{"id":263,"date":"2015-03-18T18:52:23","date_gmt":"2015-03-18T17:52:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=263"},"modified":"2025-08-28T21:26:46","modified_gmt":"2025-08-28T19:26:46","slug":"analyse-kritik-ausgabe-480-februar-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/analyse-kritik-ausgabe-480-februar-2013\/","title":{"rendered":"analyse &#038; kritik Ausgabe 480, Februar 2013"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDer Kampf ist mehr als Geschichte\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Vom 13. bis 17. August des Jahres 1973 legten bis zu2.000 Arbeiter_innen in der Firma Pierburg in Neuss ohne gewerkschaftliche Unterst\u00fctzung die Arbeit nieder. Als \u201ewilder\u201c Streik war dies nach bundesdeutschem Recht einkrimineller Akt. F\u00fcr die migrantischen Arbeiterinnen, die den Streik initiierten, war es hingegen der einzige Weg, die ihnen vorenthaltenen Rechte einzufordern und gegen eine doppelte Lohndiskriminierung als Frauen und Migrantinnen zu protestierten. Die kompromisslose Haltung des autorit\u00e4r-patriarchalen Unternehmers Alfred Pierburg und das brutale Vorgehen der Polizei gegen die streikenden Frauen konnten nicht verhindern, dass er zu einem der erfolgreichsten Streiks der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte wurde \u2013 nicht nur, weil innerhalb von f\u00fcnf Tagen nahezu alle Forderungen durchgesetzt werden konnten. Das eigentlich Bemerkenswerte war die \u00fcbergreifende Solidarisierung innerhalb der Belegschaft, die sich zu 70 % aus migrantischen und zu 30 % aus deutschen Arbeitern und vor allem Arbeiterinnen zusammensetzte. Der Streik bei Pierburg wurde zu einem international bekannten Symbol der Solidarit\u00e4t als Basis f\u00fcr einen erfolgreichen Arbeitskampf, geriet jedoch im Zuge voranschreitender Neoliberalisierung in Vergessenheit.<!--more--><\/p>\n<p>Das Wissen um den Streik bei Pierburg wieder in Erinnerung zu bringen, macht die gro\u00dfe Bedeutung der von Dieter Braeg herausgegebenen Materialien-Sammlung aus. In dem beim Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c erschienenen Band sind vorrangig historische Dokumente aus dem Zeitraum 1973 bis 1977 abgedruckt. Sie erm\u00f6glichen es, der\/dem Lesenden sich dem Ereignis vorrangig aus der Perspektive eines linken Betriebsratsmitglieds zu n\u00e4hern, da der Herausgeber selbst von 1971 bis 2004 bei Pierburg in Neuss angestellt und in der betreffenden Zeit stellvertretender Betriebsratsvorsitzende sowie als Autor oder Mitautor an fast allen im Buch abgedruckten historischen Dokumenten beteiligt war. Erg\u00e4nzt werden die Texte durch einen auf DVD beigelegten Dokumentarfilm, der unter dem Titel \u201eIhr Kampf ist unser Kampf\u201c den Streikverlauf in Bildern festh\u00e4lt und von Edith Schmidt und David Wittenberg zusammen mit den streikenden Arbeiter_innen von Pierburg erstellt wurde.<\/p>\n<p>Das Buch dokumentiert chronologisch die betrieblichen Auseinandersetzungen zwischen Unternehmensleitung und Teilen der Belegschaft, die im August 1973 weder begannen noch endeten. Der Streik war nicht spontan, sondern H\u00f6hepunkt von seit Jahren sich zuspitzenden Konflikten und Resultat eines kollektiven Lern-, Kommunikations- und Mobilisierungsprozesses innerhalb der Belegschaft. Zudem war die Firma Pierburg einer der wenigen Betriebe in der Bundesrepublik in dem sich ein zur H\u00e4lfte migrantisch besetzter, linker Betriebsrat etablierte. Braeg zeigt in seinen Texten die Handlungsspielr\u00e4ume auf, die es f\u00fcr einen Betriebsrat durchaus geben konnte, sich trotz der Einschr\u00e4nkungen durch Betriebsverfassungsgesetz und der darin verordneten Friedenspflicht solidarisch mit den Streikenden zu zeigen und sich f\u00fcr die Interessen der migrantischenArbeiter_innen einzusetzen, die von den Gewerkschaften kaum repr\u00e4sentiert wurden.