{"id":2663,"date":"2020-03-30T16:23:03","date_gmt":"2020-03-30T14:23:03","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=2663"},"modified":"2020-03-30T16:27:30","modified_gmt":"2020-03-30T14:27:30","slug":"arbeit-bewegung-geschichte-2020-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/arbeit-bewegung-geschichte-2020-i\/","title":{"rendered":"&#8220;Arbeit.Bewegung.Geschichte&#8221; 2020\/I"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>&#8220;Brauns\u2019 Analysen sind mitunter einem recht schematischen Marxismus verhaftet &#8230;&#8221;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Linke aus der T\u00fcrkei ist sp\u00e4testens seit den 1970er\/80erJahren ein Teil der deutschen Gesellschaft \u2013 und mittlerweile auch der Zeitgeschichte \u2013 geworden, das offenbart bereits ein kurzer Spaziergang durch die Stra\u00dfen des Hamburger Schanzenviertels: Auf einem Plakat blickt man in das Gesicht des Maoisten \u0130brahim Kaypakkaya (1949\u20131973), zwei Stra\u00dfen weiter ist ein Kiosk nach dem 68erAktivisten Mahir \u00c7ayan (1945\u20131972) benannt. Eine \u201eGeschichte der Linken und Arbeiterbewegung in der T\u00fcrkei\u201c, die eine historische Einordnung entsprechender Personen und Ph\u00e4nomene erm\u00f6glichen w\u00fcrde, existierte bislang weder in deutscher noch in englischer Sprache. Insofern f\u00fcllt das von dem Journalisten und Historiker Nikolaus Brauns und dem Publizisten und Politiker Murat \u00c7ak\u0131r herausgegebene Buch \u201ePartisanen einer neuen Welt\u201c, das diese Geschichte erz\u00e4hlen m\u00f6chte, erkennbar eine L\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Band besteht aus zwei l\u00e4ngeren Texten, die jeweils von einem der\nbeiden Herausgeber verfasst wurden und zusammen etwa vier F\u00fcnftel des Buches\nausmachen, sowie sechs k\u00fcrzeren Aufs\u00e4tzen. W\u00e4hrend Brauns auf rund 250 Seiten\ndie Entwicklungen bis zum Milit\u00e4rputsch 1980 schildert, fokussiert sich \u00c7ak\u0131r\nauf die Zeit von 1980 bis zur unmittelbaren Gegenwart. Die folgenden Aufs\u00e4tze\nvon Alp Kayserilio\u011flu, Volkan Yara\u015f\u0131r, Brigitte Kiechle und Joost Jongerden\nsetzen sich mit Themen der Gegenwart und j\u00fcngsten Vergangenheit auseinander \u2013\nvon der Rolle der Regierungspartei AKP \u00fcber Facetten der Arbeiter und\nFrauenbewegung bis zum \u201eParadigmenwechsel\u201c der PKK. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch bietet insofern keine geschichtswissenschaftlichen Studien im\nengeren Sinne, sondern m\u00f6chte einer deutschsprachigen Linken die Geschichte der\nLinken in der T\u00fcrkei \u2013 vom sp\u00e4ten 19. bis in das fr\u00fche 21. Jahrhundert \u2013\nn\u00e4herbringen. Entsprechend politisch verorten sich auch die Herausgeber, die\nden Anspruch formulieren, \u201ean die K\u00e4mpfe der Vergangenheit zu erinnern\u201c, und\nmit dem Band einen Beitrag \u201ezur Neuformierung einer sozialistischen Linken\u201c (S.\n22) leisten wollen. Ob dieser Anspruch eingel\u00f6st werden kann, soll an dieser\nStelle offenbleiben; stattdessen m\u00f6chte ich nach dem Ertrag des Bandes aus einer\ngeschichtswissenschaftlichen Perspektive fragen. Dabei beschr\u00e4nke ich mich auf\ndie beiden Hauptbetr\u00e4ge von Brauns und \u00c7ak\u0131r.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Brauns leistet im ersten Abschnitt des Buches einen Parforceritt durch\ndie Geschichte der Linken im Osmanischen Reich bzw. in der T\u00fcrkei von den\n1870er bis in die 1970erJahre. Dabei st\u00fctzt er sich auf die englisch und\ndeutschsprachige Literatur zum Thema, bezieht vereinzelt aber auch\nt\u00fcrkischsprachige Darstellungen mit ein. Brauns folgt einem\npolitikgeschichtlichen Narrativ, wobei die verschiedenen Organisationen,\nZusammenschl\u00fcsse, Parteien und Pers\u00f6nlichkeiten im Vordergrund seiner\nAusf\u00fchrungen stehen. Von der multiethnischen Zusammensetzung der fr\u00fchen Arbeiterorganisationen\nim sp\u00e4ten 19. Jahrhundert \u00fcber die Positionierung der T\u00fcrkischen\nKommunistischen Partei (TKP) zwischen sowjetischer Au\u00dfenpolitik und den machtpolitischen\nInteressen der \u201eJungt\u00fcrken\u201c bis zum Aufschwung der Linken in den 1970erJahren\nfolgt der bzw. die Leser\/in den H\u00f6he und Tiefpunkten dieser Geschichte. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider fehlen dem Text ein klarer analytischer Fokus oder ein\nspezifisches Erkenntnisinteresse, sodass die Darstellung oft eher deskriptiv\nbleibt und vom Schicksal der einen Organisation und prominenten Person zur\nn\u00e4chsten treibt. Brauns\u2019 Analysen sind mitunter einem recht schematischen Marxismus\nverhaftet, wenn er etwa mit idealtypischen Annahmen vom Charakter einer\n\u201eb\u00fcrgerlichen Revolution\u201c (S. 111&nbsp;f.) argumentiert oder der CHP unter\nB\u00fclent Ecevit vorwirft, \u201edie ihr von der Bourgeoisie zugedachte Aufgabe der\nB\u00e4ndigung der Massenbewegung mit Bravour erf\u00fcllt\u201c zu haben (S. 242). \u00c4hnlich\napodiktische Urteile finden sich an weiteren Stellen, etwa wenn er die\nT\u00fcrkeipolitik der Komintern als \u201efr\u00fchen S\u00fcndenfall\u201c gei\u00dfelt (S. 92) oder die\n\u201efalsche Analyse\u201c des maoistischen Anf\u00fchrers Kaypakkaya (S. 187) kritisiert.\n\u00c4rgerlich ist, dass Brauns zwar mit Fu\u00dfnoten arbeitet, aber dies mitunter nur\nselektiv tut \u2013 und beispielsweise Behauptungen zur Verstrickung von\nGeheimdiensten in faschistische Aktivit\u00e4ten (S. 15, 154) ohne Belege bleiben.\nTrotz dieser Kritikpunkte ist es Brauns zugutezuhalten, sich intensiv in die\nMaterie hineingearbeitet zu haben und den Spuren zahlreicher, einem deutschen\nPublikum sicher gr\u00f6\u00dftenteils unbekannter Projekte, Personen oder Publikationsorgane\ngefolgt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die roten F\u00e4den in dieser Geschichte lassen sich die\nHaltung zum Kemalismus und zur \u201ekurdischen Frage\u201c als politische Gretchenfragen\nder Linken in der T\u00fcrkei hervorheben. Immer wieder schwankte die Linke zwischen\neinem positiven Bezug auf den Kemalismus als \u201enationale Befreiungsbewegung\u201c\nbzw. progressive Kraft und einer oppositionellen, sozialrevolution\u00e4ren\nPositionierung. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Darstellung von Brauns ist zwar einer klassischen\nPolitikgeschichte verhaftet, an einigen Stellen werden aber auch alternative\nZug\u00e4nge sichtbar, die leider oft kurz ausfallen. Das betrifft beispielsweise\ndas Verh\u00e4ltnis zur Religion. So weist Brauns auf Verbindungen von Kommunismus\nund Islam hin, etwa die 1920\/21 bestehende \u201eGr\u00fcne Armee\u201c als milit\u00e4rische und\npolitische Formation, in der unterschiedliche ideologische Str\u00f6mungen\nfusionierten. Bis heute von Bedeutung sind die Bez\u00fcge zwischen Alevit\/innen und\nlinker Politik, die sich in der gro\u00dfen Beteiligung dieser nichtsunnitischen\nBev\u00f6lkerungsgruppe an linken Organisationen manifestierten. Ans\u00e4tze einer\npolitischen Kulturgeschichte werden erkennbar, wenn Brauns die \u00dcbertragung von\nVerhaltensmustern aus feudalen und d\u00f6rflichen Verh\u00e4ltnissen auf den\nlinksradikalen Aktivismus f\u00fcr Ph\u00e4nomene wie die verbreitete innerlinke Gewalt\nverantwortlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte von \u201e1968\u201c und seiner Entmischungsprodukte in der\nT\u00fcrkei \u00e4hnelt in manchen Aspekten dem Aufbruch in anderen L\u00e4ndern, weist aber\nauch eigene Charakteristika auf. So war die Linke in den 1960erJahren gespalten\nin eine auf einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus orientierte Partei, die\nT\u00fcrkiye \u0130\u015f\u00e7i Partisi (T\u0130P; Arbeiterpartei der T\u00fcrkei), und eine