{"id":234,"date":"2015-03-18T18:18:44","date_gmt":"2015-03-18T17:18:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=234"},"modified":"2025-09-24T12:26:05","modified_gmt":"2025-09-24T10:26:05","slug":"alpine-anarchist-productions-juli-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/alpine-anarchist-productions-juli-2012\/","title":{"rendered":"&#8220;Alpine Anarchist Productions&#8221; Juli 2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Mehr h\u00f6fliche Aufgeschlossenheit als leidenschaftliche \u00dcberzeugung&#8221; ?<\/strong><br \/>\nPhilippe Kellermann, einer der gegenw\u00e4rtig flei\u00dfigsten, passioniertesten und kenntnisreichsten anarchistischen Autor_innen des deutschsprachigen Raumes hat nunmehr mit Anarchismus \u2013 Marxismus \u2013 Emanzipation. Gespr\u00e4che \u00fcber die Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen einen neuen Beitrag zur Aufarbeitung, Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung linker Debatte geleistet. In Gespr\u00e4chen mit f\u00fcnf sozialistischen Denker_innen geht er der alles entscheidenden Frage nach, wie der Kapitalismus bei aller vermeintlichen Aussichtslosigkeit doch noch zu \u00fcberwinden sei. Die \u201eGespr\u00e4che\u201c sind in diesem Fall freilich im Kontext moderner Kommunikationstechnologien zu verstehen. Wer sich lockere, bei einer Tasse Tee gef\u00fchrte Plaudereien erwartet, liegt fehl. Hier werden vielmehr wohlformulierte, detailgeschliffene und mit Fu\u00dfnoten angereicherte Email-Korrespondenzen aufbereitet. Manche von Kellermanns Fragen haben die L\u00e4nge halber Hausarbeiten. Die Antworten fallen oft entsprechend aus. Dies ist nicht unbedingt ein Problem, aber es kann helfen, darauf vorbereitet zu sein.<!--more--><\/p>\n<p>Wenden wir uns Kellermanns Gespr\u00e4chspartner_innen zu.<\/p>\n<p>Bini Adamczak, unter anderem bekannt als Autorin des ausgezeichneten Gestern Morgen. \u00dcber die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft (2007), macht den Anfang und spricht vor allem \u00fcber das Scheitern der Russischen Revolution. Sie gesteht Kellermann zu, dass in Gestern Morgen \u201edie anarchistischen wie auch r\u00e4tekommunistischen und anderen minorit\u00e4ren Str\u00f6mungen [&#8230;] eine gr\u00f6\u00dfere Rolle [h\u00e4tten] spielen k\u00f6nnen und sollen\u201c (15), l\u00e4sst sich jedoch von der Andeutung, dass das Scheitern der Russischen Revolution in der Marxschen Theorie selbst angelegt gewesen sei, nicht beeindrucken. Stattdessen stellt sie fest: \u201eAus einer bestimmten antikommunistischen Perspektive tr\u00e4gt Marx die Schuld am Stalinismus, aus einer bestimmten marxistischen Perspektive ist er g\u00e4nzlich unschuldig daran.\u201c (37) Das Gespr\u00e4ch ist spannend, beinhaltet einen wichtigen Verweis auf den anarchistischen \u201eMaskulinismus\u201c (ebd.) und pl\u00e4diert schlie\u00dflich daf\u00fcr, die \u201eGegen\u00fcberstellung [von Marxismus und Anarchismus] zu dekonstruieren\u201c (41). Die These \u201eHeute hei\u00dft Bakunin recht zu geben, Marxistin zu sein\u201c (ebd.) mag nicht unmittelbar einleuchten, ist jedoch umso anregender.