{"id":212,"date":"2015-03-18T17:57:52","date_gmt":"2015-03-18T16:57:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=212"},"modified":"2025-08-28T18:13:47","modified_gmt":"2025-08-28T16:13:47","slug":"junge-welt-3-2-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/junge-welt-3-2-2015\/","title":{"rendered":"&#8220;Junge Welt&#8221; 3.2.2015"},"content":{"rendered":"<p><strong>Freude am union busting<\/strong><br \/>\nAktive Gewerkschaftsbek\u00e4mpfung findet nicht nur bei BMW statt. Der bayrische Automobilhersteller betreibt sein Zerm\u00fcrbungswerk gegen renitente Arbeiter aber besonders gr\u00fcndlich. Das hat Tradition. Ungerechtfertigte Abmahnungen und K\u00fcndigungen geh\u00f6ren in Deutschland zu den wichtigsten und am h\u00e4ufigsten genutzten Waffen im Kampf gegen Betriebsr\u00e4te und aktive Gewerkschafter. Obgleich diese K\u00fcndigungen dem leicht erkennbaren Zweck dienen, einzelne zu zerm\u00fcrben und zumindest zeitweilig von der Belegschaft zu isolieren, werden sie von den meisten Arbeitsgerichten als gerechtfertigt angesehen und immer \u00f6fter werden entsprechende Prozesse zugunsten der Unternehmerseite entschieden. <!--more-->So befassen sich hoch bezahlte Richter im Jahr 2012 mit l\u00e4cherlichen Fragen wie: \u00bbIst der Verzehr einer mit Schmand bestrichenen Brotkante durch einen Angestellten der Steakhaus-Kette Maredo Diebstahl?\u00ab Bereits im Jahr 1987 musste die Frage gekl\u00e4rt werden \u00bbDarf ein Mann wie Peter Vollmer bei BMW am Flie\u00dfband arbeiten, obwohl er eigentlich Millionen-Erbe ist?\u00ab Vollmer hatte seine bourgeoise Herkunft beim Ausf\u00fcllen des Personalfragebogens 1979 verschwiegen. BMW f\u00fchlte sich acht Jahre sp\u00e4ter, als man durch Nachforschungen eines Detektivs dahinterkam, \u00bbarglistig get\u00e4uscht\u00ab, Bild bauschte den idiotischen Fall sogar zum Skandal auf.1 Insgesamt kamen bei BMW in Berlin 22 solcher und \u00e4hnlicher K\u00fcndigungen gegen Vollmer und seine Betriebsratskollegen zusammen, die allesamt nur m\u00fchsam wegprozessiert werden konnten.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Betriebsratsvorsitzende und IG-BCE-Gewerkschafter Helmut Schmitt beim Bodenbelagshersteller Nora systems (ehemals Freudenberg) in Weinheim bei Mannheim war 2012 ebenso von einer unsubstantiierten K\u00fcndigung bedroht wie es derzeit Murat G\u00fcnes aus Hamburg ist, der beim Plastikbecher-Produzenten Neupack arbeitet. Schmitt, G\u00fcnes und Vollmer eint, dass sie eine konfliktbereite und aktivierende Gewerkschaftsstrategie in ihrem Betrieb umgesetzt haben, die beinhaltete, Forderungen an die Unternehmensleitung zu stellen,die erkennbar weh taten, und \u2013 schlimmer noch \u2013 zu Streiks f\u00fchrten. Alle sahen sich mit langwierigen Gerichtsprozessen konfrontiert.