{"id":278,"date":"2015-03-18T19:03:29","date_gmt":"2015-03-18T18:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=278"},"modified":"2025-08-28T00:11:11","modified_gmt":"2025-08-27T22:11:11","slug":"contraste-nr-331-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/18\/contraste-nr-331-2012\/","title":{"rendered":"&#8220;CONTRASTE&#8221; Nr. 331 \/ 2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Ich wei\u00df mehr \u00fcber die Kooperative und habe mehr Fragen&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Endlich ist es da \u2013 das Buch \u00fcber die legend\u00e4re, seit 45 Jahren bestehende Kooperative Cecosesola in Venezuela. Ein Dach \u00fcber Hunderten von kleineren und gr\u00f6\u00dferen Kooperativen mit Tausenden Mitgliedern, die Zigtausende Menschen vor allem mit Gem\u00fcse und Gesundheitsleistungen versorgen.<!--more--><\/p>\n<p>Im November 2006 waren zwei Kooperativistas in Berlin beim Kongress Solidarische \u00d6konomie. In der vorigen CONTRASTE Nr. 330 (M\u00e4rz 2012) hatten wir bereits einen Auszug aus dem Vorwort des Buches und die Kurzbeschreibung \u201eCecosesola in Zahlen\u201c abgedruckt. Das Buch ist eine Zusammenstellung von Texten aus drei B\u00fcchern der Kooperativistas, erg\u00e4nzt durch die \u00fcberarbeitete Fassung des CONTRASTE-Beitrags \u201eGemeinsam k\u00f6nnen wir es schaffen\u201c (Nr. 300 im September 2009) des Cecosesola-Mitglieds Jorge Rath zur Er\u00f6ffnung des genossenschaftlichen Gesundheitszentrums. Auf zwei Seiten ist in einem \u201eBericht einer Gruppe von Frauen aus den Kooperativen\u201c beschrieben, wie tradierte Geschlechterrollen in der allt\u00e4glichen Zusammenarbeit \u00fcberwunden werden. Alix Arnold hat das Buch \u00fcbersetzt und beschreibt auf der Basis von Interviews, die sie in Cecosesola gef\u00fchrt hat, die Bedingungen f\u00fcr die Kooperative im venezolanischen &#8216;Sozialismus des 21. Jahrhunderts&#8217;\u201c, und John Holloway, der zweimal in Cecosesola war, hat ein Nachwort beigesteuert.<\/p>\n<p>Im ersten Teil des Buches werden anschaulich \u201eDie ersten zwanzig Jahre\u201c der Kooperative beschrieben, die als kooperativer Dachverband zur Gr\u00fcndung eines Bestattungsunternehmens begann, dann mit einem Busunternehmen erst expandierte, kurz darauf jedoch nach vielen Angriffen scheiterte. Aus diesem Scheitern ging Cecosesola zwar mit erheblichen finanziellen Schulden, aber einem enormen Zuwachs an Solidarit\u00e4t und dem Erproben ungewohnt neuer<br \/>\nOrganisationsformen hervor. Die Wochenm\u00e4rkte boten einen Ausweg aus der verfahrenen\u00f6konomischen Situation.<\/p>\n<p>Es folgt eine Reflektion der emotionalen und kulturellen Hintergr\u00fcnde, die eine solidarische Zusammenarbeit oft erschweren. In ihrer Analyse beziehen sich die Kooperativistas auf den chilenischen Biologen und Kybernetiker Humberto Maturana, den sie u.a. zitieren mit: \u201eUnsere W\u00fcnsche und Vorlieben bestimmen in jedem gegebenen Moment das, was wir tun, nicht die Verf\u00fcgbarkeit von Natursch\u00e4tzen oder die \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten, die als Merkmale der Welt ma\u00dfgebend zu sein scheinen.\u201c (Seite 65) Im Mittelpunkt steht also der Mensch in seiner Subjektivit\u00e4t, nicht seine (scheinbar) objektiven M\u00f6glichkeiten. Daraus leitet sich der Fokus auf die Beziehungen der Subjekte untereinander und auf ihre Emotionalit\u00e4t ab.<\/p>\n<p>Kulturelle Muster, die als typisch venezolanische \u201eTropenversion der westlichen Kultur\u201c gelten, werden dargestellt. Es entsteht der Eindruck, dass Cecosesola keine Kooperative einer politisch besonders bewussten Elite oder einer bestimmten Bev\u00f6lkerungsschicht ist. Das beschriebene \u201ewir\u201c scheint alle VenezolanerInnen zu meinen, unabh\u00e4ngig von ihrer sozialen Situation, wie z.B. die \u201evenezolanische Bauernschl\u00e4ue\u201c, das Trachten nach dem eigenen Vorteil und die Beschr\u00e4nkung solidarischen Verhaltens auf den engsten Familien- und Freundeskreis. Dem wird der Versuch entgegen gesetzt, im kooperativen Alltag gegenseitigen Respekt, Vertrauen und umfassende Solidarit\u00e4t zu entwickeln. Es geht jedoch weniger darum, formal solidarische Strukturen aufzubauen, sondern vielmehr um die Frage: \u201eWie k\u00f6nnte eine emotionale Grundlage entwickelt werden, die der partizipativen Demokratie f\u00f6rderlich ist und ihr entspricht?