{"id":250,"date":"2015-03-18T18:46:27","date_gmt":"2015-03-18T17:46:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=250"},"modified":"2025-08-28T21:26:47","modified_gmt":"2025-08-28T19:26:47","slug":"taz-blogs-vom-18-09-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/taz-blogs-vom-18-09-2013\/","title":{"rendered":"TAZ Blogs vom 18.09.2013"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Sein Erfolg war ein Fanal f\u00fcr die folgenden Arbeitsk\u00e4mpfe im welkenden deutschen Wirtschaftswunder &#8230;&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Dieter Braeg machte uns auf eine Veranstaltung in Neuss aufmerksam, und schrieb: \u00bb40 Jahre nach dem Streik ist es doch wohl unglaublich, dass man mehr Vorstands- und Aufsichtsratsposten f\u00fcr Frauen fordert und dort, wo wirklich Arbeitskraft verkauft wird, noch immer Lohn-Gehalts-Ungerechtigkeit herrscht.\u00ab<\/p>\n<p>Donnerstag, den 19. September 2013, 18 Uhr im Theater am Schlachthof, Bl\u00fccherstra\u00dfe 31 bis 33 in Neuss. Nach der Begr\u00fc\u00dfung der IG-Metaller wird um 18:15 Uhr der Kurzfilm \u00fcber den Streik in Pierburg gezeigt, Dieter Braeg (ehemaliger Betriebsratsvorsitzender) war dabei und andere Augenzeugen kommentieren den Film.<\/p>\n<p>Wir empfehlen: \u203aWilder Streik \u2013 das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973\u2039 herausgegeben von Dieter Braeg. 176 Seiten, 13,50 Euro.<!--more--><\/p>\n<p>Der Arbeitskampf bei Pierburg war der einzige erfolgreiche \u203awilde\u2039 Streik w\u00e4hrend der Streikwelle des Jahres 1973. Griechinnen, Italienerinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen, T\u00fcrkinnen sowie auch deutsche Flie\u00dfbandarbeiterinnen hatten f\u00fcnf Tage die Arbeit niedergelegt.<\/p>\n<p>Wie war es dazu gekommen? Die Pierburg GmbH, gegr\u00fcndet von Alfred Pierburg in Neuss, an der Stadtgrenze zu D\u00fcsseldorf, besch\u00e4ftigte damals dreitausend Arbeiterinnen und Arbeiter, die Vergaser, Benzinpumpen und Steuerventile f\u00fcr Autos herstellten. Jeder, der in seiner Jugend mal an einem Auto herumgeschraubt hat, kennt die Solex-Vergaser von Pierburg. Diese wurden am Flie\u00dfband von ausl\u00e4ndischen Arbeiterinnen zusammengebaut, die nach S\u00e4tzen der sogenannten \u00bbLeichtlohngruppe\u00ab bezahlt wurden. Sie erhielten 4,70 DM pro Stunde, kamen also auf einen Nettolohn von monatlich sechshundert Mark. Dabei wei\u00df jeder, dass Flie\u00dfbandarbeit im Akkord schwere k\u00f6rperliche Arbeit ist. Bereits mehrfach hatten die Frauen die Abschaffung der Leichtlohngruppe gefordert, sie verlangten eine Mark mehr Stundenlohn, aber die Pierburg-Gesch\u00e4ftsleitung blieb stur und der Betriebsrat unt\u00e4tig.<\/p>\n<p>Nachdem ein neuer Betriebsrat gew\u00e4hlt worden war, der sich mit den Arbeitern solidarisierte, eskalierte die Situation. Am 13. August 1973, gegen 5:30 Uhr, als die Arbeiterinnen und Arbeiter zur Fr\u00fchschicht kamen, verteilten zwanzig Frauen am Werktor Flugbl\u00e4tter, die zum Streik aufriefen und die Abschaffung der \u00bbLeichtlohngruppe\u00ab forderten. Etwa dreihundert Arbeiterinnen und Arbeiter schlossen sich spontan dem Streik an und skandierten: \u00bbEine Mark mehr! Eine Mark mehr!\u00ab<\/p>\n<p>Die Vorarbeiter forderten die Frauen zur Arbeit auf \u2013 vergeblich. Um 6:30 Uhr r\u00fcckten drei Polizeiwagen an, die Beamten verlangten, dass die Streikenden das Werkstor r\u00e4umen. Dabei kam es zum Wortgefecht mit der neunundzwanzigj\u00e4hrigen Eleftheria Mermela, die zusammen mit ihrem Mann streikte. Die Polizisten versuchten das Ehepaar zu verhaften, ein griechischer Kollege fotografierte die Szene, da nahm ein Beamter ihm die Kamera ab, ein anderer Grieche entwand wiederum dem Polizisten die Kamera und warf sie einem Kollegen zu. Ein Polizist zog die Pistole und br\u00fcllte: \u00bbZur\u00fcck!\u00ab Eine Griechin trat vor und schrie: \u00bbSchie\u00df doch! Oder hast du Angst?\u00ab Der Beamte lie\u00df die Waffe sinken, seine Kollegen versuchten die Frau zu verhaften, sie wehrte sich und wurde dabei verletzt. Die Frauen drangen jetzt auf die Polizisten ein, diese fl\u00fcchteten in ihre Wagen, einer schrie den Streikenden zu: \u00bbDreckige Ausl\u00e4nder! Ich mache euch kalt!\u00ab Eine Stunde sp\u00e4ter kam Verst\u00e4rkung, drei Polizeibusse fuhren vor, Polizisten kreisten die Streikenden ein, verhafteten zwei Griechinnen und einen Griechen. In der Fr\u00fchst\u00fcckspause solidarisierten sich weitere Arbeiterinnen und reihten sich vor dem Fabriktor bei den Streikenden ein. Die Produktion war lahmgelegt.