<\/p>\n<p><strong>Kaum erforscht<\/strong><\/p>\n<p>Diese groteske Zerm\u00fcrbungsstrategie wird meist flankiert von intensiver Stimmungsmache im Betrieb. W\u00e4hrend die einen wahlweise als Gesetzesbrecher, ferngesteuerte Radikale oder notorische Querulanten diffamiert werden, motzt die Gesch\u00e4ftsleitung gelbe, also unternehmerfreundliche, Betriebsratslisten und von oben gesteuerte Belegschaftsinitiativen, zusammengesetzt aus G\u00fcnstlingen und Claqueuren, mit Geld, Hilfestellungen in Sachen PR sowie Vorteilsgew\u00e4hrung auf. Die Strategie ist um so wirksamer, als die Gek\u00fcndigten sich den Zugang zum Werksgel\u00e4nde oft erst mit viel Aufwand zur\u00fcckerobern m\u00fcssen und der gelben Propaganda im Betrieb wenig entgegensetzen k\u00f6nnen. Ihre Anh\u00e4nger ziehen den Kopf ein und verlieren den Mut, die Meinungshoheit geht verloren, was sich bei den n\u00e4chsten Betriebsratswahlen oft durch empfindliche Stimmenverluste bemerkbar macht.<\/p>\n<p>Diese Art von Union Busting, der Bek\u00e4mpfung von Gewerkschaften, ist in Deutschland fl\u00e4chendeckend und branchen\u00fcbergreifend nachweisbar, aber bislang so gut wie unerforscht. Ebenso wird sie von Staatsanwaltschaften nicht verfolgt, sondern \u00bbmangels \u00f6ffentlichen Interesses\u00ab ignoriert oder als Kavaliersdelikt abgetan, obwohl die Behinderung von Betriebsr\u00e4ten laut Paragraph 119 Betriebsverfassungsgesetz eine Straftat ist. Beides erscheint r\u00e4tselhaft angesichts der Brisanz des Ph\u00e4nomens. Wissenschaftlich vollkommen unerschlossen ist die professionelle Gewerkschaftsbek\u00e4mpfung in Deutschland in ihrer historischen Dimension.<\/p>\n<p>Eine Buchver\u00f6ffentlichung aus dem letzten Jahr schlie\u00dft hier eine wichtige L\u00fccke: \u00bbMacht und Recht im Betrieb. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit zwischen \u203agekaufter Vernunft\u2039 und unbestechlichem Widerstand\u00ab2 dokumentiert Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe aus drei linken IG-Metall-Gewerkschaftern im BMW-Motorrad-Werk Berlin-Spandau und der Werksleitung, die sich von 1984 bis in die Wendezeit erstreckten. Als weitere Gegenspieler neben dem Berliner Werksleiter Glas, Personalchef Neulinger und der Leiterin der M\u00fcnchner PR-Abteilung Raddatz traten der BMW-Gesamtbetriebsrat (GBR) unter dem knallharten \u00bbSozialpartner\u00ab Kurt Golda und \u2013 zumindest zeitweilig\u2013 die Berliner IG Metall auf. Der Politikwissenschaftler Bodo Zeuner spricht in dem Band von einem \u00bbgelben Betriebsrat\u00ab, \u00bbUnterwanderung der betrieblichen Gewerkschaftsorganisation durch den Unternehmer\u00ab sowie \u00bbumgekehrter Mitbestimmung\u00ab.3<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt r\u00fcckblickende Erz\u00e4hlungen der mittlerweile pensionierten unbeugsamen linken Akkordarbeiter Rainer Knirsch und Peter Vollmer (der dritte im Bunde war Hans K\u00f6brich), hinzu kommen Texte von Zeuner, der damals in einem Solidarit\u00e4tskomitee zur Unterst\u00fctzung der drei mitwirkte.4 Einen Gro\u00dfteil des Buches von 2014 machen Nachdrucke von Brosch\u00fcren und Dokumenten aus den Jahren 1984 bis 1987 aus, die auch deshalb so spannend zu lesen sind, weil Autoren wie Wolf-Dieter Narr, Bodo Zeuner und Hans-Herrman Hertle dem oben beschriebenen Ph\u00e4nomen und seinen antidemokratischen Wurzeln schon damals recht genau auf der Spur waren.5 Doch die von ihnen entwickelten Ans\u00e4tze, die \u00fcberkommene paternalistische Struktur deutscher Betriebe als entscheidendes Demokratiedefizit und B\u00fcrgerrechtsproblem zu betrachten, landeten w\u00e4hrend der Umw\u00e4lzungen der Wendejahre