ideologische\nStr\u00f6mung der \u201enationaldemokratischen Revolution\u201c (MDD; Mill\u00ee Demokratik\nDevrim), die auf Basis einer Einstufung der T\u00fcrkei als halbkoloniales Land auf\neine au\u00dferparlamentarische, milit\u00e4rische Macht\u00fcbernahme mit\nantiimperialistischer Sto\u00dfrichtung setzte. W\u00e4hrend sich eine der USamerikanischen\nund westeurop\u00e4ischen Entwicklung vergleichbare \u201eNeue Linke\u201c in der T\u00fcrkei\ninsofern kaum ausmachen l\u00e4sst, entsprach die Hinwendung zum Aufbau bewaffneter\n\u201eGuerilla\u201cGruppen und zu diversen Schattierungen des sowjetischen, chinesischen\noder albanischen Kommunismus vergleichbaren Str\u00f6mungen anderenorts. In der\nzweiten H\u00e4lfte der 1970erJahre wurde die radikale Linke in der T\u00fcrkei \u2013 im\nKontrast zu ihrem Niedergang in manchen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern \u2013 zu einer\n\u201eMassenbewegung\u201c mit Hunderttausenden Anh\u00e4nger\/innen, orientierte sich aber\nweiterhin an den Leitbildern und \u201eunantastbare[n] Ikonen\u201c (S. 193) der 68erBewegung.\nDer Milit\u00e4rputsch vom September 1980 richtete sich prim\u00e4r gegen diese Linke,\nwas im Juli bereits in der milit\u00e4rischen Besetzung der selbstverwalteten\n\u201eKommune von Fatsa\u201c deutlich geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 1980erJahre sind Gegenstand des Beitrages von \u00c7ak\u0131r, der die Zeit\nnach dem Milit\u00e4rputsch als Phase eines \u201eneoliberalen Umbau[s]\u201c (S. 267)\ncharakterisiert und die Erfolge der Junta bei der Stabilisierung, Befriedung und\nEntpolitisierung der Gesellschaft hervorhebt. Dabei weist er auf den Exodus\ngro\u00dfer Teile der Linken ins Exil nach Europa hin, durch den linke Auslandsorganisationen,\ndie dort bereits im Zuge der Arbeitsmigration entstanden waren, Zuwachs\nbekamen. Die Entwicklung einer eigenst\u00e4ndigen kurdischen Bewegung wird im Buch\nzwar immer wieder thematisiert. Die entscheidende Phase des B\u00fcrgerkrieges\nzwischen PKK und t\u00fcrkischem Staat in den 1980er und fr\u00fchen 1990erJahren taucht\nin \u00c7ak\u0131rs Beitrag allerdings nur am Rande auf. Letztlich argumentiert er vor\nallem gegenwartsbezogen und mit Blick auf die Entwicklung des politischen\nSystems hin zur \u201e\u00c4ra der AKP\u201c (S. 334).<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich bietet der Band eine erste deutschsprachige\n\u00dcberblicksdarstellung \u00fcber die Geschichte der Linken im Osmanischen Reich und\nder T\u00fcrkei, die als Einstiegslekt\u00fcre dienen kann. Aus geschichtswissenschaftlicher\nPerspektive wirft das Buch aber mehr Fragen f\u00fcr k\u00fcnftige Forschungen auf, als\nzufriedenstellende Einordnungen und Analysen zu geben. So bietet denn auch das\nNachwort der Herausgeber kein res\u00fcmierendes Fazit der Geschichte der Linken in\nder T\u00fcrkei im 20. Jahrhundert, sondern liefert \u2013 getreu dem prim\u00e4r politischen\nInteresse der Autoren \u2013 eine marxistisch argumentierende Kritik am \u201eneuen\nParadigma\u201c des inhaftierten PKKF\u00fchrers Abdullah \u00d6calan.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><em>David Templin\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Brauns\u2019 Analysen sind mitunter einem recht schematischen Marxismus verhaftet &#8230;&#8221; Die Linke aus der T\u00fcrkei ist sp\u00e4testens seit den 1970er\/80erJahren ein Teil der deutschen Gesellschaft&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[61],"tags":[],"class_list":["post-2663","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eine-geschichte-der-linken-und-arbeiterbewegung-in-der-tuerkei"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2663","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2663"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2663\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}