{"id":2668,"date":"2020-03-30T16:33:35","date_gmt":"2020-03-30T14:33:35","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=2668"},"modified":"2025-08-28T21:25:23","modified_gmt":"2025-08-28T19:25:23","slug":"arbeit-bewegung-geschichte-2020-i-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2020\/03\/30\/arbeit-bewegung-geschichte-2020-i-2\/","title":{"rendered":"&#8220;Arbeit.Bewegung.Geschichte&#8221; 2020\/I"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>  (Die) Errungenschaften (der Sandinistischen Revolution werden) kritisch (ge-)w\u00fcrdigt, ohne die Defizite und deren Konsequenzen bis heute zu verschweigen <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 18. April 2018 begannen in Nicaragua massive und anhaltende Proteste gegen die Regierung von Daniel Ortega, in deren Folge durch staatliche Gewalt mehrere Hundert Menschen starben. Bereits in den 1980erJahren war Ortega Pr\u00e4sident Nicaraguas gewesen, damals wie heute an der Spitze einer linksgerichteten Regierung der Frente Sandinista de Liberaci\u00f3n Nacional (Sandinistische Front der Nationalen Befreiung, FSLN), die zu diesem Zeitpunkt Unterst\u00fctzung durch eine breite Solidarit\u00e4tsbewegung in Westeuropa erfuhr. Der Autor des Buchs, Matthias Schindler, war selbst Teil dieser Bewegung und ist als Mitglied des St\u00e4dtepartnerschaftsvereins von Hamburg mit der nicaraguanischen Stadt Le\u00f3n langj\u00e4hriger Beobachter der politischen Entwicklungen in dem zentralamerikanischen Land. In seinem Buch geht er der Frage nach, wie \u201eman einen solch monumentalen Wandel des Sandinismus \u2013 von der einstigen Hoffnung in Lateinamerika zur Horrorvision der internationalen Linken \u2013 erkl\u00e4ren [kann]\u201c (S. 11). Es ist aber gleichzeitig eine unbewusste Reflexion \u00fcber die Wandlung seiner eigenen Haltung zum sandinistischen Projekt und zur internationalen Solidarit\u00e4tsbewegung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Frage, ob die tieferen Ursachen der Repression im Jahr 2018 auch in der Geschichte der sandinistischen Revolution zu suchen sind, geht Schindler nach, indem er vier Perioden betrachtet: die Zeit seit dem Ausbruch der Proteste im April 2018, die \u201eZwischenstationen\u201c, was die Zeit nach der Wahlniederlage der Sandinisten 1990, die folgenden liberalen Regierungen und die Zeit nach der R\u00fcckkehr Ortegas in die Pr\u00e4sidentschaft umfasst (1990\u20132018), die Epoche der Sandinistischen Regierung (1979\u20131990) und die vor der sandinistischen Revolution 1979. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ist dabei der umgekehrte chronologische Ansatz ungew\u00f6hnlich, bei dem die historischen Entwicklungen retrospektiv aus der heutigen Situation erkl\u00e4rt und interpretiert werden. Das zentrale Argument Schindlers ist, dass die autokratischen Tendenzen Ortegas nicht auf eine \u201eDeformation\u201c des Sandinismus nach dem Machtverlust 1990 zur\u00fcckgehen, sondern in der Politik der sandinistischen Regierung seit der Revolution 1979 angelegt waren und auch punktuell sichtbar wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Kapitel zu den Protesten und der staatlichen Repression seit\nApril 2018 ist gut recherchiert und gibt einen klar strukturierten \u00dcberblick\n\u00fcber die wichtigsten Entwicklungen und Hintergr\u00fcnde. Die historischen Kapitel\n2\u20135 d\u00fcrften Personen, die bereits