Jahrhundertwende in der Arbeiterbewegung engagiert, indem er Bildungskurse f\u00fcr Arbeiter veranstaltete. Im Januar 1905 beteiligte er sich \u2013 nun unter dem Namen \u201eVolin\u201d (d.h. \u201eMann der Freiheit\u201d) \u2013 an der Revolution, die in St. Petersburg nach der blutigen Niederschlagung einer friedlichen Demonstration von 150.000 Arbeitern gegen das Zarenregime ausgebrochen war. Die spontane revolution\u00e4re Erhebung, die anf\u00e4nglich vor allem von Arbeitern und Soldaten der Hauptstadt getragen wurde, hatte sich schnell auch auf andere Landesteile ausgebreitet. In Volins Studentenzimmer wurde auf einer Sitzung von Delegierten aus verschiedenen Betrieben der erste Sowjet gegr\u00fcndet, der als permanenter Ausschuss den revolution\u00e4ren Widerstand der Arbeiterschaft aller Petersburger Betriebe organisieren sollte und zur Keimzelle der Sowjetbewegung wurde, die sich in der Februarrevolution 1917 dann landesweit entfalten sollte.<\/p>\n<p>Volin, der bis dahin parteilos gewesen war, war 1905 der Sozialrevolution\u00e4ren Partei beigetreten und hatte sich auch an der im Juli des folgenden Jahres in Kronstadt stattgefundenen revolution\u00e4ren Erhebung beteiligt. Nach der Niederschlagung des Aufstandes, der \u00fcberwiegend von Arbeitern und Soldaten getragen wurde, wurde Volin verhaftet und zur Verbannung nach Sibirien verurteilt. Aber es gelang ihm 1907 w\u00e4hrend seiner Deportation nach Sibirien zu fliehen. Er ging nach Paris ins Exil, wo er in Kontakt mit der anarchistischen Bewegung kam und sich um 1911 selber dem Anarchismus zuwendete. Doch auch in Frankreich bekam er wegen seines politischen Engagements die Repression der Beh\u00f6rden zu sp\u00fcren. So wurde er 1915 wegen seiner Antikriegsagitation zur Haft in einem Internierungslager verurteilt, der er sich durch die Flucht in die USA entziehen konnte. Er lie\u00df sich in New York nieder, wo es eine starke russische Community gab, und war dort f\u00fcr die russischsprachige anarchosyndikalistische Zeitschrift \u201eGolus Truda\u201c t\u00e4tig, die als das Organ \u201eUnion der russischen Arbeiter in den Vereinigten Staaten und Kanada\u201c erschien.<\/p>\n<p>Nach dem Ausbruch der Februarrevolution in Russland 1917 erlie\u00df die provisorische Regierung Russlands eine Generalamnestie. Diese erm\u00f6glichte es Volin gemeinsam mit der gesamten Redaktion von \u201eGolos Truda\u201c nach Russland zur\u00fcckzukehren, wo das Blatt als das Organ der \u201eAnarchosyndikalistischen Propaganda Union\u201c erst in Sankt Petersburg und ab M\u00e4rz 1918 in Moskau erschien, zu deren Leiter Volin ernannt wurde. Zum Redaktionsstab des Blattes, das als das wichtigste Sprachrohr der anarchistischen Bewegung in Russland betrachtet werden kann, geh\u00f6rten neben Volin auch solche prominenten russischen Anarchisten wie Gregori Maximow, Alexander Schapiro und Efim Yartschuk.<\/p>\n<p>Nachdem die Bolschewiki unter Lenin im Oktober 1917 durch einen Putsch die Staatsmacht an sich gerissen hatten, geriet die anarchistische Gruppe um \u201eGolos Truda\u201c ebenso wie alle anderen anarchistischen und \u00fcbrigen linken Organisationen in Russland, die nicht auf die Linie der Bolschewiki eingeschworenen waren, schon bald in Konflikt mit dem neuen Regime. Am 17. November 1917 erlie\u00df der Oberste Sowjet ein Gesetz, das den Bolschewiki die Kontrolle \u00fcber die gesamte Presse \u00fcbertrug und die Macht der Beh\u00f6rden bei der Unterdr\u00fcckung von oppositionellen Publikationen erweiterte. Im August 1918 wurde die zu der Zeit als Tageszeitung erscheinende \u201eGolus Truda\u201d von der bolschewistischen Regierung verboten.<\/p>\n<p>Die zunehmende Repression gegen die anarchistische Bewegung in Russland, bewog Volin Ende 1918 in die Ukraine zu gehen, wo er mit anderen Anarchisten die anarchistische F\u00f6deration der Ukraine gr\u00fcndete. 