{"id":225,"date":"2015-03-18T18:11:46","date_gmt":"2015-03-18T17:11:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=225"},"modified":"2025-08-28T12:31:52","modified_gmt":"2025-08-28T10:31:52","slug":"direkte-aktion-maerz-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/direkte-aktion-maerz-2013\/","title":{"rendered":"Direkte Aktion M\u00e4rz 2013"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;An der Grenze zwischen Utopie und Utopismus&#8221;<\/strong><br \/>\nGerd Stange, Aktivist seit den 1970er Jahren, kehrt in die politische Bewegung zur\u00fcck mit einem Text, der deutlichen Manifest-Charakter hat und in dem er eine Lanze f\u00fcr die Utopie bricht \u2013 eben mit dem Zitat Victor Hugos, dass die Utopie die Wahrheit von morgen sei.<br \/>\nRevolution\u00e4r Neues muss man dabei nicht erwarten \u2013 und vielleicht ist das auch vollkommen in Ordnung so, denn die alten Ideen und Utopien sind ja nun teilweise so versch\u00fctt gegangen, dass es ein durchaus lohnenswertes Projekt darstellt, diese noch mal in Erinnerung zu rufen und neu zu kombinieren \u2013 gerade in einer Zeit, in der Utopien als \u201eutopisch\u201c gelten.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Mut zur Utopie<\/strong><\/p>\n<p>Dass sie das nicht sind, hat der Frankfurter Sozialwissenschaftler Alex Demirovi\u0107 mal auf den Punkt gebracht, als er betonte, dass die VertreterInnen des Neoliberalismus im Gegensatz zur Neuen Linken Mut zur Utopie bewiesen h\u00e4tten \u2013 und ihre Utopie dann eben auch durchgesetzt haben.<\/p>\n<p>Gerd Stange schlittert dabei allerdings manchmal nur haarscharf an der Grenze zwischen der Formulierung einer Utopie und einem Utopismus vorbei: Der Utopismus der Fr\u00fchsozialistInnen, der ab den 1840er Jahren vermehrt von der aufkeimenden Arbeiterbewegung kritisiert wurde, war eben nicht nur die Formulierung einer Welt von morgen, sondern in vielen Beispielen eine sehr konkrete Formulierung von Einzelpersonen die dann \u2013 im Kern autorit\u00e4r \u2013 genauso von den arbeitenden Massen vollzogen werden sollte, ohne dass sie sich selber in die Ideendebatte einbringen konnten. Die Idee der Demokratie war hier noch keineswegs selbstverst\u00e4ndliches Element der sozialen Bewegungen.<br \/>\nIn diesem Sinne st\u00f6\u00dft Stange manchmal mit seinen sehr konkreten Vorschl\u00e4gen \u2013 bei denen zu betonen ist, dass es sich eben um Vorschl\u00e4ge handelt, die nicht von heute auf morgen realisierbar sind \u2013 \u00fcber das Ziel hinaus: Etwa, wenn er ein recht eindeutiges Bezahlungssystem vorschl\u00e4gt, in dem jeder das gleiche verdient und aber dar\u00fcber hinaus, sozusagen f\u00fcr \u201eLuxus\u201c, aber ohne die M\u00f6glichkeit der Akkumulation (der Anh\u00e4ufung von Reichtum), mehr arbeiten und damit auch mehr verdienen darf. Oder aber auch mit dem Vorschlag eines (wenn auch individuellen) Kontingents an Bildungsstunden \u2013 mir pers\u00f6nlich will es ehrlich gesagt nicht in den Kopf, dass \u201eBildung\u201c \u00fcberhaupt in Einheiten aufgeteilt und verteilt werden muss. Das misst die Bildung schon mit heutigen Wertverst\u00e4ndnissen. Gerd Stange umgeht das Problem \u2013 sowohl der Bezahlung wie auch des zugestandenen Bildungskontingents \u2013 damit, dass er Arbeitspflicht, Bildungsrecht und Bezahlung jeweils mit so niedrigen (im ersten Fall) oder hohen (bzgl. Bildung und Bezahlung) Zahlen ansetzt, dass sich Protest dagegen er\u00fcbrigen w\u00fcrde. Dennoch: Bei allem Mut zur Utopie ist ein wenig Realismus angebracht, und der sagt uns, dass diese Zahlen nicht sofort erreicht werden k\u00f6nnen. Und wenn diese nicht erreicht werden, hei\u00dft das, die Bezahlung oder auch die M\u00f6glichkeiten der Bildung m\u00fcssten reglementiert werden. Hier w\u00e4re eine Diskussion zu f\u00fchren, wie dies unter der Beteiligung aller \u00fcberhaupt m\u00f6glich w\u00e4re, ohne gleich wieder in ein neues Herrschaftsverh\u00e4ltnis abzurutschen.