Vorkenntnisse zu Nicaragua haben, wenig neue\nErkenntnisse bringen. Sie beruhen auf journalistischen B\u00fcchern, wissenschaftlichen\nArbeiten \u00e4lteren Datums sowie wenigen programmatischen Texten der FSLN. Als\nknappe und verst\u00e4ndliche Einleitung in die nicaraguanische Geschichte der\nletzten 40 Jahre sind sie dennoch geeignet, gerade wenn das Verstehen der aktuellen\nEreignisse im Vordergrund steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einsicht, dass die autokratische Praxis der aktuellen Regierung\nOrtega zumindest im R\u00fcckblick bereits in der Zeit der ersten sandinistischen\nRegierung angelegt war, ist zweifellos wichtig, wenn auch nicht so neu und\n\u00fcberraschend, wie der Autor glauben machen will. Gleichzeitig wirft dies Fragen\nnach m\u00f6glichen alternativen Entwicklungen auf, die das Buch nicht beantwortet.\nIndem der Autor die Zeit zwischen 1990 und 2018 als \u201eZwischenstationen\u201c\nbehandelt, werden einige Prozesse ausgeblendet, die zu einem anderen Ergebnis\nh\u00e4tten f\u00fchren k\u00f6nnen. Es wird beispielsweise nicht thematisiert, warum Ortega\nsich als Pr\u00e4sident der FSLN halten konnte, obwohl sich zahlreiche hochrangige\nFunktion\u00e4re und Unterst\u00fctzer der sandinistischen Regierung aus den 1980erJahren\nvon seinem Kurs distanzierten und versuchten, die Auswahl der\nPr\u00e4sidentschaftskandidaten in der Partei demokratisch zu gestalten. Der\nretrospektive Ansatz und die Betonung der Kontinuit\u00e4ten erwecken den Eindruck\neiner historisch zwangsl\u00e4ufigen Entwicklung von den Defiziten der\nsandinistischen Revolution zu der Repression 2018, die in dieser Eindeutigkeit\nzweifelhaft ist.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Autor offen \u00fcber die Defizite der sandinistischen\nRegierung in den 1980erJahren spricht, h\u00e4tte die Analyse an dieser Stelle noch\nin zwei Richtungen weitergef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Neben den Wurzeln der aktuellen\nRepression geht es dem Autor auch darum, die Leistungen der sandinistischen\nRegierung der 1980erJahre an ihren eigenen Zielen und Anspr\u00fcchen zu messen.\nDies suggeriert, dass, auch wenn die politische Praxis der FSLN an vielen\nStellen defizit\u00e4r war \u2013 Vermischung von Partei und Staat, mangelnde\ninnerparteiliche Demokratie, \u00fcberharter Umgang mit Kritikern, punktuell schwere\nMenschenrechtsverletzungen \u2013, die Ideale der sandinistischen Revolution \u00fcber\njeden Zweifel erhaben sind. Es w\u00e4re allerdings lohnenswert zu fragen, ob die\npolitische Praxis nicht auch aus einer bestimmten ideologischen Haltung\nresultierte, also ob beispielsweise die fehlende innerparteiliche Demokratie\naus der Verkl\u00e4rung der Geschichte der FSLN als Guerillaorganisation mit klarer\nBefehlskette resultierte. Zweitens bleibt offen, ob Praktiken wie Korruption\noder die politischen \u201ePakte\u201c zwischen Regierung und Opposition nicht noch deutlich\nl\u00e4nger zur\u00fcckreichen und tief im politischen System und der politischen Praxis\nNicaraguas verankert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie einleitend erw\u00e4hnt, erlaubt das Buch auch Einblicke in die Reflexion des Autors \u00fcber seine eigene Haltung zur sandinistischen Revolution. Dabei ist er selbstkritisch und gesteht ein, dass Defizite der Sandinisten in den 1980erJahren von vielen Solidarit\u00e4tsaktivisten