{"id":265,"date":"2015-03-18T18:53:30","date_gmt":"2015-03-18T17:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=265"},"modified":"2025-08-28T21:26:46","modified_gmt":"2025-08-28T19:26:46","slug":"soz-ausgabe-nr-2-januar-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/soz-ausgabe-nr-2-januar-2013\/","title":{"rendered":"SoZ, Ausgabe Nr.2 \/ Januar 2013"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8221; &#8230; einen wichtigen Streik aus der Vergessenheit geholt&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Wenn heutige Linke die Stichworte \u201eAusl\u00e4nderstreik, Wilder Streik, 1973\u201c h\u00f6ren, woran wird da gedacht?\u00a0 Mit Sicherheit an den Streik im K\u00f6lner Fordwerk, \u00a0der vor allem von Arbeitsmigranten getragen wurde und mit einer Niederlage der Streikenden endete. Dabei spielte eine erhebliche Rolle, dass Betriebsrat und IG Metall den Streik ablehnten und Versuche, den Streik auch auf \u00a0Teile der nicht-migrantischen \u00a0Belegschaft auszudehnen, fast komplett scheiterten. Die Schlagzeile von Springers \u201eBild\u201c \u201aDeutsche Arbeiter k\u00e4mpften ihr Werk frei\u2018 markierte\u00a0 das Desaster dieses Arbeitskampfes. <!--more--><br \/>\nAber es gab in diesem bewegten Jahr 1973 nicht nur Niederlagen. Bei Pierburg im niederrheinischen Neuss fand ein bemerkenswerter Streik statt. In diesem Betrieb, in dem Vergaser f\u00fcr Autos und Flugzeuge gefertigt wurden, arbeiteten \u00a0\u00a0fast 3000 Besch\u00e4ftigte, \u00fcberwiegend Frauen, darunter ca. 1700 Migrantinnen. Nach klassischemdeutschempatriarchalischem Gewerkschaftsverst\u00e4ndnisbot diese Belegschaftszusammensetzung nicht die Voraussetzungen f\u00fcr einen gelingenden Arbeitskampf. Trotzdem endete in diesem\u00a0 Betrieb ein f\u00fcnft\u00e4giger Arbeitskampf mit dem Erfolg der Streikenden. Warum gelang hier etwas, was anderswo zum Desaster f\u00fchrte?<br \/>\nDieter Braeg, 1973 stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Pierburg-Neuss, hat mit \u201eWilder Streik\u201c im Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c\u00a0 diesen wichtigen Streik aus der Vergessenheit geholt. Ihm und dem Verlag geb\u00fchrt ein gro\u00dfes Kompliment. Diese Publikation \u00a0ist im positiven Sinne ein \u201eLehr\u201c- und Lese-Buch geworden.\u00a0 Ich habe die 174 Seiten in einem Rutsch durchgelesen und die spannenden und gut geschriebenen Texte genossen.\u00a0 Es beginnt mit dem Vorwortvon Dieter Braeg und einer Einf\u00fchrung von Peter Birke \u201eDer Kampf ist mehr als Geschichte\u201c, hier wird eine erste Einordnung des Arbeitskampfes in den historischen Kontext geleistet und die Nachwirkungen bis heute reflektiert. \u201eDieses Buch skizziert in der Sprache der 70er-Jahre Gewerkschafts- und Betriebsarbeit, die man als eine \u201elinke\u201c bezeichnen kann. \u201c<br \/>\nDer n\u00e4chste Teil schildert die f\u00fcnf Streiktage, den Verlauf und die Konflikte.\u00a0 Integriert in die Darstellung sind Schilderungen von und Interviews mit Beteiligten, so mit einer damaligen Jugendvertreterin, die vierzig Jahre sp\u00e4ter auf \u201ef\u00fcnf Tage, die mein Leben beeinflussten\u201c zur\u00fcckblickt. \u201eEin kluger Mann namens Ch\u00e9 hat mal gesagt, dass die Solidarit\u00e4t das Salz der Erde sei. Verstanden habe ich diesen Spruch erst in den f\u00fcnf Tagen des August 1973.\u201c Solidarit\u00e4t braucht Bedingungen und Streiks werden auch dadurch gewonnen, dass vor dem Streik die Voraussetzungen f\u00fcr ein Gelingen geschaffen werden. Es gab auch 1973 eine Alternative zum Avantgardismus der marxistisch-leninistischen Studentenparteien und\u00a0 zur gewerkschaftsb\u00fcrokratischen Mitgliederverwaltung sozialdemokratischer Art. Und daf\u00fcr \u00a0ist Pierburg ein Lehrst\u00fcck, wie eine konfliktorientierte emanzipatorische Gewerkschaftsarbeit Lernprozesse bef\u00f6rdern (nicht schaffen!) und unterst\u00fctzen kann und wie die Selbstbewusstwerdung von Arbeiterinnen und Arbeitern verl\u00e4uft. Ein sch\u00f6nes und ber\u00fchrendes Beispiel ist die Schilderung der Entwicklung einer griechischen Bandarbeiterin zur Streikaktiven. Es stammt aus dem Band \u201eElephteria oder die Reise ins Paradies\u201c, der \u00a0urspr\u00fcnglich 1975 in der Werkkreis-Reihe bei Fischer erschien. Ich habe diesen Band als Mut-Macher oft in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit eingesetzt. Pierburg machte deutlich, dass es kein Naturgesetz ist, dass deutsche und ausl\u00e4ndische Arbeiter in unterschiedlichen Kampffronten stehen. Dass Frauen und selbst Un- und Angelernte in der Lage und bereit sind, f\u00fcr ihre tats\u00e4chlichen Interessen wie die Abschaffung von Leichtlohngruppen zu k\u00e4mpfen, erstaunte viele Repr\u00e4sentanten der \u201em\u00e4nnlichen Facharbeitergewerkschaft\u201c.Und dass es m\u00f6glich ist, dass alle diese unterschiedlichen Schichten und Teile einer Belegschaft\u00a0 einen Arbeitskampf durchstehen und gewinnen. Und dazu geh\u00f6rt auch, dass Lernprozesse mit dem \u201eneutralen Staat\u201c und seinen Organen und der Justiz gemacht werden.<br \/>\nF\u00fcr den Polizeipr\u00e4sidenten von Neuss war von Anfang an klar worum es ging. \u201eWilder Streik \u2013 das ist Revolution!\u201cIn der obrigkeitsstaatlichen Tradition der Adenauer-\u00c4ra helfen gegen Demokraten nur Soldaten. \u00a0Ersatzweise darf auch die Polizei ran. Aber in Neuss bei Pierburg gelang den Herrschenden nicht, was bei Ford K\u00f6ln gelungen war. Die Belegschaft war sich einig, sie hatte die Gewerkschaft und den Betriebsrat hinter und nicht gegen sich und auch in der \u00d6ffentlichkeit war die Legitimit\u00e4t des Streiks vermittelt.<br \/>\nDass Arbeitgeber ihre \u201eNiederlagen in Siege verwandeln\u201c wollen, ist bekannt und bei Pierburg wollte er nach dem Streik die F\u00fchrung des Betriebsrates (unter ihnen auch Dieter Braeg) fristlos k\u00fcndigen. Eine Begr\u00fcndung :Verletzung der Betriebsverfassung. \u00a0Damit kam er allerdings nicht durch. Hierzu sind im Anhang einige Dokumente abgedruckt.<br \/>\nAls Sahneh\u00e4ubchen mit ausreichend Schokostreuseln ist dem Buch eine DVD beigef\u00fcgt mit dem 42 Minuten- Film \u201eIhr Kampf ist unser Kampf\u201caus dem Jahr 1973. Erstellt hatte ihn die Fernsehjournalistin Luc Jochimsen, heute eher als Politikerin der \u201eLinkspartei\u201c bekannt.<br \/>\nBraeg versteht Buch und DVD als \u201eAnregung dazu, eine Diskussion \u00fcber jene Demokratie zu f\u00fchren, die endlich nicht an den Betriebstoren enden, sondern gesellschaftsver\u00e4ndernd in die Betriebe zur\u00fcckkehren muss.\u201c (S. 9)<br \/>\nIch m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen, dass beide auch anregen dar\u00fcber nachzudenken, wann und unter welchen Bedingungen Menschen anfangen, f\u00fcr ihre Interessensolidarisch zu k\u00e4mpfen und was heute daraus zu lernen ist. Die \u00f6sterreichische Gruppe \u201eSchmetterlinge\u201c war in den Siebzigern oft bei Streiks mit ihren Liedern pr\u00e4sent. Ein Refrain passt als Res\u00fcmee dieser Besprechung:<br \/>\n\u201eNichts kann uns dazu bringen,\u00a0 habacht am Fleck zu stehen,\u00a0 und niemand kann uns zwingen,\u00a0 einen Fehler zweimal zu begehn. Wir lernen im Vorw\u00e4rtsgehn, wir lernen im Gehn.\u201c(1)<br \/>\nVerfasser: <strong>Ulrich Peter<\/strong>, Berufsschullehrer und Gewerkschafter in Berlin, 1973 gewerkschaftlicher Jugendfunktion\u00e4r im Ruhrgebiet<\/p>\n<p>(1) Zum Pierburg-Streik sind noch zu empfehlen:<\/p>\n<ul>\n<li>Redaktionskollektiv \u201eEXPRESS\u201c Spontane Streiks 1973 \u2013 Krise der Gewerkschaftspolitik\u201c, Offenbach 1974, bes. S. 78 \u2013 81<\/li>\n<li>Pierburg-Autorenkollektiv \u201ePierburg-Neuss:Deutsche und ausl\u00e4ndische Arbeiter- Ein Gegner-Ein Kampf\u201c, ISP-Verlag 1974<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8221; &#8230; einen wichtigen Streik aus der Vergessenheit geholt&#8221; Wenn heutige Linke die Stichworte \u201eAusl\u00e4nderstreik, Wilder Streik, 1973\u201c h\u00f6ren, woran wird da gedacht?\u00a0 Mit Sicherheit&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wilder-streik-das-ist-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=265"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/265\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8214,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/265\/revisions\/8214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}