{"id":1931,"date":"2019-01-22T21:27:05","date_gmt":"2019-01-22T20:27:05","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1931"},"modified":"2025-08-28T15:11:22","modified_gmt":"2025-08-28T13:11:22","slug":"soz-nr-1-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/soz-nr-1-2019\/","title":{"rendered":"&#8220;SoZ&#8221; Nr. 1. &#8211; 2019&#8243;"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8221; &#8230; dass sie den alten Staatsapparat fast unver\u00e4ndert \u00fcbernahm, war der schwere historische Fehler, den die w\u00e4hrend des Krieges desorientierte deutsche Arbeiterbewegung beging.\u00bb <\/strong><br \/>\n<strong>(Prager Manifest der SPD von 1934)<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Protokoll des deutschen R\u00e4tekongresses<\/em><\/p>\n<p>Mitte Dezember 1918, nur sechs Wochen nach dem Sturz des Kaiserreichs und der Proklamation der Republik, trat in Berlin im Abgeordnetenhaus, dem ehemaligen Scheinparlament der preu\u00dfischen Monarchie, der Kongress der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te zusammen. Sein Ergebnis ist bekannt: Aufgrund der SPD-Mehrheit wurden Wahlen zur Nationalversammlung binnen vier Wochen zur Abl\u00f6sung der R\u00e4teherrschaft beschlossen. Doch w\u00e4re es falsch, daraus einfach zu folgern, die Delegierten h\u00e4tten nichts anderes als das direkte und unmittelbare Begr\u00e4bnis der Revolution im Sinne gehabt.<span id=\"more-19705\"><\/span><\/p>\n<p>Das wird deutlich, wenn man sich den Verlauf der Diskussionen auf diesem Kongress genauer anschaut. Sie sind damals in einem kurz darauf ver\u00f6ffentlichten Wortprotokoll dokumentiert worden. Dies wurde im Gefolge der 68er Bewegung angesichts der darin gef\u00fchrten Diskussion um R\u00e4tesysteme wiederentdeckt und im Jahre 1975 als fotomechanischer Nachdruck erneut ver\u00f6ffentlicht \u2013 damit eben im Originalsatz, der in der altdeutschen, gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen Frakturschrift erfolgt war.<\/p>\n<p>Die eingeschr\u00e4nkte Lesbarkeit trug sicher nicht zur breiten Lekt\u00fcre bei. Vor allem aber d\u00fcrfte es die politische Entwicklung im langsamen Auslaufen der 68er-Bewegung gewesen sein, die die Diskussion um R\u00e4tetraditionen nicht bef\u00f6rderte. War doch der Weg durch die (parlamentarischen) Institutionen schon in bester Vorbereitung. Nun liegt das Buch in einem Neusatz in Antiqua-Schrift vor, so ist es wesentlich lesbarer.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Damit kann man nicht nur den Diskussionsverlauf besser nachvollziehen. Es ist auch erg\u00e4nzt um ein knappes Vorwort durch Ralf Hoffrogge, dessen empfehlenswerte Biografie von Richard M\u00fcller \u2013 als Vorsitzender des Berliner Arbeiterrats eine Schl\u00fcsselfigur der R\u00e4tebewegung \u2013 in der Dezemberausgabe der SoZ vorgestellt wurde.<br \/>\nHoffrogge skizziert die wesentlichen Probleme bei der Bewertung des Kongresses jenseits der Grundsatzentscheidung \u00fcber die Nationalversammlung. Dazu geh\u00f6rten <em>erstens<\/em> sein weitgehend improvisierter Charakter, wobei Hoffrogge auch auf die heute vorliegenden, genauen Untersuchungen \u00fcber seine Zusammensetzung, die Analyse der Delegierten usw. verweist.