{"id":1983,"date":"2019-03-09T17:48:59","date_gmt":"2019-03-09T16:48:59","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=1983"},"modified":"2025-08-28T18:37:16","modified_gmt":"2025-08-28T16:37:16","slug":"wiener-zeitung-v-9-3-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wiener-zeitung-v-9-3-2019\/","title":{"rendered":"&#8220;Wiener Zeitung&#8221; v. 9.3. 2019"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herold des Unterwegsseins<\/strong><\/p>\n<p><strong>Noch immer zu entdecken: der Dichter und Vagabund Jakob Haringer. Sein Leben zwischen Clochard-Boh\u00e8me und Verfolgung spiegelt sich in seinem Werk wider.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Oliver vom Hove<\/em><\/p>\n<p><strong>Er war ein Herumtreiber<\/strong> und Schnorrer, ein Hochstapler und Halunke \u2013 und er war ein Dichter. Er war Hiob und Halbkrimineller, Obdachloser und Frauenverf\u00fchrer, Aufschneider und kleinlauter Sandler \u2013 und ein von vielen anerkannter Poet.<\/p>\n<p>\u201eWann wird Jakob Haringer in der deutschen Literatur den Platz bekommen, der ihm zusteht?\u201c Das fragte bereits 1956 die deutsche Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c. Immer wieder gab es einen Anlauf, das verstreute Werk des 1948 verstorbenen Dichters und Vagabunden der Vergessenheit zu entrei\u00dfen. Auch die Werkauswahl, die Dieter Braeg nun mit viel Sorgfalt und einem umfassenden biographischen Abriss in dem kleinen Berliner Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c herausgegeben hat, ist ein solcher Versuch. Der Erfolg steht noch aus. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re er ihm.<\/p>\n<p>Der Dichter Jakob Haringer war, mit nur kurzen Ausnahmen, lebenslang unsteten Aufenthalts. Fr\u00fcher zogen die Vagantendichter von Hof zu Hof, von Ort zu Ort, um sich mit Reimen und Gesang ihr Brot zu verdienen. Jakob Haringer zog von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, \u00fcberall auf der Suche nach Freunden, Verlagen, Ausweichquartieren. Der bayrisch-\u00f6sterreichische Raum um Salzburg und sp\u00e4ter die Schweiz waren seine bevorzugten Aufenthaltsorte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wanderschaft<\/strong><\/p>\n<p>Sein Leben zwischen Wanderschaft, Clochard-Boh\u00e8me und Verfolgung durch Strafbeh\u00f6rden spiegelt sich in seinen Dichtungen ausgepr\u00e4gt wider. Im \u201eM\u00fcnchner Hofbr\u00e4uhaus\u201c dichtet er: \u201eMir wird so weh, wenn ich unter zufriednen Lumpen bin.\/ O, wieviel Erinnerungen werden hier ausgegraben,\/ Da wird das Leben zum M\u00e4rchen, zum Spatzenlied \u2013 \/ Oder wir st\u00e4rkten uns, weil wir gemeinsam im Dreck lagen,\/ Blickten ins Sterben wie in einen Rarit\u00e4tenladen,\/ Lachten mit Fremden, die auch nicht an morgen dachten,\/ Und an die Sehnsucht, die immer wilder vergl\u00fcht.\u201c<\/p>\n<p>Im Dreck lag der 1898 eher zuf\u00e4llig in Dresden geborene Sohn eines ambulanten Buchh\u00e4ndlers und einer Kellnerin bereits 1917 im Ersten Weltkrieg: als 19-J\u00e4hriger kurz in Flandern. Zwei Jahre sp\u00e4ter war er in M\u00fcnchen, wo er mit der R\u00e4terepublik sympathisierte und prompt verhaftet wurde. Ab 1920 befand er sich auf Wanderschaft. Sp\u00e4ter wurde er wegen eines Vergehens gegen das Zollgesetz steckbrieflich gesucht.