1919 schloss er sich in Odessa der b\u00e4uerlichen Partisanenarmee unter der F\u00fchrung des Anarchisten Nestor Machno an, die gegen die zarentreue Wei\u00dfe Armee und die deutschen und \u00f6sterreichischen Mittelm\u00e4chte k\u00e4mpfte. Mitte Januar 1920 wurde die nach ihrem F\u00fchrer benannte Machnowscina von der Rote Armee der Bolschewiki angegriffen und sah sich gezwungen, einen Zweifrontenkrieg zu f\u00fchren. Volin wurde von Agenten der bolschewistischen Regierung gekidnappt und entging nur knapp seiner von Trotzki angeordneten Hinrichtung. Im M\u00e4rz 1920 wurde Volin nach Moskau deportiert, wo er bis Oktober in Haft verblieb. Zu dieser Zeit hatte sich die milit\u00e4rische Lage f\u00fcr die Rote Armee verschlechtert, die eine Entlastung durch eine B\u00fcndnisvereinbarung mit Machno suchte, die Volin die Begnadigung und Haftentlassung brachte. Doch die Freiheit sollte nicht lange w\u00e4hren. Kaum war es der Roten Armee gelungen mit Hilfe der Machnowscina die Wei\u00dfe Armee zu besiegen, brachen die Bolschewiki im November 1920 ihr mit Machno getroffenes B\u00fcndnisabkommen und gingen in ihrem Machtgebiet erneut mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte gegen die anarchistische und anarchosyndikalistische Bewegung vor. Im Zuge dieser Verfolgung wurden Volin und viele seiner Genossen verhaftet und im ber\u00fcchtigten Taganka Gef\u00e4ngnis in Moskau inhaftiert, das schon zu Zeiten des Zaren als Haft- und Folterst\u00e4tte f\u00fcr politische Gefangene gedient hatte.<\/p>\n<p>Ihren H\u00f6hepunkt erreichte der bolschewistische Repression gegen die anarchistische Bewegung nach dem Kronst\u00e4dter Arbeiter- und Matrosenaufstand Aufstand im M\u00e4rz 1921. Im Sommer desselben Jahres fand in Moskau eine Tagung der sog. \u201eRoten Gewerkschafts-Internationale\u201d (RGI) statt, an der sich auch Delegierte ausl\u00e4ndischer anarchosyndikalistischer Organisationen beteiligten. Zur gleichen Zeit traten im Taganka-Gef\u00e4ngnis 13 inhaftierte russische Anarchisten und Anarchosyndikalisten, unter ihnen auch Volin, aus Protest gegen ihre politische Inhaftierung und die Brutalit\u00e4ten der Tscheka in den Hungerstreik. Dies und die ersten genaueren Informationen \u00fcber die blutige Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Aufstands durch die Rote Armee, l\u00f6sten unter den syndikalistischen Delegierten des Gewerkschaftskongresses einen Sturm der Emp\u00f6rung aus. Zwar willigten die Bolschewiki am 10. Tag des Hungerstreiks auf Druck der syndikalistischen Delegierten ein, die 13 inhaftierten Anarchisten und Anarchosyndikalisten freizulassen, jedoch nur unter der Bedingung ihrer Deportation ins Ausland.<\/p>\n<p>Volin ging wie auch die meisten anderen seiner freigelassenen Genossen Ende 1921 zun\u00e4chst nach Berlin, wo er f\u00fcr die anarchosyndikalistische Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) t\u00e4tig war. Zusammen mit anderen Fl\u00fcchtlingen aus Russland gr\u00fcndete er ein Hilfskomitee f\u00fcr verfolgte Anarchisten und Anarchosyndikalisten in Sowjet-Russland und ver\u00f6ffentliche Berichte \u00fcber die politische Repression in der Sowjetunion. 1923 zog er auf Einladung von Sebastian Faure nach Paris und unterst\u00fctzte diesen bei der redaktionellen Arbeit an der Encyclopedie Anarchiste und schrieb Artikel f\u00fcr die franz\u00f6sische und internationale anarchistische Presse. Ideologisch vertrat Volin zu dieser Zeit und auch sp\u00e4ter die Idee der \u201eanarchistischen Synthese\u201d, derzufolge die sonst \u00fcberwiegend getrennt agierenden Bewegungen des Anarchosyndikalismus, des Anarchokommunismus und des Individualanarchismus in Anerkennung der jeweiligen Existenzberechtigung jeder einzelnen Str\u00f6mung sich durchaus zu einer Bewegung vereinen lie\u00dfen. Im Juli 1934 erschien seine Schrift Le Fascisme Rouge ou le communisme d&#8217;\u00e9tat d\u00e9voil\u00e9 (Der rote Faschismus oder der enth\u00fcllte Staatskommunismus), in der er den Bolschewismus mit dem italienischen Faschismus verglich, die beides diktatorische Systeme seien, die vor dem Hintergrund der \u201erussischen Erfahrungen\u201d auf das Energischste bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges war Volin, der inzwischen nach Marseille gezogen war, innerhalb einer kleinen Gruppe internationaler Anarchisten in der der R\u00e9sistance gegen die deutschen Besatzer aktiv. Die