{"id":269,"date":"2015-03-18T18:58:43","date_gmt":"2015-03-18T17:58:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=269"},"modified":"2025-08-28T00:12:53","modified_gmt":"2025-08-27T22:12:53","slug":"barrikade-72012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/barrikade-72012\/","title":{"rendered":"&#8220;Barrikade&#8221; 7\/2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine \u201ef\u00fchrerlose\u201c Organisation in Bewegung \u2013 geht das?<\/strong><br \/>\n<strong>\u00dcber den autonomen Genossenschaftsverband CECOSESOLA im Bundesland Lara von Venezuela.<\/strong><\/p>\n<p>Mit rund 20.000 Mitgliedern in diversen eigenst\u00e4ndigen Genossenschaften und Kollektivbetrieben um die regionale Landeshauptstand Barquisimeto [eine Million Einwohner westlich von Caracas gelegen] berichtet das neue Buch der Berliner Buchmacherei Auf dem Weg \u2013 Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela. Nun, es ist eben nicht eine Kooperative, sondern der regionale Dachverband, eben CENTRAL COOPERATIVA DE SERVICIOS\u00a0 SOCIALES DEL ESTADO LARA und dieser Zusammenschlu\u00df erwirtschaftete einen Umsatz von umgerechnet 100 Millionen US$ (430 Mio. Bol\u00edvares) im Jahr 2010.<!--more--><br \/>\nKann eine Entscheidungsfindung in so einem gro\u00dfen \u201eBetrieb\u201c tats\u00e4chlich immer \u201eim Konsens\u201c getroffen werden, wie die Autoren behaupten und der \u201eunorthodoxe\u201c Marxist John Holloway (Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen) tatkr\u00e4ftig best\u00e4tigt? Wozu bedarf es dann aber gut 6 Prozent an \u201eHauptamtlichen\u201c, die als trabajadores asociados den doppelten Mindestlohn als Vorschu\u00df verdienen? \u2013 Beachtlich auch, da\u00df sich jedes Mitglied diese verantwortlichen T\u00e4tigkeiten noch selbst aussuchen kann. Wie funktionieren \u201ehorizontale Strukturen\u201c, wie eine Selbstverwaltung ohne Chefs, denn \u201eRotation ist Prinzip: Niemand soll sich auf bestimmten Posten einbunkern oder es sich auf Kosten anderer bequem machen. Die Aufgabe in der Verwaltung werden immer von neuen Kooperativistas \u00fcbernommen, damit m\u00f6glichst viele auch diese Bereiche kennenlernen und sich entsprechende Kompetenzen aneignen k\u00f6nnen.\u201c (S. 8)<\/p>\n<p>\u00bbUnsere Treffen werden so zu M\u00f6glichkeiten, ein \u00bbWir\u00ab ohne Grenzen zu erleben. Ein Wir, das auch bedeutet, dass wir uns Kriterien zu eigen machen, die wir alle teilen. Flexible Kriterien, die im Konsens ge\u00e4ndert werden, wenn sich die Umst\u00e4nde andern und wir uns in der Reflexion ver\u00e4ndern. Diese gemeinsamen Kriterien erleichtern die Beteiligung aller an den Entscheidungen. Es gibt kein Leitungsgremium, keinen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und keine Aufsicht mehr, auf denen wir uns \u00bbausruhen\u00ab k\u00f6nnten, um uns damit der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wir versuchen daf\u00fcr zu sorgen, dass die Treffen nicht zu einem Ersatz f\u00fcr die Gesch\u00e4ftsleitung oder den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer werden, denn auch das w\u00fcrde unsere Entwicklung beschneiden. Wir f\u00e4llen zwar weiterhin Entscheidungen auf unseren Treffen, aber auf der Grundlage unserer jeweiligen gemeinsamen Kriterien soll auch jede Person oder Gruppe die Verantwortung f\u00fcr Entscheidungen \u00fcbernehmen, die im Alltag getroffen werden m\u00fcssen. Genauso wie alle Anwesenden gleicherma\u00dfen f\u00fcr Entscheidungen, die auf einer Versammlung zustande gekommen sind, die Verantwortung tragen. Eine Verantwortung, die je nachdem auch beinhalten kann, dass man f\u00fcr verursachte Sch\u00e4den finanziell aufkommt.