{"id":222,"date":"2015-03-18T18:10:20","date_gmt":"2015-03-18T17:10:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=222"},"modified":"2025-08-28T12:31:52","modified_gmt":"2025-08-28T10:31:52","slug":"syndikalismus-dezember-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/syndikalismus-dezember-2012\/","title":{"rendered":"Syndikalismus Dezember 2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Extrem d\u00fcrftig&#8221;<\/strong><br \/>\nDie Idee, sich mit den Bedingungen und Voraussetzungen f\u00fcr eine libert\u00e4re Gesellschaft auseinander zu setzen, findet meine vollst\u00e4ndige Unterst\u00fctzung. Allerdings sollten neuzeitliche Er\u00f6rterungen bittesch\u00f6n auch Handlungsanweisungen und Empfehlungen enthalten, wie wir dann dorthin gelangen k\u00f6nnten. Allein die Aufforderung, doch Kollektive zu gr\u00fcnden, ohne arbeiterselbstverwaltete Selbstbestimmungsmodelle zu beschreiben, ist etwas d\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigung dieses Traktates erinnerte mich sofort an das Selbstverst\u00e4ndnis der Londoner Group Solidarity aus dem Jahre 1973 \u2013 As we see it \u2013 As we don\u2019t see it <a href=\"http:\/\/syndikalismus.wordpress.com\/2012\/12\/07\/eingesandt-zwei-unzulangliche-versuche-rezensionen\/#sdfootnote1sym\" target=\"_blank\">[1]<\/a>. Doch die Entt\u00e4uschung war betr\u00e4chtlich,denn deren Vorschl\u00e4ge und Ansichten sind deutlicher was den Prozess des \u00dcbergangs in eine libert\u00e4re Gesellschaft beschreibt, ohne als trotzkistisches \u00dcbergangsprogramm gebrandmarkt werden zu k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Bereits auf S. 11 ergreift einen das Grauen, wenn der Autor Gerd Stange behauptet, \u00abdie Entt\u00e4uschung des Proletariats \u00fcber die Ohnmacht der Arbeiterbewegung hat immer wieder Massen von Arbeitern zu reaktion\u00e4ren und faschistischen Parteien \u00fcberlaufen lassen.\u00bb So weit, so richtig \u2013 auch wenn \u201aMassen\u2019 nicht zwingend \u201aMehrheit\u2019 bedeutet \u2013, aber der sofort nachfolgende Satz ist entwaffnend dumm: \u00abIn den F\u00fcnfzigerjahren des 20. Jahrhunderts schien gesellschaftliche Ver\u00e4nderung von niemandem mehr gewollt. Resignation breitete sich\u00bb aus \u2026 Soviel zu den Kenntnissen dieses Herrn. Mitte der F\u00fcnfziger Jahre setzte das so genannte Ehrhardtsche (SS-geplante) \u201aWirtschaftswunder\u2019 ein, der Wohlstand prosperierte \u2013 und dem erwachsenenbildenden K\u00f6rperpsychologen Stange f\u00e4llt als gesellschaftliche Analyse nur ein \u00abschien\u00bb ein. Bitte tanze uns mal den Begriff \u201aWiderstand\u2019 \u2026. Der dann zehn Jahre sp\u00e4ter \u2013 wohl aus ebenso unerkl\u00e4rlichen Gark\u00fcchen \u2013 auftauchte (die 1969er Streikbewegung) und mit Willy Brandts \u201aMehr Demokratie-wagen\u2019-SPD-Wahlsieg ers\u00e4uft wurde. Die aus der Kloake der Geheimdienste auftauchende RAF erw\u00fcrgte dann den neuerlichen Auftritt einer emanzipatorischen \u2013 und vor allem \u2013 multikulturellen Arbeiterbewegung in Deutschland endg\u00fcltig mit ihrem pastoralen