{"id":304,"date":"2015-03-19T18:00:24","date_gmt":"2015-03-19T17:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diebuchmacherei.dev\/?p=304"},"modified":"2025-08-28T18:43:32","modified_gmt":"2025-08-28T16:43:32","slug":"h-soz-u-kult-april-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2015\/03\/19\/h-soz-u-kult-april-2012\/","title":{"rendered":"H-Soz-u-Kult April 2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;&#8230; eine F\u00fclle von sehr bewegenden Darstellungen entscheidender Stationen der Revolutionsgeschichte&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Eine der wirkm\u00e4chtigsten zeitgen\u00f6ssischen Darstellungen zur Geschichte der Revolution von 1918\/19, welche die Forschung zur R\u00e4tebewegung seit den 1950er-Jahren beeinflusst hat, ist neben Arthur Rosenbergs Geschichte der Weimarer Republik zweifelsohne die von 1924 bis 1925 ver\u00f6ffentlichte Trilogie Richard M\u00fcllers unter dem Obertitel: &#8220;Vom Kaiserreich zur Republik&#8221;.[1] M\u00fcller verfasste sein Geschichtswerk aus der Perspektive des unmittelbar an der Basis in den Betrieben und den R\u00e4teorganisationen aktiven Organisators der revolution\u00e4ren Bewegung. Seine eigene Biografie steht paradigmatisch f\u00fcr jenen Teil der deutschen Arbeiterbewegung, der in den Revolutionsjahren f\u00fcr kurze Zeit ins politische Feld eingetreten war, nach dem Scheitern der R\u00e4tebewegung, der Aufl\u00f6sung der USPD und den S\u00e4uberungen innerhalb der KPD jedoch bald wieder von der politischen B\u00fchne verschwand. Seine Geschichte der Revolution spiegelt daher auch Hoffnungen und Bestrebungen wider, die nicht in der Gegen\u00fcberstellung von parlamentarischer Demokratie oder bolschewistischer Einparteiendiktatur aufgeht.[2] <!--more--><\/p>\n<p>Der Berliner Historiker Ralf Hoffrogge, dem das Verdienst geb\u00fchrt, bereits vor vier Jahren die Biografie M\u00fcllers herausgearbeitet zu haben [3], hat nun zusammen mit Jochen Gester und Rainer Knirsch sowie mithilfe eines kleinen Berliner Verlages die drei B\u00fccher M\u00fcllers in einem Band neu herausgegeben und mit einer ausf\u00fchrlichen Einleitung versehen. In dieser rekapituliert Hoffrogge noch einmal die Stationen der politischen T\u00e4tigkeit M\u00fcllers von seiner f\u00fchrenden Rolle unter den &#8220;revolution\u00e4ren Obleuten&#8221; in den Massenstreiks w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges \u00fcber seine T\u00e4tigkeit als Vorsitzender des Berliner Vollzugsrates der Gro\u00df-Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und seinem Wirken als R\u00e4tetheoretiker und KPD-Gewerkschaftsbeauftragter bis hin zu seiner kurzfristigen Rolle in der kleinen Linksgewerkschaft &#8220;Deutscher Industrieverband&#8221; nach seinem Ausschluss aus der KPD 1922. Anschlie\u00dfend hebt er die Rezeption M\u00fcllers w\u00e4hrend des Paradigmenwechsels in der bundesrepublikanischen Forschung in den 1950er- und 1960er-Jahren hervor, welche den scharfen Gegensatz von Demokratie und R\u00e4tebewegung endg\u00fcltig aufgab [4], beleuchtet aber auch den Einfluss von M\u00fcllers Geschichtswerk auf die umstrittene popul\u00e4rwissenschaftliche Darstellung von Sebastian Haffner [5] und den R\u00fcckbezug auf M\u00fcller in linksgewerkschaftlichen Debatten der 1960er- und 1970er-Jahren. Hoffrogge beschreibt das Paradox, dass M\u00fcllers Geschichte der Revolution gleichzeitig ein &#8220;Standardwerk&#8221; und ein &#8220;Geheimtipp&#8221; gewesen sei. Die Studentenbewegung habe bewirkt, dass diese in den 1970er- Jahren bei dem Berliner Verlag Olle&amp;\u00a0 Wolter neu aufgelegt wurde, jedoch seit l\u00e4ngerer Zeit vergriffen sei.