zu bereitwillig \u00fcbersehen wurden. Allerdings ist er gewillt, dabei zu schnell von sich auf andere zu schlie\u00dfen. Ob die gesamte Linke einen derartigen Reflexionsprozess durchlaufen hat, ist zweifelhaft. F\u00fcr die bis heute bestehende Solidarit\u00e4tsbewegung mit Nicaragua trifft es in ihrer gro\u00dfen Mehrheit aber zu. Detailliert widerlegt der Autor Argumente, die speziell von Personen aus dem linken Spektrum gegen die Proteste und f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Regierung Ortega vorgebracht werden. Konkret spricht Schindler, von \u201e[E]inige[n] Kr\u00e4fte[n] \u2013 vor allem in Lateinamerika\u201c (S. 37), die entsprechende Positionen beziehen. Die Beispiele, die er im Folgenden anf\u00fchrt, zeigen aber, dass sich unterst\u00fctzende Positionen auch bei Vertretern der westeurop\u00e4ischen Linken finden. Auf deutschsprachigen Blogs und Webseiten wurden Artikel mit Titeln wie \u201eNeoliberaler Aufstand in Nicaragua\u201c, \u201eNicaragua. Wenn die L\u00fcgen gewinnen und zur \u201aakzeptierten\u2018 Realit\u00e4t werden\u201c oder \u201eDie \u201aEinmischmaschine\u2018 der USRegierung r\u00fchmt sich, in Nicaragua den Boden f\u00fcr den Aufstand zu bereiten\u201c ver\u00f6ffentlicht. Woran das liegen k\u00f6nnte, demonstriert Schindler ungewollt in seinem eigenen \u201eExkurs Venezuela\u201c. Er f\u00fchrt Argumente an \u2013 z. B. zur vorgeblichen Fremdbestimmtheit der Protestbewegung oder zur Rechtfertigung der Einschr\u00e4nkung politischer und pers\u00f6nlicher Rechte im Namen wirtschaftlicher und sozialer Fortschritte \u2013, die er in den vorherigen Abschnitten zu Nicaragua ausf\u00fchrlich und \u00fcberzeugend widerlegt hat. Schlie\u00dflich sei Venezuela \u201eein ganz anderer Fall\u201c (S. 60). Was dem Autor seine detaillierte Analyse der Situation in Nicaragua erm\u00f6glicht \u2013 die langj\u00e4hrige Beobachtung und pers\u00f6nliche Kontakte zu Personen vor Ort \u2013, fehlt ihm hier offenbar und verleitet ihn zu einem Urteil, das ebensolche \u201eSchwarzWei\u00dfMalerei\u201c (S. 63) ist, wie er sie den Bef\u00fcrwortern der \u2013 in ihrer Absolutheit ebenfalls nicht \u00fcberzeugenden \u2013 Gleichsetzung der F\u00e4lle Nicaraguas und Venezuelas vorwirft. Das ist bedauerlich, hat er in den vorherigen Abschnitten doch gerade gezeigt, dass nur eine detaillierte Analyse ohne ideologische Scheuklappen eine ausgewogene Bewertung der Situation in einem Land m\u00f6glich macht. Schindler hat eine gut lesbare \u00dcbersicht zu der aktuellen Situation in Nicaragua geschrieben und pr\u00e4sentiert \u00fcberzeugend eine Reihe der historischen Ursachen. An einigen Stellen h\u00e4tte die Analyse weitere Faktoren ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. Gleichzeitig kann man das Buch als Reflexion \u00fcber seine eigene Haltung zur sandinistischen Revolution und die Rolle der internationalen Solidarit\u00e4tsbewegung lesen. Er tut dies, indem er deren Errungenschaften kritisch w\u00fcrdigt, ohne die Defizite und deren Konsequenzen bis heute zu verschweigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p> Philipp Kandler  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Die) Errungenschaften (der Sandinistischen Revolution werden) kritisch (ge-)w\u00fcrdigt, ohne die Defizite und deren Konsequenzen bis heute zu verschweigen Am 18. 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