{"id":296,"date":"2015-03-19T17:53:45","date_gmt":"2015-03-19T16:53:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=296"},"modified":"2025-08-28T18:43:33","modified_gmt":"2025-08-28T16:43:33","slug":"jahrbuch-fuer-forschungen-zur-geschichte-der-arbeiterbewegung-2013i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/jahrbuch-fuer-forschungen-zur-geschichte-der-arbeiterbewegung-2013i\/","title":{"rendered":"Jahrbuch f\u00fcr Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2013\/I"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interessant f\u00fcr alle, die sich an der aktuellen Debatte \u00fcber historische Alternativen beteiligen wollen<\/strong><br \/>\nVor fast neun Jahrzehnten schrieb Richard M\u00fcller, f\u00fchrender Kopf der Revolution\u00e4ren Obleute im Deutschen Metallarbeiter-Verband, deren Sprecher auf dem linken Fl\u00fcgel der USPD, Vorsitzender des Vollzugsrates der Gro\u00df-Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te 1918\/19 und 1922 als kommunistischer Gewerkschaftsfunktion\u00e4r aus der KPD ausgeschlossen, jene drei B\u00fccher, die nun, erstmalig in einem Band vereinigt, nachgedruckt vorliegen. F\u00fcr die Neuausgabe wurden M\u00fcllers B\u00e4nde neu gesetzt und ihre Seitenzahlen fortgeschrieben, was f\u00fcr Vergleiche und Zitierungen beachtet werden muss.<!--more--><\/p>\n<p>Richard M\u00fcller verhehlte zwar nicht seine Zeitzeugenschaft als F\u00fchrungsgestalt in der deutschen Revolution, aber er schrieb keine Memoiren, sondern gest\u00fctzt auf die von ihm gesammelten Dokumente der R\u00e4tebewegung eine kompakte, gr\u00fcndlich dokumentierte Geschichte der Revolution von 1918\/19 einschlie\u00dflich ihrer Vorgeschichte, die er 1924\/25 im Malik-Verlag bzw. in dem von ihm mitbegr\u00fcndeten Ph\u00f6bus-Verlag publizierte. M\u00fcller schrieb mit dem Anspruch, \u201eeinen Beitrag zur Selbstreflektion der revolution\u00e4ren Bewegung\u201c zu leisten, \u201edie er noch nicht als abgeschlossen betrachtete\u201c (Einleitung der Hrsg., S. 17).<br \/>\nUnter der \u00dcberschrift \u201eEin revolution\u00e4res Verm\u00e4chtnis \u2013 Richard M\u00fcller und seine Geschichte der Novemberrevolution\u201c stellt Ralf Hoffrogge dem Nachdruck des M\u00fcllerschen Werkes eine Einleitung voran (S. 11-25), in der er die\u00a0 Biographie M\u00fcllers skizziert und die Wirkungsgeschichte seiner Schriften er\u00f6rtert. Hoffrogge hebt zu recht hervor, dass M\u00fcllers Revolutionsgeschichte zwar bei Historikern \u00fcber die Jahrzehnte gut bekannt blieb und \u2013 meist als Fakten-Steinbruch \u2013 genutzt wurde, dass sie aber in den Str\u00f6mungen der Arbeiterbewegung verdr\u00e4ngt worden ist. Der nachrevolution\u00e4ren und staatserhaltenden Sozialdemokratie musste der bekennende Revolution\u00e4r als linker Extremist erscheinen. In das Bild der parteikommunistischen Historiographie, die allein auf eine von Spartakus begr\u00fcndete Traditionslinie setzte, passte der zudem aus der KPD ausgeschlossene Revolutionshistoriker ebenso wenig.<\/p>\n<p>Die mehr oder weniger direkte Rezeption der Revolutionsdarstellung M\u00fcllers durch Arthur Rosenberg und Ossip K. Flechtheim, auch deren Weiterwirkung in Arbeiten von Fritz Opel, von Eberhard Kolb und insbesondere von Peter von Oertzen kennzeichnet Hoffrogge zutreffend als \u201eMinderheitenstrang in der westdeutschen Geschichtswissenschaft\u201c (S. 23). Die Mehrheits-str\u00f6mung habe in der Interpretation der Revolution 1918\/19 an dem \u201ekonstruierten Gegen-satzpaar Demokratie-Kommunismus\u201c (S. 22) festgehalten und nur b\u00fcrgerliche und sozialdemokratische Stimmen zur Kenntnis genommen. Desinteresse an historischen Alternativen und an den K\u00e4mpfen um den sozialen Charakter der Weimarer Republik bestimmte auch den Inhalt der Schulb\u00fccher und die Erinnerungskultur. Im Gegensatz zum Mainstream der akademischen Historiographie interessierten sich Gewerkschaften und die Studentenbewegung der 60-er Jahre sehr wohl f\u00fcr M\u00fcllers Arbeiten \u00fcber eine R\u00e4tedemokratie, die sie der