{"id":214,"date":"2015-03-18T17:59:51","date_gmt":"2015-03-18T16:59:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=214"},"modified":"2025-08-28T18:13:47","modified_gmt":"2025-08-28T16:13:47","slug":"sozialistische-zeitung-01-2015-und-express-12-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/sozialistische-zeitung-01-2015-und-express-12-2014\/","title":{"rendered":"&#8220;Sozialistische Zeitung&#8221; 01-2015 und &#8220;Express&#8221; 12-2014"},"content":{"rendered":"<p><strong>Drei Betriebsr\u00e4te gegen den Weltkonzern<\/strong><br \/>\nEs gibt mehrere au\u00dfergew\u00f6hnliche Betriebsk\u00e4mpfe, auch in den letzten Jahren, die wir als radikale Linke kennen sollten, um Hintergrundwissen und Ma\u00dfst\u00e4be zu haben f\u00fcr heutige und zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe. Je besser wir die fr\u00fcheren K\u00e4mpfe kennen und verstehen \u2013 seien es K\u00e4mpfe von Belegschaften, kleinen Gruppen oder Einzelpersonen \u2013, desto besser sind wir f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet, in der die Konflikte gewi\u00df noch h\u00e4rter ausgetragen werden als in der Vergangenheit. Es seien nur einige der K\u00e4mpfe des letzten Jahrzehnts genannt:<!--more--><\/p>\n<p>\u2013\u00a0der Opel-Streik in Bochum 2004;<\/p>\n<p>\u2013\u00a0der Streik bei Gate Gourmet 2005\/2006;<\/p>\n<p>\u2013\u00a0der Streik bei BSH (Bosch-Siemens-Hausger\u00e4tewerk) in Berlin;<\/p>\n<p>\u2013\u00a0der Kampf der Kassiererin \u00abEmmely\u00bb bei Tengelmann in Berlin;<\/p>\n<p>\u2013\u00a0der Neupack-Streik 2012\/2013;<\/p>\n<p>\u2013\u00a0der laufende Streik bei Amazon in bisher sechs der acht Niederlassungen.<\/p>\n<p>Und noch ein fast vergessener Kampf geh\u00f6rt dazu, der mehrere Jahre w\u00e4hrte, ein Buch im kleinen Berliner Verlag \u00abDie Buchmacherei\u00bb holt ihn jetzt aus der Vergessenheit: Der \u00abFall BMW-Berlin\u00bb. Dokumentation eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kampfes. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit zwischen \u00abgekaufter Vernunft\u00bb und unbestechlichem Widerstand.<\/p>\n<p>Der Kampf von drei Betriebsr\u00e4ten gegen den Weltkonzern BMW war in der Tat au\u00dfergew\u00f6hnlich! F\u00fcr den Rezensenten, der den Kampf (von 1984 bis 1987) noch blass in Erinnerung hatte und jetzt die Dokumentation in die Hand nahm, wurde die Lekt\u00fcre nach ein paar Seiten spannend wie ein Krimi. Die heutigen K\u00e4mpfe, z.B. bei Neupack (Hamburg) und Amazon, haben einen anderen Charakter, weil sich die Zusammensetzung der Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten grundlegend ver\u00e4ndert hat. Heute sind die Kolleginnen und Kollegen aus prek\u00e4ren Bereichen, mit wenigen Organisierten, ein Zusammenschluss \u2013 die Gewerkschaft als Voraussetzung f\u00fcr den Kampf \u2013 muss sich erst bilden. Sie stehen mit dem R\u00fccken an der Wand, das gibt ihnen die Antriebskraft f\u00fcr Organisation und Kampf. Es geht um einen Tarifvertrag, der mehr Sicherheit und h\u00f6heren Lohn verspricht.<\/p>\n<p>Damals hatte die H\u00e4rte der BMW-Gesch\u00e4ftsleitung gegen\u00fcber den drei Betriebsr\u00e4ten ihren Grund darin, dass diese eine kleine Gruppe bildeten mit festen politischen Vorstellungen, die aufgrund ihrer hervorragenden Kenntnisse des Betriebsverfassungsgesetzes und ihrer Rechte Optimales f\u00fcr ihre Kollegen herausholten und bedrohten Kollegen den R\u00fccken st\u00e4rkten. Sie waren nicht nur politische St\u00f6renfriede, sie kosteten die Betriebsleitung auch viel Geld.<\/p>\n<p>Das war der Grund, warum der BMW-Vorstand gesagt hat: Diese Betriebsr\u00e4te m\u00fcssen weg. Darum hat er die Betriebsratswahl 1984 mit einer gekauften \u00abMannschaft der Vernunft\u00bb manipulieren lassen. Die Anfechtung der Wahl durch die drei Aktivisten hatte Kettenk\u00fcndigungen zur Folge. Die Tr\u00e4ger des Kampfes, die auch zu dieser Dokumentation beigetragen haben, waren Rainer Knirsch, Peter Vollmer, Hans K\u00f6brich und der sp\u00e4ter hinzugesto\u00dfene Vertrauensmann Sucsuz. Die beiden ersten geh\u00f6ren zu der Generation, die 1970 nach ihrem Studium in die Betriebe gegangen ist, um nicht nur den Betrieb, sondern auch die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. Eine gute Darstellung der Vertreter dieser Generation gibt Jan Ole Arps in seinem Buch Fr\u00fchschicht (Assoziation-A, siehe SoZ 9\/2011).