{"id":2657,"date":"2020-03-30T13:13:54","date_gmt":"2020-03-30T11:13:54","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=2657"},"modified":"2025-08-28T17:54:26","modified_gmt":"2025-08-28T15:54:26","slug":"soz-4-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2020\/03\/30\/soz-4-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;SoZ&#8221; 4\/2020"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:0\"><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die &#8220;M\u00e4rzrevolution&#8221; von Lucas erh\u00e4lt eine &#8220;defititiver Fassung&#8221;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Reiner Tosstorff<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 13.M\u00e4rz j\u00e4hrten sich der Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik \nund der ihn niederringende Generalstreik mit den an\u00adschlie\u00dfenden K\u00e4mpfen\n insbesondere im Ruhrgebiet zum 100.Mal.<\/p>\n\n\n\n<p> W\u00e4hrend inzwischen die Novemberrevolution 1918 und die  Errichtung der Republik in das offizielle Geschichtsbild der  Bundesrepublik eingegangen ist, gilt das in bezug auf den M\u00e4rz 1920  allenfalls noch f\u00fcr den Generalstreik als Ausdruck \u00abzivilen  Ungehorsams\u00bb. Doch schon f\u00fcr die sich daran anschlie\u00dfenden K\u00e4mpfe gilt  das nicht mehr, denn da versuchte die Arbeiterschaft, Lehren aus dem  Jahre 1919 zu ziehen, um eine Wiederholung des Putsches zu verhindern.<br>  Doch erneut kam es zu einem blutigen Gemetzel, als die SPD-gef\u00fchrte  Regierung vor allem im Ruhrgebiet ein weiteres Mal Reichswehr und  Freikorps einsetzte. Mit dieser nochmaligen Niederlage der  Arbeiterbewegung endete die im November 1918 begonnene Welle der  Revolution in Deutschland. Bei den Wahlen Anfang Juni 1920 erlitt die  SPD drastische Verluste. Die USPD lag jetzt fast gleichauf, war in  manchen Industriegebieten sogar st\u00e4rker. Die Regierungskoalition hatte  ihre Mehrheit verloren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><br><strong>Nur ein Kampf f\u00fcr Demokratie?<\/strong><br> <br>Den Stellenwert dieser Ereignisse hat <em>Richard L\u00f6wenthal<\/em>  im Jahre 1974 pr\u00e4gnant beschrieben: \u00abDie Abwehr des Kapp-Putsches, von  der die bewaffnete Erhebung der Arbeiter des Ruhrgebiets einen Teil  bildete, war der H\u00f6hepunkt der revolution\u00e4ren Bewegung der deutschen  Arbeiter nach dem Ersten Weltkrieg. Weder vorher noch nachher sind so  breite Arbeiterschichten f\u00fcr ein k\u00e4mpferisches,  demokratisch-revolution\u00e4res Programm in Aktion getreten.\u00bb<br> L\u00f6wenthal  f\u00fcgte dieser Zusammenfassung die Bewertung an, diese K\u00e4mpfe seien auf  demokratische Forderungen begrenzt gewesen und h\u00e4tten keine Dynamik hin  zu einem Kampf um die Sozialisierung der Schl\u00fcsselindustrien oder zur  Wiederbelebung der R\u00e4te aufgewiesen. Diese Deckelung ist Ausdruck seiner  in den 50er und 60er Jahren eingenommenen Stellung als Ideengeber auf  dem rechten Fl\u00fcgel der SPD.<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden richten wir den Blick auf wichtige Ver\u00f6ffentlichungen \nanl\u00e4sslich des 100.Jahrestags, an Hand derer sich \u00fcberpr\u00fcfen l\u00e4sst, ob \ndie Deutung L\u00f6wenthals richtig ist.<br><strong> Klaus Gietinger<\/strong> hat den mit seiner <em>Geschichte der Novemberrevolution*<\/em> begonnenen Faden (siehe SoZ 11\/2018) weitergesponnen. In dem 2019 erschienenen Buch <em>Blaue Jungs mit roten Fahnen. Die Volksmarinedivision 1918\/19<\/em>\n hat er sich der lange Zeit fast vergessenen Geschichte der \n\u00abVolksmarinedivision\u00bb gewidmet, die nach Beginn der Revolution aus den \nMatrosen der rebellierenden Kieler Flotte entstanden und in die \nHauptstadt geeilt war. Sie \u00fcbernahm im Winter 1918\/19 den Schutz der \nneuen Republik etwa bei der Bewachung offizieller Geb\u00e4ude und \nEinrichtungen. Im M\u00e4rz 1919 wurde sie von Noskes Freikorps in die Falle \ngelockt und zerschlagen. Zahlreiche ihrer Angeh\u00f6rigen kamen dabei um.<br>\n Nun hat er daran eine Darstellung des Kapp-Putsches und der K\u00e4mpfe vom \nM\u00e4rz 1920 angef\u00fcgt.* Auch sie ist eine gelungene Darstellung.