Widerstandsgruppe flog auf, und nur Volin gelang es in letzter Minute der Verhaftung zu entkommen. Durch das rastlose Leben im Untergrund wurde seine Gesundheit schwer in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Kriegsende war Volin ein schwerkranker Mann, der von zwei spanischen Genossen gepflegt wurde. Zusammen mit seinem Sohn Leo kehrte Volin nach Paris zur\u00fcck, wo er am 18. September 1945 im Krankenhaus an Tuberkulose verstarb, die er sich w\u00e4hrend einem seiner zahlreichen Gef\u00e4ngnisaufenthalte zugezogen hatte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-178 size-medium\" src=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947-196x300.jpg\" alt=\"350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947-196x300.jpg 196w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947-113x173.jpg 113w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947-200x307.jpg 200w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947-8x12.jpg 8w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947-98x150.jpg 98w, https:\/\/diebuchmacherei.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/350px-Voline_La_Revolution_Inconnue_1947.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Originalausgabe von Volins &#8220;La Revolution Inconnue&#8221;, Paris 1947.<br \/>\n1947 erschien in Paris das von seinen Freunden herausgegebene Hauptwerk Volins: La Revolution inconnu, in dem der Autor den libert\u00e4ren Charakter der revolution\u00e4ren Bewegung in Russland beschreibt und dokumentiert. Das Werk ist in drei \u201eB\u00fccher\u201d untergliedert, die sowohl in der franz\u00f6sischen Originalausgabe als auch in der zweiten deutschen Neuauflage von 2013 in einem Band erschienen sind.<\/p>\n<p>Das erste Buch beinhaltet \u201eGeburt, Entwicklung und Triumph der Revolution\u201d, und beschreibt die politische Entwicklung in Russland ab 1825, die hin zur Revolution von 1905 f\u00fchrte, in der das Konzept des freien Sowjet seine Geburtsstunde erlebte. Das erste Buch schlie\u00dft ab mit der Revolution von 1917, die statt in einer vom freiheitlichen Geist getragenen sozialen Revolution in der bolschewistischen Machtergreifung m\u00fcndete.<\/p>\n<p>Das zweite Buch beinhaltet die Gegen\u00fcberstellung von \u201eBolschewismus und Anarchismus\u201d, in der Volin die zwei gegens\u00e4tzlichen Konzeptionen der russischen Revolution von 1917 herausarbeitet. Eingehend \u2013 und auch unter Schilderung pers\u00f6nlicher Erlebnisse \u2013 dokumentiert er in diesem Buch die revolution\u00e4ren Aktivit\u00e4ten der libert\u00e4ren Bewegung in Russland vor und nach der Oktoberrevolution. Er beschreibt den Terror, mit dessen Hilfe die kommunistische Partei der Bolschewiki die Macht im Staat eroberte und die freiheitlich-sozialistischen Kr\u00e4fte der Revolution zunehmend in die Defensive dr\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Im dritten Buch beschreibt Volin die \u201eK\u00e4mpfe f\u00fcr die wirkliche soziale Revolution\u201d, so wie sie im M\u00e4rz 1921 im Aufstand der Kronst\u00e4dter Arbeiter und Soldaten gegen das bolschewistische Regime, aber auch in der libert\u00e4ren Bewegung der Machnowscina in der Ukraine sichtbar wurden. Beide Bewegungen waren stark von der Ideologie und den Konzepten der Anarchisten beeinflusst und strebten die Beseitigung der bolschewistischen Diktatur an, um einer freiheitlich-sozialistischen Entwicklung den Weg zu ebnen. Beide Bewegungen scheiterten und damit scheiterte zugleich auch der ersten Versuch von Anarchisten ihre Theorien in einem gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Kontext mit den Mitteln der direkten Aktion, der Enteignung und der Arbeiterkontrolle, des Guerillakrieges sowie der Errichtung von freien Kommunen zu realisieren.