<\/p>\n<p>Die Neuauflage orientiert sich an der letzten Auflage des Originals, besitzt aufgrund der einb\u00e4ndigen Herausgabe jedoch ver\u00e4nderte Seitenzahlen. Eine Besonderheit von M\u00fcllers Werk besteht in der ausgiebigen Verwendung von teilweise seltenen Originaldokumenten, die<br \/>\nunter anderem auf seine akribische Archivierungsarbeit w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit als Vorsitzender des Berliner Vollzugsrates zur\u00fcckgeht. Jedem der drei Teile folgt daher ein l\u00e4ngerer dokumentarischer Anhang aus Flugbl\u00e4ttern, Protokollen und Ausschnitten aus Zeitungsartikeln, die das Buch zugleich zu einer wertvollen Dokumentensammlung machen.<\/p>\n<p>Der erste Teil behandelt die Entwicklung vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zum Vorabend der Novemberrevolution. M\u00fcller legt in einem Vorwort dar, dass er keinesfalls beabsichtigt, eine ersch\u00f6pfende wissenschaftliche Darstellung zu liefern. Den gr\u00f6\u00dften Raum nehmen die Vorg\u00e4nge in Berlin und vor allem die Entwicklung in der Arbeiterschaft ein. Er betont dabei die Bedeutung der sozialen und psychologischen Folgen des Krieges, die im Zusammenspiel mit der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaftsinstanzen und des sozialdemokratischen Parteiapparates schlie\u00dflich dazu f\u00fchrten, dass ein kleiner Kreis konspirativ agierender oppositioneller Vertrauensleute, die Obleute, einen immer breiteren Anhang in der Arbeiterschaft gewinnen konnte. Er beschreibt auch die Differenzen in der Strategie zwischen den Obleuten und dem Spartakusbund, vor allem mit Karl Liebknecht, dessen Taktik der sich bis zur Revolution steigernden Stra\u00dfenagitation die Obleute als &#8220;revolution\u00e4re Gymnastik&#8221; verspotteten. Sie setzten hingegen auf sich ausweitende gro\u00dfe Massenaktionen wie die Streiks vom April 1917 und Januar 1918, die M\u00fcller, trotz des Scheiterns der aufgestellten Forderungen, als Erfolge verbucht.<\/p>\n<p>Der zweite Teil beginnt mit dem Umsturz vom 9. November in Berlin, an dessen Gelingen die Vorbereitungen der Obleute entscheidenden Anteil hatten, und endet mit dem Ersten Reichsr\u00e4tekongress im Dezember 1918, der die Entwicklung zur Nationalversammlung festschrieb. M\u00fcller beschreibt ausgiebig das Verh\u00e4ltnis zwischen Berliner Vollzugsrat, dessen Vorsitz er in dieser Zeit f\u00fchrte, und dem Rat der Volksbeauftragten. Der Vollzugsrat, der als Kontrollorgan der R\u00e4te gegen\u00fcber der neuen Regierung gedacht war, sah sich bald heftigen Angriffen ausgesetzt, blieb jedoch auch aufgrund interner Fraktionsk\u00e4mpfe zwischen SPD- und USPD-Vertretern gel\u00e4hmt, so dass er den Restaurationsbestrebungen durch das B\u00fcndnis aus SPD-Volksbeauftragten und kaiserlichem Milit\u00e4r- und Verwaltungsapparat au\u00dfer Willenskundgebungen nichts entgegen zu setzen hatte.<\/p>\n<p>Der dritte Teil &#8220;Der B\u00fcrgerkrieg in Deutschland&#8221; schlie\u00dft das opulente Werk mit der Schilderung der milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen und der Streikbewegungen vom Anfang bis zum Fr\u00fchjahr des Jahres 1919 ab. M\u00fcllers zentrale These besteht darin, dass die SPD-F\u00fchrung, durch eine revolution\u00e4re Massenbewegung an die Macht getragen, die Grundlage dieser Macht in der R\u00e4tebewegung verleugnet habe und sich nicht nur weitergehenden Bestrebungen nach einer Sozialisierung und einer Heeresreform entgegenstellte, sondern sich dadurch auch auf die Macht der gegenrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte in Milit\u00e4r- und Staatsapparat st\u00fctzen musste. