{"id":2361,"date":"2019-09-22T22:22:07","date_gmt":"2019-09-22T20:22:07","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=2361"},"modified":"2025-09-24T07:21:53","modified_gmt":"2025-09-24T05:21:53","slug":"express-6-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/express-6-2019\/","title":{"rendered":"&#8220;express&#8221; 6 \/ 2019"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Wo bitte geht\u2019s zur Front?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Slave Cubela<\/em>*<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man es seit Jahren gew\u00f6hnt ist, zumeist von au\u00dferhalb Deutschlands wichtige Impulse f\u00fcr die eigene klassenorientierte Reflexion und Praxis zu erhalten, dann schaut man mit gemischten Gef\u00fchlen auf die aktuelle Debatte um eine neue Klassenpolitik. Einerseits freut man sich, dass diejenigen, die sich selbst h\u00e4ufig als radikale Linke verstehen, erneut Anlauf nehmen, die sozialen Verh\u00e4ltnisse von ihren Wurzeln in den Produktionsverh\u00e4ltnissen her zu begreifen \u2013 selbstverst\u00e4ndlich ist das in Deutschland leider nicht. Andererseits jedoch findet sich in der hiesigen Debatte um eine neue Klassenpolitik wenig erfrischendes Denken, so dass ich dann doch lieber zu den Labor Notes, dem Jacobin oder zu Actuel Marx greife, um danach wom\u00f6glich ein wenig kl\u00fcger zu sein als vorher.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es umso be\u00admerkenswerter,\ndass mit Torsten Bewernitz\u2019 Streitschrift \u00bbSyndikalismus und neue\nKlassenpolitik\u00ab nun eine Wortmeldung aus der bundesdeutschen, radikalen Linken\nvorliegt, die meines Erachtens aus der Debatte um eine neue Klassenpolitik\npositiv hervorsticht. Denn Bewernitz\u2019 Schrift ist nicht nur eine offene Kritik\ndes bundesdeutschen Syndikalismus, also vor allem der FAU, sondern sie\nskizziert auch einen diskussionsw\u00fcrdigen Weg, um in dunkler werdenden Zeiten in\nDeutschland wieder an die Front des Klassenkampfes zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Praxiskonservativ<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es sind vor allem drei Gedanken, die dabei meines\nErachtens unbedingt hervorzuheben sind. Da ist zum ersten Bewernitz\u2019\nZustandsbeschreibung der radikalen Linken in Deutschland. Denn nicht nur betont\ner die Stagnation derselben, was sich beispielsweise bei den deutschen\nSyndikalistInnen darin ausdr\u00fccke, dass diese \u00bbpermanent in ihrer eigenen Suppe\nin einem kleinen Wasserglas\u00ab (S. 5) schwimmen und dabei auf den gro\u00dfen Sturm\nwarteten, ohne das allgemeine Klima um sich herum zu registrieren. Die Pointe\nvon Bewernitz\u2019 Kritik scheint auf, wenn er schreibt: \u00bbIn der Gesamtschau sind\ndie Strukturen der syndikalistischen Basisgewerkschaften genauso verkrustet wie\ndiejenigen der DGB-Gewerkschaften: durch basisdemokratische, konsensorientierte\nVerfahrensweisen, durch unhinterfragte Traditionen des post-1968 Neoanarchismus\noder durch informelle \u203aWissens\u2039-Hierarchien. Hinzukommt nicht selten eine nur\ngeringe Bereitschaft zu einem tats\u00e4chlichen Aktivismus.\u00ab (S. 39)<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nat\u00fcrlich starker Tobak, aber\nindem Bewernitz aus eigener Anschauung heraus diese These ausf\u00fchrlich\nuntermauert, wirft seine Schrift mit fortschreitender Lekt\u00fcre Fragen auf, die\nauch au\u00dferhalb der syndikalistischen Linken zu Denkanst\u00f6\u00dfen und Ver\u00e4nderungen\nf\u00fchren sollten. Kann man etwa die in Kreisen der radikalen Linken h\u00e4ufig\nanzutreffende Abgrenzung aufrechterhalten, der zufolge die etablierte Linke in\nDeutschland beh\u00e4big, langsam und inaktiv ist, w\u00e4hrend die radikale Linke\nlebendig, phantasievoll und aktionsorientiert ist? Zeichnet die bundesdeutsche\nLinke nicht \u00fcber alle Fraktionen hinweg ein erstaunliches Ma\u00df an\npraxiskonservativer Eintracht aus, da jede Str\u00f6mung f\u00fcr sich lieber an alten\nSymbolen, Sprechweisen, Slogans und ritualisierten Aktionsformen festh\u00e4lt,\nstatt risikobereit neue Wege einzuschlagen? Und wen versucht die radikale Linke\neigentlich zu beeindrucken, indem sie sich anhaltend als revolution\u00e4r,\nkommunistisch oder anarchistisch tituliert, indem sie plakativ rote und\nschwarze Fahnen schwenkt, schwarze Bl\u00f6cke bildet, F\u00e4uste hebt und unabl\u00e4ssig\ndarum bem\u00fcht ist, m\u00f6glichst \u00bbanders\u00ab auszusehen? Und dies, obgleich sie\ngleichzeitig selber immer wieder hellsichtig analysiert, dass die Erfolge der\nradikalen Rechten nicht zuletzt die Folge einer neuen, angepassten\nSymbolpolitik von rechts sind?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Ende der negativen Fixierung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Gedanke aus Bewernitz\u00b4 Streitschrift, den ich\nwichtig finde, stellt f\u00fcr die radikale Linke schon einen wichtigen Schritt aus\nihrer Praxiskonservativit\u00e4t dar. Denn, so Bewernitz, statt sich etwa an den\nDGB-Gewerkschaften immer wieder negativ fixiert abzuarbeiten, den DGB-F\u00fchrungen\nalso z.B. mangelnde Konfliktbereitschaft oder gar Korrumpiertheit vorzuwerfen,\nihren Forderungen und Erfolgen radikalere entgegenzusetzen, das eigene Tun\nimmer als revolution\u00e4r dem blo\u00dfen Reformismus entgegenzusetzen, fragt Bewernitz\nentwaffnend: \u00bbK\u00f6nnte es nicht einfach sein, dass der DGB deswegen\n\u203areformistisch\u2039 erscheint, weil er einfach ganz demokratisch den Willen seiner\nMitglieder umsetzt? Und m\u00fcssten dann nicht SyndikalistInnen getreu ihrem\nbasisdemokratischen Motto entsprechend handeln?\u00ab (S. 16) Mit anderen Worten:\nDie breite Verankerung reformistisch-linker Institutionen wie Parteien oder\nGewerkschaften sollte die radikal Linken nicht stutzig machen oder gar\nbelasten. Wenige ArbeiterInnen werden von diesen linken ReformistInnen\ngebremst, wenige werden von diesen ReformistInnen ausgenutzt, die\nArbeiterInnen, die diese Institutionen w\u00e4hlen oder Mitglieder in den\nDGB-Gewerkschaften sind, tun das, weil sie von diesen Institutionen\nprofitieren, weil sie nichts dagegen haben, dass StellvertreterInnen f\u00fcr sie\nPolitik machen und weil sie, wenn es ihnen zu bl\u00f6d wird, einfach nicht mehr\nmitmachen und austreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies vor Augen gewinnt die radikale\nLinke in Deutschland meines Erachtens einen erheblichen strategischen\nSpielraum. Statt sich n\u00e4mlich an offiziellen Verlautbarungen z.B. des DGB\nabzuarbeiten (die im DGB meist ohnehin kein Mitglied liest) oder die\nFunktion\u00e4re der Parteien und Gewerkschaften anhaltend zu kritisieren, k\u00f6nnte\nsie dar\u00fcber nachdenken, wie sie eigene Reflexions- und Aktionsbr\u00fccken in die\nArbeiterklassen hinein etablieren kann. Dabei k\u00f6nnte man auch den erheblichen\nTeil der ArbeiterInnen ins Auge fassen, der weder linke Parteien w\u00e4hlt noch\nMitglied in den DGB-Gewerkschaften ist. Zudem w\u00e4re es m\u00f6glich, wie auch\nBewernitz betont, linken Parteien oder den DGB-Gewerkschaften deutlich\nunbefangener als bisher entgegenzutreten. Man k\u00f6nnte punktuell B\u00fcndnisse mit\ndiesen eingehen, man k\u00f6nnte aber auch diese Institutionen nutzen, indem man\nderen Strukturen z.B. in die Planung eigener Projekte systematisch einbezieht\n(etwa bei der Rechtsberatung, der \u00d6ffentlichkeitsarbeit etc.).<\/p>\n\n\n\n<p><em>(De-) Zentrales Organizing<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Damit sind wir beim dritten, wichtigen Gedanken angelangt,\nden Bewernitz in seiner Streitschrift formuliert, n\u00e4mlich seine \u00dcberlegungen,\nwie man diesen strategischen Spielraum als syndikalistische bzw. radikale Linke\nnutzen k\u00f6nnte. Zentral ist dabei die folgende Stelle: \u00bbWas wir also f\u00fcr eine\npraktische Klassenpolitik brauchen, ist eine Organisationsform, (\u2026) die bewusst\neine \u2013 starke \u2013 Minderheit der Arbeitenden organisiert, sich daher nicht als Gewerkschaft\nversteht, mit dieser nicht konkurriert, aber durchaus \u00fcber sie hinausgeht,\nindem sie K\u00e4mpfe auf radikaler und auf breiterer Basis f\u00fchrt. Geschichte und Praxis\nder Arbeiterbewegung halten daf\u00fcr zahlreiche Konzepte zur Verf\u00fcgung:\nArbeiterr\u00e4te, Betriebskomitees, das \u203aUmherschweifen\u2039 der SituationistInnen\nsowie Formen von Selbstaktivierung als Erfahrungsaustausch, militanter\nBefragung und Organizing. Konkret m\u00f6chte ich als Organisationsform eine\nVernetzung von Worker Centers vorschlagen, wie man sie der US-amerikanischen Arbeiterbewegung\nabschauen kann.\u00ab (S. 18) Und er f\u00fcgt hinzu: \u00bbAls Vorteile von Worker Centers\nk\u00f6nnen wir in der aktuellen Situation festhalten: Erstens agieren Worker\nCenters \u00e4hnlich wie momentan FAU und IWW im prek\u00e4ren Bereich. Zweitens sind sie\ngeeignet, migrantische und geschlechtliche Themen zu integrieren. Drittens\nkommt ihr Konzept einem der aktuellen praktischen Schwerpunkte der neuen Klassenpolitik\nentgegen, n\u00e4mlich der Stadtteilarbeit; Worker Centers k\u00f6nnen \u00fcber Mieten und\nWohnverh\u00e4ltnisse, Rechtsberatung und Kultur, Erwerbslosenberatung etc.\nnachdenken. Viertens k\u00f6nnen Worker Centers als reale R\u00e4ume hoffentlich den\nsozialen Ort ersetzen, den das Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis heute oft nicht mehr bietet\nund der auch kaum noch durch Arbeiterkneipen pr\u00e4sent ist.\u00ab (Ebd.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Aufbau eines\nNetzwerks von Worker Centers ist nun keineswegs neu, das wei\u00df Bewernitz sehr\ngenau, denn er verweist auf einige erste Bl\u00fcten einer erneuerten\nLinksradikalit\u00e4t, die f\u00fcr ein solches Netzwerk bereits Ankn\u00fcpfungspunkte\ngeschaffen haben. Bemerkenswert ist aber zweierlei. Zum einen argumentiert er\nbei dieser Schaffung eines Worker-Center-Netzwerkes f\u00fcr eine Selbstaufl\u00f6sung\nder FAU, ja er wirft zudem die Frage auf, welche Zukunft Gewerkschaften\n\u00fcberhaupt noch haben, wenn viele Arbeiter gar nicht mehr wissen, was das ist\nund gerade prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte nur sehr zur\u00fcckhaltend Hilfe von \u00bbden\nGewerkschaften\u00ab bekommen. (S. 21) Zum zweiten hat er eine klare Vorstellung\ndavon, wie dieses Netzwerk ausgebaut und vertieft werden kann. Er schreibt:\n\u00bbGrund\u00ads\u00e4tzlich m\u00fcssen sich Gruppen, die eine neue Klassenpraxis anstreben, als\nOrganizerInnen verstehen oder es muss in ihnen zumindest zwei bis drei Personen\ngeben, die Organizing praktisch anwenden und innerhalb der Gruppen\nvorantreiben.