{"id":254,"date":"2015-03-18T18:48:42","date_gmt":"2015-03-18T17:48:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=254"},"modified":"2025-08-28T21:26:47","modified_gmt":"2025-08-28T19:26:47","slug":"jungle-world-15-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/jungle-world-15-2013\/","title":{"rendered":"Jungle World 15-2013"},"content":{"rendered":"<p><strong>Streiken geht auch anders<\/strong><\/p>\n<p>Der Streik migrantischer Arbeiterinnen bei einem Automobilzulieferer im Jahr 1973 erh\u00e4lt zum Jubil\u00e4um wieder Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Wer an Streiks in Deutschland denkt, dem kommen bunte Plastikleibchen, Trillerpfeifen, hohle DGB-Rhetorik und Tarifabschl\u00fcsse in den Sinn, die man nur mit viel M\u00fche als Erfolg verkaufen kann. Dass auch in Deutschland Arbeitsk\u00e4mpfe m\u00f6glich sind, die anders verlaufen, zeigt der Pierburg-Streik. 1973 streikten die Arbeiterinnen beim Automobilzulieferer Pierburg im nordrhein-westf\u00e4lischen Neuss f\u00fcr die Abschaffung aller Leichtlohngruppen, die daf\u00fcr sorgten, dass Frauen weniger als M\u00e4nner verdienten, und f\u00fcr eine Erh\u00f6hung des Stundenlohns um eine Mark.<!--more--><\/p>\n<p>Wie gro\u00df das Interesse an dem Streik damals war, zeigt sich an den zahlreichen B\u00fcchern und Filmen, die sich dem Ausstand widmen. Anfang der achtziger Jahre, als ein Gro\u00dfteil der Linken seinen Abschied vom Proletariat nahm, geriet auch der Pierburg-Streik in Vergessenheit. Doch nun macht ein Buch mit dem Titel \u00bbWilder Streik, das ist Revolution\u00ab, das im Berliner Verlag \u00bbDie Buchmacherei\u00ab erschienen ist, wieder auf den Arbeitskampf aufmerksam. Der Herausgeber Dieter Braeg, damals einer der oppositionellen Betriebsr\u00e4te in dem Unternehmen, hat das anstehende Jubil\u00e4um zum Anlass genommen, einige Dokumente erneut zu ver\u00f6ffentlichten.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch der 40min\u00fctige Film \u00bbPierburg\u00a0\u2013 ihr Kampf ist unser Kampf\u00ab, der immer noch sehenswert ist, vor allem aus einem Grund: Es ist sinnvoll, daran zu erinnern, dass es in Deutschland auch K\u00e4mpfe von Lohnabh\u00e4ngigen gab, die sich nicht in den von den DGB-Vorst\u00e4nden vorgegebenen Bahnen bewegen. Bei Pierburg war das der Fall: \u00bbWilder Streik, das ist Revolution\u00ab\u00a0\u2013 so begr\u00fcndete der Neusser Polizeipr\u00e4sident G\u00fcnther Knecht damals den Einsatz von kn\u00fcppelnden Polizisten gegen die Streikenden.<\/p>\n<p>Braegs Einsch\u00e4tzung, der Pierburg-Streik sei ein Beispiel f\u00fcr \u00bbeine andere deutsche Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung\u00ab, kann man allerdings Skepsis entgegenbringen. Mit einer viel gr\u00f6\u00dferen Berechtigung kann der Streik als Beispiel f\u00fcr einen selbstorganisierten Kampf migrantischer Frauen angef\u00fchrt waren. Sie traten nicht nur gegen den Unternehmer Alfred Pierburg an, der eine einflussreiche Stellung in der Kriegswirtschaft des Nationalsozialismus inne gehabt hatte und in der Bundesrepublik Tr\u00e4ger zahlreicher Orden inklusive des Bundesverdienstkreuzes war. Die Dokumente verdeut\u001flichen auch, wie die streikenden Frauen mit dem Rassismus der im NS sozialisierten Vorarbeiter konfrontiert wurden. \u00bbIhr seid doch das aufs\u00e4ssigste Pack, was mir je untergekommen ist, ihr Schei\u00dfweiber\u00ab, schrie einer der Pierburg-Vorarbeiter eine griechische Besch\u00e4ftigte an und drohte ihr mit Schl\u00e4gen, weil sie sich beim Betriebsrat \u00fcber die Arbeitsbedingungen beschwert hatte. Die Dokumente zeigen aber auch die Ignoranz mancher Betriebsr\u00e4te, denen die Pflege der Trikots der firmeneigenen Fu\u00dfballmannschaft wichtiger war als die Interessenvertretung der Kolleginnen. Auch die Taktik der IG-Metall-F\u00fchrung wird deutlich. Sie tat alles, um den Streik wieder in die institutionellen Bahnen zu lenken, und die Justiz \u00fcberzog die oppositionellen Betriebsr\u00e4te mit langwierigen Gerichtsprozessen.<\/p>\n<p>Dieter Braeg ordnet den Pierburg-Streik in das politische Geschehen jener Jahre ein. Mit den Septemberstreiks von 1969 begann ein Aufbegehren von Lohnabh\u00e4ngigen, die sich nicht mehr von DGB-konformen Instanzen vertreten lassen wollten. Daran waren migrantische Besch\u00e4ftigte federf\u00fchrend beteiligt. H\u00f6hepunkt waren der Streik und die Besetzung der K\u00f6lner Ford-Werke im August 1973. Als die Polizei die Fabrik mit Gewalt r\u00e4umte, zahlreiche Streikende festnahm und mehrere migrantische Arbeiter als angebliche R\u00e4delsf\u00fchrer abschieben lie\u00df, titelte die Bild-Zeitung: \u00bbDeutsche Arbeiter k\u00e4mpfen Ford frei\u00ab. Zuvor hatten B\u00fcrgerwehren die Streikenden mehrmals angegriffen. So wurde unter tatkr\u00e4ftiger Mithilfe von Betriebsr\u00e4ten der proletarische Eigensinn gebrochen.<\/p>\n<p><strong>Peter Nowak<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Streiken geht auch anders Der Streik migrantischer Arbeiterinnen bei einem Automobilzulieferer im Jahr 1973 erh\u00e4lt zum Jubil\u00e4um wieder Aufmerksamkeit. 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