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe St\u00e4rke dieser Materialiensammlung ist, den Streik bei Pierburg als Teil einer Geschichte migrantischen Widerstandes in der Bundesrepublik wieder in Erinnerung zu bringen. Der Pierburg-Streik ist im Kontext einer Reihe wilder Streiks zu betrachten, die \u00fcberwiegend migrantisch gepr\u00e4gt waren und im Jahre 1973 ihren H\u00f6hepunkt erreichten. Aufgrund des erfolgreichen Ausgangs und der zeitweilig breiten gesellschaftlichen Solidarisierung stellt der Pierburg-Streik in dieser Streikwelle allerdings eine Ausnahme dar. Durch unerm\u00fcdliche Anstrengungen konnten die migrantischen Arbeiterinnen ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen in den Protest einbinden. Strategisch gelang ihnen dies, in dem sie Forderungen formulierten, die auch die deutschen Arbeiterinnen und Facharbeiter betrafen: \u201eAbschaffung der Lohngruppe 2\u201c und \u201eEine Mark mehr f\u00fcr alle!\u201c Kritik am Rassismus in und au\u00dferhalb der Fabrik wurde \u2013 obwohl mitunter entscheidender Ausl\u00f6ser der Arbeitsk\u00e4mpfe \u2013 explizit nicht in den Vordergrund ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Kampf bei Pierburg konnte nur erfolgreich gef\u00fchrt werden, \u201eweil Herkunft und Position keine Rolle spielten\u201c (S. 8) schlussfolgertder Herausgeber. Die rassistische Spaltung der Pierburg-Belegschaft konnte f\u00fcr den Moment des gemeinsamen Kampfes \u00fcberwunden werden \u2013 wie fragil diese Solidarit\u00e4t allerdings war, zeigte sich als mit zunehmender Arbeitsplatzunsicherheit im Kontext der Krise die deutschen Facharbeiter begannen \u201esich so langsam zu distanzieren\u201c (S. 112). Aufgeworfen ist damit die nicht nur historische Frage, ob Rassismus eben doch nicht auch Thema von Arbeitsk\u00e4mpfen sein muss, um Solidarit\u00e4t zu praktizieren.<\/p>\n<p>Verstanden als Quellenedition er\u00f6ffnet dieser Band neue Perspektiven auf die Geschichte der Arbeiter_innenbewegung nach 1945 und ist eine wertvolle Erg\u00e4nzung zu bereits vorliegenden Untersuchungen der migrantischenK\u00e4mpfe von Manuela Bojad\u017eijev (2008) und der wilden Streiks von Peter Birke (2007). Es kann zudem als Aufforderung verstanden werden, die bislang nur schwer zug\u00e4nglichen Materialien zum Ausgangspunkt weiterer Diskussionen \u00fcber die andere Arbeiter_innenbewegung zu machen. Empfohlen sei das Buch allen, die sich f\u00fcr eine genealogische Betrachtung sozialer K\u00e4mpfe in der Bundesrepublik interessieren: Denn \u2013 wie Peter Birke betont \u2013 dieser Kampf ist mehr als Geschichte!<\/p>\n<p><strong>Christiane Mende<\/strong><\/p>\n<p>Bojad\u017eijev, Manuela 2008:Die windige Internationale. Rassismus und K\u00e4mpfe der Migration, M\u00fcnster: Westf\u00e4lisches Dampfboot.<br \/>\nBirke, Peter 2007: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitsk\u00e4mpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und D\u00e4nemark, Frankfurt am Main: Campus Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Kampf ist mehr als Geschichte\u201c Vom 13. bis 17. 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