{"id":1786,"date":"2018-10-26T18:30:05","date_gmt":"2018-10-26T16:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1786"},"modified":"2018-10-26T18:32:18","modified_gmt":"2018-10-26T16:32:18","slug":"neues-deutschland-v-17-10-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/neues-deutschland-v-17-10-2018\/","title":{"rendered":"&#8220;Neues Deutschland&#8221; v. 17. 10. 2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hinter \u00bbM\u00e4rtyrern\u00ab verschwundene Erinnerungen<\/strong><\/p>\n<p><em>von Nelli T\u00fcgel<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Erstmals liegt ein \u00dcberblickswerk zur linken Geschichte der T\u00fcrkei vor. Und siehe da: Sie ist auch eine Teilgeschichte der Linken in Deutschland.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Januar 2015, Talkrunde im Ersten: Mit Kathrin Oertel sitzt eine Sprecherin von Pegida bei G\u00fcnther Jauch. Der fragt: \u00bbWie kamen Sie zu Pegida?\u00ab Und Oertel gibt eine bemerkenswerte Antwort &#8211; die in der \u00f6ffentlichen Debatte danach weitgehend ohne Beachtung bleiben wird. \u00bbDer Anlass f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Pegida\u00ab, sagt sie, \u00bbwaren nat\u00fcrlich die Unruhen in Deutschland &#8211; Hamburg, Zelle. Und wo es dann halt eben soweit gewesen ist, dass bei uns in Dresden, auf der Prager Stra\u00dfe, eine Demonstration von Kurden gewesen ist mit der Linken, die unsere Regierung aufgefordert hat, Waffen an die PKK zu liefern. Und da haben wir gedacht, m\u00fcssen wir jetzt einfach mal was tun\u00ab.<\/p>\n<p>Was da 2015 bis in die Dresdner Innenstadt vorgedrungen war und zumindest f\u00fcr Kathrin Oertel Anlass bot, bei Pegida mitzuspazieren, ist tats\u00e4chlich bereits seit vielen Jahrzehnten Realit\u00e4t: Die t\u00fcrkische und kurdische Linke geh\u00f6rt zu Deutschland. Und Deutschland wiederum ist auch Teil der Geschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der T\u00fcrkei. So zum Beispiel: Schon vor einhundert Jahren &#8211; im Revolutionswinter 1918 &#8211; gr\u00fcndeten junge Studierende aus dem Osmanischen Reich in Berlin, inspiriert von den Ereignissen um sie herum, die Gruppe \u00bbT\u00fcrkische Spartakisten\u00ab. Zu ihnen geh\u00f6rte auch Etham Nejat, sp\u00e4terer Generalsekret\u00e4r der 1920 am Rande des Kongresses der V\u00f6lker des Ostens in Baku gegr\u00fcndeten Kommunistischen Partei der T\u00fcrkei (TKP).<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es dann die Gastarbeiter, die das Scharnier zwischen der Linken in der T\u00fcrkei und der Bundesrepublik bildeten. Was in Istanbul oder Zonguldak geschah, war durch sie auch Thema am Flie\u00dfband in Stuttgart, in der Bottroper Kohlegrube, bei Betriebsversammlungen &#8211; und in den in dieser Zeit gegr\u00fcndeten Vereinen.<\/p>\n<p>Der erste islamistische Mord in Berlin wurde 1980 an einem t\u00fcrkischen Linken ver\u00fcbt, dem Lehrer Celalettin Kesim, der Aktivist sowohl der deutschen Bildungsgewerkschaft GEW als auch der TKP war. Deren Hauptzentrale befand sich im \u00fcbrigen mehr als drei\u00dfig Jahre in Leipzig. Es handelt sich also nicht nur um eine deutsch-t\u00fcrkische, sondern sogar um eine deutsch-deutsch-t\u00fcrkische Verflechtungsgeschichte.<\/p>\n<p>Umso erstaunlicher, dass als einziges bislang existierendes deutschsprachiges \u00bb\u00dcberblickswerk\u00ab zur t\u00fcrkischen Linken ein mehr schlecht als recht zusammengeschriebenes, d\u00fcnnes Dossier des Landesverfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen herhalten musste. Dies hat sich nun &#8211; endlich &#8211; ge\u00e4ndert. Murat \u00c7ak\u0131r, Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hessen, und Nick Brauns, Historiker und Journalist aus Berlin, haben ein Buch vorgelegt, das eine L\u00fccke schlie\u00dft. Dies wird in