\u00ab (Seite 127)<\/p>\n<p>Daraus \u201eergibt sich, dass Konsens f\u00fcr uns etwas v\u00f6llig anderes bedeutet als Einstimmigkeit. F\u00fcr die Einstimmigkeit m\u00fcssen alle Mitglieder anwesend einer Gruppe oder Organisation anwesend sein. Das entspricht einer Abstimmung, bei der alle daf\u00fcr sind.\u00a0 In unserem Fall ist die Entscheidung Konsens, wenn sie unserem \u00bbWir\u00ab entspricht, d.h. den Kriterien, die wir in diesem Moment teilen \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob diese Entscheidung von einer Person, einer informellen Gruppe oder auf einer Versammlung gef\u00e4llt wurde.\u201c<\/p>\n<p>Da\u00df diese Form der Entscheidungsfindung nichts mit unserer deutschen Vorstellung von einem \u201eKonsens\u201c zu tun hat, ist augenf\u00e4llig. Wenn es m\u00f6glich ist, da\u00df nur eine einzige Person aufgrund ihres \u00bbWir\u00ab-Gef\u00fchls in einem Moment etwas entscheidet, dann f\u00fchrt das zwangsl\u00e4ufig zu der Erkenntnis, da\u00df \u201ees keine \u00bbendg\u00fcltigen\u00ab Entscheidungen, au\u00dfer in den F\u00e4llen, in denen f\u00fcr Verbesserungen keine Zeit mehr bleibt\u201c gibt. Daraus folgt dann konsequent: \u201eEs gibt jederzeit das Recht zu protestieren. Das Thema kann jederzeit und auf jedem Treffen neu verhandelt werden, falls jemand nicht einverstanden oder der Meinung ist, dass beim Zustandekommen des Beschlusses pers\u00f6nliche Kriterien die \u00dcberhand gewonnen haben.\u201c<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t bedeutet dies \u2013 nach jahrelangen eigenen Erfahrung in einem recht \u00fcberschaubaren Kollektivbetrieb \u2013, dass einmal gef\u00e4llte Entscheidungen nicht mehr hinterfragt werden, weil r\u00fcckwirkend kaum \u00c4nderungen m\u00f6glich sind im \u00f6konomischen Alltag oder es extrem unangenehm sein kann, immer und immer auf einem oder mehreren Fehlern eines einzelnen oder einer kleinen \u201einformellen Gruppe\u201c des Kollektivs herumzuhacken. Diese blau\u00e4ugige Verkl\u00e4rung der realen Umst\u00e4nde, die in einem wirtschaftlichen Betrieb bestehen, sind evident.\u00a0 Wer macht sich gerne zum Kritiker, wenn hinter dem R\u00fccken der Mehrheit Entscheidungen gef\u00e4llt wurden, die dann jedoch \u00bbendg\u00fcltig\u00ab sind, weil zum Beispiel Vertr\u00e4ge nicht so einfach durch ein sp\u00e4teres Plenum r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnen? Die Welt um uns herum besteht eben nicht aus \u201eGutmenschen\u201c, die einsehen, da\u00df ein Vorstand oder ein anderes Gremium einer Genossenschaft einen b\u00f6sen Schnitzer gemacht hat, der von einem Plenum nachtr\u00e4glich aufgehoben wurde.<\/p>\n<p>\u201eDiese Art Entscheidungen zu treffen, kann offensichtlich zu Chaos und Fehltritten f\u00fchren, die unter Umst\u00e4nden gro\u00dfe \u00f6konomische Verluste nach sich ziehen. Aber alle \u00f6konomischen Verluste werden um ein Vielfaches kompensiert durch die Flexibilit\u00e4t und Dynamik, die in der Organisation entsteht, dadurch dass wir uns von den kulturellen Fesseln befreien, die unser aller Kapazit\u00e4ten und kreatives Potenzial einengen. Heute reiben wir uns nicht mehr im sch\u00e4bigen Hickhack interner Machtk\u00e4mpfe auf. Und unsere menschlichen M\u00f6glichkeiten sind nicht mehr in hierarchischen Beziehungen eingeschlossen oder im Dickicht parlamentarischer Regelungen gefangen, mit denen angeblich die Beteiligung geregelt wird. Normen auf der Grundlage von Misstrauen, die letzten Endes eine wirkliche Beteiligung nur behindern.<\/p>\n<p>Mit der Zeit wird das Modell der Repr\u00e4sentation und Vertretung durch eine verantwortliche, direkte und allt\u00e4gliche Beteiligung ersetzt. Die Treffen haben sich in R\u00e4ume verwandelt, die ohne Einschr\u00e4nkung f\u00fcr jede und jeden offen stehen. Bei den Themen, die behandelt werden k\u00f6nnen, gibt es keine Eingrenzung.