Terrorismus. Aber das hat Stange wohl alles verpennt oder verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wer Behauptungen aufstellt und sich dann ganz von einer geschichtlichen Analyse abkoppelt, der ist zum Scheitern verurteilt, egal was f\u00fcr einen klugen Brei er sonst noch verzapft. Auch bei Stange geht es ganz entschieden darum, dass wir den Kapitalismus nur \u00fcberwinden k\u00f6nnen, wenn wir endlich anfangen, Fakten zu schaffen. Und das bedeutet, eben nicht auf den \u201aKommenden Aufstand\u2019 zu warten oder ihn herbeizuagitieren. Auch dieser Aufstand w\u00fcrde \u00abmassakriert\u00bb werden, da stimme ich ihm zu.<\/p>\n<p>Der Abschied vom Proletariat mag sehr anarchistisch klingen, nur \u2013 wer sonst soll denn die Produktion aufrecht erhalten, damit wir nicht alle verhungern? Besonders, wenn wir uns die Vorstellung zu Gem\u00fcte f\u00fchren, dass jeder Mensch an gesellschaftlich notwendiger T\u00e4tigkeit in zehn Jahren nicht mehr als 4.000 Stunden abzuleisten hat (grob gerechnet geht der Autor von 200.000 Lebens\u00abarbeits\u00bbstunden aus) \u2013 per anno also gerade einmal 400 Stunden, das bedeutet dann immerhin ein 50-j\u00e4hriges \u00abArbeits\u00bbleben. Das d\u00fcrfte etwas eng werden. Aber f\u00fcr G\u00fcrtelengerschnallen ist Stange ohnehin \u2013 mag sein, dass die franz\u00f6sische Provence mehr Naturalien abgibt, als eine Gro\u00dfstadt \u2026 und nicht jeder besitzt ein eigenes G\u00e4stehaus im freundlichen sonnigen S\u00fcden. Ebenfalls unscharf seine Kritik an der \u00abWachstumsideologie\u00bb, die er aber nicht mit einem einfachen \u00abKonsumverzicht\u00bb kontern m\u00f6chte; das d\u00fcrfte f\u00fcr die vielen Hungernden der Erde wohl auch extrem zynisch klingen. Wie deren Grundbed\u00fcrfnisse nach Nahrung, Wohnung und Bildung bei einer 8-Stunden-Woche befriedigt werden sollen, mag Stange erkl\u00e4ren, ich kann es nicht. Allein auf einem Schiff d\u00fcrfte das zum Untergang f\u00fchren, entweder, weil zu viele Matrosen an Deck rumturnen und auf ihre Kurz-Arbeit warten oder weil sie wegen zu wenig Personal absaufen.<\/p>\n<p>Die Gegnerschaft zur \u00abden Kapitalismus mit generierenden Arbeiterklasse\u00bb (\u00abDer Gegner des Kapitalismus ist nicht das Proletariat, so wenig wie der Tr\u00e4ger des Kapitalismus der Kapitalist ist\u00bb; S. 11) macht mich wirklich sprachlos. Nat\u00fcrlich k\u00e4mpft die aktive Arbeiterbewegung einerseits f\u00fcr Verbesserungen im Kapitalismus (sie steht zweifelsohne nicht au\u00dferhalb des System der Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse), ihr aber vorzuwerfen, sie geh\u00f6re zur Maschinerie des Systems \u2013 das d\u00fcrfte kaum die freie Entscheidung der Mehrheit der Klasse sein. F\u00fcr eine sozialrevolution\u00e4re, klassenk\u00e4mpferische Arbeiterbewegung trifft das jedenfalls nicht zu \u2013 sie k\u00e4mpft ja gerade f\u00fcr die Aufhebung der Lohnarbeit und f\u00fcr eine libert\u00e4re Gesellschaft. Eben das ist diesem Autor wohl nicht einsichtig.