{"id":258,"date":"2015-03-18T18:50:46","date_gmt":"2015-03-18T17:50:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=258"},"modified":"2025-08-28T21:26:47","modified_gmt":"2025-08-28T19:26:47","slug":"express-1-2-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/express-1-2-2013\/","title":{"rendered":"express 1-2 \/ 2013"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Das Buch des Winterhalbjahres 2012\/13&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Ein Schatz-Buch inclusive DVD f\u00fcr 13,50 Euro! \u2013 Dieter Braeg, der ehemalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Pierburg Neuss, hat uns diesen Schatz wieder zug\u00e4nglich gemacht. Ich halte dieses Buch und die dazu gelieferte DVD \u00fcber einen der gro\u00dfen, \u00bbwilden\u00ab Streiks f\u00fcr das Buch des Winterhalbjahres 2012\/13. Soviel an Kritik, hier als Lob verstanden, gleich vorweg.<!--more--><\/p>\n<p>Als \u00bbwilder Streik\u00ab oder \u00bbspontaner Streik\u00ab wird in der BRD ein Streik bezeichnet, bei dem die Gewerkschaft weder die \u00bbF\u00fchrung\u00ab noch die juristische und finanzielle Verantwortung hat. Diese \u00bbwilden\u00ab, \u00bbspontanen\u00ab Streiks sind von der Gewerkschaft nicht getragen, oft gegen ihren Willen zustande gekommen und zumindest ohne ihre \u00bboffizielle\u00ab Unterst\u00fctzung organisiert. So auch beim Autozulieferer Pierburg, wo es vor allem Frauen waren, die die Initiative zum Kampf gegen diskriminierende \u203aLeichtlohngruppen\u2039 aufgenommen und getragen haben.<\/p>\n<p>Was macht dieses Buch und die DVD zum Schatz?<\/p>\n<p>Am Beispiel dieses Arbeitskampfes von 1700 Frauen \u2013 \u00fcberwiegend aus Griechenland, Spanien, T\u00fcrkei, Jugoslawien, Italien \u2013 und ca. 300 M\u00e4nnern wird ein gutes St\u00fcck bundesdeutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte den einen in Erinnerung gerufen, den anderen, hoffentlich vielen J\u00fcngeren in den Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, als ein Teil oft verschwiegener Geschichte der hiesigen ArbeiterInnenbewegung erstmals vermittelt. Der Begriff \u00bbGastarbeiter\u00ab hatte wenige Jahre vorher den bis dahin f\u00fcr die Arbeitsimmigranten gebrauchten Begriff \u00bbFremdarbeiter\u00ab ersetzt. Zu sehr hatte das Wort \u00bbFremdarbeiter\u00ab dann doch, 20 Jahre nach 1945, an das leidvolle Schuften der \u00bbFremdarbeiter\u00ab in der nazideutschen Kriegswirtschaft erinnert. Diese \u00bbGastarbeiter\u00ab hatten in den \u00bbwilden\u00ab Streiks 1973 eine bedeutsame Rolle gespielt. Es war ihr Kampf um besseres Leben und Arbeiten im Land des Wirtschaftswunders \u2013 und zu einem Zeitpunkt, wo der ersten \u203agro\u00dfen\u2039 Wirtschaftskrise und steigenden Arbeitslosenzahlen u.a. mit einem\u00a0 \u00bbAnwerbestopp\u00ab\u00a0 begegnet wurde.<\/p>\n<p>Bei Pierburg in Neuss war der Kampf erfolgreich, auch weil er die Unterst\u00fctzung von IGM-Vertrauensleuten und -Betriebsr\u00e4ten fand und sich nach wenigen Tagen die deutschen Facharbeiter solidarisierten. Bei Ford in K\u00f6ln hingegen wurde 1973 der vorwiegend von t\u00fcrkischen KollegInnen gef\u00fchrte Arbeitskampf brutal zerschlagen. Im Buch wird dies eindr\u00fccklich geschildert, der Film auf der beiliegende DVD (Laufzeit: 42 Minuten) veranschaulicht die Hintergr\u00fcnde und den Verlauf des Konflikts anhand von Originalszenen.<\/p>\n<p>Der Autozulieferer Pierburg war mit 3000 Besch\u00e4ftigten Teil einer Firmengruppe, die Eigentum der Familie von Alfred Pierburg war. Gesch\u00e4fte wurden vor und nach 1945 gemacht. Bis 1972 bestand zwischen Firmenleitung und Betriebsrat ein sehr enges, partnerschaftliches Verh\u00e4ltnis. Die Betriebsratswahl 1972 brachte aktiven IGM-Mitgliedern eine solche Mehrheit und damit neue Vorsitzende, dass die sechs wiedergew\u00e4hlten, langj\u00e4hrigen BR-Mitglieder (ebenfalls Mitglied der IGM) ihr Mandat niederlegten. Dabei hatte eine seit 1968 erfolgte Organisierung wohl die entscheidende Rolle gespielt. 