<\/p>\n<p>Es gibt keine Abstimmungen. Alle Mitglieder oder Treffen machen sich die Entscheidungen zu eigen, die auf der Grundlage der gemeinsamen Kriterien zustande gekommen sind. Ein Quorum f\u00fcr Beschlussf\u00e4higkeit ist damit hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Ist das nicht alles ziemlich verr\u00fcckt? Vielleicht \u2013 aber wir wissen aus eigener Erfahrung, dass das Ganze funktionieren kann, wenn wir den gegenseitigen Respekt und die Solidarit\u00e4t in unserem Zusammensein vertiefen. Wenn all die Energien freigesetzt werden, die im Dickicht der starren Organisationsformen, die unsere Kultur zu bieten hat, gefangen sind. So entsteht die solidarische Kraft, \u2026\u201c (Seite 128)<\/p>\n<p>Die Entscheidungsfindung bei CECOSESOLA ist mehr als fragw\u00fcrdig \u2013 nicht weil sie \u201echaotisch\u201c, sondern weil sie m.E. strukturlos ist. Sollte es Gruppierungen oder Einzelindividuen geben, die das Unternehmen \u00fcbernehmen wollen, dann bilden sie eben diese \u201einformellen Gruppen\u201c und f\u00e4llen Entscheidungen gegen das \u00bbWir\u00ab-Gef\u00fchl der meistens doch schweigenden Mehrheit. Und selbst wenn falsche Beschl\u00fcsse revidiert werden k\u00f6nnen, ist es eventuell fatal, weil sie unter \u201eUmst\u00e4nden gro\u00dfe \u00f6konomische Verluste nach sich ziehen\u201c. Und wer will daf\u00fcr schon gerne verantwortlich gemacht werden?<\/p>\n<p><strong>Etwas Zahlensalat<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist der Umgang mit Zahlen in diesem Buch doch etwas gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig bzw. auch fragw\u00fcrdig. CECOSESOLA wurde 1967 gegr\u00fcndet bzw. erst 1974 zu einem Dachverband mehrerer kleiner \u2013 haupts\u00e4chlich von Priestern initiierter Spar- und Kreditgenossenschaften \u2013 und dann hei\u00dft es pl\u00f6tzlich, dass sie ganze 12 Mitglieder waren, bevor sie mit staatlichen F\u00f6rdermitteln eine lokale Busverkehrsgenossenschaft, die SCT, gr\u00fcndeten und dadurch in k\u00fcrzester Zeit wegen der ben\u00f6tigten Busfahrer\u2502innen auf mehr als 300 Genoss\u2502innen anwuchsen.<br \/>\nFragw\u00fcrdig ist auch das \u00bbWir\u00ab, das das Buch oder den Bericht geschrieben hat. Es scheint so, als wenn selbstlose Berater mit dem gesamtgesellschaftlichen Konzept f\u00fcr Genossenschaften hier angetreten sind \u2013 und auch federf\u00fchrend alles begleitet und geleitet haben, trotz der Infiltration von Spionen, Gegnern und Polizeispitzeln. Das w\u00e4re beachtlich und gleichzeitig bedenklich, denn alles wird von m\u00f6glicherweise immer noch den gleichen Leuten \u201einformell\u201c angeleitet, die eigentlich l\u00e4ngst h\u00e4tten in der Masse der Mitglieder verschwinden m\u00fcssen, wie \u201eFische im Wasser\u201c halt \u2026<\/p>\n<p><strong>Genossenschaft vs. Gewerkschaft<\/strong><\/p>\n<p>Ein spannender Punkt in der Entwicklung von CECOSESOLA\u00a0 zu \u201eeiner sozialen Organisation, einer Bewegung\u201c, ist die Auseinandersetzung in der Buslinien-Kooperative \u00fcber den Sinn einer Gewerkschaft (in Venezuela sind nur Betriebs-gewerkschaften erlaubt). Hier erkl\u00e4ren die Verfasser ganz deutlich, da\u00df sie der Auffasssung sind, da\u00df es keiner gewerkschaftlichen Vertretung der Genossenschaftsmitglieder bedarf. Der zu den \u00fcberh\u00f6hter Lohnforderungen einiger machtgeiler und auf P\u00f6stchensuche befindlicher Agitatoren einer (linken?) Partei als Argument angef\u00fchrte Spruch lautet: \u201eWenn in der K\u00fcche Schmalhans waltet, kann man keine Gelage feiern.