{"id":3029,"date":"2020-09-01T17:12:23","date_gmt":"2020-09-01T15:12:23","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3029"},"modified":"2025-08-28T21:12:24","modified_gmt":"2025-08-28T19:12:24","slug":"sueddeutsche-zeitung-v-31-8-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2020\/09\/01\/sueddeutsche-zeitung-v-31-8-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;S\u00fcddeutsche Zeitung&#8221; v. 31.8. 2020"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Abrechnung eines Verbannten<br>Wolfgang Ruges fr\u00fche Analyse des Stalinismus neu aufgelegt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Beachtlichste an dem schmalen Band ist sein erstes Erscheinen 1990, wenige Wochen nach dem Zusammenbruch der DDR und der SED-Herrschaft. Dem Buch vorangegangen waren zwei Essays, die im Januar 1990 in der ostdeutschen Wochenpost und im Neuen Deutschland unter dem Titel \u201eWer gab Stalin die Knute in die Hand?\u201c erschienen. Die Einleitung der Sozialwissenschaftlerin Renate H\u00fcrtgen in der nun neu aufgelegten Fassung informiert sachkundig \u00fcber die Biografie des Autors. Der Erscheinungstermin des Buches belegt, dass einzelne Wissenschaftler bereits zu DDR-Zeiten kritisch \u00fcber die Epoche des Stalinismus nachdachten, aber ihre Ergebnisse unter der Zensur nicht publizieren konnten. Insofern ist Wolfgang Ruges Buch ein Produkt der \u201einneren Verbannung\u201c (Renate H\u00fcrtgen) und obendrein Zeugnis f\u00fcr die Biografie des Autors.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern des 1917 geborenen Wolfgang Ruge, der 2006 gestorben ist, waren Kommunisten und flohen deshalb 1933 in die Sowjetunion. Sein Sohn Eugen Ruge (geb. 1954) erhielt 2011 den Deutschen Buchpreis f\u00fcr den Roman \u201eIn Zeiten abnehmenden Lichts\u201c, in dem er die Geschichte der Familie in der DDR beschreibt. 2019 folgte mit \u201eMetropol\u201c seine Darstellung des Lebens der Familie im Exil. Wolfgang Ruge verbrachte 23 Jahre in der Sowjetunion, davon 15 in Lagern in Kasachstan und Sibirien, wohin viele exilierte deutsche Kommunisten verbannt wurden. Die Familie Ruge konnte erst drei Jahre nach Stalins Tod 1956 in die DDR \u00fcbersiedeln. Hier war Ruges Vergangenheit in Lagern und in der Verbannung ein Tabu, \u00fcber das eisern geschwiegen wurde. Erst drei Jahre vor Ruges Tod erschien 2003 seine Autobiografie. Von 1958 bis zu seiner Emeritierung 1983 war der Historiker im \u201eInstitut (sp\u00e4ter Zentralinstitut) f\u00fcr Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR\u201c besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Ruge erhebt nicht den An-spruch, eine Geschichte des Stalinismus zu bieten, sondern konzentriert sich aus der Perspektive des Zeitzeugen auf zwei wesentliche Aspekte. Zum einen die aus der Marx\u2018schen Tradition \u00fcbernommene, von Lenin radikalisierte Sicht der Geschichte, die nicht als offen gedacht wird, sondern dem angeblich \u201eun\u00fcberwindlichen Gang der historischen Entwicklung der Menschheit zum Kommunismus folgt\u201c, wie es noch im ZK-Beschluss zur \u00dcberwindung des Personenkults Stalins vom 30. Juni 1956 hie\u00df. Zu diesem Determinismus geh\u00f6ren privilegierte Akteure \u2013 \u201edas\u201c Proletariat und \u201edie\u201c Partei, die beide unabh\u00e4ngig von der konkreten geschichtlichen Situation und ihrer zuf\u00e4lligen Verfasstheit handeln. Der zweite Faktor, der den Stalinismus und die ganze stalinistische Epoche bestimmte, war f\u00fcr Ruge die Verwurzelung von Stalins Staat und Herrschaft in der zaristischen Tradition von Autoritaris-mus, Gewalt und Willk\u00fcr, die dem Diktator als \u201eSprungbrett\u201c dienten.<\/p>\n\n\n\n<p>RUDOLF WALTHER<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abrechnung eines VerbanntenWolfgang Ruges fr\u00fche Analyse des Stalinismus neu aufgelegt Das Beachtlichste an dem schmalen Band ist sein erstes Erscheinen 1990, wenige Wochen nach dem&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[73],"tags":[],"class_list":["post-3029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stalinismus-eine-sackgasse-im-labyrinth-der-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3029"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8191,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3029\/revisions\/8191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}