{"id":2004,"date":"2019-04-01T08:05:46","date_gmt":"2019-04-01T06:05:46","guid":{"rendered":"http:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=2004"},"modified":"2025-08-28T17:48:58","modified_gmt":"2025-08-28T15:48:58","slug":"junge-welt-v-1-4-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2019\/04\/01\/junge-welt-v-1-4-2019\/","title":{"rendered":"&#8220;junge Welt&#8221; v. 1.4. 2019"},"content":{"rendered":"<p><strong>Revolution\u00e4re Ungeduld<\/strong><\/p>\n<p>Anpassung und Untergang: Klaus Dallmers \u00dcberblicksdarstellung der Geschichte der \u00bbersten deutschen Arbeiterbewegung\u00ab<\/p>\n<p><em>Von Nick Brauns<\/em><\/p>\n<p>Das zum 100. Jahrestag der deutschen Revolution im Berliner Verlag \u00bbDie Buchmacherei\u00ab erschienene Buch \u00bbDie Meuterei auf der \u203aDeutschland\u2039 1918\/19\u00ab will eine verst\u00e4ndliche Darstellung des Geschehens liefern.<\/p>\n<p>Der Autor Klaus Dallmer, Jahrgang 1951, engagierte sich nach seinem Politikwissenschaftsstudium und einer Ausbildung zum Werkzeugmacher jahrzehntelang in gewerkschaftlicher Basisarbeit in Berliner Fabriken. Auch diese Erfahrung mit dem \u00bbrevolution\u00e4ren Subjekt, das noch keines sein wollte\u00ab, pr\u00e4gt seinen Blick. Dallmer macht aus seinen Sympathien f\u00fcr Rosa Luxemburg, deren Sichtweise er zum Ma\u00dfstab seiner Darstellung macht, sowie die \u00bbrechte\u00ab KPD-Opposition in der Weimarer Republik kein Geheimnis. Dennoch schreibt er weitgehend ohne R\u00fccksichtnahme auf die die Politik von Parteien oder Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p>Im ersten Drittel des Buches widmet sich der Autor der Herausbildung der deutschen Arbeiterbewegung vom Vorm\u00e4rz bis 1914. Er geht auf Auseinandersetzungen wie den Revisionismusstreit und die Massenstreikdebatte ein und analysiert die Anpassung der Sozialdemokratie, die \u00bbmit tausend F\u00e4den mit den Institutionen des Staates und der Wirtschaft verwoben und verwachsen\u00ab war, an das kapitalistische System. Von einem \u00bbVerrat\u00ab der SPD an der Revolution will Dallmer nur bedingt sprechen. Vielmehr habe deren Einsatz f\u00fcr den Erhalt der alten Machtstrukturen in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, Politik und Milit\u00e4r \u00bbmaterielle Gr\u00fcnde\u00ab gehabt, \u00bbdie b\u00fcrgerlich-demokratische Ideologie war nur deren geistiger Reflex\u00ab. Ausf\u00fchrlich schildert der Autor die Revolutionsereignisse 1918\/19 und die bis 1923 reichende revolution\u00e4re Nachkriegsphase, um sich im letzten Viertel des Buches mit der weiteren Entwicklung der gespaltenen Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik bis zu ihrem \u00bbUntergang\u00ab nach der Macht\u00fcbergabe an die Faschisten zu befassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der deutsche Kommunismus scheiterte nach Dallmers Ansicht an der revolution\u00e4ren Ungeduld und Emp\u00f6rung der radikalisierten Minderheit der Arbeiterschaft, die sich von dem siegreichen, aber auf Deutschland nicht eins zu eins \u00fcbertragbaren russischen Beispiel blenden lie\u00df. Dieser Radikalismus pr\u00e4gte bereits die von Dallmer, im Unterschied zur marxistisch-leninistischen Historiographie, nicht als versp\u00e4tet, sondern als vorschnell bezeichnete Gr\u00fcndungskonferenz der KPD. Rosa Luxemburg blieb dort mit ihrer Forderung nach Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung und der Arbeit innerhalb der bestehenden Gewerkschaften in der Minderheit. Die junge kommunistische Partei isolierte sich damit gleichzeitig von der noch Illusionen zum Parlamentarismus nachh\u00e4ngenden Mehrheit der Arbeiterklasse wie von der tats\u00e4chlichen proletarischen Vorhut in Gestalt der revolution\u00e4ren Obleute.<\/p>\n<p>Der \u00bbWiderspruch zwischen radikalisierten revolution\u00e4ren Massen, die aber noch in der Minderheit waren, und der abwartenden Mehrheit\u00ab bestimmte Dallmer zufolge auch Ende der 20er Jahre die Politik der KPD. Die \u00bbrevolution\u00e4re Isolierung\u00ab der von Ernst Th\u00e4lmann gef\u00fchrten KPD war allerdings nicht nur selbstgew\u00e4hlt, wie der Autor meint. Auch die soziale Zusammensetzung der KPD, die sich im Zuge der Weltwirtschaftskrise von einer Arbeiter- zu einer Arbeitslosenpartei mit gro\u00dfer Mitgliederfluktuation gewandelt hatte, trug zu einer Politik bei, in der verbalradikale Losungen auf fruchtbaren Boden fielen.<\/p>\n<p>Die in einem Industrieland (mit einer \u00fcber Jahrzehnte in der Arbeiterklasse verankerten Sozialdemokratie) angemessene geduldige Einheitsfrontpolitik hatten indes nicht nur Protoganisten der KPD-Opposition wie Heinrich Brandler und August Thalheimer angemahnt. Lenin selbst hatte 1920 in seiner Schrift \u00bbDer linke Radikalismus \u2013 die Kinderkrankheit im Kommunismus\u00ab Kritik an der revolution\u00e4ren Ungeduld mancher westeurop\u00e4ischer kommunistischer Str\u00f6mungen ge\u00fcbt. Dieses Buch taucht in Dallmers Literaturverzeichnis allerdings ebenso wenig auf wie die anderen Schriften Lenins. Der Autor konstruiert statt dessen einen Gegensatz zwischen einer an Luxemburg orientierten \u00bbeigenst\u00e4ndigen, demokratischen Tradition des deutschen Kommunismus\u00ab und Lenins \u00bbautorit\u00e4ren Organisationsvorstellungen\u00ab.<\/p>\n<p>Auch wenn der Leser nicht jeder Wertung des Autors folgen muss, kann die \u00bbMeuterei\u00ab insbesondere historisch Interessierten ohne gro\u00dfe Vorkenntnisse als gelungene \u00dcberblicksdarstellung zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bis 1933 empfohlen werden. Als Def\u00e4tismus m\u00f6chte Dallmer seine Bilanz dieser von ihm als \u00bbFr\u00fchform\u00ab bezeichneten ersten Arbeiterbewegung keineswegs verstanden wissen: \u00bbWenn Meuterei wieder erste Passagierpflicht wird, sollte man sich vergangene Erfahrungen nutzbar machen, denn wer aus der Geschichte nichts lernt, l\u00e4uft Gefahr, Fehler zu wiederholen.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Revolution\u00e4re Ungeduld Anpassung und Untergang: Klaus Dallmers \u00dcberblicksdarstellung der Geschichte der \u00bbersten deutschen Arbeiterbewegung\u00ab Von Nick Brauns Das zum 100. 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