<\/p>\n<p>Als zweiter kommt Jochen Gester zu Wort, seit Jahrzehnten in gewerkschaftliche Arbeit involviert, ehemaliger Maoist, heutiger \u201elibert\u00e4rer Sozialist\u201c (46) und au\u00dferdem Mitbegr\u00fcnder des Berliner Verlags- und Druckereiprojekts Die Buchmacherei, in dem Anarchismus \u2013 Marxismus \u2013 Emanzipation erschienen ist. Gester diskutiert vor allem einen Dauerbrenner linker Debatte, n\u00e4mlich die sogenannte Organisationsfrage. \u00dcberdies teilt er die Ansicht des Autors dieser Zeilen, dass das demonstrative Ignorieren der anarchistischen Geschichte seitens vieler Marxist_innen auf Unkenntnis beruht und \u201ekein Schweigen wider besseren Wissens\u201c ist (46). Gester zufolge liegt dies in der \u201epolitischen Sozialisation des gr\u00f6\u00dften Teils der politischen Linken\u201c (ebd.) begr\u00fcndet. Er erachtet es als wenig sinnvoll, \u201eden alten Richtungsstreit zwischen Marxismus und Anarchismus nach \u00fcber 100 Jahren noch einmal neu aufzulegen\u201c (48), und appelliert stattdessen an eine \u201e\u201aGelassenheit\u2018 im Umgang miteinander\u201c (69). Letzteres wird mit der Hoffnung verbunden, dass \u201eeine kritische Rezeption von Marx wie auch der anarchistischen KlassikerInnen die M\u00f6glichkeit eines gro\u00dfen gemeinsamen Terrains er\u00f6ffnen k\u00f6nnte, von dem aus man gemeinsam den Weg aus den historischen Sackgassen heraus antreten k\u00f6nnte\u201c (59).<\/p>\n<p>Gerhard Hanloser, Freiburger Sozialwissenschaftler, Autor und \u201eLibert\u00e4rer mit Interesse an Marx\u201c (91), demonstriert gewohnte Sattelfestigkeit in Sachen Kapitalismusanalyse (\u201eDie Produktivkraft der lebendigen Arbeit wird soweit gesteigert bis die Mittel dieser Steigerung das Verh\u00e4ltnis von Produktivkraftsteigerung und Mitteleinsatz ruinieren\u201c, 81) und tauscht sich mit Kellermann unter anderem \u00fcber Michael Seidmans Gegen die Arbeit. \u00dcber die Arbeiterk\u00e4mpfe in Barcelona und Paris 1936-38, Maurice Merleau-Pontys Humanismus und Terror und Michel Foucaults \u201eanti-moderne Reflexe\u201c und \u201eIrrationalismen\u201c (101) anl\u00e4sslich der Iranischen Revolution von 1979 aus. Au\u00dferdem kommt er mehrfach auf die Bierproduktion im Kommunismus zu sprechen, was die Sensibilit\u00e4ten eines Straight-Edge-Rezensenten zwar herausfordert, gleichzeitig aber nicht jeder Logik entbehrt: wenn es im Kommunismus schon Bier geben muss, ja, dann soll es zum Beweis kommunistischer Funktionsf\u00e4higkeit wohl auch schmecken. Der Anarchismus ist f\u00fcr Hanloser \u201egenerell dann noch von Interesse, wenn er sich f\u00fcr Kategorien wie Ausbeutung, Klassenkampf und soziale Bewegungen interessiert\u201c (75f); die gr\u00f6\u00dfte Gefahr liege in der Ideologisierung. Dementsprechend wird gefordert, die \u201eWerte und Normen des Anarchismus \u2026 ideologiekritisch, also historisierend auf die Gesellschaften zur\u00fcck[zu]f\u00fchren, in denen sie entstanden\u201c (77). Geschieht dies, so kann dem Anarchismus bei der Verfolgung des \u201ealten Traums von der Emanzipation\u201c (104) nach wie vor eine wichtige Rolle zukommen.