{"id":271,"date":"2015-03-18T18:59:28","date_gmt":"2015-03-18T17:59:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=271"},"modified":"2025-08-28T00:12:25","modified_gmt":"2025-08-27T22:12:25","slug":"taz-am-19-5-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/taz-am-19-5-2012\/","title":{"rendered":"TAZ am 19.5.2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn der Kampf um die Macht wegf\u00e4llt<\/strong><br \/>\n<strong>Ein Traum wird wahr: Eine Kooperative in Venezuela kennt keine Chefs &#8211; und ist damit erfolgreich<\/strong><\/p>\n<p>Ein Modell wollen sie nicht sein. Auf keinen Fall. &#8220;Es gibt kein Patentrezept, jeder muss seine eigenen L\u00f6sungen finden&#8221;, sagen sie ein ums andere Mal. Und doch ist die venezuelanische Kooperative eine Inspiration daf\u00fcr, dass eine Assoziation von Freien und Gleichen scheinbar auch mit zehntausenden Menschen zu realisieren ist. Es muss ein Geheimnis geben bei Cecosesola.<!--more--><br \/>\nEin Leben ohne Chefs? Wie soll denn das gehen, dass sich so viele Menschen andauernd im Konsensverfahren verst\u00e4ndigen? Und kommt man bei so vielen Treffen und Gespr\u00e4chen \u00fcberhaupt noch zu Mu\u00dfe, Leben und Lieben? &#8220;Wenn wir unsere Kommunikation als Arbeit sehen w\u00fcrden, w\u00e4re das furchtbar&#8221;, sagt die 34-j\u00e4hrige Carolina Colmenaves, die seit 16 Jahren bei Cecosesola arbeitet und gerade mit zwei weiteren Mitgliedern auf Lesereise in Europa ist. &#8220;Aber wir gehen auch in Parks oder machen Liebe, sonst h\u00e4tten wir keine Kinder. Und wir haben viele!&#8221;<br \/>\nCecosesola hei\u00dft ausgeschrieben und \u00fcbersetzt &#8220;Dachverband der Genossenschaften f\u00fcr soziale Dienstleistungen im Bundesstaat Lara&#8221;. In der Millionenstadt Barquisimeto betreibt Cecosesola drei Wochenm\u00e4rkte, auf denen sich rund 55.000 Familien mit Gem\u00fcse gr\u00f6\u00dftenteils von verbandseigenen Landkooperativen versorgen. Zum Verbund geh\u00f6ren \u00fcber 50 Basisorganisationen mit rund 20.000 Mitgliedern: ein Transportbetrieb, eine Sparkasse, L\u00e4den f\u00fcr M\u00f6bel und Haushaltsger\u00e4te, ein Beerdigungsbetrieb sowie sechs Gesundheitsprojekte, in denen j\u00e4hrlich knapp 200.000 Menschen behandelt werden. Der Jahresumsatz: etwa 100 Millionen US-Dollar. Chefs gibt es nicht, Jobrotation ist \u00fcblich, Entscheidungen werden im Konsens getroffen.<br \/>\nWom\u00f6glich ist das Geheimnis in der besonderen Geschichte von Cecosesola zu finden. Allerdings nicht in ihrer Gr\u00fcndung, denn die hatte ironischerweise eine antikommunistische Schlagseite. 1961 hob John F. Kennedy die &#8220;Allianz f\u00fcr den Fortschritt&#8221; aus der Taufe, um mit Sozialprogrammen die Guerillabewegung in Lateinamerika einzud\u00e4mmen. Mit Mitteln der CDU-nahen Adenauer-Stiftung und der katholischen Caritas unterst\u00fctzte das jesuitische Centro Cumila in Venezuela die Gr\u00fcndung von Genossenschaften. Cecosesola wurde 1967 als Dachverband initiiert.<br \/>\nDoch 1972 k\u00fcndigten ihre Begr\u00fcnder die Allianz mit der Allianz auf und schlossen sich der &#8220;Stiftung f\u00fcr kommunit\u00e4re Organisierung der Marginalisierten&#8221; an. Cecosesola ist bis heute linksorientiert, zur Regierung von Hugo Chav\u00e9z mit seinem autorit\u00e4ren Staatssozialismus h\u00e4lt sie Distanz. Als die Rechtsopposition im Jahr 2002 mit einem Streik Venezuela l\u00e4hmte, unterst\u00fctzte Cecosesola weder den Streik noch Chav\u00e9z.