r\u00fcckst\u00e4ndigen und dringend reformbed\u00fcrftigen Gesetzgebung der Bundesrepublik auf dem Gebiete der wirtschaftlichen und politischen Mitbestimmung gegen\u00fcberstellten. Diese Bewegung rief Ende der 60-er und Anfang der 70-er Jahre eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Dokumentationen zur R\u00e4tefrage in der Novemberrevolution hervor, in denen auch Positionen Richard M\u00fcllers reflektiert wurden. M\u00fcllers fr\u00fche Trilogie \u00fcber die Revolution 1918\/19 wurde in fotomechanischen \u201eRaubdrucken\u201c von Hand zu Hand gereicht, bis 1973\/74 die bisher letzte Neuauflage in der \u201eKritischen Bibliothek der Arbeiterbewegung\u201c erschien.<\/p>\n<p>Die Ausgaben von 1924\/25 und 1973\/74 sind heute nur noch in wenigen Exemplaren auf dem Antiquariatsmarkt anzutreffen. Seltenheit und Nachfrage trieben deren Preis in extreme H\u00f6hen. Der hier anzuzeigende Nachdruck schlie\u00dft also eine empfindliche L\u00fccke im normal zug\u00e4nglichen Bestand an marxistischer Literatur \u00fcber das revolution\u00e4re Geschehen w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs und der ihm folgenden Revolution in Deutschland. Damit gelingt das Vorhaben der Herausgeber, \u201eM\u00fcllers Thesen vom unfreiwilligen Status eines Geheimtipps\u201c zu l\u00f6sen und \u201esie in den allgemein zug\u00e4nglichen Fundus historischer Kampferfahrungen\u201c zur\u00fcck zu bringen (S. 25). Der Satz zielt auf die politische Aktualit\u00e4t der \u201ealten\u201c Schriften. In der Tat bietet der Band hinreichend Gespr\u00e4chsstoff f\u00fcr geschichtsbewusste Debatten \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge zwischen Sozialismus und Demokratie, \u00fcber Wirtschaftsdemokratie und \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von repr\u00e4sentativer parlamentarischer und Basisdemokratie. Aber auch die Fachhistoriker sind herausgefordert, die Renaissance des M\u00fcllerschen Werkes aufzugreifen, sich nicht nur des in ihm ausgebreiteten reichen Faktenmaterials zu bedienen, das ohnehin indessen noch umfassender und genauer, als es M\u00fcller m\u00f6glich war, dokumentiert und dargestellt wurde, sondern \u2013 nat\u00fcrlich nicht unkritisch \u2013 den methodo-logischen Ansatz zu pr\u00fcfen, wenn es um weitere Arbeiten \u00fcber die deutsche Revolutions-geschichte und ihre bis in Gegenwart und Zukunft fortwirkenden Implikationen geht.<\/p>\n<p>Der Band mit Richard M\u00fcllers revolutionsgeschichtlichen Abhandlungen und Dokumentenanh\u00e4ngen geh\u00f6rt nicht nur in den Grundbestand der Bibliotheken, sondern auch in das Handregal des Historikers und aller historisch Interessierten, besonders jener, die sich an der aktuellen Debatte \u00fcber historische Alternativen beteiligen wollen. Ralf Hoffrogge ist zu begl\u00fcckw\u00fcnschen, dass es ihm nach seiner verdienstvollen Richard-M\u00fcller-Biographie gelang, die notwendige Unterst\u00fctzung zu finden, nun auch das Hauptwerk seines Protagonisten wiederzubeleben.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Engel<\/strong><br \/>\nM\u00fcllers Biographie sowie die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte seiner drei B\u00fccher sind ausf\u00fchrlicher behandelt von Ralf Hoffrogge: Richard M\u00fcller. Der Mann hinter der Novemberrevolution (=Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. VII), Karl Dietz Verlag, Berlin 2008, S. 171-197.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interessant f\u00fcr alle, die sich an der aktuellen Debatte \u00fcber historische Alternativen beteiligen wollen Vor fast neun Jahrzehnten schrieb Richard M\u00fcller, f\u00fchrender Kopf der Revolution\u00e4ren&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-296","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eine-geschichte-der-novemberrevolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=296"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8113,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions\/8113"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}