{"id":205,"date":"2015-03-17T20:15:50","date_gmt":"2015-03-17T19:15:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=205"},"modified":"2025-09-24T12:26:33","modified_gmt":"2025-09-24T10:26:33","slug":"gaidao-nr-25-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/17\/gaidao-nr-25-2012\/","title":{"rendered":"&#8220;Gaidao&#8221; Nr. 25 \/2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8221; &#8230; nur weil mensch sich am Bart wahlweise Marx&#8217; oder Bakunins festklammert, ist mensch l\u00e4ngst noch nicht auf der richtigen Seite.&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Erneut serviert uns Phillippe Kellermann ein spannendes Buch. Wie mensch es inzwischen von ihm kennt, verfolgt er auch hier sein Programm: das Erforschen der widerspr\u00fcchlichen und gar nicht so glorreichen Geschichte des Sozialismus, um \u00fcberhaupt dessen Gegenwart zu verstehen, geschweige denn irgendwas \u00fcber seine Zukunft aussagen zu k\u00f6nnen. Ja, stellt euch vor, ihr eventorientierte \u201eMachmenschen\u201c und schwarz gekleidete Hippies, so verh\u00e4lt es sich n\u00e4mlich (Der Herausgeber muss es ja wissen, geh\u00f6rt er doch zu einer richtig seltenen Spezies! \u2013 siehe Fu\u00dfnote 24, S. 67). Angesichts des kolossalen Scheiterns aller emanzipatorischen sowohl marxistisch als auch anarchistisch inspirierten Gro\u00df- und Kleinprojekte im 20. Jahrhundert ger\u00e4t jedeR, der\/die heute von Freiheit und Selbstverwaltung redet, in eine ziemliche Erkl\u00e4rungsnot. Nicht nur vor den zu Ich-AGs degradierten Mitmenschen, sondern zuallererst vor sich selbst. Dieses Kellermann-B\u00fcchlein leistet einen Beitrag dazu \u2013 hm, wozu denn eigentlich? Eher zum Fragen und Immer-wieder-Nachfragen als zum Beantworten von Fragen und das ist gut so. Vorausgesetzt mensch bringt genug Kraft und Geduld auf, um Gelehrtenkonversationen zu horchen und sich durch unz\u00e4hlige Fu\u00dfnoten durchzubei\u00dfen.<!--more--><\/p>\n<p>Im Unterschied zum Sammelband \u201eDie Begegnungen feindlicher Br\u00fcder\u201c (Unrast, 2011) besteht das B\u00fcchlein aus Gespr\u00e4chen mit verschiedenen Autor*innen, die sich mehr oder weniger explizit als marxistisch verstehen. An jedeN h\u00e4ngt sich Kellermann mit der Frage \u201eUnd was ist mit dem Anarchismus?\u201c und dann ufern die kritisch-solidarisch gemeinten Streitgespr\u00e4che aus, wobei die jeweiligen Schwerpunkte oder f\u00fcr die Autor*innen interessanten Themen zur Sprache kommen. Ans Land gesp\u00fclt werden unz\u00e4hlige Literaturverweise f\u00fcr jedeN, der\/die weiter selbstst\u00e4ndig den angesprochenen Sachverhalten nachgehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>So spricht Bini Adamczak vom Erbe der Oktoberrevolution, von der Revolution als einem Ensemble von Missverst\u00e4ndnissen und wiederholt somit Landauers These, dass der revolution\u00e4re Prozess jeder Theorie nur eins ist und bleiben wird: eine Black Box. Die Geschichte \u201eder Linken\u201c (Differenzen zwischen unterschiedlichen Str\u00f6mungen hin oder her, ein schwammiger und nicht wirklich was aussagender Begriff; jedeR wei\u00df, was das ist, und niemand wei\u00df es so genau) wird sich in ihrer Ganzheit nur am Ende der Geschichte offenbaren (offensichtlich sind wir noch nicht so weit), pl\u00e4diert jedoch Adamczak f\u00fcr eine Dekonstruktion der historisch l\u00e4ngst \u00fcberholten Rollen \u201eMarxismus\u201c und \u201eAnarchismus\u201c.<\/p>\n<p>Jochen Gester betrachtet die \u201elinke\u201c Geschichte wesentlich pragmatischer, stellt Fragen nach einer angemessenen Organisationsform der emanzipatorischen Bewegung, der es gelingen w\u00fcrde, der sch\u00e4dlichen Staatsgl\u00e4ubigkeit der \u201eLinken\u201c zu entgehen. Die Frage n\u00e4mlich, die sich der Anarchismus seit jeher gestellt hat \u2013 nicht, dass er sie auch \u00fcberzeugend beantwortet h\u00e4tte: Selbstorganisation und direkte Demokratie sind bekanntlich nicht besonders spa\u00dfige, sondern nervt\u00f6tende und kraftraubende Unterfangen. Die von Gester angedeuteten L\u00f6sungen muten merkw\u00fcrdig an: eine repr\u00e4sentative Organisation, die ihren Mitgliedern die