<\/p>\n<p>Der emeritierte Politologe Joachim Hirsch, vielen als Verfechter eines \u201eradikalen Reformismus\u201c vertraut, kontert auf Kellermanns Fragen nach dem Verh\u00e4ltnis von Marxismus und Anarchismus mit Verweisen darauf, dass er \u201emit dem Kampf und der gegenseitigen Abgrenzung der Schulen recht wenig am Hut\u201c habe (108) und \u201edie Auseinandersetzungen zwischen MarxistInnen und AnarchistInnen nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig interessant\u201c f\u00e4nde (117). Um den Anarchismus geht es in diesem Gespr\u00e4ch \u2013 das sich stark an Hirschs 2003 in der Zeitschrift Argument ver\u00f6ffentlichten Rezension von John Holloways Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen orientiert \u2013 nur peripher. Zentraler ist Hirschs Arbeitsschwerpunkt, die Analyse des Staates, wobei dieser f\u00fcr Hirsch \u201ekeine Einrichtung au\u00dfer oder oberhalb der Gesellschaft ist, sondern ein integraler Bestandteil des kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisses\u201c (123). Angesichts dieser (wohl unbeabsichtigten) Spezifizierung der Landauerschen These vom Staat als \u201eVerh\u00e4ltnis\u201c, als \u201eBeziehung zwischen den Menschen\u201c bzw. als \u201eArt, wie sich Menschen zueinander verhalten\u201c (\u201eSchwache Staatsm\u00e4nner, schw\u00e4cheres Volk\u201c, 1910), \u00fcberrascht es nicht, dass auch Hirschs Abschlussworte als Aktualisierung der \u00dcberzeugungen Gustav Landauers gelesen werden k\u00f6nnen: \u201e\u2026der zentrale Ort emanzipativer Politik ist die Gesellschaft selbst: die konkrete Lebensweise, die allt\u00e4glichen sozialen Beziehungen, die Schaffung neuer Formen der Vergesellschaftung und der Politik\u201c (128).<\/p>\n<p>Der Hannoveraner Geisteswissenschaftler Hendrik Wallat, dessen j\u00fcngstes Buch Staat oder Revolution. Probleme und Aspekte linker Bolschewismuskritik (2012) vor kurzem in der edition assemblage erschien, schlie\u00dft den Band. Das Gespr\u00e4ch nimmt seinen Ausgangspunkt in Wallats Wertsch\u00e4tzung der fr\u00fchen anarchistischen Kritik am Bolschewismus, in der Anarchist_innen seines Erachtens \u201eso gar nicht dem (scheinbar bis heute verinnerlichten) marxistischen Klischee\u201c entsprechen (131). Wallat h\u00e4lt auch die Marxkritik vieler Anarchistinnen f\u00fcr \u201erecht fair und gut begr\u00fcndet\u201c (134). Die Polemik in der historischen Auseinandersetzung schreibt er \u2013 zu Kellermanns un\u00fcberlesbarer Freude \u2013 vorwiegend der marxistischen Seite zu. Konsequenterweise versucht Wallat daher, sich \u201edie anarchistische Tradition \u2026 ohne marxistische Polemik anzueignen\u201c (146). Dies gelingt \u00fcberzeugend, selbst wenn sich das Gespr\u00e4ch letztlich vor allem auf Marx und marxistische Theorie konzentriert. Philosophisch geschulte Leser_innen \u2013 und solche, die sich von akademischer Rhetorik nicht abschrecken lassen \u2013 sollten an Wallats Ausf\u00fchrungen besonderen Gefallen finden.<\/p>\n<p>Alle Gespr\u00e4che folgen im Grunde demselben Muster: Kellermann zeigt sich verwundert \u00fcber das Fehlen expliziter anarchistischer Referenzen in den Texten der Befragten bzw. in deren politischem Umfeld. Das Resultat sind Zugest\u00e4ndnisse an den Anarchismus, die mal verhaltener, mal nachdr\u00fccklicher formuliert werden, insgesamt jedoch oft den Eindruck hinterlassen, in erster Linie dem auf die Redlichkeit des Anarchismus pochenden Kellermann einen Gefallen zu tun. Stellenweise mimt Kellermann den Anarchismus als sprichw\u00f6rtlichen \u201ekleinen Bruder\u201c, der marxistisch gelehrte Genoss_innen dazu bringen will, endlich seine eigentliche \u00dcberlegenheit anzuerkennen. Dass diese durchaus liebenswerte Geste Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, sollte nicht \u00fcberraschen \u2013 letztlich k\u00f6nnen ja fast alle irgendwas am Anarchismus gut