Rezensionen zwar oft behauptet, aber selten war es so zutreffend. Nicht nur, aber eben auch weil die Geschichte der Linken in der T\u00fcrkei l\u00e4ngst integraler Bestandteil der Geschichte der Linken in Deutschland ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Wissen dar\u00fcber ist allerdings gering &#8211; ob nun in Berlin oder Istanbul. Unter anderem, weil in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung die t\u00fcrkische Linke \u00bbvor allem durch ihre \u203aM\u00e4rtyrer\u2039 pr\u00e4sent ist\u00ab. Deren Bilder schm\u00fcckten, so die Autoren, \u00bbWohnungen von Vereins- und Gewerkschaftsr\u00e4umen und werden auf Demonstrationen mitgef\u00fchrt\u00ab. Hinter der Erinnerung an diese \u00bbGefallenen\u00ab verschwinde die Erinnerung \u00bban die vergangenen Erfolge der Linken\u00ab. So wie die Kommune von Fatsa, ein r\u00e4tedemokratisches Projekt aus dem Jahr 1979\/80, dem ein Kapitel des Buches gewidmet ist.<\/p>\n<p>Die beiden Herausgeber, die den Gro\u00dfteil des Buches auch selbst geschrieben haben, schauen in zwei gro\u00dfen Kapiteln zum einen auf die Zeit vom sp\u00e4ten Osmanischen Reich bis 1980 und zum anderen auf das, was danach geschah. Diese Einteilung richtet sich nach der gro\u00dfen Z\u00e4sur: dem Milit\u00e4rputsch vom 12. September 1980. Der Putsch und die folgenden Jahre der Milit\u00e4rdiktatur waren f\u00fcr die Linke in der T\u00fcrkei (und auch f\u00fcr die linke t\u00fcrkisch-kurdische Community in Deutschland) ein Schlag, dessen Folgen zum Teil bis heute nachwirken. Dem 12. September vorausgegangen war eine Phase, in der von den fr\u00fchen 1960er Jahren an Gewerkschaften, Arbeiterbewegung und linke Bewegungen einen Aufschwung erlebten. Vor allem in den 1970er Jahren wuchsen dann radikallinke Gruppen wie Pilze aus dem Boden.<\/p>\n<p>Der Putsch war auch darauf eine Reaktion. Doch die Linke war nicht nur Hauptleidtragende der Herrschaft durch die Milit\u00e4rjunta, sie hatte sie auch tragischerweise nicht verhindern k\u00f6nnen &#8211; Nick Brauns nennt das Versagen. Er verweist darauf, dass die Linke sich in viele maoistische, moskauloyale oder hoxhaistische Gruppen mit jeweils einigen Hundert oder Tausend Anh\u00e4ngern zersplittert hatte. Und dass die Linke in den Jahren vor dem Putsch in \u00bbh\u00e4ufig gewaltsam ausgetragene Machtk\u00e4mpfe verwickelt\u00ab war &#8211; mit der Arbeiterklasse wiederum, von der alle sprachen, hatten sie kaum etwas am Hut.<\/p>\n<p>Nach dem folgenreichen 12. September 1980 suchten viele t\u00fcrkische und kurdische Linke dann in der Bundesrepublik Zuflucht (ganz wenige auch in der DDR) &#8211; das war die zweite gro\u00dfe Migrationskohorte aus der T\u00fcrkei. Nach 1980 sei gerade die BRD \u00bbbevorzugtes Ziel\u00ab gewesen, schreibt Murat \u00c7ak\u0131r. Auch, weil da die Ableger unterschiedlicher linker Organisationen und Parteien schon \u00bbVereine und Verb\u00e4nde gegr\u00fcndet hatten und seit mehreren Jahren aktiv waren\u00ab.<\/p>\n<p>Auf den letzten hundert Seiten des Buches widmen sich verschiedene Autoren vor allem Aspekten der Gegenwart. Wie zum Beispiel den Gewerkschaften, die unter dem AKP-Regime erneut in \u00e4u\u00dferste Bedr\u00e4ngnis geraten sind und dennoch Arbeitsk\u00e4mpfe gef\u00fchrt haben. Auch dies ist lesenswert. Doch mangelt es ja nicht an Gegenwartsanalysen zur T\u00fcrkei. Eine zusammenh\u00e4ngende und (selbst)kritische Geschichte der Linken indes fehlte bislang. Sich dieser nun so liebevoll detailliert gewidmet zu haben, ist ein gro\u00dfes Verdienst der Autoren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter \u00bbM\u00e4rtyrern\u00ab verschwundene Erinnerungen von Nelli T\u00fcgel Erstmals liegt ein \u00dcberblickswerk zur linken Geschichte der T\u00fcrkei vor. 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