<\/p>\n<p>Wer sind dann die Objekte der Ver\u00e4nderung, wenn es nicht das \u00abProletariat\u00bb noch irgendwelche \u00abRandgruppen\u00bb sind, \u00abdie zwischen dem Wunsch nach Integration durch Arbeit und der Verzweiflung angesichts der Erbarmungslosigkeit ihrer Mitmenschen\u00bb zerrieben werden, weil ihre \u00abHeterogenit\u00e4t\u00bb auch f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen \u00abaussichtslos\u00bb sind? (S. 10\/11) Ohne Forderungen wie \u00abWeg mit \u2026!\u00bb f\u00e4ngt nach Stange \u00abdie Arbeit an\u00bb (sic!) und er fordert positiv: \u00abHer mit der libert\u00e4ren Gesellschaft!\u00bb (S. 10\/11)\u00abDas \u00dcbel des Kapitalismus\u00bb, schreibt Stange, \u00abist nicht der Kapitalist, sondern das Kapital\u00bb (S. 36) \u2013 deshalb will er auch das Geld als Tauschmittel nicht abschaffen. Wie er dann den Kapitalismus \u00abunsch\u00e4dlich\u00bb (S. 35) machen will, bleibt er schuldig. \u00abDas Biest muss sterben\u00bb (S. 17) ist also nur ein l\u00e4cherlicher Slogan. Genau wie dieser: \u00abDie Privatheit der betrieblichen Sph\u00e4re wird abgeschafft\u00bb (S. 36) Klingt alles wundersch\u00f6n simple, wir gr\u00fcnden alle irgendwelche Kollektive (womit?) \u2013 und stellen \u00abdie b\u00fcrgerliche Demokratie vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe\u00bb. (S. 45) Vor allem dann, wenn Erbschaften abgeschafft werden sollen (\u00abVerm\u00f6gen kann nicht vererbt werden\u00bb, S. 62). Auch hier eine gewisse Unlogik \u2013 vererben kann Mensch nur, wenn er\/sie vorher Reichtum erworben hat. Woher kommt das denn noch? Achso, wir reden hier pl\u00f6tzlich wieder \u00fcber ein \u00dcbergangsstadium von der noch irgendwie kapitalistisch funktionieren zur libert\u00e4ren Gesellschaft?<\/p>\n<p>Der Autor ist Deutscher \u2013 und eben kein Franzose, der die Geschichte der syndikalistischen Bewegung kennt. Er betreibt andere Studien und arbeitete in Mini-Kollektiven (Buchladen in Hamburg, Erwachsenenbildung in H\u00fcll), die ich einfach als kleinb\u00fcrgerliche Versuche betrachte, sich selbst ein sch\u00f6nes Leben auf dem Wege zur Anarchie zu bereiten. Das ist ja per se okay, aber keine gesellschaftliche Alternative f\u00fcr die Mehrheit der arbeitenden Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Allein der Aufruf, sich vernetzende Kollektive zu gr\u00fcnden \u2013 die wie Longo Mai in S\u00fcdfrankreich \u00absolidarisch und ohne pekuni\u00e4re Aufrechnung von Gemeinschaft und Solidarit\u00e4t (ohne Geld) leben und sich untereinander austauschen\u00bb \u2013 und von Wohngebietsgemeinschaften und Basisgruppen von maximal 30-50 Personen (ebenso die \u00abArbeitsfelder Betriebe\u00bb) zur lokalen Selbstverwaltung zu gelangen, das ist extrem d\u00fcrftig und hilft als politisches Essay wenig weiter. Es ist ebenso belanglos wie \u00fcberfl\u00fcssig!<\/p>\n<p><strong>fm<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Extrem d\u00fcrftig&#8221; Die Idee, sich mit den Bedingungen und Voraussetzungen f\u00fcr eine libert\u00e4re Gesellschaft auseinander zu setzen, findet meine vollst\u00e4ndige Unterst\u00fctzung. 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