1968 gab es in dem Betrieb 200 IGM-Mitglieder, Ende 1974 waren es 2\u2005300. Durch einen ersten \u00bbwilden\u00ab Streik von jugoslawischen und deutschen Frauen konnte im Mai 1970 die Niedriglohngruppe 1 abgeschafft werden. In den Aufbau eines gewerkschaftlichen Vertrauensk\u00f6rpers, der dann erstmals 1973 gew\u00e4hlt (vorher ernannt) wurde, wurden seit 1970 die ausl\u00e4ndischen KollegInnen einbezogen. F\u00fcr die Entwicklung der Kampfkraft der Belegschaft waren die Erfahrungen eines wenig erfolgreichen, \u00bbwilden\u00ab Streiks am 7. und 8. Juni 1973 bedeutsam: Der 13-Punkte-Katalog zur Beseitigung von Missst\u00e4nden war, so die sp\u00e4tere Einsch\u00e4tzung der Streikleitung, zwar berechtigt, doch insgesamt waren es zu viele und zu differenzierte Forderungen. Diese \u00bbFehler\u00ab konnten bei dem knapp einw\u00f6chigen \u00bbwilden\u00ab Streik vom 13.-17. August 1973 vermieden werden. Hier wurde nur noch 1 DM Stundenlohn f\u00fcr alle und Abschaffung der Frauen-Lohngruppe 2 gefordert. Nachvollziehbar wird auch, warum \u00bbwilde\u00ab Streiks nicht als \u00bbspontane\u00ab Streiks bezeichnet werden d\u00fcrften. Ohne zahlreiche Vorbereitungen g\u00e4be es sie nicht. Die Einzelheiten dieses Arbeitskampfes und dessen Erfolge werden in verschiedenen Beitr\u00e4gen geschildert.<\/p>\n<p>Nicht unerwartet gab es zahlreiche Repressalien gegen die Belegschaft und ihre Aktiven. Im Oktober 1973 gab das Management die Verlagerung von Arbeitspl\u00e4tzen bekannt. Durch innerbetriebliche Aktionen sowie eine Demonstration in der Neusser Innenstadt konnte dieser Racheakt verhindert werden.<br \/>\nDer Versuch, eine Reihe von Funktionstr\u00e4gerInnen zu k\u00fcndigen, erregte damals gro\u00dfes \u00f6ffentliches Aufsehen: Die JAV-Vorsitzende, die beiden BR-Vorsitzenden sowie mehrere BR-Mitglieder sollten fristlos ihre Arbeitspl\u00e4tze verlieren. Eine breite Solidarit\u00e4tskampagne von \u00bbgro\u00dfen und kleinen Leuten\u00ab, darunter u.a. G\u00fcnter Walraff, Ernst Bloch, Arno Kl\u00f6nne und Eberhard Schmidt, konnte gro\u00dfen Druck auf Pierburg erzeugen. Trotzdem vereitelte erst das Arbeitsgericht die K\u00fcndigung. Eines der im Anhang versammelten Dokumente ist die zehnseitige Urteilsbegr\u00fcndung. Es ist eigentlich nur bedingt vorstellbar, mit welchen Methoden die K\u00fcndigungen begr\u00fcndet wurden. Die belastenden Aussagen eines gekauften, ehemaligen BR-Mitglieds waren der Firmenleitung 25000 DM wert.<\/p>\n<p>All das und noch viel mehr (z.B. passive Widerstandsformen, Sex als Waffe, Erotik und Z\u00e4rtlichkeit, Gewerkschaftsarbeit mit den ausl\u00e4ndischen KollegInnen) wird auf 175 Seiten dargestellt. Zu dem \u00bbmehr\u00ab geh\u00f6rt auch eine Einf\u00fchrung von Peter Birke in die damalige Zeit. Nach den ersten \u00bbwilden\u00ab Streiks im September 1969 gab es 1973 zum zweiten und bisher letzten Mal eine \u00f6ffentlich bedeutsame \u00bbwilde\u00ab Streikwelle, mit ca. 300\u2005000 Streikenden in mehr als 100 Betrieben. Diese Streiks dauerten oft mehrere Tage. Polizei und Werkschutz kannten meist kein Pardon! Erw\u00e4hnen k\u00f6nnen h\u00e4tte man in dem Buch die 1973 erstmals erfolgte Besetzung der Uhrenfabrik LIP in Besan\u00e7on\/Frankreich (verfilmt von Christian Rouaud: \u00bbLIP oder: Die Macht der Phantasie\u00ab, Frankreich 2007), die den spektakul\u00e4ren Auftakt zu \u00fcber 200 Betriebsbesetzungen allein in Frankreich bildete, ebenso w\u00e4re ein Hinweis auf Bez\u00fcge zu den Fabrik- und Arbeitsk\u00e4mpfen in Italien sinnvoll gewesen. Insbesondere im Zusammenhang mit der \u2013 vielfach untersch\u00e4tzten \u2013 Rolle von Frauen in diesen Arbeitsk\u00e4mpfen sei hier auch noch \u00bbWe want Sex\u00ab, der Film \u00fcber den Arbeitskampf der N\u00e4herInnen bei Ford Dagenham, von Nigel Cole empfohlen. Auch hier ging es, wie bei Pierburg, um die Abschaffung der diskriminierenden Leichtlohngruppen in der Autoindustrie \u2013 zwei Jahre sp\u00e4ter wurde in Gro\u00dfbritannien ein Gesetz zur Lohngleichheit verabschiedet.<br \/>\nAber auch diese Hinweise sollen nicht als Kritik an den Verfassern verstanden werden. Ihnen geb\u00fchrt als den Schatzgr\u00e4bern Lob und Dank!<\/p>\n<p><strong>Anton Kobel<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Das Buch des Winterhalbjahres 2012\/13&#8221; Ein Schatz-Buch inclusive DVD f\u00fcr 13,50 Euro! \u2013 Dieter Braeg, der ehemalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Pierburg Neuss, hat uns diesen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-258","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wilder-streik-das-ist-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=258"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8217,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions\/8217"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}