<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre der Dokumentation erleben wir die H\u00e4rte des Arbeit\u00abgebers\u00bb mit, wie er massenweise Abmahnungen und fristlose K\u00fcndigungen verteilt und mit dem Arbeitsrecht so spielt (Kettenk\u00fcndigungen), dass dieses zu offensichtlichem Arbeitsunrecht wird; wir erleben mit, wie Arbeitsrichter, die nicht zu Handlangern der BMW-Gesch\u00e4ftsleitung werden wollen, ausgehebelt werden und ohnm\u00e4chtig dastehen.<\/p>\n<p>Wir erleben auch, wie es die Gesch\u00e4ftsleitung anstellt, die Mehrheit der Kollegen auf ihre Seite zu ziehen und gegen die drei Betriebsr\u00e4te aufzuwiegeln. F\u00fcr die drei Aktivisten, die jahrelang aus dem Betrieb verbannt werden, ist diese Zeit mit den vielen Verfahren vor den Arbeitsgerichten zerm\u00fcrbender als die normale Lohnarbeit.<\/p>\n<p>Der Kampf der drei war nicht nur ein Kampf gegen die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des Berliner BMW-Werks, die von der Zentrale in M\u00fcnchen gesteuert wurde, sondern wurde auch ein Kampf gegen die nicht mehr sozialpartnerschaftliche, sondern \u00abgelbe\u00bb Mehrheit des Betriebsrats, und anfangs auch gegen die Berliner IG Metall, die auf Seiten der Betriebsratsmehrheit stand. Dem Konflikt mit der Berliner IGM ist ein besonderes Kapitel gewidmet.<\/p>\n<p><strong>Union Busting<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Unterschiede zu den K\u00e4mpfen heute, weil die Arbeiterklasse durch die kapitalistische Entwicklung neu zusammengesetzt wurde, aber eines ist geblieben: Die Lohnabh\u00e4ngigen k\u00f6nnen ihre materielle Lage nur verbessern und ihre W\u00fcrde nur bewahren durch organisierten Widerstand. Die drei Aktivisten von BMW-Berlin machten Erfahrungen, die 20\u201325 Jahre sp\u00e4ter massenhaft auf Kollegen zukommen: Heute nennt man es \u00abUnion-Busting\u00bb.<\/p>\n<p>In der Tat: Unbestechlichkeit, Zuversicht und Ausdauer waren die Voraussetzungen, diesen jahrelangen Kampf durchzuhalten. Nach Lekt\u00fcre des Buches frage ich mich: Wie wirkt das auf junge Kollegen, auf die Auseinandersetzungen mit ihren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen zukommen? Schrecken sie zur\u00fcck, weil sie meinen: Diese Kraft und Ausdauer haben wir nicht? Oder sagen sie: Ich habe was gelernt aus der Lekt\u00fcre, um besser ger\u00fcstet zu sein als die Kollegen Vollmer, K\u00f6brich und Knirsch es waren, als sie in den Konflikt gezogen wurden?<\/p>\n<p>Auch wenn die BMW-Gesch\u00e4ftsleitung sich damals Spitzenanw\u00e4lte leistete und es schon damals Union Busting war, das betrieben wurde, gibt es heute in der Arbeitswelt ein neues Ph\u00e4nomen: Es hat sich ein Wirtschaftszweig entwickelt, n\u00e4mlich Anwaltskanzleien, die ihre Dienste anbieten, um Firmen betriebsrats- und gewerkschaftsfrei zu halten oder zu machen. Widerstand, der sich in den Betrieben organisiert, soll damit von Anfang an der Kopf abgeschlagen werden. (N\u00e4heres dazu siehe auf der Seite http:\/\/aktion.arbeitsunrecht.de.)<\/p>\n<p>Zur Lekt\u00fcre des Buches: Da es eine Dokumentation ist, auch mit Artikeln von etlichen Autoren, gibt es Wiederholungen. Die kann man \u00fcberschlagen, um zu weiteren spannenden Stellen vorzusto\u00dfen. Ich habe mit besonderem Interesse die Kapitel von Bodo Zeuner (\u00abVierte Geschichte \u00fcber B\u00fcrgerrechte im Betrieb\u00bb), Wolf-Dieter Narr (\u00abDer Betrieb der Grundrechte oder wie ein Unternehmen seine Besch\u00e4ftigten b\u00e4ndigt \u2013 Am Beispiel BMW Berlin-West\u00bb) und Peter Vollmer (\u00abIch h\u00e4tte es nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten\u00bb) gelesen. Ein St\u00f6bern in den vielen Dokumenten veranschaulicht den Konflikt im Detail. Ein kleiner Mangel: Die Seitenzahlen sind nicht durchgehend und erschweren das Auffinden der einzelnen Kapitel.<\/p>\n<p><strong>Dieter Wegner<\/strong><\/p>\n<p><em>Der Autor ist aktiv im Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Betriebsr\u00e4te gegen den Weltkonzern Es gibt mehrere au\u00dfergew\u00f6hnliche Betriebsk\u00e4mpfe, auch in den letzten Jahren, die wir als radikale Linke kennen sollten, um Hintergrundwissen und&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-214","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-macht-und-recht-im-betrieb-der-fall-bmw-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=214"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8067,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/214\/revisions\/8067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}