Last der Selbstorganisation wenigstens zum Teil abnimmt und das staatliche Terrain in Poulantzas\u00b4 Sinne als ein vermeintlich neutrales \u201eKr\u00e4fteparallelogramm\u201c versteht, nur um nach gescheiterten K\u00e4mpfen um Verrechtlichung den Massen den Unfug der Staatsgl\u00e4ubigkeit zu demonstrieren. (S. 61) Ist das eine poulantzische Einladung, nun auf eine anarchistische Weise den Weg der SPD, der Gr\u00fcnen, der Linken und der Piraten einzuschlagen? Oh&#8230;<\/p>\n<p>Gerhardt Hanloser, \u201eein Libert\u00e4rer mit Interesse an Marx\u201c (S. 91), erkl\u00e4rt den klassischen Anarchismus sowie den (Arbeiterbewegungs-)Marxismus zur Ideologie, die im 19. Jahrhundert gereift und seitdem verkn\u00f6chert ist. Nun, was z. B. auf dem Gebiet der Theorie im russischsprachigen Anarchismus nach Oktoberrevolution und nach Kropotkin geschehen ist, das wei\u00df leider auch in Russland kaum jemand, die von Marx beeinflussten emanzipatorischen Str\u00f6mungen sind immer noch marginal, die Diagnose stimmt so weit. Die Bestimmungen des Kommunismus nach Marx (S. 91f.) wenden sich dann nicht nur gegen die romantischen Landkommune-Anarchist*innen, sondern auch gegen die so genannten Marxist*innen. Um das zu wissen, m\u00fcsste mensch eben Marx kennen (lernen), statt in periodischen Abst\u00e4nden den neo-proudhonistischen Unfug zu bejubeln. Interessantes \u00e4u\u00dfert er auch zum umstrittenen Buch \u201eGegen die Arbeit\u201c von Michael Seidman: K\u00f6nnten sich die Herrschaften von syndikalismus.tk vorstellen, dass ausgerechnet ein \u201eMarxist\u201c die Vorw\u00fcrfe des Arbeitsfetischismus gegen die CNT zu entkr\u00e4ften versucht?<\/p>\n<p>Der bekannte Politologe Joachim Hirsch attestiert der anarchistischen Staatskritik einen schweren Mangel an Aktualit\u00e4t. Was zwar nichts Neues sein d\u00fcrfte: eine unpers\u00f6nliche Herrschaft der Verwertungslogik l\u00e4sst sich nicht einmal mehr als Herrschaft der b\u00f6sen Banker*innen und Kapitalist*innen beschreiben. Hier wird das theoretische Erbe des Anarchismus ihm selbst zur Last. \u00c4hnlich wie Gester formuliert Hirsch einen \u201eradikalen Reformismus\u201c, der evolution\u00e4r die Gesellschaft transformiert, was auch auf den Staatsapparat abf\u00e4rbt. Aber ohne den Wert kleiner freiheitlicher Ver\u00e4nderungen zu schm\u00e4lern: wie lassen sich Staat und Kapital wegreformieren?<\/p>\n<p>Beim Gespr\u00e4ch mit Hendrik Wallat erreicht die akademische Sprache in diesem Band ihren H\u00f6hepunkt. Ungenie\u00dfbar wird es trotzdem nicht. Er spricht \u00fcber die inneren Widerspr\u00fcche des Wissens, \u00fcber das unvers\u00f6hnliche Verh\u00e4ltnis zwischen Praxis und Theorie, das Verweigern von Utopien und den Wert alternativer Lebensentw\u00fcrfe, kritisiert wieder reichlich an der anarchistischen Staatskritik rum und leitet aus der Moralphilosophie Adornos die politische Philosophie der Emanzipation ab.<\/p>\n<p>Auch wenn mensch sich beim Lesen \u00fcber gro\u00dfe Abschnitte vorkommt, als w\u00fcrde mensch einem theoretischen Pimmelvergleich unter Gelehrten beiwohnen, hat mensch was davon. N\u00e4mlich Fragen \u00fcber Fragen, denn klar und deutlich wird nur eins: nur weil mensch sich am Bart wahlweise Marx&#8217; oder Bakunins festklammert, ist mensch l\u00e4ngst noch nicht auf der richtigen Seite.<\/p>\n<p>\u00dcbergens, inzwischen darf mensch sich auf den zweiten Band der \u201eBegegnungen feindlicher Br\u00fcder\u201c freuen.<\/p>\n<p><strong>ndejra<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8221; &#8230; nur weil mensch sich am Bart wahlweise Marx&#8217; oder Bakunins festklammert, ist mensch l\u00e4ngst noch nicht auf der richtigen Seite.&#8221; Erneut serviert uns&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[21,188],"tags":[],"class_list":["post-205","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anarchismus-marxismus-emanzipation","category-medienkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=205"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7953,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/205\/revisions\/7953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}