\u201c<br \/>\nDas ist wirklich nicht spa\u00dfig, bedenkt man, da\u00df ansonsten in dem Text sehr gerne von der Verantwortung f\u00fcr die Gemeinschaft, die Kommune und die Verankerung in der \u00fcbrigen Gesellschaft geredet wird. Eine Kontrolle durch betriebsfremde Gewerkschafter soll also nicht stattfinden \u2013 alles dreht sich im eigenen Saft bzw. wird durch interne \u201eTransparenz\u201c und eine ordentliche Buchf\u00fchrung, die nachvollziehbar macht, da\u00df keine Superl\u00f6hne gezahlt werden k\u00f6nnen, \u00fcberfl\u00fcssig. Nat\u00fcrlich waren die Vorw\u00fcrfe der opponierenden und demagogisch agitierenden Gewerkschafts-M\u00f6chtegern-Funktion\u00e4re (vielleicht\u00a0 erhofften sie sich einen besseren Lohn oder gar eine Freistellung als Betriebsgewerkschaftsfunktion\u00e4r) im Sinne der Kooperative nicht sinnvoll. Eine au\u00dfer- bzw. \u00fcberbetriebliche Kontrolle durch eine Gewerkschaft sollte jedoch zu den \u00fcblichen Gepflogenheiten geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Das Al Capone-Problem<\/strong><\/p>\n<p>CECOSESOLA hat nur die staatliche Kontrolle vor der Zerschlagung gerettet; weil die Buchhaltung (und wer lernt so etwas in wenigen Wochen?) akurat war, konnten die Staatskontrolleure nichts finden, um die soziale Kooperative zu liquidieren, was die interne Opposition forderte. Auch hieraus ist zu lernen \u2013 auch f\u00fcr uns in Deutschland. Oder gerade hier. Wenn sie Dich politisch mundtot machen wollen, sollte die Buchhaltung stimmen, sonst ergeht es einem wie Al Capone, dem ber\u00fcchtigsten Gangster der amerikanischen Geschichte: ihm konnte kein Mord vorgeworfen werden, aber er wanderte in den Knast wegen mangelnder Steuerzahlungen und einer \u201efehlerhaften\u201c, maipulierten Buchhaltung \u2026<\/p>\n<p><strong>Chavez und sein Pseudo-Sozialismus<\/strong><\/p>\n<p>Ein v\u00f6llig neues Genossenschafts- bzw. Kooperativengesetz gibt es in Venezuela seit Chavez am Ruder ist. Aber der Presidente hat auch das Recht, \u201eantisozialistische\u201c Betriebe \u2013 und das sind im pseudorevolution\u00e4r-sozialistisch-staatlichem Diskurs der Bolivaristen um den Putschisten Chavez eben genauso autonome Kollektivbetriebe wie kapitalistische Aktiengesellschaften, wenn es seiner Politik gef\u00e4llt und es ihm gerade mal in den Kram pa\u00dft. Dar\u00fcber steht auch etwas in dieser wirklich spannenden Geschichte. Und zwar deutlicher, als es sich die Freunde des \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c venezolanischer Pr\u00e4gung \u00fcberhaupt vorstellen k\u00f6nnen. Das d\u00fcrfte somit schon fast wieder \u201ereaktion\u00e4r\u201c sein, denn wie Luis Alfredo Delgado Bello auszugsweise zitiert wird: \u201eWir m\u00fcssen dagegen k\u00e4mpfen, dass Kooperativismus und Chavismus gleich gesetzt werden. Mit dieser Vorstellung wird der Kooperativismus zu einen weiteren Objekt der Polarisierung, das angegriffen oder unterst\u00fctzt wird, je nachdem, welche Position die Betreffenden gegen\u00fcber der Regierung haben. (\u2026) Beiden liegt die Einsch\u00e4tzung zugrunde, die Politik sei wichtiger als die Kooperativen. Das Genossenschaftswesen wird anderen politischen Zielen untergeordnet. Die Kooperative wird nicht als politische und soziale Option an sich gesehen, die in der Lage ist, hier und heute von uns aus eine andere Gesellschaft aufzubauen, wie wir sie wollen. Diese Sichtweise ist zutiefst politisch und unterscheidet sich grundlegend von derjenigen, die immer wieder verk\u00fcndet, dass es notwendig sei, die Macht zu \u00fcbernehmen, um den Anderen die eigene Sichtweise von Gesellschaft aufzudr\u00e4ngen. Als Kooperativistas bauen wir tagt\u00e4glich eine neue Gesellschaft auf. Damit zeigen wir uns selbst und allen Anderen, dass eine andere Welt m\u00f6glich ist.