{"id":1750,"date":"2018-10-11T15:29:53","date_gmt":"2018-10-11T13:29:53","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1750"},"modified":"2025-08-28T07:52:09","modified_gmt":"2025-08-28T05:52:09","slug":"neues-deutschland-v-9-10-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2018\/10\/11\/neues-deutschland-v-9-10-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;Neues Deutschland&#8221; v. 9.10. 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von den Schwierigkeiten, Revolution zu machen<\/strong><\/p>\n<p><em>Rainer Thomann und Anita Friedetzky \u00fcber Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland<\/em><\/p>\n<p>\u00bbDadurch, dass sich die Arbeiter an der Selbstverwaltung in den einzelnen Unternehmen beteiligen, bereiten sie sich auf jene Zeit vor, wenn das Privateigentum an Fabriken und Werken abgeschafft sein wird und die Produktionsmittel zusammen mit den Geb\u00e4uden, die auch von Arbeiterhand geschaffen wurden, in die H\u00e4nde der Arbeiterklasse \u00fcbergehen.\u00ab<br \/>\nDies ist ein Zitat aus den Protokollen der Fabrikkomitees der Putilow-Werke in Petersburg, dem sp\u00e4teren Leningrad. Die Besch\u00e4ftigten des Maschinenbaukonzerns spielten 1917 eine wichtige Rolle beim Sturz des Zaren und in der Zeit der Doppelherrschaft, als den Arbeiterr\u00e4ten ein gewichtiges Wort in der gesellschaftlichen Umwandlung Russlands zukam.<\/p>\n<p>Zeugnisse dieser Selbstorganisation russischer Arbeiter liegen jetzt erstmals auf Deutsch vor. Zu danken ist dies der Hamburger Russischlehrerin und Publizistin Anita Friedetzky, die sich der schwierigen Aufgabe gewidmet hat, Protokolle von Sitzungen der Fabrikr\u00e4te im revolution\u00e4ren Russland so zu \u00fcbersetzen, dass sie heutigen Lesern verst\u00e4ndlich sind und ihnen authentische Einblicke in eine st\u00fcrmische, l\u00e4ngst vergangene Zeit geben, als Arbeiter Geschichte schrieben. Grundlage ihrer \u00dcbersetzung ist ein schon 1979 in einem Moskauer Wissenschaftsverlag erschienener Sammelband: \u00bbDie Fabrik- und Werkkomitees Petrograds 1917.<br \/>\nDer Berliner Verlag Die Buchmacherei hat die Protokolle verdienstvollerweise noch mit einem ausf\u00fchrlichen Glossar versehen. Dort werden heute kaum noch bekannte Personen vorgestellt und Organisationen erkl\u00e4rt, die vor \u00fcber 100 Jahren die Geschicke in Russland mitbestimmten. Das Protokoll selbst, einschlie\u00dflich der dazugeh\u00f6renden Anlagen und Erl\u00e4uterungen, nimmt nur knapp ein Drittel des Buches ein, zwei Drittel sind der historischen Einf\u00fchrung aus der Feder des Schweizer R\u00e4tekommunisten Rainer Thomann vorbehalten. Er bietet einen sachkundigen \u00dcberblick nicht nur \u00fcber die entscheidenden Monate des turbulenten Jahres 1917, sondern auch \u00fcber die Geschichte der Industrialisierung und der Arbeiterbewegung im zaristischen Russland.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Thomann st\u00fctzt sich dabei vor allem auf Nikolai Suchanow, dessen Tagebuch der Russischen Revolution in deutscher Sprache nur noch antiquarisch erh\u00e4ltlich ist. Suchanow war gelernter Eisenbahner, der ein Philosophiestudium aufnahm. Schon fr\u00fch engagierte er sich in der russischen Arbeiterbewegung, blieb aber auf Distanz zu allen Parteien. Auch das Agieren der Bolschewiki 1917 bewertete er \u00e4u\u00dferst kritisch, warnte gar vor deren Machtanspruch. Trotzdem stellte er sich nach der Oktoberrevolution der neuen Macht als Wirtschaftsfachmann zur Verf\u00fcgung. Seine Hoffnung, m\u00f6glichst viel von den R\u00e4ten und den Ideen und Praktiken der Selbstverwaltung zu erhalten, erf\u00fcllte sich nicht. Thomann stellt sich 100 Jahre sp\u00e4ter die Frage, warum das nicht gelungen ist. Wer die Protokolle der Besch\u00e4ftigten der Putilow-Werkle liest, wird sich h\u00fcten, daf\u00fcr allein die autorit\u00e4ren Anspr\u00fcche der Bolschewiki verantwortlich zu machen. Denn in den Berichten werden auch die immensen Probleme deutlich, mit denen damals Land und Leute, vor allem die arbeitenden Massen, konfrontiert waren.<\/p>\n<p>In den Protokollen ist oft von Vertagungen der Diskussion um strittige Punkte und von der \u00dcberweisung wichtiger Fragen in ein anderes Komitee die Rede. Da drohte beispielsweise der Betriebsapotheke wegen 80 000 Rubel Schulden die Schlie\u00dfung, was sich f\u00fcr die Versorgung der Arbeiter fatal auswirken musste. Man erf\u00e4hrt, dass die Betriebskomitees auch Sanktionen aussprechen konnten, etwa gegen Personen, die sich den Anordnungen der Werkskomitees oder der Werkabteilungskomitees nicht unterordneten bzw. als St\u00f6rer der Arbeiterorganisationen des Betriebes empfunden wurden. Protokolliert sind Aktivit\u00e4ten der \u00bbEiferer f\u00fcr Bildung und Kunst\u00ab, die in den Putilow-Werken Theaterst\u00fccke auff\u00fchrten. Viel Raum widmeten die Komitees den Beziehungen zur Bev\u00f6lkerung auf dem Land. So sollten im direkten Kontakt Produkte aus der Fabrik gegen Nahrungsmittel bei den Bauern eingetauscht werden.<\/p>\n<p>Der ewige Konflikt zwischen Stadt und Land hat die fr\u00fchen Jahre der Sowjetunion \u00fcberschattet, die Gro\u00dfst\u00e4dte waren vom Land abh\u00e4ngig wie auch umgekehrt. Vielfach wurden die falschen Ma\u00dfnahmen ergriffen, beispielsweise Zwangseintreibungen und Requirierungen.<\/p>\n<p>Es ist zu begr\u00fc\u00dfen, dass mit diesem Band ein Zeitdokument auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist, das die Schwierigkeiten einer Revolution aufzeigt.<\/p>\n<p>https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1102578.buchmesse-frankfurt-am-main-rote-fahnen-auf-palaesten.html<\/p>\n<p><em>Peter Nowak<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den Schwierigkeiten, Revolution zu machen Rainer Thomann und Anita Friedetzky \u00fcber Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland \u00bbDadurch, dass sich die Arbeiter an&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[59],"tags":[],"class_list":["post-1750","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufstieg-und-fall-der-arbeitermacht-in-russland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1750","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1750"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1750\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7987,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1750\/revisions\/7987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1750"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1750"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1750"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}