\u00ab (S. 25) An anderer Stelle \u00e4hnlich: \u00bbDas, was Worker Centers im\nAlltag machen, muss letztlich eine Art Organizing sein.\u00ab (S. 33)<\/p>\n\n\n\n<p>Organizing \u2013 ist das nicht die gar nicht\nmehr so neue Mitgliedermasche der DGB-Gewerkschaften? Ist Organizing nicht\nletztlich nur eine pseudodemokratische Variante typischer Stellvertreterpolitik\n\u00bbvon oben\u00ab? Zeigt sich das nicht schon, wenn man wei\u00df, dass Organizer wie\nVersicherungsvertreter 1:1-Gespr\u00e4che vorher \u00fcben, dass sie grenzwertig\nanmutende Hausbesuche machen, um Menschen zu aktivieren, dass sie Kampagnen\nvorab akribisch planen? Bewernitz\u2019 Antwort provoziert abermals und ist es\ndeshalb wert, ausf\u00fchrlich wiedergegeben zu werden: \u00bbWer sich gewerkschaftlich\nbet\u00e4tigen will, sei es auch auf relativ bescheidenem Niveau, ist gut beraten,\nsich Methodik und Strategien auch der gro\u00dfen Gewerkschaften anzuschauen. Es ist\nnicht nur so, dass man da Material findet, das Strategien einem dadurch\nvermittelt, dass man sich von dortigen Strategien abgrenzt. Nein, so manches\nl\u00e4sst sich durchaus \u00fcbernehmen \u2013 gerade, wenn aus einer gewerkschaftsnahen,\naber durchaus kritischen Wissenschaft kommt. Das Organizing etwa liegt den syndikalistischen\nGewerkschaften n\u00e4her als den Gewerkschaften des DGB, weil die Verankerung\nersterer in sozialen Bewegungen st\u00e4rker ist, weil sie aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe\nschon immer auf solche Methoden zur\u00fcckgreifen mussten und weil ihnen die\ngewachsenen betrieblichen Strukturen (Betriebsr\u00e4te und Vertrauensleutek\u00f6rper)\nnormalerweise fehlen \u2013 nichtsdestotrotz geht die Professionalisierung und\nNutzbarmachung des Konzepts auf die gro\u00dfen Gewerkschaften zur\u00fcck. Wer dieses\nInstrumentarium nur deswegen zur Seite legt, entwaffnet sich schlicht selber.\u00ab\n(S. 38)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Prekariat? Mobilisieren?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser und einiger anderer St\u00e4rken gibt es jedoch\nauch in Bewernitz\u00b4 Schrift Aspekte, in denen er meines Erachtens argumentativ\nabf\u00e4llt. Da ist zum einen der Umstand, dass er zwar einer militanten\nBasispolitik klare Perspektiven er\u00f6ffnet, gleichzeitig aber interessieren ihn\ndie sozialen Verh\u00e4ltnisse, die die Grundlage einer solchen Politik w\u00e4ren, nur\netwas mehr als eine Seite lang. Und wenn er dann schreibt, dass Worker Centers\nan dem \u00bbprek\u00e4ren Segment des Proletariats\u00ab (S. 27) anzusetzen h\u00e4tten, dann ist\ndas zwar in dieser Allgemeinheit sicherlich bedenkenswert, doch das sog.\nprek\u00e4re Segment ist gro\u00df und rekrutiert sich aus sehr unterschiedlichen\nsozialen Hintergr\u00fcnden. Die Branchen, in denen es arbeitet, sind gepr\u00e4gt von\nerheblichen Unterschieden. Viele migrantische Prekarier sind z.B. zufrieden mit\nihrer Arbeit, da sie sie als ersten Schritt in einer neuen Gesellschaft\nsch\u00e4tzen. Das Prekariat im sozialen Bereich wiederum scheut sich h\u00e4ufig genug\nvor sozialen K\u00e4mpfen, da es emotional sehr eng mit seinen KundInnen,\nPatientInnen, Kindern etc. verbunden ist. Hier w\u00e4re es besonders wichtig, in\neiner Neuauflage oder einem eigenen Papier tiefer zu sch\u00fcrfen, denn die Gleichung\n\u00bbPrekariat braucht Worker Centers\u00ab ist auf Dauer zu holzschnittartig.