<\/p>\n<p>Es folgten Anzeigen wegen Urkundenf\u00e4lschung, Meineid, Beamtenbeleidigung, Hausfriedensbruch und Gottesl\u00e4sterung sowie mehrfache Zwangseinweisungen in psychiatrische Anstalten. Auch seine Teilnahme am Internationalen Vagabundenkongress 1929 in Stuttgart-Degerloch ist vermerkt.<\/p>\n<p>In rascher Folge erschienen ab 1920 Gedichte und Prosawerke in Buchform, meist im Selbstverlag und mit fingierten Erscheinungsorten. Die Anerkennung blieb nicht aus. Unter der Rubrik \u201eNeue Lyrik\u201c schrieb etwa Alfons Petzold am 22. Februar 1922 in der \u201eWiener Zeitung\u201c: \u201eNur 60 Seiten ist die Sammlung \u201aDie Kammer\u2018 des Jakob Haringer, aber die frische, selige Inbrunst, die feurige Liebe zur Welt, das Wissen um das Geheimnis des Wortes als Bild, die Demut vor dem Geist des Lebens, alles dies, das aus diesem B\u00fcchlein in reicher Flut str\u00f6mt, macht es zu einer der wertvollsten Neuerscheinungen der deutschen Lyrik. Da l\u00e4uft ein junger Dichter durchs deutsche Land, dem ins Gesicht zu schauen ein Labsal ist inmitten der Fratzen und Masken.\u201c<\/p>\n<p>Alfred D\u00f6blin, der zu seinen F\u00f6rderern z\u00e4hlte, erhielt unter dem Titel \u201eWeihnacht im Armenhaus\u201c ein Heft mit Gedichten zugesandt. Er urteilte \u00fcber Jakob Haringer: \u201eIch schnitt die Bl\u00e4tter auf, las Einzelnes durch. Wurde \u00fcberrascht. Die Gedichte sind echtes Gew\u00e4chs, keine lyrische Ware.\u201c<\/p>\n<p><strong>Schr\u00e4ge Sprachbilder<\/strong><\/p>\n<p>Diese echten Gew\u00e4chse sind von real-irrealer Eigenart. Haringers Lyrik ist stark gepr\u00e4gt von den Nachwirkungen eines antib\u00fcrgerlichen und antimaterialistischen Expressionismus. Hinzu kommt die erfrischende Vorliebe ihres Sch\u00f6pfers f\u00fcr surreale Bilder und absurde Wendungen. Eine Zeile wie \u201eein Herrenrad sehnt sich nach einem Damenrad\u201c mutet ganz Ringelnatzisch an. Und manches von den lautmalerischen Abstraktionen und subversiven Infantilismen der Sprache k\u00f6nnte von Daniil Charms stammen: \u201eEin Bahnhof uhrt verzweifelt Mohnkometen,\/ In L\u00e4den tr\u00e4umen goldne Spezerein.\/ Der Schuster will achatne Magd erbeten,\/ Die Br\u00fccke rost Erinnern uns hinein.\u201c<\/p>\n<p>Haringers Sprachphantasie war schwer zu b\u00e4ndigen. Es ist voller \u00dcberraschungen und in vielerlei Hinsicht erstaunlich, mit welch zugreifenden Versen und l\u00e4ssig-schr\u00e4gen Sprachbildern dieser mit allen Wassern der Wortphantasie gewaschene genuine Lyriker seine Erlebnisse und Erfahrungen im Gedicht wieder(er-)findet: \u201eIm Tal der Seele ist heut sch\u00f6nes Wetter,\/ O Gl\u00fcck, so in den Tag hinein zu leben!\u201c Arnold Sch\u00f6nberg hat mehrere Gedichte Haringers vertont; es sind seine einzigen Lieder in Zw\u00f6lftonmusik.<\/p>\n<p>Freilich ger\u00e4t dem Dichter die Waage der Wortwahl zuweilen aus der Balance, beschwert er die Gewichte der lyrischen Aussage im \u00dcberma\u00df. Dann ballen sich Wortunget\u00fcme wie \u201eTeppichhirn\u201c, \u201eHerbstfabrik\u201c, \u201eFieberknie\u201c zu Klumpen. Aufgesetzte Wildheit und Kraftstrotzerei lassen nicht selten die Sprachz\u00fcgel schie\u00dfen. Die Grobschl\u00e4chtigkeiten, die ihm dann entfahren, k\u00f6nnten auch der Hitze einer Wirtshausrauferei entstammen.