vorerst auf dem Komposthaufen der Geschichte. Das Buch macht klar: Das ganze Spiel geht nun schon seit mindestens 30 Jahren so. Und es ist frappierend festzustellen, dass die anhand von BMW beschriebenen Machenschaften sich beinahe haargenau im Jahr 2010 bei Nora systems in Weinheim wiederholt haben.6<\/p>\n<p><strong>Vorreiter aus Bayern<\/strong><\/p>\n<p>Die Bayrischen Motorenwerke k\u00f6nnen in mancherlei Hinsicht zu den Vorreitern des Union Busting in Deutschland gez\u00e4hlt werden. Auff\u00e4llig ist dabei die Tradition, unterhalb der Gruppe etablierter und anst\u00e4ndig bezahlter Facharbeiter eine Kaste aus unterpriveligierten Niedrigl\u00f6hnern schuften zu lassen und die Facharbeiter ganz gezielt gegen die wesentlich st\u00e4rker Ausgebeuteten in Stellung zu bringen. So betrug die Quote der damals noch so genannten \u00bbGastarbeiter\u00ab 1983 bei BMW 37,7 Prozent, w\u00e4hrend sie bundesweit in der Automobilindustrie bei 20,7 Prozent lag. Auf Rang zwei kam Mercedes in Sindelfingen mit 29,1 Prozent. Im Berliner BMW-Werk waren bis zu 10.000 \u00dcberstunden im Monat\u00fcblich, was bei geregelten Arbeitszeiten 100 Neueinstellungen entsprochen h\u00e4tte. Unter denen, die darunter am meisten zu leiden hatten, den 700 Akkordarbeitern, die in der Mehrzahl T\u00fcrken waren, wurden die drei Berliner Linken aktiv und betrieben das, was man heute Organizing nennt. Sie warben sensationell viele Mitglieder f\u00fcr die IG Metall und steigerten deren Organisierungsgrad in der 1.800 Besch\u00e4ftigte starken Belegschaft bis zum Jahr 1983 auf 68,2 Prozent. Noch im Jahr 1979 waren nur 45 Prozent in der Gewerkschaft, was im bundesdeutschen Vergleich f\u00fcr die IG Metall eine blamabel niedrige Quote war. Aber selbst die Quote von 1983 lag noch 13 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der gro\u00dfen Autokonzerne in Deutschland. Einen Vertrauensleutek\u00f6rper gab es im BMW-Motorradwerk ebensowenig wie einen funktionierenden Betriebsrat im Sinne einer unternehmensunabh\u00e4ngigen Interessenvertretung. 1981 konnten die drei mit ihrer Liste die Betriebsratswahl haushoch gewinnen.<\/p>\n<p>An die Stelle der \u00bbGastarbeiter\u00ab sind heute Leiharbeiter und Werkvertragler getreten. Das 2005 er\u00f6ffnete BMW-Werk Leipzig sorgte f\u00fcr Furore in der Fachwelt, weil dort laut Daniel Behruzi (junge Welt vom 22.1.2007) 1.000 der 3.400 Besch\u00e4ftigten Leiharbeiter waren.<\/p>\n<p>Rechnet man etwa 1.100 Besch\u00e4ftigte externer Dienstleister auf dem Werksgel\u00e4nde hinzu, ergibt sich ein Anteil von 46 Prozent der Belegschaft, der von Gewerkschaften schwer zu organisieren ist und von gesicherten Arbeitsverh\u00e4ltnissen und Tarifvertr\u00e4gen weit entfernt ist.<\/p>\n<p>Die Industriellenfamilie Quandt, die den Pleitekandidaten BMW 1959\u00fcbernahm und mit einem patriarchal-feudalen F\u00fchrungsstil zu heutiger Gr\u00f6\u00dfe aufbaute, hatte in der Zeit des Nazifaschismus u. a. Batterien f\u00fcr U-Boote und die \u00bbWunderwaffe\u00ab V 2 hergestellt. Schon hier war ein hoher Anteil von Zwangsarbeitern auff\u00e4llig. So mussten ab 1940 franz\u00f6sische Kriegsgefangene im Hagener Werk der Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA) der Familie Quandt schuften, 44 Prozent der 5.800 Personen starken Belegschaft waren im Jahr 1944 Zwangsarbeiter.