<\/p>\n<p><strong>Mythen \u00fcber die Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Wie viele \u2013 wohl die meisten \u2013 Linken und Libert\u00e4ren beruft Gerd Stange sich auf Geschichte und Tradition. Das ist in erster Linie die Geschichte der Arbeiterbewegung. Und da sich die verschiedenen linken und libert\u00e4ren Traditionen immer auch auf verschiedene Geschichten berufen, besteht auch bei Stange hier ein Abgrenzungsbed\u00fcrfnis, um die Tradition neu zu formulieren: \u201eDie traditionelle Linke bezieht sich auf die Arbeiterklasse, worunter sie diejenigen versteht, die einen Arbeitsplatz haben und gewerkschaftlich organisiert sind\u201c (S.15). Nanu? Das mag vielleicht dem Umstand geschuldet sein, dass linkslibert\u00e4re Str\u00f6mungen nicht als \u201etraditionelle Linke\u201c gelten oder aber auch dem, dass Gerd Stange sich nahezu zwei Jahrzehnte aus einer entsprechenden Diskussion herausgehalten hat, aber es ist eigentlich nicht neu, dass die \u201eArbeiterklasse\u201c keineswegs nur aus Berufst\u00e4tigen und erst recht nicht nur aus GewerkschafterInnen besteht. Neben Anti-Atom-Protesten und den Protesten gegen den Irak-Krieg 2003 waren immerhin die gr\u00f6\u00dften sozialen Proteste der 2000er Jahre die Proteste gegen die Hartz-Gesetzgebung. Und die wurden teilweise, wenn auch zum Leidwesen vieler Beteiligter, von sehr, sehr traditionellen \u201eLinken\u201c begleitet.<br \/>\nWorauf Stange hinaus will, ist freilich das Spannungsverh\u00e4ltnis mit den Neuen Sozialen Bewegungen, das es zu \u00fcberwinden g\u00e4lte. Und wenn man als \u201eArbeiterbewegung\u201c die gro\u00dfen, korporatistischen Gewerkschaften im Auge hat, ist hier tats\u00e4chlich einiges im Argen: Wir m\u00fcssen uns nur mal den Konflikt zwischen ArbeiterInnen in den Atomkraftwerken und den zu recht zahlreichen VerfechterInnen des Atomausstiegs vor Augen halten oder \u2013 noch deutlicher \u2013 die Verlautbarungen aus den Reihen der DGB-Gewerkschaften zum Thema Bundeswehr.<\/p>\n<p>Mit der daraus resultierenden Ablehnung der Berufung auf eine solche Tradition baut Gerd Stange dann teilweise eine schon fast absurde Argumentationskette auf: \u201eViele T\u00e4tigkeiten und Aktivit\u00e4ten finden allein oder im Verein statt, die ohne Lohnarbeit auskommen. Man nehme zum Beispiel das Engagement, mit dem zahlreiche junge Menschen das freiwillige soziale, \u00f6kologische oder europ\u00e4ische Jahr machen. Sie bekommen ihren Lebensunterhalt ann\u00e4hernd bezahlt, ohne Lohnarbeiter zu sein. Trotzdem leisten sie Erstaunliches. Oder gerade deswegen\u201c (S.32).<\/p>\n<p>Hier fehlt leider vollkommen die Einbettung in eine Kritik des Kapitalismus: Gerd Stange hatte zuvor, ganz richtig, das Genossenschaftswesen dahingehend kritisiert, dass es nach wie vor in kapitalistischer Konkurrenz steht und zur Selbstausbeutung tendiert. Im selben Sinne ist es doch \u2013 und es gibt ja auch zahlreiche entsprechende Kritiken von Freiwilligendiensten \u2013 \u00fcberdeutlich, dass FSJ, F\u00d6J etc. Lohnarbeitsstrukturen sind, die dazu noch von einer \u00dcberausbeutung gepr\u00e4gt sind. Stange selbst schreibt das ja sogar: Die Bezahlung reicht \u201eann\u00e4hernd\u201c f\u00fcr den Lebensunterhalt. Und folglich sind FSJler u.\u00e4. eindeutig Lohnarbeiter \u2013 hier wird lediglich die rechtliche und die politische Kategorie durcheinandergeworfen. Jedenfalls sind diese Strukturen staatlich subventionierter \u00dcberausbeutung bestimmt nicht geeignet, um aus ihnen eine Utopie zu formulieren.<\/p>\n<p>Ein solches Verst\u00e4ndnis von \u201eArbeiterklasse\u201c war noch nie richtig und es ist letztlich auch nicht das \u201etraditionelle\u201c, sondern ein in Weimarer Zeit mit ihren Rationalisierungsdebatten aufkommendes Klischeebild, das insbesondere von kommunistischen Parteien aufgenommen wurde und auch in den 1960er und 1970er Jahren als \u201eProletkult\u201c fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde feierte \u2013 daher wird Gerd Stange es sicherlich auch haben. Nichtsdestotrotz war es schon immer schlicht falsch. Und aus einer Kritik an dieser Sicht formuliert Stange dann auch, dass die \u201eklassenlose Gesellschaft\u201c nicht Ziel des Kampfes des Proletariats sei \u2013 sondern daraus lediglich eine neue Klassenherrschaft resultieren k\u00f6nne \u2013 und zieht sodann den Nationalsozialismus als Beispiel einer Herrschaft von vielen \u00fcber wenige heran (S.47).