<\/p>\n<p><strong>Selbstmythisierung<\/strong><\/p>\n<p>Haringer betrieb eine z\u00fcgellose Selbstmythisierung. Dieser Herold des Unterwegseins und der Landst\u00f6rzerei gefiel sich als Harlekin des Maskenwechsels. St\u00e4ndige Namens- und Titel\u00e4nderungen geh\u00f6rten zu seiner aufschneiderischen Identit\u00e4tsflucht. Man kann auch wohlmeinend sagen: Er nahm eben die Dichtung f\u00fcr die Wahrheit.<\/p>\n<p>Unter seinen Prosaerz\u00e4hlungen finden sich ebenso zartf\u00fchlende wie raubeinige Beispiele. Da trauert er etwa mit gro\u00dfer Einf\u00fchlung um eine Magd, die sich wegen einer geschlachteten Kuh aus Tierliebe das Leben genommen hat. Oder er erz\u00e4hlt mit gebotener Grausamkeit die alte Geschichte vom verlorenen Sohn neu, der, reich heimgekehrt, von Mutter und Schwester nicht erkannt und aus Habgier umgebracht wird.<\/p>\n<p>Nicht wenige seiner Prosaarbeiten sind durch einen kr\u00e4ftigen Schuss Nonsense-Literatur und durch gewiefte Anleihen beim Dadaismus gekennzeichnet. In seinem so zauberhaft schr\u00e4gen wie schrulligen \u201eR\u00e4uberm\u00e4rchen\u201c (\u201egewidmet In ewiger Erinnerung an den toten Kasperl Larifari, der mich in seliger Kinderzeit so \u00fcbergl\u00fccklich lachen lie\u00df\u201c) waltet ein K\u00f6nig seines Amtes, der sich die Krone, weil sie beim Herunterfallen zerbrochen ist, im Laden neu kaufen muss. Bei einem Aufstand seines Hofstaats entflieht er einfach per Fl\u00fcgel durchs Fenster und mischt sich via \u201eLuftbahnhof\u201c unters Wirtshausvolk. Eine Kas-perliade setzt ein, die sich zur b\u00f6sen Satire auf die G\u00e4ngelung des \u00f6ffentlichen Lebens unter machtbesessenen Popanzen der staatlichen Kontrolle ausw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Haringer war auch ein Dichter der Schwermut und des Wegelagerer-Blues. Mit dem Satz \u201eNun kommen die gro\u00dfen Traurigkeiten wieder\/ wie wilde Matrosen\u201c l\u00e4sst er etwa das Gedicht \u201eStrauss. Kaiserwalzer\u201c beginnen. Und das Poem \u201eTrauriges St\u00fcck\u201c nimmt seinen Auftakt bei Trakl-T\u00f6nen: \u201eDa sah ich alle Menschen krank und wund \u2013\/ Die Toten leis ans rote Fenster klopfen,\/ Da malt die Sehnsucht keinen Schnee mehr bunt,\/ Nun bist du alt. Der Herbst ist l\u00e4ngst vorbei . . .\u201c<\/p>\n<p>Zwischen Gottesglauben und Gottesl\u00e4sterung schwankt seine religi\u00f6se Stimmung. Im \u201eR\u00e4uberm\u00e4rchen\u201c hadert ein verzweifelt Glaubenswilliger mit dem Allm\u00e4chtigen: \u201eWo bist du Gott? Ich w\u00fcrde ganz gern an dich glauben, aber ich h\u00e4tt dann doch eines mit dem Pack gemein. Siehst du nicht die zerqu\u00e4lten Antlitze in den Stra\u00dfen, in den Bahnh\u00f6fen, in den Kirchen und Schenken und Gerichtss\u00e4len? Siehst du, o Gott, nicht all die von der andern Dummheit, Gier, Neid, Stolz Gepeinigten? Schufst Du die Menschen nur, auf dass sie sich martern, t\u00f6ten, dass sie verbluten in \u00c4ngsten und Sehns\u00fcchten? Immer strafst, verfolgst du die Besseren und die Schlechteren m\u00e4stest du. Und doch, zu was