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Stelle, die mich beim Lesen\nirritierte, findet sich in jenem Abschnitt, den er \u00bbMobilisieren statt\norganisieren\u00ab nennt. Bewernitz erl\u00e4utert, dass er sie gew\u00e4hlt habe, um seine\n\u00bbkritische Haltung\u00ab gegen\u00fcber den \u00bbaktuellen Methoden\u00ab des Organizing zu\nunterstreichen. Denn: \u00bbPraktisch l\u00e4uft Organizing immer auf dasselbe hinaus,\nGewerkschaftsmitglieder gewinnen (\u2026), Betriebsr\u00e4te gr\u00fcnden, Tarifvertr\u00e4ge\nabschlie\u00dfen.\u00ab (S. 33) Mobilisieren hingegen sei ein Prozess, in welchem es\noffenbliebe, \u00bbob ArbeiterInnen nur an einigen Aktionen teilnehmen,\nGewerkschaftsmitglieder werden oder dauerhaft an einer au\u00dfergewerkschaftlichen\nInitiative (wie einem Worker Center) teilnehmen wollen\u00ab. (S. 36) Um es deutlich\nzu formulieren: Ich halte diese Entgegensetzung von Organizing und Mobilisieren\naus mehreren Gr\u00fcnden f\u00fcr fragw\u00fcrdig. Muss denn nicht auch ein Worker Center\nzahlende Mitglieder gewinnen, damit es sich dauerhaft materiell finanzieren\nkann? Muss es nicht auch formalisierte Strukturen herauszubilden suchen, also\nz.B. einen Worker-Center-Rat, der die Leitlinien der eigenen Arbeit diskutiert\nund entscheidet? Warum bedarf es \u00fcberhaupt eines besonderen Verweises auf die\nOffenheit dieses Prozesses? Macht Bewernitz dies etwa, weil er wie viele\nradikale Linke denkt, dass man ArbeiterInnen mit besonderen Samthandschuhen\ngegen\u00fcbertreten muss, da sie sich sonst, wie er anderer Stelle schreibt,\nmissverstanden und ausgenutzt f\u00fchlen k\u00f6nnten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne Zweifel ist es so, dass ArbeiterInnen\nin vielen gewerkschaftlichen Organizing-Prozessen erfahren m\u00fcssen, dass\nEntscheidungen getroffen werden, ohne dass sie gefragt werden. Aber diese\nArbeiterInnen sind deshalb keineswegs hilflos. Viele sagen der entsprechenden\nGewerkschaft dann teils sehr deutlich ihre Meinung. Viele treten dann auch aus.\nUnd viele registrieren diesen Vertrauensbruch, bleiben aber Mitglieder, da sie\nzumindest eine partielle Besserung ihrer Situation aufrechterhalten wollen. Mit\nanderen Worten: Statt sich tausend Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie man\nArbeiterInnen um Gottes Willen integer und basisdemokratisch behandelt, sollte\ndie radikale Linke Organizing nutzen, um \u00fcberhaupt in eine dauerhafte Beziehung\nzu ihnen treten zu k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus kann sie beruhigt sein: Die\nbetreffenden ArbeiterInnen selber werden dieser Linken&nbsp;\u2013 sollte sie sich\nzu dumm, autorit\u00e4r oder manipulativ anstellen&nbsp;\u2013 schnell Zeichen geben, ob\ndiese Beziehung auch in ihrem Sinne ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Alltag ist die Front? Der Alltag ist die Front!