<\/p>\n<p>G\u00fcnther Quandt war schon 1937 zum \u00bbWehrwirtschaftsf\u00fchrer\u00ab ernannt worden, das AFA-Hauptwerk in Hagen war die \u00bbLeitfertigungsstelle\u00ab f\u00fcr weitere AFA-Werke in Hannover, Wien und dem damaligen Posen. Quandts Batterien kamen auch in Torpedos und Funkger\u00e4ten zum Einsatz. Die Bayrischen Motorenwerke hatten nach dem Zweiten Weltkrieg gro\u00dfe Probleme, auf Friedensproduktion umzustellen. Sie hatten 75 Prozent der deutschen Flugzeugmotoren geliefert. Im Motorradbereich war man traditionell gut aufgestellt, unter anderem mit dem \u00bbStalingrad-Krad\u00ab f\u00fcr die Wehrmacht, aber das war nur ein Nischenmarkt, der allerdings bis heute wichtig f\u00fcr das Image und die \u00f6ffentliche Wahrnehmung der Marke ist. Eigentlich wollte die Deutsche Bank als Hauptkreditgeber von BMW den gesamten Laden 1959 an Daimler-Benz verscherbeln, doch auf der entscheidenden Aktion\u00e4rsversammlung stemmten sich vor allem lokalpatriotische bayrische Mittelstandsaktion\u00e4re und gro\u00dfe Teile der Belegschaft in einer Art Zwergenaufstand gegen diesen Ausverkauf eines bayrischen Wahrzeichens. Die Legende besagt, dass Herbert Quandt davon so beeindruckt gewesen sei, dass er spontan beschloss, Teile der \u00fcppigen Kriegsgewinne, die er geerbt hatte, in die Sanierung und Neuausrichtung von BMW zu investieren. Vermutlich geh\u00f6rt diese Darstellung in den Bereich der Mythenbildung. In jedem Fall wurde hier eine Unternehmenskultur der freudigen Unterwerfung unter einen \u00bbguten etriebsf\u00fchrer\u00ab, mehr noch, einen Retter und wei\u00dfen Ritter, bekr\u00e4ftigt. F\u00fcr diese spezielle Art der Sozialpartnerschaft stand \u00fcber lange Jahre der GBR-Vorsitzende Kurt Golda, der auch in der bayrischen IG Metall gro\u00dfen Einfluss hatte.7 Er war weit davon entfernt, ein selbstbewusster Gewerkschafter zu sein. Als Firmenpatriarch Herbert Quandt 1982 im Alter von 72 Jahren starb, verfasste Golda einen Nachruf, der an Ausw\u00fcchse des Personenkults in autorit\u00e4ren Regimen erinnert: \u00bbDer unfassbaren Nachricht vom pl\u00f6tzlichen Tod von Herrn Dr. Quandt steht der GBR mit Best\u00fcrzung und Trauer gegen\u00fcber.\u00ab Dieser Tenor erstreckt sich \u00fcber zwei Seiten, auf denen \u00bbeine der bedeutendsten Pers\u00f6nlichkeiten der deutschen Wirtschaft\u00ab und ihr\u00bbgro\u00dfes und schweres Erbe\u00ab gepriesen sowie die \u00bbentstandene L\u00fccke\u00ab beklagt wird.<\/p>\n<p><strong>Streikniederschlagung<\/strong><\/p>\n<p>Zur Union-Busting-Geschichte nicht nur von BMW, sondern der gesamten bayrischen Metallindustrie, geh\u00f6rt die Niederschlagung eines Streiks der IG Metall, der vom 9. bis zum 31. August 1954 dauerte und bis dahin der l\u00e4ngste Streik in der Geschichte der jungen Bundesrepublik war. Zugleich einer der erfolglosesten. Er brach zusammen, weil die Unternehmer einerseits auf die gestellten Forderungen nach Lohnerh\u00f6hungen eingingen, aber diese nicht in Form von Tarifen mit der Gewerkschaft, sondern durch betriebliche Zusagen gew\u00e4hrten. So gelang es ihnen, zahlreiche Betriebe nach und nach