<br \/>\nKurz: Aus einem begrenzten Klassenbegriff resultiert die Annahme eines begrenzten Ziels des Klassenkampfs. Die Schlussfolgerung ist \u2013 in jedem Fall \u2013 eine Untauglichkeit des Klassenbegriffs. Die Konsequenz daraus ist f\u00fcr Gerhard Stange die vollkommene Verwerfung des Klassenbegriffs. Die syndikalistische Schlussfolgerung w\u00e4re eine andere Formulierung des Klassenbegriffs.<\/p>\n<p><strong>Syndikalistische Aspekte<\/strong><\/p>\n<p>Das waren letztlich in der Geschichte immer zwei: Ein relativ eng an Marx orientierter, der die Arbeiterklasse an den Aspekt der Besitzlosigkeit und der daraus resultierenden Notwendigkeit zum Verkauf der Arbeitskraft definierte, und der an dem Punkt der Betonung einer Arbeitermacht, die zu direkter Aktion und zum Generalstreik bef\u00e4higt, \u00fcber Marx hinausging; sowie ein kultureller, der die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, aber auch soziokulturelle Aspekte wie gemeinsame wirtschaftliche Lage, in den Mittelpunkt stellte. Kann Gerd Stange auch an diese Position anschlie\u00dfen? Oder: Kann ein aktueller Syndikalismus an Stange anschlie\u00dfen?<br \/>\nJa, denn in der Gesamtbetrachtung ist Gerd Stanges \u201eDie libert\u00e4re Gesellschaft\u201c trotz der erw\u00e4hnten Mankos durchaus lesens- und auch diskutierenswert. An dieser Stelle die Kritikpunkte hervorzuheben, ist auch deutlich dem Wunsch von Autor und Verlag geschuldet, \u00fcber den Text in die Diskussion zu kommen. Und wenn Gerd Stange in seinen manchmal\u00a0 zu konkreten Zukunftsvisionen eine doppelte Netzstruktur mit einem \u201eregionale[m] Netz zwischen Gleichen\u201c und einem \u201einhaltliche[n] Netz zwischen Verschiedenen\u201c vorschl\u00e4gt, kn\u00fcpft er damit an die Doppelstruktur syndikalistischer Gewerkschaften (Branchen- und Regionalstruktur) an. Besonders deutlich wird die Anschlie\u00dfbarkeit im Aspekt der Sozialisierung des Eigentums: Gerd Stange macht deutlich, dass es nicht einfach reicht, einige \u201eselbstverwaltete Projekte\u201c zu haben, die vor sich hinwurschteln. Heutige \u201eautonome Strukturen\u201c wie etwa linke Zentren leiden zumeist daran, dass eine ebenso \u201eautonome\u201c Clique sie verwaltet, die Regeln bestimmt und das Ganze zu einem Szeneloch versumpfen l\u00e4sst. Gerd Stange schl\u00e4gt f\u00fcr solche \u201eautonomen Strukturen\u201c neutrale Pr\u00fcfungskommissionen vor (S.43).<br \/>\nDas klingt autorit\u00e4r, ist es aber nicht, im Gegenteil: Wenn man den Anspruch ernst nimmt, dass irgendwann alles Allen geh\u00f6ren soll, dann darf man keine Cliquen dulden, die allein ihre Interessen durchsetzen, sondern ben\u00f6tigt basisdemokratische Kontrollinstanzen, die den gesamtgesellschaftlichen Anspruch aufrechterhalten. Denn Anarchie ist ja schlie\u00dflich nicht Chaos, sondern, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft \u201eOrdnung ohne Herrschaft\u201c.<\/p>\n<p><strong> Teodor Webin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;An der Grenze zwischen Utopie und Utopismus&#8221; Gerd Stange, Aktivist seit den 1970er Jahren, kehrt in die politische Bewegung zur\u00fcck mit einem Text, der deutlichen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-225","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-libertaere-gesellschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/225","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=225"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8057,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/225\/revisions\/8057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}