<\/p>\n<p>Das unter extrem schwierigen Bedingungen im Untergrund entstandene und vom bereits schwer erkrankten Autor nach Kriegsende abgeschlossene Buch ist nicht ohne M\u00e4ngel und Fehler geblieben. Die Herausgeber der deutschen Erstausgabe, die 1975 im Verlag Association erschienen ist, kritisierten das anarchistische Geschichtsverst\u00e4ndnis Volins, das ihn dazu verleitet hat, die Klassengegens\u00e4tze in der russischen Geschichte auf den politischen \u00dcberbau zu reduzieren und die historischen Ereignisse isoliert darzustellen, so dass der Zusammenhang von Ursache und Wirkung verloren geht. Und der amerikanische Historiker Paul Avrich, der als einer der besten Kenner des russischen Anarchismus gilt, bem\u00e4ngelte an dem Werk, dass Volin wichtige Aspekte der \u201eunbekannten Revolution\u201d nicht beschrieben hat: \u201eWenig wird \u00fcber die Arbeiter- und Bauernbewegung au\u00dferhalb von Kronstadt und der Ukraine mitgeteilt. Auch vernachl\u00e4ssigt das Buch die Individual-Anarchisten, eine faszinierende, wenn auch kleine Gruppe, sowie die Rolle der Frauen in der anarchistischen und revolution\u00e4ren Bewegung.\u201c<a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_note-4\" target=\"_blank\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Doch aller berechtigten Kritik zum Trotz bleibt unbestritten, dass Volins Werk eine der wichtigsten Quellenpublikationen zur Geschichte der libert\u00e4ren Bewegungen in der Russischen Revolution ist, die sowohl in der b\u00fcrgerlichen als auch marxistischen Historiografie bislang weitgehend unber\u00fccksichtigt geblieben sind oder verf\u00e4lscht dargestellt wurden.<\/p>\n<p>Die deutsche Erstausgabe des Buches von 1975 war jahrzehntelang vergriffen und selbst antiquarisch nur sehr schwer zu bekommen. Dass das Werk nun wieder erh\u00e4ltlich ist, ist dem jungen in Berlin ans\u00e4ssigen Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201d zu verdanken, der mit F\u00f6rderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (sic!) das Buch auf Grundlage der deutschen Erstausgabe und erg\u00e4nzt durch eine Einleitung von Roman Danyluk und Philippe Kellermann neu herausgebracht hat. Es ist ein wichtiges Buch, das ich jedem empfehlen m\u00f6chte, der sich mit der Thematik \u201eAnarchismus und Revolution\u201d am historischen Beispiel der Russischen Revolution intensiver besch\u00e4ftigen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Jochen Schm\u00fcck<br \/>\nPotsdam, im November 2013<\/p>\n<p>Anmerkungen<\/p>\n<ol>\n<li id=\"cite_note-0\" class=\"text\"><a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_ref-0\" target=\"_blank\">\u2191<\/a> Paul Avrich (Ed.): The Anarchists in the Russian Revolution. London 1973, S.9<\/li>\n<li id=\"cite_note-1\" class=\"text\"><a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_ref-1\" target=\"_blank\">\u2191<\/a> Vgl. James Joll: Die Anarchisten. Berlin 1969, S.7f.<\/li>\n<li id=\"cite_note-2\" class=\"text\"><a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_ref-2\" target=\"_blank\">\u2191<\/a> Zit. n. ebd.<\/li>\n<li id=\"cite_note-3\" class=\"text\"><a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_ref-3\" target=\"_blank\">\u2191<\/a> Zit. n. Felix Ingold: (Nestor) Machno und die sowjetische Anarchismuskritik, (als Nachwort abgedruckt) in: Peter Arschinoff; Anarchisten im Freiheitskampf. Geschichte der Machno-Bewegung 1918-1921. Neuauflage des 1921 in Berlin gedruckten Originals, Z\u00fcrich 1971, S. 348<\/li>\n<li id=\"cite_note-4\" class=\"text\"><a href=\"http:\/\/dadaweb.de\/wiki\/Volin:_Die_unbekannte_Revolution#cite_ref-4\" target=\"_blank\">\u2191<\/a> Paul Avrich: V. M. Eikhenbaum (Volin): The Man and His Book, in: ders. Anarchist Portraits. Princeton 1988, S. 134.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die DadA-Buchempfehlung Die unbekannte Revolution Seit dem Auftreten des Anarchismus als einer politischen Ideologie und Bewegung, etwa z.Z. der Franz\u00f6sischen Revolution, hat es kaum eine&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-175","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-unbekannte-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/175","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=175"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8070,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions\/8070"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=175"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}