{"id":300,"date":"2015-03-19T17:57:21","date_gmt":"2015-03-19T16:57:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=300"},"modified":"2025-08-28T18:43:32","modified_gmt":"2025-08-28T16:43:32","slug":"das-blaettchen-nr-18-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/das-blaettchen-nr-18-2012\/","title":{"rendered":"Das Bl\u00e4ttchen Nr. 18 &#8211; 2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8221; &#8230; bis heute nichts an Aktualit\u00e4t verloren&#8221;<\/strong><br \/>\nHier soll von einem Werk die Rede sein, das bereits vor 90 Jahren verfasst wurde, bis heute indes nichts an Aktualit\u00e4t verloren hat: \u201eVom Kaiserreich zur Republik\u201c, \u201eDie Novemberrevolution\u201c und \u201eDer B\u00fcrgerkrieg in Deutschland\u201c, sind die drei B\u00e4nde \u00fcberschrieben, die 1924\/25 erschienen waren. 1973\/74 wurden sie vom Verlag Olle &amp; Wolter nachgedruckt. Inzwischen sind diese Exemplare nur noch vereinzelt in Antiquariaten f\u00fcr 100 bis 150 Euro zu finden. Richard M\u00fcllers Revolutionsgeschichte war zwischen der einerseits SPD- und andererseits KPD-gepr\u00e4gten Geschichtsschreibung in der Versenkung verschwunden und fast verloren gegangen, dabei ist sie im Grunde ein wieder zu entdeckendes Standardwerk. Es erg\u00e4nzt und korrigiert einiges in den offizi\u00f6sen Darstellungen der beiden Arbeiterparteien und sch\u00e4rft damit nicht nur den Blick auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart. Darum haben Ralf Hoffrogge, Historiker und Autor der M\u00fcller-Biographie \u201eDer Mann hinter der Novemberrevolution\u201c (Karl Dietz Verlag, 2008), und Jochen Gester, verantwortlich f\u00fcr das Medienportal Die Buchmacherei (www.DieBuchmacherei.de), sowie der Autor dieser Zeilen als Lektor, M\u00fcllers historische Trilogie in einem Band neu herausgebracht.<!--more--><br \/>\nWer war dieser Richard M\u00fcller? Zwischen 1916 und 1921 z\u00e4hlte der Gewerkschafter zu den einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten der Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaft war seine Heimat, sein Freundeskreis, seine politische Identit\u00e4t. Im Deutschen Metallarbeiter-Verband, seinerzeit die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft der Welt, galt er als der Anf\u00fchrer des linken Fl\u00fcgels. Er hatte die gro\u00dfen Berliner Massenstreiks der Jahre 1916 bis 1918 illegal organisiert. In der Revolutionsregierung 1918 war M\u00fcller Vorsitzender des \u201eVollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te\u201c, des rangh\u00f6chsten R\u00e4teorgans, und verteidigte die politischen Ideale einer sozialistischen Gewerkschaftsbewegung. Die \u201eRevolution\u00e4ren Obleute\u201c der Betriebe waren ein Ergebnis seines Organisationstalents, ein Musterbeispiel f\u00fcr die Verbindung von unter den Bedingungen des Krieges notwendiger Geheimhaltung und Masseneinfluss. Ihr politischer Kurs war trotz aller Radikalit\u00e4t pragmatisch. Sie handelten diszipliniert und geschlossen, dabei gaben Obleute ihre Unabh\u00e4ngigkeit nie auf.<br \/>\nRichard M\u00fcllers \u201eNovemberrevolution\u201c ist gewisserma\u00dfen Geschichte \u201evon unten\u201c. M\u00fcller hat sie als Zeitzeuge verfasst, er schildert authentisch die Rolle von SPD, Spartakusbund, USPD und KPD in jenen revolution\u00e4ren Zeiten. M\u00fcller erz\u00e4hlt keine Anekdoten, sondern unterbreitet Einsch\u00e4tzungen und Dokumente, die es den Lesern erlauben, sich ein eigenes Bild von den geschilderten Vorg\u00e4ngen zu machen. Dabei st\u00fctzt er sich auf einen gro\u00dfen Fundus von Originalquellen, darunter vielfach zum ersten Mal ver\u00f6ffentlichte Aufrufe und Flugbl\u00e4tter, vor allem auf die einzig erhaltenen kompletten Abschriften der Protokolle des Berliner \u201eVollzugsrates\u201c, die nur durch Richard M\u00fcllers Einsatz f\u00fcr die Nachwelt gerettet wurden.<br \/>\nDeutschland 1918\/19: R\u00e4teverfassung? Wirtschaftliche Demokratie auf Basis von Betriebsr\u00e4ten, in der die Arbeitenden selbst \u00fcber Produktion und Politik entscheiden? Alles schien m\u00f6glich. Die Krise heute er\u00f6ffnet eine neue gewerkschaftliche Debatte um diese Alternativen: Ob der R\u00e4te-Gedanke die Entwicklung der Mitbestimmung zur Selbstbestimmung befruchten kann, stellt sich als Frage nicht nur Betriebs-, Personal- und Aufsichtsr\u00e4ten. Es ist ein aktuelles gesellschaftliches Thema, behandelt zum Beispiel in Manfred Sohns Buch \u201eDer dritte Anlauf. Alle Macht den R\u00e4ten\u201c (PapyRossa Verlag, K\u00f6ln 2012), oder in \u201eJenseits des Kapitalismus \u2013 Grundrisse einer libert\u00e4ren und solidarischen Gesellschaft\u201c von Gerhard Stange (in \u201eDie Aktion\u201c Nr. 219, Edition Nautilus, 2011).<br \/>\nWas also sagt uns Richard M\u00fcllers \u201eGeschichte der Novemberrevolution\u201c, eine marxistische Analyse der Revolution 1918\/19 gegen Krieg und Kaiser, f\u00fcr eine sozialistische Republik, die durch einen B\u00fcrgerkrieg von rechts letztlich zum Faschismus f\u00fchrte? Mit historischen Belegen weist M\u00fcller akribisch nach, dass es keinen B\u00fcrgerkrieg von links gab, sondern dass dieser B\u00fcrgerkrieg samt Terror und Mord von rechts gef\u00fchrt wurde, womit sich \u00fcber 90 Jahre sp\u00e4ter ein aktueller Bezug zum faschistischen Terror bei staatlicher \u201eBlindheit\u201c herstellt, der vom M\u00fcnchener Oktoberfest 1980 bis zu den neonazistischen Anschl\u00e4gen, Raub\u00fcberf\u00e4llen und Morden in den letzten Jahren reicht.<br \/>\nNach dem Erscheinen der Neuausgabe im Oktober 2011 war die erste Auflage des M\u00fcllerschen Werkes von bescheidenen 200 Exemplaren bereits nach wenigen Tagen vergriffen. Vorsichtig wurde es in Hunderter-Schritten nachgedruckt, und im M\u00e4rz 2012 erschien nun die um eine Chronologie und ein Personenregister erweitere 5. Auflage in einem Band; spannend zu lesen wie ein Krimi.<\/p>\n<p><strong>Rainer Knirsch<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8221; &#8230; bis heute nichts an Aktualit\u00e4t verloren&#8221; Hier soll von einem Werk die Rede sein, das bereits vor 90 Jahren verfasst wurde, bis heute&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-300","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eine-geschichte-der-novemberrevolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=300"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8111,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions\/8111"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}