\u201c (S. 151 \u2013 \u201eVenezuela: Frascasaron las cooperativas?\u201c)<br \/>\nGenossenschaften sind nicht per s\u00e9 oder Definition etwas Gutes \u2013 das wissen wir, seit auch Schlips-tr\u00e4ger ihre modernen Firmenkonstrukte genossenschaftlich organisieren oder der Sozialabbau durch privat Selbsthilfe-Genossenschaften kompensiert werden sollen. Genossenschaften sollen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft helfen, Probleme kosteng\u00fcnstig (also \u00fcber freiwilllige Lohndr\u00fcckerei und Selbstausbeutung) unter dem Deckmantel der \u201eB\u00fcrgerbeteiligung\u201c zu verwalten. Mit \u201eSelbsterm\u00e4chtigung\u201c hat das nichts zu tun. Genauso, wie in Venezuela kapitalistische oder auch staatliche Unternehmen Teilbereiche genossenschaftlich ausgliedern, um die Kosten zu dr\u00fccken \u2013 und auch etablierte Genossenschaften gliedern Nichtgenosse als Lohnarbeiter\u2502innen aus. Der Staat macht es sich bequem, indem er sozialpolitisches Engagement in Armutsquartieren und Elendsvierteln bef\u00f6rdert, damit die Armen sich selbst um die Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung k\u00fcmmern. Daraus kann \u201esolidarische \u00d6konomie\u201c entstehen, muss es aber nicht.<br \/>\nDas gr\u00f6\u00dfte Problem f\u00fcr deutsche Verh\u00e4ltnisse ist der Vergleich. Was alles in Venezuela m\u00f6glich ist, st\u00f6\u00dft hier sofort an gesetzliche Grenzen und erfordert einen Kampf um den durch den Nationalsozialismus eingeschr\u00e4nkten und gefesselten Genossenschaftsgedanken. Genossenschaften d\u00fcrfen hierzulande keine Kreditgesch\u00e4fte machen \u2013 da kommen hier gleich die Herren mit dem Schlapphut der BaFin (Bundesfinanzaufsicht), statt sich um wichtigere Dinge zu k\u00fcmmern. Das bedeutet schlicht, da\u00df hiesige Genossenschaften ihren Mitgliedern keine Kredite geben d\u00fcrfen in Notzeiten oder auch als Konzept. Dazu bedarf es einer genossenschaftlichen Bank \u2013 also weiterer staatlicher Kontrollinstanzen und Beh\u00f6rden.<br \/>\nAbschlie\u00dfend sei ausdr\u00fccklich dieses Buch denjenigen empfohlen, die eine \u201eandere Welt\u201c wollen und dabei lieber \u201ehandeln\u201c als politisch nur rumlamentieren und die Macht \u00fcbernehmen wollen. Alternative und solidarische \u00d6konomie mit dem Kapitalismus in allen unseren Knochen ist bestimmt eine KnochenArbeit, aber es geht darum, nicht alle Utopien auf den ber\u00fchmten St. Nimmerleinstag nach dem gro\u00dfen Kladderadatsch zu verschieben \u2013 der in den deutschen Breitengraden mehr als Lichtjahre entfernt ist.<br \/>\n\u2022 fm<\/p>\n<p><strong>Nachtrag \u2013 Tupamaros<\/strong><\/p>\n<p>Es hat nach dem Erscheinen des Buches wohl interessiert, ob denn nicht ehamlige uruguayische Tupamaros an der Gr\u00fcndung von CECOSESOLA beteiligt gewesen w\u00e4ren. Deutsche Linke brauchen immer F\u00fchrer, nur sie k\u00f6nnen Gewichtiges angesto\u00dfen haben, sonst fehlt ihnen der Glaube daran. In diesem Fall ist die Antwort unzweideutig: \u201eKein Tupamaro hat je an dem Projekt mitgewirkt; schon gar nicht bei der Gr\u00fcndung.\u201c (contraste, April 2012).<br \/>\nDas beruhigt mich ungemein, denn derartige Projekte funktionieren wohl gerade deshalb, weil hier eher Pfaffen als leninistische Guerilleros das Sagen haben; dabei haben beide Fraktionen l\u00e4ngst ihre Heiligenscheine verloren \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine \u201ef\u00fchrerlose\u201c Organisation in Bewegung \u2013 geht das? \u00dcber den autonomen Genossenschaftsverband CECOSESOLA im Bundesland Lara von Venezuela. 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