finden. Wer will \u2013 vor allem innerhalb der Linken \u2013 schon gegen Herrschaftsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und gegenseitige Hilfe Stellung beziehen? Der Knackpunkt ist in der Regel nicht die Idee, sondern das Realisierungspotential. In diesem Sinne erinnern auch viele der von Kellermanns Gespr\u00e4chspartner_innen ausgedr\u00fcckten Sympathien f\u00fcr den Anarchismus eher an h\u00f6fliche Aufgeschlossenheit als an leidenschaftliche \u00dcberzeugung. Wenn Adamczak vom Anarchismus als \u201eMa\u00dfstab der Kritik\u201c spricht (15), Hanloser Anarchist_innen daf\u00fcr dankt, \u201euns die Revolte, den Aufstand, die Alternative als heute noch deutbares Zeichen [zu] \u00fcberlassen\u201c (74), Hirsch betont, dass \u201evom Anarchismus \u2026 vor allem zu lernen [w\u00e4re], dass soziale Emanzipation nicht von Avantgarden, Parteien und Staaten ausgehen kann, sondern eine unmittelbare Angelegenheit der Menschen sein muss\u201c (126), oder Wallat dem Anarchismus \u201eHellsichtigkeit \u2026 in Bezug auf die Eigendynamik von Gewaltpraxis und Machtstrukturen\u201c zuschreibt (153), dann begegnet uns der Anarchismus eher als ehrbares ethisches Ideal denn als erfolgversprechende gesellschaftliche Alternative. Dies ist nicht als Vorwurf an die Interviewten zu verstehen. Schlie\u00dflich sind Deutungen solcher Art naheliegend. Es ist die Aufgabe der Apologet_innen des Anarchismus, diesen als tats\u00e4chlich ernstzunehmende revolution\u00e4re Bewegung zu beweisen bzw. mehr sein zu lassen als idealisierter historischer Referenzpunkt, moralisches Hoheitsgebiet oder identit\u00e4r-subkultureller R\u00fcckzugsraum. Dass Kellermann sich mit seinen Publikationen genau darum bem\u00fcht, steht au\u00dfer Frage. Allerdings w\u00fcrde etwas weniger Historizit\u00e4t vielleicht gut tun. Kellermanns Fragen in Anarchismus \u2013 Marxismus &#8211; Emanzipation rekurrieren immer wieder auf die Erste Internationale und den Konflikt zwischen Marx und Bakunin. Die von ihm ausgiebig angef\u00fchrten anarchistischen Zitate wurden beinahe ausnahmslos zwischen 1870 und 1930 verfasst und stammen zum gr\u00f6\u00dften Teil von Michael Bakunin, Peter Kropotkin und Rudolf Rocker. Die Probleme, die sich aus einer solchen Zugangsweise ergeben, werden nicht zuletzt im abschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch des Buches deutlich, in dem Hendrik Wallat unwidersprochen eine Kritik am anarchistischen Staatsverst\u00e4ndnis formulieren kann, die in ihren wesentlichen Punkten (naive Romantisierung eines herrschaftsfreien Naturzustandes und eine verk\u00fcrzte Analyse des Staates als blo\u00dfes Herrschaftsinstrument) l\u00e4ngst innerhalb des Anarchismus (bzw. \u201ePostanarchismus\u201c) selbst formuliert wurde. Den Anregungen, die wir aus historischen Auseinandersetzungen erfahren, tut dies freilich keinen Abbruch \u2013 nicht zuletzt deshalb, weil sich viele Diskussionen in Anarchismus \u2013 Marxismus \u2013 Emanzipation um zeitlose Fragen wie Organisierung, Widerstand und Revolution drehen. Das Buch ist allen an der Thematik Interessierten w\u00e4rmstens zu empfehlen!<\/p>\n<p><strong>Gabriel Kuhn<\/strong><\/p>\n<p>(Juli 2012)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Mehr h\u00f6fliche Aufgeschlossenheit als leidenschaftliche \u00dcberzeugung&#8221; ? 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