aus der Streikfront zu l\u00f6sen, bis der Arbeitskampf schlie\u00dflich versandete. Zweitens ging die bayrische Polizei brutal gegen Ausst\u00e4ndische und ihre Posten vor. So setzte sie vor einem Werk von Siemens &amp; Halske am 18. August vier Hundertschaften ein, um Streikbrechern den Weg freizupr\u00fcgeln. Die rund 1.000 Gewerkschafter wehrten sich, es kam zu Steinw\u00fcrfen und Verletzten auf beiden Seiten. Drittens verschickte das Unternehmerlager w\u00e4hrend des Streiks Zehntausende blaue Briefe, es folgte eine Entlassungswelle, die einer \u00bbS\u00e4uberung\u00ab der Betriebe von Gewerkschaftskadern gleichkam. Die Zeitschrift Arbeiterstimme schrieb dazu in einem R\u00fcckblick aus dem Jahr 1995: \u00bb852 Metaller, darunter 60 Betriebsr\u00e4te, landeten auf der Stra\u00dfe und fanden aufgrund von schwarzen Listen keine Arbeit mehr. In 1.500 Prozessen mussten sich Streikposten wegen Landfriedensbruch, K\u00f6rperverletzung und Beleidigung verantworten.\u00ab Versuche, die Wiedereinstellung gerichtlich zu erstreiten, die u. a. vom Marburger Professor Wolfgang Abendroth unternommen wurden, blieben erfolglos.<\/p>\n<p>Doch schon ein halbes Jahr vor dem Streik hatte BMW zugeschlagen. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vermerkt in seiner Protestchronik der Jahre 1949\u20131959: \u00bbBei den BMW-Werken in M\u00fcnchen-Allach werden vierzig Arbeiter, darunter zwei Betriebsr\u00e4te, mit der Begr\u00fcndung fristlos entlassen, dass dies \u203aim Interesse der Regierung der Vereinigten Staaten liegend f\u00fcr notwendig gehalten\u2039 werde. \u2013 Die Entlassungsaktion l\u00f6st unter der 4.600 Besch\u00e4ftigte z\u00e4hlenden Belegschaft gro\u00dfe Beunruhigung aus. Etwa drei\u00dfig der Entlassenen, von denen einige seit mehr als zwanzig Jahren ohne Beanstandung bei BMW gearbeitet haben, sind Mitglieder der IG Metall.\u00ab<\/p>\n<p>In eben diesem Werk war auch der besagte Kurt Golda seit 1950 Betriebsratsmitglied. Es stellt sich die Frage nach seiner Rolle bei den Entlassungen. Insbesondere der von Kraushaar zitierte Verweis auf die amerikanische Besatzungsmacht l\u00e4sst aufhorchen, wird aber nicht n\u00e4her erl\u00e4utert. Die Strategie der bayrischen Unternehmer, einer streikenden Gewerkschaft durch Erf\u00fcllung ihrer Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die dann ohne die Gewerkschaft umgesetzt werden, ist aus den USA bekannt. Sie gilt bis heute als zentrale Union-Busting-Methode des Technologiekonzerns General Electric (GE) Hier w\u00e4ren Beziehungen genauer zu erforschen.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaftsfreie Zone<\/strong><\/p>\n<p>BMW gelang das Kunstst\u00fcck, von einem Pleitekandidaten und antikommunistischen Mustersch\u00fcler der USA zum mittlerweile gr\u00f6\u00dften Autoexporteur der USA aufzusteigen \u2013 gemessen am Umsatz, nicht an St\u00fcckzahlen. Das Werk in Spartanburg, South Carolina, ist heute die gr\u00f6\u00dfte BMW-Fabrik der Welt und produziert mit nur 8.800 Angestellten 450.000 Autos im Jahr. Von denen werden 70 Prozent exportiert, was bedeutet, dass das Union Busting in den USA Produktionsstandorte in anderen L\u00e4ndern unter Druck setzt und erpressbar macht.8 Das BMW-Werk