<br \/>\nCecosesolas Geschichte ist manchmal geradezu dramatisch bewegt. Mitten im Kampf gegen st\u00e4dtische Fahrpreiserh\u00f6hungen wurde 1974 eine Transportgenossenschaft gegr\u00fcndet, &#8220;von privaten Busbetreibern und der Stadt heftig bek\u00e4mpft&#8221;, wie Jorge Rath erz\u00e4hlt. Der 61-j\u00e4hrige geb\u00fcrtige Deutsche arbeitet seit 13\u00a0Jahren bei Cecosesola &#8211; inzwischen als Akkupunktur-Therapeut und Website-Betreuer. Er berichtet, die Kerngruppe von Cecosesola habe sich anfangs t\u00e4glich getroffen und alles gemeinsam entschieden. So sei eine besondere Gespr\u00e4chskultur entstanden, die es bis heute gebe.<br \/>\nDurch den Abbau von Hierarchie und den Aufbau von Vertrauen sei die &#8220;kollektive Energie&#8221; geradezu explodiert, hei\u00dft es dazu in dem Buch, aus dem die Mitglieder der Kooperative bei ihrer Lesereise vortragen. Solidarit\u00e4t vervielfache sich &#8220;genau dann, wenn wir verschwenderisch mit ihr umgehen&#8221;.<br \/>\nIn den siebziger Jahren organisierte die Buskooperative unz\u00e4hlige Demos, M\u00e4rsche und Umsonsttransporte f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Aber viele Busse wurden beschlagnahmt und zerst\u00f6rt, der Ruin drohte. 1983 begann die Gruppe damit, die restlichen Busse zu mobilen Gem\u00fcsem\u00e4rkten umzubauen. Diese &#8211; inzwischen station\u00e4ren &#8211; M\u00e4rkte wurden ein Riesenerfolg, zumal die Cooperativistas Gem\u00fcse billiger verkauften. Aber das war wohl nicht der einzige Grund: &#8220;Offensichtlich wird, sobald in einer Organisation der Kampf um die Macht als zentrales Motiv zum Verschwinden gebracht wird, eine kollektive Energie freigesetzt, die unter anderem in einer vorher ungekannten wirtschaftlichen Produktivit\u00e4t zum Ausdruck kommt&#8221;, ist in dem Buch \u00fcber Cecosesola zu lesen.<br \/>\nDie 40-j\u00e4hrige Ilse Marquez, die in der Kooperative unter anderem in der Buchhaltung arbeitet, wei\u00df viel \u00fcber die &#8220;patriarchalisch-kapitalistische Kultur&#8221; zu sagen, die sie \u00fcberwinden wollen. Auch deshalb habe man sich entschlossen, &#8220;Frauen&#8221;-Aufgaben wie Kloputzen oder Kochen rotieren zu lassen. In der K\u00fcche etwa wechseln sich Frauen und M\u00e4nner w\u00f6chentlich ab.<br \/>\nDie kollektive Entscheidungsfindung im Konsens sei vielleicht ihr gr\u00f6\u00dfter Erfolg, glaubt Marquez. In allen Betrieben gibt es w\u00f6chentliche Versammlungen, hinzu kommen weitere Treffen zur Koordination oder zur Pflege und Analyse ihrer Beziehungen.<br \/>\nAber wie geht die Gruppe mit Fehlverhalten um? Marquez: &#8220;Wenn einer etwas klaut, fragen wir in seiner Gegenwart: Was steckt dahinter? Warum haben wir als Kollektiv es nicht geschafft, ihm bei der Transformation zu helfen?&#8221; F\u00fcr Au\u00dfenstehende, gibt sie zu, sei das nicht leicht zu erkl\u00e4ren. Sie praktizierten eben eine neue Form des Denkens. &#8220;Kommunikation wird \u00fcberraschend fl\u00fcssig&#8221;, hei\u00dft es dazu im Buch. &#8220;Manchmal brauchen wir nicht einmal mehr dar\u00fcber zu reden, um zu wissen, was wir alle denken. Telepathie wird greifbar.&#8221; Wom\u00f6glich sei man schon &#8220;auf dem Weg zum kollektiven Gehirn&#8221;. Vielleicht liegt darin das Geheimnis: Die Cooperativistas sehen das Unsichtbare, die menschliche Verbundenheit, als ihren kostbarsten Schatz, den sie hegen und pflegen.<\/p>\n<p><strong>Ute Scheub<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Kampf um die Macht wegf\u00e4llt Ein Traum wird wahr: Eine Kooperative in Venezuela kennt keine Chefs &#8211; und ist damit erfolgreich Ein Modell&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"class_list":["post-271","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-auf-dem-weg-gelebte-utopie-einer-kooperative-in-venezuela"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=271"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7972,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions\/7972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}