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen standen wieder 350 Streikende vor dem Werkstor, wieder fuhren drei Polizeibusse vor. Dieses Mal pr\u00fcgelten die Polizisten sofort auf die Streikenden ein. Ein \u00dcbertragungswagen des Fernsehens traf ein und filmte die Pr\u00fcgelszenen, daraufhin zog die Polizei ab. Es war ein hei\u00dfer Augusttag, Anwohner brachten Getr\u00e4nke und \u00f6ffneten ihre H\u00e4user, damit die Streikenden die Toiletten benutzen konnten. Jungsozialisten und Leute aus Kirchenkreisen verteilten in D\u00fcsseldorf und Neuss Flugbl\u00e4tter, die den Polizeieinsatz anprangerten. Die Produktion bei Pierburg war auch am zweiten Streiktag lahmgelegt.<\/p>\n<p>Am dritten Tag weigerte sich die Firmenleitung noch immer, Verhandlungen mit dem Betriebsrat zu f\u00fchren. Der Neusser Polizeipr\u00e4sident hetzte in einem Interview: \u00bbWilder Streik, das ist Revolution!\u00ab Trotzdem hielt sich die Polizei wegen des Fernsehteams, das weiter \u00fcber den Streik berichtete, zur\u00fcck. Die Stimmung der Streikenden war zum Zerrei\u00dfen gespannt, der t\u00fcrkische Arbeiter Eroglu Galip drohte, sich vor dem Werkstor zu verbrennen, wenn die Streikforderungen nicht erf\u00fcllt w\u00fcrden, er hantierte mit einem Kanister. Die Betriebsr\u00e4te zogen Galip hinter das Tor und beruhigten ihn.<\/p>\n<p>Der vierte Streiktag brachte den Umschwung, weil sich die privilegierten deutschen Facharbeiter mit den prek\u00e4ren Migrantinnen solidarisierten. Die Hella Werke in Lippstadt, die Autobeleuchtungen herstellen, traten in einen Sympathiestreik. Die Produktion der gesamten deutschen Automobilindustrie stockte, denn ohne Solex-Vergaser, f\u00fcr die Pierburg ein Monopol hatte, konnten keine Wagen von den B\u00e4ndern laufen. Solidarit\u00e4tstelegramme aus allen Regionen Deutschlands trafen ein, auch Joseph Beuys schickte Gr\u00fc\u00dfe.<br \/>\nIn seinem Buch zum \u203aWilden Streik\u2039, das Dieter Braeg herausgegeben hat, beschreibt ein Augenzeuge die Szenen auf dem Werkshof: \u00bbAm 16. August 1973 um 8:45 Uhr f\u00fcllte sich langsam der Hof vor den Werkshallen, Frauen schwenkten Rosenstr\u00e4u\u00dfe und riefen: \u203aEine Mark mehr!\u2039 Kolleginnen und Kollegen fielen sich um den Hals. Immer mehr Menschen sammelten sich im Hof, und die Parolen wurden lauter. Neusser B\u00fcrger brachten den Streikenden belegte Br\u00f6tchen, Obst, Sprudel und Bier, unter strahlender Sonne wurde diskutiert. Und pl\u00f6tzlich war ein t\u00fcrkischer Dudelsackspieler da, Frauen und M\u00e4nner aller Nationalit\u00e4ten begannen zu tanzen. Manche Deutsche waren am Anfang etwas tollpatschig, die Ausl\u00e4nder zeigten ihnen, wie man die F\u00fc\u00dfe setzt.\u00ab \u00bbDies ist der sch\u00f6nste Tag meines Lebens\u00ab, sagte ein deutscher Arbeiter, \u00bbheute halten wir alle zusammen, das habe ich noch nie erlebt. Pierburg kann uns nicht schaffen!\u00ab Und wirklich, die Pierburg GmbH stimmte endlich Verhandlungen zu, am f\u00fcnften Streiktag einigten sie sich mit dem Betriebsrat. Die Leichtlohngruppe fiel weg, und den Frauen wurde ein Lohnzuschlag von 65 Pfennig pro Stunde garantiert.<\/p>\n<p>Der Streik bei Pierburg und sein Erfolg waren ein Fanal f\u00fcr die folgenden Arbeitsk\u00e4mpfe im welkenden deutschen Wirtschaftswunder. Erstmalig hatten sich Migrantinnen und Migranten \u00fcber alle Vorurteile hinweg mit deutschen Arbeiterinnen und Arbeitern solidarisiert. Dieter Braeg, einer der Betriebsr\u00e4te, die den wilden Streik bei Pierburg begleiteten, hat das alles in seinem Buch \u203aWilder Streik\u2039 dokumentiert. So ist es n\u00e4mlich, wir erz\u00e4hlen nicht nur, wir lassen uns auch Geschichten erz\u00e4hlen, ein Dialog im Feld der operativen Literatur.<\/p>\n<p><strong>Barbara Kalender \/ J\u00f6rg Schr\u00f6der<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Sein Erfolg war ein Fanal f\u00fcr die folgenden Arbeitsk\u00e4mpfe im welkenden deutschen Wirtschaftswunder &#8230;&#8221; Dieter Braeg machte uns auf eine Veranstaltung in Neuss aufmerksam, und&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-250","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wilder-streik-das-ist-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=250"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8221,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250\/revisions\/8221"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}