in Spartanburg wurde 1992 er\u00f6ffnet und war der einzige Betrieb deutscher Automobilproduzenten in den USA, nachdem VW 1988 den zehn Jahre zuvor er\u00f6ffneten Standort New Stanton bei Pittsburgh dichtgemacht hatte. W\u00e4hrend VW kl\u00e4glich scheiterte, konnten die japanischen Produzenten Honda, Toyota und Nissan das Mutterland des Flie\u00dfbands knacken. BMW kopierte ihr Erfolgsrezept, das auf eine Ansiedlung in den traditionell gewerkschaftsfeindlichen S\u00fcdstaaten setzte, die industriell und zivilgesellschaftlich unterentwickelt, daf\u00fcr aber subventionsfreudig waren und es bis heute sind. Hinzu kam die Anwendung moderner Human-Ressources-Techniken bei der gr\u00fcndlichen Auswahl, Zusammenstellung und st\u00e4ndigen Durchleuchtung der Belegschaft. Vor allem galt es, m\u00f6glichst keine jungen Menschen einzustellen, die wom\u00f6glich f\u00fcr ihre Rechte k\u00e4mpfen w\u00fcrden. Sowohl den japanischen Autoherstellern als auch BMW ist es in den S\u00fcdstaaten der USA gelungen, bis heute gewerkschaftsfrei zu bleiben. Das rentiert sich nicht nur durch simples Lohndumping, sondern auch durch ein H\u00f6chstma\u00df an unternehmerischer Verf\u00fcgungsgewalt, mit der l\u00e4ngere und flexible Arbeitszeiten durchgesetzt und neue Produktionsmodelle erprobt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dem Ruf in die gewerkschaftsfeindlichen US-S\u00fcdstaaten folgten seither BASF (Vidalia\/Louisiana), Evonik (Mobile\/Alabama), Fresenius Medical Care (Ogden\/Utah), Mercedes-Benz (Vance\/Alabama und Cleveland\/North Carolina), Stihl (Virginia Beach\/Virginia), Thyssen-Krupp (Mount Vernon\/Alabama), Wacker (Charleston\/Tennessee). Einzig von VW (Chattanooga\/Tennessee) sind ernsthafte Versuche publik geworden, eine demokratische Mitbestimmung samt Gewerkschaften zuzulassen. Mercedes-Benz und Thyssen-Krupp zerschlugen dagegen gewerkschaftliche Organisierungsversuche mit Hilfe professioneller Union Buster. Wer nach den treibenden Kr\u00e4ften f\u00fcr das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP sucht, sollte sich diese S\u00fcdstaaten-Connection genauer anschauen.<\/p>\n<p>Im Sommer 2011 heuerte BMW Anw\u00e4lte von Jackson Lewis an, der gr\u00f6\u00dften explizit auf Union Busting spezialisierten Kanzlei der USA. 100 Arbeiter eines Ersatzteillagers und Vertriebs im kalifornischen Ontario wurden pl\u00f6tzlich entlassen, der Standort tags darauf mit frisch angeheuerten Niedrigl\u00f6hnern wieder er\u00f6ffnet. Ohne Tarifvertr\u00e4ge und vor allem ohne eine Gewerkschaftsrepr\u00e4sentanz der Transportarbeitergewerkschaft Teamsters, die 68 der gefeuerten Besch\u00e4ftigten in ihren Reihen hatte. Dem US-amerikanischen Arbeitsrechtsanwalt und Autor Thomas Geoghegan fiel dazu eine Bemerkung ein, die stereotyp von US-Gewerkschaftern und B\u00fcrgerrechtlern zu h\u00f6ren ist, wenn es um aggressive Methoden deutscher Konzerne in den Vereinigten Staaten geht: BMW k\u00f6nnte in Deutschland angesichts des hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrads niemals Arbeitspl\u00e4tze derart outsourcen, da gewerkschaftliche Solidarit\u00e4t in Deutschland von Verwaltungsangestellten bis zu einfachen Besch\u00e4ftigten reiche und solche Ideen im