\u201c (Seite 75).<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift \u201eAuf dem Weg zur Harmonie\u201c wird beschrieben, wie versucht wird, diese Frage im Alltag zu beantworten. Die Kooperativistas versuchen sich aus kapitalistisch gepr\u00e4gten Denk- und Handlungsmustern zu befreien und verstehen ihr Projekt als im Werden und in st\u00e4ndigem Wandel begriffen. Fast alle Arbeiten werden rotierend von allen erledigt, die finanziellen Beziehungen werden nach Bedarf und unter der Voraussetzung gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Eigenverantwortung jeder einzelnen Person geregelt. Wichtig sind vor allem die vielen Versammlungen und Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p>Dabei bildet sich nach und nach ein gemeinsames Bewusstsein heraus, so dass f\u00fcr eine<br \/>\nKonsensfindung oft gar keine Abstimmung mehr vorgenommen wird. Es kann sogar \u201eeine einzelne Person eine Konsensentscheidung treffen\u201c (Seite 86), verantwortungsbewusst und anhand gemeinsam entwickelter Kriterien. Was erstmal irritiert, erschlie\u00dft sich vielleicht aus einer Erfahrung, die wir eher von esoterischen Gruppen erwarten w\u00fcrden: \u201eManchmal brauchen wir nicht einmal mehr dar\u00fcber zu reden, um zu wissen, was wir alle denken. Telepathie wird greifbar. Sollten wir tats\u00e4chlich ein kollektives Denken entwickeln k\u00f6nnen, eine Art &#8216;kollektives Gehirn&#8217;, wenn wir gegen\u00fcber den anderen Respekt entwickeln und die Angst verlieren?\u201c (Seite 97) Das Kapitel \u201eAuf dem Weg zu einem kollektiven Gehirn?\u201c beschreibt dann nochmal genauer, wie aus \u201eformalen Versammlungen \u2026 Orte der Begegnung\u201c werden. Es gibt keine hierarchischen Strukturen, alle Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerInnen, AbteilungsleiterInnen etc. wurden abgeschafft. Die Kooperativistas treffen sich sehr h\u00e4ufig und in verschiedensten Konstellationen, nicht in erster Linie um sachliche Fragen zu diskutieren oder Entscheidungen zu treffen, sondern vor allem, um sich \u00fcber \u00fcber ihre Sichtweisen und Empfindungen auszutauschen. Jede und jeder kann fast jederzeit an einer Versammlung teilnehmen. Diese Versammlungen sind auch offen f\u00fcr Au\u00dfenstehende, es gibt keine Leitung oder Moderation. Die Diskussionen verlaufen oft eher informell und sprunghaft. Die Entwicklung solidarischer Beziehungen untereinander und mit den Menschen im Umfeld steht an erster Stelle. Gelingende menschliche Beziehungen bringen nach den Erfahrungen von Cecosesola nicht nur mehr Lebensfreude, sondern auch wirtschaftlichen Erfolg.<\/p>\n<p>Die namenlosen AutorInnen betonen, dass Cecosesola kein Modell ist, und dass jede Gruppe ihren eigenen Weg finden muss. Sie bieten nichts an, was mit strukturierten und vordefinierten Methoden der Gruppenbildung wie zum Beispiel Community Organizing oder Transition Towns vergleichbar w\u00e4re. Sie wenden anscheinend auch keine Kommunikationsmethoden wie zum Beispiel Themenzentrierte Interaktion (TZI) oder Gewaltfreie Kommunikation (GFK) an. Stattdessen beschreiben sie ihre Gruppenprozesse von einer viel grunds\u00e4tzlicheren Basis her.<\/p>\n<p>Vieles erinnert an fundamentalistische Ans\u00e4tze alternativer \u00d6konomien der 1970er\/80er Jahre: Der Bedarfslohn, die Rotation, die Ablehnung jeder Leitungs- oder auch nur\u00a0\u00a0 Koordinierungsfunktion und Diskussionen ohne Ende. Auch dass \u2013 mit den o.g. Ausnahmen \u2013 keine Namen von AutorInnen genannt sind, erinnert an den subversiven Charme alter Zeiten. Allzu oft wurde damals jedoch die Erfahrung gemacht, dass unter der ungeregelten Oberfl\u00e4che gesellschaftliche Dominanzen als informelle Hierarchien umso wirksamer wurden, je st\u00e4rker sie tabuisiert waren.