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch, so k\u00f6nnte man einwenden: das soll also die Front des\nKlassenkampfs sein? Organizing im Prekariat zwecks Etablierung eines\nk\u00e4mpferischen Worker-Center-Netzwerks? Wo bleibt da die Radikalit\u00e4t? Trotz\naller Polemik: Der gegenw\u00e4rtigen Antifa etwa verdanken wir sicher eine Unmenge\nan verhinderten Nazi-Umz\u00fcgen und ein immer wieder mutiges Eintreten gegen\nrechte Gewalt. Besetzte H\u00e4user oder andere autonome R\u00e4ume sind ohne Zweifel ein\nwichtiger Ort f\u00fcr viele Individuen, um soziale Denkphantasie, aber auch\ngesellschaftliche Kritik einzu\u00fcben. Kleine Gewerkschaften wie die FAU oder die\nIWW lassen immer wieder aufhorchen, so dass sie k\u00fcrzlich selbst Anerkennung von\nder gro\u00dfen IG Metall bekamen&nbsp;\u2013 in Form eines Lobs der zweiten Vorsitzenden\nChristiane Benner f\u00fcr das Engagement bei Foodora (taz, 20. November 2017). Doch, und das ist\nletztlich das gro\u00dfe Richtungsschild, das Bewernitz hochh\u00e4lt: Mit Blick auf eine\nVielzahl bedrohlicher sozialer Entwicklungen wird es Zeit, dass diese linke\nRadikalit\u00e4t endlich Eingang in die gesellschaftlichen Alltags-Diskurse und\nPraxen findet, wird es Zeit, dazu die linksradikalen Rituale, Z\u00f6pfe und Symbole\nabzuschneiden, wird es Zeit, dem\u00fctig und geduldig linke Radikalit\u00e4t in\nsinnf\u00e4llige, greifbare Verbesserungspraxen nicht nur rund um die eigene Lohnarbeit\neinflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu noch ein letzter, durchaus\noptimistischer Gedanke: Wenn es schwer zu leugnen ist, dass die Probleme\nunserer Zeit zunehmend einen grunds\u00e4tzlichen Charakter bekommen, dann stellt\ndies radikale Praxen zur Bew\u00e4ltigung dieser Probleme in ein neues Licht. Egal\nob es sich um die Erderw\u00e4rmung, die zunehmenden gesellschaftlichen\nZerfallsprozesse, die explodierenden Mieten oder die Entstehung der\nBig-Data-Strukturen handelt \u2013 immer h\u00e4ufiger sorgen die riesigen\nProblemdimensionen daf\u00fcr, dass auch unpolitische Menschen vermehrt radikalen\nL\u00f6sungen zuneigen. Zwar suchen viele Menschen dies vor sich zu verstecken,\nindem sie scheinbar \u00fcberschaubare \u00bbSingle-Issue\u00ab-Forderungen aufstellen, sie\nz.B. die schnelle und konsequente Umsetzung der Klimaziele fordern, die\nEtablierung eines solidarischen und bedingungslosen Grundeinkommens interessant\nfinden, der Verstaatlichung von Wohnraum viel abgewinnen k\u00f6nnen oder aber die\nMacht von Gro\u00dfkonzernen wie Google oder Facebook bedrohlich finden und deren\nZerschlagung ins Auge fassen. Aber dieses Versteckspiel muss so nicht bleiben.\nBewernitz\u2019 Streitschrift ist insofern auch ein spannender Hinweis, wie die\nradikale Linke mit daf\u00fcr sorgen kann, dass diese implizite\nLinks-Radikalisierung gr\u00f6\u00dfer werdender Teile der Gesellschaft zu einer\nexpliziten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>* Slave Cubela arbeitet f\u00fcr eine gro\u00dfe deutsche\nGewerkschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>express<\/em><\/strong> im Netz unter: www.express-afp.info<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo bitte geht\u2019s zur Front? von Slave Cubela* Wenn man es seit Jahren gew\u00f6hnt ist, zumeist von au\u00dferhalb Deutschlands wichtige Impulse f\u00fcr die eigene klassenorientierte&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[69],"tags":[],"class_list":["post-2361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndikalismus-und-neue-klassenpolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2361"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8824,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361\/revisions\/8824"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}