<br> Sie \nsetzt mit einer Zusammenfassung der Herausbildung der Putschkr\u00e4fte in \nGestalt der diversen offiziellen und inoffiziellen milit\u00e4rischen \nVerb\u00e4nde und ihrer zivilen Mitverschw\u00f6rer ein. Ausf\u00fchrlich werden dann \nzun\u00e4chst die Ereignisse in der Hauptstadt und die vielen Abwehrk\u00e4mpfe \n\u00fcber ganz Deutschland dargestellt, wobei das Ruhrgebiet herausragt. Nur \nhier konnte sich eine neue Kraft in Gestalt der \u00abRoten Ruhr-Armee\u00bb \nformieren, deren blutige Niederschlagung nach einem angeblichen \nKompromiss sich l\u00e4ngere Zeit hinzog.<br> Dabei diskutiert Gietinger auch\n die Frage, ob es in Berlin bei den Kontakten zwischen Gewerkschaften \nund den Arbeiterparteien auch die M\u00f6glichkeit zu einer Verst\u00e4ndigung auf\n eine neue \u00abArbeiterregierung\u00bb gegeben h\u00e4tte, f\u00fcr die sich ausgerechnet \nder bis dahin als entschiedener Gegner der revolution\u00e4ren Bewegung \naufgetretene Gewerkschaftsvorsitzende Carl Legien aussprach. Die \nGespr\u00e4che scheiterten am Hin- und Herschwanken der verschiedenen Fl\u00fcgel \nder USPD, und so bezeichnet er dies nicht zu Unrecht als eine vertane \nGelegenheit. Auch wenn es Historiker gibt, die begr\u00fcndet vermuten, \nLegien habe den Vorschlag nur gemacht, weil er damit rechnete, es werde \neh nicht dazu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Die Pioniertat<\/strong><br> <br>Gietingers Buch bietet f\u00fcr die an  einem kompakten \u00dcberblick interessierten Lesekreis die zug\u00e4nglichere  Darstellung, die zudem auf dem neuesten Kenntnisstand aufbauen kann.  Doch auch er ist, wie er selbst betont, dem \u00abMammutwerk\u00bb des 1993  verstorbenen Historikers <strong>Erhard Lucas<\/strong>** verpflichtet,  das zwischen 1970 und 1983 in drei B\u00e4nden vorgelegt wurde. Mit dieser  Pioniertat entriss Lucas die M\u00e4rzrevolution mit dem Schwerpunkt  Ruhrgebiet der Verleumdung und dann dem Vergessen, in die sie erst die  \u00abdemokratische Konterrevolution\u00bb des Jahres 1920 und dann die  faschistische Diktatur ab 1933 gebracht hatten. Noch lebten Zeitzeugen,  lagen die Ereignisse nur etwas mehr als eine Generation zur\u00fcck.<br> Das  umfangreiche historische Werk wies in der Nach-68er-Zeit eine  vergleichsweise hohe Auflage auf \u2013 nicht untypisch f\u00fcr die  Organisationsphase der radikalen Linken in jener Zeit mit ihrer  Erwartung einer baldigen Wiederauflage militanter Klassenk\u00e4mpfe. Von  dieser Haltung blieb auch Lucas\u2019 eigener Blick auf die \u00abk\u00e4mpfenden  Proletarier\u00bb in den Fabriken und Gruben und dann in den milit\u00e4rischen  Auseinandersetzungen nicht ganz unber\u00fchrt, wie er 1983 in einem Band  \u00ab\u00fcber das Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung\u00bb mit einer gewissen  Selbstkritik anmerkte. Gescheitert sei sie, weil die m\u00e4nnerzentrierte  organisierte Arbeiterbewegung eine Trennung von Haushalt und  au\u00dferh\u00e4uslicher Politik verfolgt und, fest einem gleichsam  naturwissenschaftlich begr\u00fcndeten Fortschrittsoptimismus verpflichtet,  die Bem\u00fchungen um die Herstellung von Sinnperspektiven in den  Lebenszusammenh\u00e4ngen ausgeblendet habe.<br> Lange vergriffen, sind jetzt  sowohl das monumentale Werk von Lucas wie auch sein damit verbundener  Essay vom Verlag Die Buchmacherei neu aufgelegt worden. Handelt es sich  bei letzterem im wesentlichen um einen Nachdruck mit einem erl\u00e4uternden  Vorwort, ist beim ersteren vor allem auf die sorgf\u00e4ltige Editionsarbeit  hinzuweisen. Es liegt nicht nur neu gesetzt in jetzt zwei B\u00e4nden mit  \u00fcber 1200 Seiten vor. Auch die von Lucas selbst bei fr\u00fcheren Neuauflagen  vorgenommenen Korrekturen und Erg\u00e4nzungen sind eingearbeitet und  zus\u00e4tzliche Erl\u00e4uterungen einschlie\u00dflich einer ausf\u00fchrlichen Einf\u00fchrung  gegeben, sodass man hier von der \u00abdefinitiven Fassung\u00bb reden kann, deren  Lekt\u00fcre viel Geduld erfordert, aber daf\u00fcr auch gro\u00dfe Erkenntnisse  einbringt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8220;M\u00e4rzrevolution&#8221; von Lucas erh\u00e4lt eine &#8220;defititiver Fassung&#8221; von Reiner Tosstorff Am 13.M\u00e4rz j\u00e4hrten sich der Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik und der ihn niederringende&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[70],"tags":[],"class_list":["post-2657","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerzrevolution-1920"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2657"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8088,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2657\/revisions\/8088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}