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mir nicht anma\u00dfen, nachdem ich das Buch gelesen habe, eine realistische\u00a0 Einsch\u00e4tzung des Projekts Cecosesola abgeben zu k\u00f6nnen. Aber ich habe den Eindruck, dass sich dort trotz einiger \u00c4hnlichkeiten zu fr\u00fcheren selbstverwalteten Betrieben und Projekten m\u00f6glicherweise eine andere Dynamik entwickelt hat. Zum einen ist das Projekt allein von der Gr\u00f6\u00dfe her kaum vergleichbar. Zum anderen scheint mir der Ansatz, den Organisierungsprozess nicht ausgehend von ideologischen Anspr\u00fcchen zu gestalten, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt zu stellen, ein deutlich anderer. Aber wie passiert das genau? Wurden konkrete Methoden entwickelt, mithilfe derer die gemeinsamen Prinzipien umgesetzt und Erfahrungen innerhalb der komplexen kooperativen Strukturen vermittelt werden?<\/p>\n<p>Und wieviel Raum bleibt bei solcher Einigkeit und angesichts dieser Intensit\u00e4t eines Wir f\u00fcr<br \/>\ndissidente Auffassungen und Empfindungen? Werden abweichende Meinungen wirklich offensiv eingeladen, willkommen gehei\u00dfen und als Bereicherung erlebt? Wie wird Vorsorge getroffen, dass dieses Wir \u2013 vor allem bei einem unausgesprochenen Konsens \u2013 nicht in eine repressive Atmosph\u00e4re umkippt, in der einige Wenige sagen wo es lang geht, und alle anderen sich dem schweigend unterordnen?<\/p>\n<p>Wie gehen die Kooperativistas damit um, dass die F\u00e4higkeiten, sich in Versammlungen zu \u00e4u\u00dfern und andere von der eigenen Position \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, unterschiedlich verteilt sind? Welche Rolle spielen Sympathien und Freundschaften bzw. Konflikte im sozialen Miteinander? Und wie funktioniert die Horizontalit\u00e4t in der Praxis, insbesondere gegen\u00fcber Au\u00dfenstehenden oder in politischen Netzwerken? Wenn es keine Repr\u00e4sentation durch einzelne Personen gibt \u2013 welche Alternativen haben die Kooperativistas entwickelt?<\/p>\n<p>Nach dem Wenigen, was ich bisher von Cecosesola wusste, hatte ich viele Fragen. Beim Lesen war ich hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach einem Zusammenhang, der \u00fcber eine sachliche Zusammenarbeit hinaus die ganze Person fordert, und dem Gruseln vor so viel Enge.<br \/>\nNachdem ich das Buch gelesen habe, wei\u00df ich mehr \u00fcber die Kooperative und habe noch mehr Fragen. Darum freue ich mich sehr auf die Lesereise der Kooperativistas und bin gespannt auf ihre Antworten und den Austausch mit ihnen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens scheint es nur ein Ger\u00fccht zu sein, dass Cecosesola von Tupamaros gegr\u00fcndet wurde. Im Buch findet sich kein Hinweis darauf, und meine Nachfrage ergab: \u201eIch habe heute vorsichtshalber nochmal nachgefragt hier bei uns &#8211; vor allem Compa\u00f1eros und Compa\u00f1eras, die schon von Anfang an dabei sind &#8211; ob an der Tupamaro-Geschichte etwas dran ist. Zum Leidwesen von m\u00f6glichen Tupamaro-Sympathisanten muss ich jedoch feststellen, dass eine solche Verbindung nie bestanden hat, geschweige denn in der Gr\u00fcndung von Cecosesola eine Rolle gespielt hat.\u201c (Mail von Jorge Rath vom 01.03.2012).<\/p>\n<p>Der \u00dcbersetzerin und den HerausgeberInnen dieses Buches geb\u00fchrt ein gro\u00dfes Dankesch\u00f6n daf\u00fcr, dass sie die teilweise doch eher ungew\u00f6hnlichen Herangehensweisen und Erfahrungen aus Cecosesola einem deutschsprachigen LeserInnenkreis erschlossen haben.<\/p>\n<p><strong>Elisabeth Vo\u00df, Berlin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Ich wei\u00df mehr \u00fcber die Kooperative und habe mehr Fragen&#8221; Endlich ist es da \u2013 das Buch \u00fcber die legend\u00e4re, seit 45 Jahren bestehende Kooperative&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"class_list":["post-278","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-auf-dem-weg-gelebte-utopie-einer-kooperative-in-venezuela"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=278"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7969,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278\/revisions\/7969"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}