diese Klagen? Du schickst deshalb doch keinem der Verla\u00dfnen, Verlornen, Heimatlosen einen lieben Abendbrief, einen sanften Vorfr\u00fchlingswind oder Schlaf und Ruhe und Vergessen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wundmal-Pose<\/strong><\/p>\n<p>Aber der Dichter war auch ein unguter Geselle. Was immer er tat oder unterlie\u00df, stets war jemand anderer schuld. Er war nur Opfer, niemals T\u00e4ter \u2013 eine in der Literatur des katholischen \u00d6sterreich weitverbreitete Larmoyanz und Wundmal-Pose. Seine dauernden Angriffe auf Freunde, F\u00f6rderer, Staatsorgane, oft ins Obsz\u00f6ne und Beleidigende ausschweifend, wirken selbstgef\u00e4llig und gespreizt. Die keifenden Ausf\u00e4lle gegen die Gro\u00dfen der Literatur, allen voran Goethe, sind schlichtweg peinsam und dummdreist.<\/p>\n<p>Man kann nicht sagen, dass ihm auf Erden nicht geholfen wurde. Ein Gutteil seines Lebensunterhalts bestritt er durch Bettelbriefe samt beigelegten Gedichten, die er an prominente Schriftsteller und F\u00f6rderer richtete. Als er im M\u00e4rz 1938 in Salzburg vor den einger\u00fcckten Nazis \u00fcber Prag, Paris und Stra\u00dfburg ins Exil in die Schweiz floh, war es wie zuvor schon Hermann Hesse, der sich neben Albert Einstein und Heinrich Mann f\u00fcr ihn einsetzte.<\/p>\n<p>1939 wurden Haringers \u201es\u00e4mtliche Schriften\u201c von der Reichsschrifttumskammer in Berlin auf deren \u201eListe des sch\u00e4dlichen und unerw\u00fcnschten Schrifttums\u201c gesetzt. In der Schweiz schlug der Dichter als ge\u00fcbter Landstreicher vor der rigiden Fremdenpolizei manch erfolgreichen Haken. Dennoch wurde er immer wieder aufgegriffen und zeitweilig auch in psychiatrische Anstalten gesteckt, aus denen er alsbald wieder entfloh. Dank der Unterst\u00fctzung wohlmeinender B\u00fcrger \u00fcberlebte er an wechselnden Orten bis zu seinem fr\u00fchen Herztod als 50-J\u00e4hriger am 3. April 1948 in Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Im \u201eR\u00e4uberm\u00e4rchen\u201c hei\u00dft es am Ende: \u201eDie einen schaun alles durchs Vergr\u00f6\u00dferungsglas, die andern durchs Verkleinerungsglas. Und alle vergessen, dass man die Dinge durch beide sehen kann und dabei doch noch weit von der Wirklichkeit entfernt bleibt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herold des Unterwegsseins Noch immer zu entdecken: der Dichter und Vagabund Jakob Haringer. Sein Leben zwischen Clochard-Boh\u00e8me und Verfolgung spiegelt sich in seinem Werk wider.&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[53],"tags":[],"class_list":["post-1983","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-du-bist-fuer-keinen-stern-geborn"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1983","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1983"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1983\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8096,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1983\/revisions\/8096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1983"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1983"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1983"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}