Keim ersticke. Da lag der Mann wohl einigerma\u00dfen daneben. Ebenso kann man sich in umgekehrter Richtung t\u00e4uschen, was die St\u00e4rke der US-amerikanischen Gewerkschaften angeht. Dort wird jedenfalls mehr gestreikt als in Deutschland. Und auch die Teamsters sind nicht von Pappe. Sie stellten sich in zahlreichen Bundesstaaten mit Protestposten vor BMW-Vertragsh\u00e4ndler und organisierten am 1. November 2011 lautstarke Demos vor B\u00fcros von Jackson Lewis in New York und Philadelphia, wo die Parole \u00bbUnion Busting is disgusting\u00ab skandiert wurde (Gewerkschaftsbek\u00e4mpfung ist widerlich). Sie konnten dadurch, sowie durch Pressearbeit, Blogs und Social media den Ruf von BMW empfindlich ankratzen und die R\u00fccknahme der K\u00fcndigungen erreichen.<\/p>\n<p>1 Hier war der Dreh, dass Vollmer unter Kollegen Spenden gesammelt hatte, obwohl er eigentlich Million\u00e4r war. Nach dem Tenor: Alles nur linke Spinner, verzogene B\u00fcrgers\u00f6hnchen, die Arbeiterf\u00fchrer spielen wollen.<\/p>\n<p>2 Frank Steger (Hg.): Macht und Recht im Betrieb. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit zwischen \u00bbgekaufter\u00ab Vernunft und unbestechlichem Widerstand. Der \u00bbFall BMW-Berlin\u00ab. Die Buchmacherei, Berlin 2014<\/p>\n<p>3 Bodo Zeuner: Der Fall BMW und die Politik der IG Metall 1985\/86, in: Frank Steger a. a. O., S. 230<\/p>\n<p>4 Zeuner setzte schon 1990 mit seinem Buch \u00bbArbeitsunrecht\u00ab Ma\u00dfst\u00e4be bei der Darstellung der Schattenseiten deutscher Betriebsrealit\u00e4ten, was in den deprimierenden Jahren der Nachwende leider kaum Beachtung fand.<\/p>\n<p>5 Wolf-Dieter Narr: Der Betrieb der Grundrechte oder wie ein Unternehmen seine Besch\u00e4ftigten b\u00e4ndigt \u2013 am Beispiel BMW Berlin-West. In: Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie: Gekaufte Vernunft. Ein Lehrst\u00fcck \u00fcber Demokratie und Meinungsfreiheit bei BMW, Berlin Mai 1985, S. 5<\/p>\n<p>6 Werner R\u00fcgemer\/Elmar Wigand: Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbek\u00e4mpfung. K\u00f6ln 2014, S. 181 f.<\/p>\n<p>7 Ab 1956 war Golda BMW-Betriebsratsvorsitzender in M\u00fcnchen, ab 1967 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1988 Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates. Ebenso war er seit 1957 Mitglied des Aufsichtrates von BMW, sowie sp\u00e4ter dessen stellvertretender Vorsitzender.<\/p>\n<p>8 So beschloss BMW im Oktober 2013 die Produktion eines Modells aus seinem s\u00fcdafrikanischen Standort in Rosslyn, Pretoria, abzuziehen, nachdem die Gewerkschaft NUMSA die gesamte Automobilbranche bestreikt hatte.<\/p>\n<p>Von Elmar Wigand erschien in Zusammenarbeit mit Werner R\u00fcgemer im K\u00f6lner Papy Rossa Verlag 2014 das Buch \u00bbDie Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbek\u00e4mpfung\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Elmar Wigand<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freude am union busting Aktive Gewerkschaftsbek\u00e4mpfung findet nicht nur bei BMW statt. Der bayrische Automobilhersteller betreibt sein Zerm\u00fcrbungswerk gegen renitente Arbeiter aber besonders gr\u00fcndlich. 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