{"id":2742,"date":"2020-04-14T08:31:56","date_gmt":"2020-04-14T06:31:56","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=2742"},"modified":"2025-08-28T18:55:04","modified_gmt":"2025-08-28T16:55:04","slug":"express-2-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/express-2-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;express&#8221; 2\/2020"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"\"><\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Gelb geht die Sonne auf &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 und rot geht sie unter. Zu einem Sammelband \u00fcber die Gelbwesten und zu unserer Bildstrecke<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewegung der Gelbwesten hat mit ihrem Jubil\u00e4um nach\neinem Jahr eine Menge deutschsprachiger Publikationen mit sich \u00adgebracht:\nHervorzuheben sind Peter Wahls \u00bbGilets Jaunes: Anatomie einer ungew\u00f6hnlichen\nsozialen Bewegung\u00ab (K\u00f6ln, Papyrossa), Guillaume Paolis \u00bbSoziale Gelbsucht\u00ab\n(Berlin, Matthes und Seitz), Luisa Michaels \u00bbWir sollten uns vertrauen. Der\nAufstand in gelben Westen\u00ab (Hamburg, Nautilus), die Aufs\u00e4tze von Sebastian\nChwala in der Zeitschrift Luxemburg sowie die Brosch\u00fcre \u00bbUne situation excellente?\nBeitr\u00e4ge zu den Klassenauseinandersetzungen in Frankreich\u00ab der Gruppe translib\nLeipzig. Was die von Willi Hajek herausgegebene Textsammlung aus diesen\nPublikationen heraushebt, ist der Fokus auf das Verh\u00e4ltnis von Gelbwesten und\nGewerkschaften, konkret: der franz\u00f6sischen SUD Solidaires, aus deren\nMitgliederzeitung die vorliegenden Texte \u00fcbersetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Vielzahl der Publikationen zeigt einerseits die\ndeutsche Sehnsucht, auch mal wieder eine solche Bewegung zu haben (und es w\u00e4re\nzu diskutieren, warum es diese hier nicht gibt), und ist andererseits ein\nZeichen daf\u00fcr, dass nach anf\u00e4nglichen Kaperungsversuchen durch rechte und\nrechtsextreme Gruppen die Deutungshoheit \u00fcber das Ph\u00e4nomen Gelbwesten wieder in\nlinker Hand liegt. \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich hat die extreme Rechte versucht, die\nBewegung zu infiltrieren, aber hat sie nicht auch versucht, die Gewerkschaften,\nselbst die k\u00e4mpferischsten, zu unterwandern? Das Schlimmste war, ihnen diesen\nRaum gelassen zu haben\u00ab, so der Eisenbahner Christian Mahieux (S. 28). \u00c8lie\nLambert erkl\u00e4rt das mit der Zusammensetzung der Gelbwesten: \u00bbDas ist ein\nmehrheitlich l\u00e4ndlich gepr\u00e4gter Teil der Bev\u00f6lkerung, von den st\u00e4dtischen\nZentren durchaus weit weg, sehr \u203awei\u00df\u2039, politisch \u203aMitte-rechts\u2039 verortet\u00ab (S.\n46). Durch die Praxis des gemeinsamen Protests hat sich das Problem zumindest\nrelativiert. \u00c8lie Lambert beschreibt exemplarisch eine Szene, in der die\nBesucherInnen einer Moschee den protestierenden Gelbwesten Unterschlupf gegen\nPolizeibrutalit\u00e4t bieten: \u00bbEine Szene, die zu Beginn der Bewegung v\u00f6llig\nundenkbar war: Zwei Welten, die sich als getrennt, ja entgegengesetzt begreifen\n(\u2026). An diesem Tag fielen soziale Schranken, der Antirassismus konnte punkten\u00ab\n(S. 45), und allgemeiner: \u00bbAber \u203ader Fremde\u2039 ist auch da, er teilt dieselbe\nBredouille und denselben Blechnapf. Das lie\u00df die Stereotypen und\nDiskriminierungen in Scherben zerspringen\u00ab (S. 47).