<\/p>\n<p>Die genauen Wahlvorschriften \u2013 etwa zur Bildung der Wahlk\u00f6rper oder zum Delegiertenschl\u00fcssel \u2013 \u00e4nderten sich von Region zu Region. So konnten z.B. in Berlin nur Betriebsangeh\u00f6rige gew\u00e4hlt werden, weswegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kein Mandat hatten. Das wurde zwar auf dem Kongress in Frage gestellt, konnte jedoch nicht r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. W\u00e4re, wie in anderen Gegenden, ohne solche Beschr\u00e4nkung gew\u00e4hlt worden, h\u00e4tten sie angesichts ihrer Popularit\u00e4t \u2013 auch \u00fcber die organisatorischen Schranken hinaus \u2013 wom\u00f6glich ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten ein solches erhalten. In einer sozialdemokratischen Legende wurde dies jedoch sp\u00e4ter als Nachweis ihrer totalen Isolierung umgedeutet, w\u00e4hrend die sozialdemokratische Mehrheit sich hier in Wirklichkeit nur hinter formalen Rahmenbedingungen verschanzte.<\/p>\n<p><em>Andere Punkte<\/em>, die Hoffrogge anf\u00fchrt und die sich im Protokolltext in allen Einzelheiten nachlesen lassen, betreffen die auf dem Kongress \u2013 gegen den Widerstand der sozialdemokratischen Parteif\u00fchrung \u2013 erfolgten Mehrheitsbeschl\u00fcsse zur Kontrolle der Armee und zur Sozialisierung der Wirtschaft. Ihre Durchf\u00fchrung wurde verschleppt und sie verschwanden schlie\u00dflich sang- und klanglos. Sie zeigen aber an, dass auch die meisten Delegierten, die in der Grundsatzentscheidung der SPD-F\u00fchrung folgten, damit eine ganz andere Politik erwarteten, als sie dann im Jahre 1919 von der SPD in Koalition mit den b\u00fcrgerlichen Parteien durchgef\u00fchrt wurde. Ein Potential war also vorhanden, konnte aber mit einer unentschlossenen Politik, wie sie die USPD als linke Opposition auf diesem Kongress anbot, nicht angesprochen und in politische Initiativen verwandelt werden.<\/p>\n<p>Diese Neuausgabe, die begr\u00fc\u00dfenswerterweise auch die Register des Originals \u00fcbernommen und angepasst hat, ist ein wertvoller Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der sich in jenen Monaten entwickelnden politischen Dynamik. Damit wirft sie ein Licht auf die in der Novemberrevolution angelegten M\u00f6glichkeiten, die nicht entwickelt, sondern in einer konterrevolution\u00e4ren Welle im darauffolgenden Jahr ausgeschaltet wurden. Oder, wie es die SPD im Exil ein Jahr nach Errichtung der Nazi-Diktatur im \u00abPrager Manifest\u00bb vom Januar 1934 \u2013 wenn auch hinsichtlich ihrer eigenen Rolle leicht verbr\u00e4mt \u2013 verk\u00fcndete: \u00abDie Sozialdemokratie als einzig intakt gebliebene organisierte Macht \u00fcbernahm ohne Widerstand die Staatsf\u00fchrung, in die sie sich von vornherein mit den b\u00fcrgerlichen Parteien, mit der alten B\u00fcrokratie, ja mit dem reorganisierten milit\u00e4rischen Apparat teilte. Dass sie den alten Staatsapparat fast unver\u00e4ndert \u00fcbernahm, war der schwere historische Fehler, den die w\u00e4hrend des Krieges desorientierte deutsche Arbeiterbewegung beging.\u00bb<\/p>\n<p><em>Reiner Tosstorff<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8221; &#8230; dass sie den alten Staatsapparat fast unver\u00e4ndert \u00fcbernahm, war der schwere historische Fehler, den die w\u00e4hrend des Krieges desorientierte deutsche Arbeiterbewegung beging.\u00bb (Prager&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[62],"tags":[],"class_list":["post-1931","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeiner-kongress-der-arbeiter-und-soldatenraete-deutschlands-16-20-dezember-1918-berlin-stenografische-berichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1931","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1931"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1931\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7948,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1931\/revisions\/7948"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1931"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1931"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1931"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}