<\/p>\n\n\n\n<p>Die AutorInnen des vorliegenden Sammelbandes, allesamt\nMitglieder der SUD Solidaires, ordnen nicht nur die Bewegung der Gelbwesten,\nsondern auch sich selbst und ihre eigene Geschichte in die Geschichte der Neuen\nSozialen Bewegungen, vom Aufstand der Zapatistas in Mexiko seit 1994 und der\nGlobalisierungskritik bis hin zu Arabellion und Occupy, ein. Ob Gewerkschaft\noder soziale Bewegung: Man steht vor denselben sozialen, politischen und \u00f6kologischen\nHerausforderungen. Die logische Schlussfolgerung: Eine Gewerkschaft, die mit\ndiesen Entwicklungen mithalten will, muss sich radikal ver\u00e4ndern, sie muss\nnicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selber, wie es neuerdings schon fast\ninflation\u00e4r hei\u00dft, transformieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nSUD-GewerkschafterInnen konstatieren ein hohes Misstrauen gegen\u00fcber den Gewerkschaften\n(S. 36). \u00bbSie sind diesem Teil der Arbeiterschaft fast fremd, sind gar beinahe\nunsichtbar (\u2026) Daher die so heftige \u00adAblehnung\u00ab (S. 40). Doch diese Fremdheit\nberuht auf Gegenseitigkeit: \u00bbDen Gewerkschaften ist dieser Sektor gr\u00f6\u00dftenteils\nunbekannt\u00ab (S. 49). Oder: \u00bbWarum ist eine untergr\u00fcndige Bewegung der Klasse,\nwie wir sie organisieren wollen, uns so derma\u00dfen unverst\u00e4ndlich gewesen? Warum\nwar Misstrauen unsere erste Reaktion angesichts eines Volkes, das sich wegen\nernster Fragen in Bewegung setzte?!\u00ab (S. 79). Die Konsequenz f\u00fcr die \u00adGewerkschaften\nder SUD Solidaires ist ein Gestus solidarischer Zur\u00fcckhaltung: \u00bbKeine Gro\u00dfspurigkeit,\nalso (beinahe) keine Fahnen; einige zogen die gelbe Weste an, andere trugen\nAnstecker oder einfach Aufkleber, immer aber achteten sie darauf, erkennbar zu\nbleiben. Bedacht auf ein Gleichgewicht zwischen Pr\u00e4senz und Zur\u00fcckhaltung\u00ab (S.\n50). Die Postgewerkschafter Floriane H\u00e8d\u00e9 und Serge Le Qu\u00e9au beschreiben, wie\nsie im Gewerkschaftsb\u00fcro Flugbl\u00e4tter f\u00fcr die Gelbwesten kopieren, \u00bbohne\nGewerkschaftslogo nat\u00fcrlich. Uns ist klar, dass es Zeit brauchte, bis die\nGelbwesten uns unter Umst\u00e4nden akzeptieren w\u00fcrden\u00ab (S. 59). Ihre Beschreibung\ndes gespannt-solidarischen Verh\u00e4ltnisses kumuliert in der Beschreibung eines Gewerkschaftskollegen,\nder als engagierte Gelbweste \u00bbm\u00f6chte, dass die Gewerkschaften abdanken und in\nder Bewegung der Gelbwesten aufgehen \u2013 davon l\u00e4sst er sich nicht abbringen\u00ab (S.\n61). Die Konsequenz, die etwa Fran\u00e7ois Marchive steht, w\u00fcrde man von keinem\ndeutschen Gewerkschafter, egal aus welchem politischen Spektrum, derart\ndrastisch h\u00f6ren: \u00bbDie Arbeiterbewegung, die mit ihren Gewerkschafts-, Partei-\noder Vereinsstrukturen breite Massen des Proletariats organisiert hat, ist\nGeschichte. Die Arbeitswelt ist atomisiert, individualisiert, desorganisiert.\n(\u2026) Wir stehen vor der konkreten Folge der (\u2026) Umstrukturierung kapitalistischer\nHerrschaft. Doch die Konfliktbereitschaft ist nicht verschwunden, sie dr\u00fcckt\nsich nur au\u00dferhalb der \u203atraditionellen\u2039 Arbeiterbewegung und des Betriebs aus\u00ab\n(S. 81).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Gelb das neue Rot ist, hei\u00dft das, dass man\ntats\u00e4chlich Streik und Gewerkschaft ad acta legen sollte und die Zukunft den\nRiots und dem Protest von B\u00fcrgerInnen auf der Stra\u00dfe geh\u00f6rt? So h\u00f6ren sich\ntats\u00e4chlich viele Selbstkritiken der aktiven GewerkschafterInnen an. Nun wissen\nwir aber sehr wohl, dass das alles nichts wird, wenn nicht auch in den\nBetrieben, an den Orten der Produktion, Bewegung existiert. Gewerkschaft bleibt\nn\u00f6tig, aber: \u00bbWir werden unsere gewerkschaftliche Praxis nicht erneuern k\u00f6nnen\ndurch hehre ideologische Posen oder sch\u00f6ne Flugbl\u00e4tter mit den richtigen\nForderungen, sondern nur durch unsere \u00f6rtliche N\u00e4he und echte N\u00fctzlichkeit bei\nden konkreten Problemen unserer Klasse. Alle Fragen \u2013 \u00d6kologie, Feminismus,\nKampf gegen Dis\u00adkriminierungen usw. \u2013 m\u00fcssen in der Organisation formuliert und\nartikuliert werden, aber unter der doppelten Ma\u00dfgabe der Klassenfrage und einer\nkonkret n\u00fctzlichen Praxis\u00ab (S. 83). Dem bleibt nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Torsten Bewernitz<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelb geht die Sonne auf &#8230; \u2026 und rot geht sie unter. 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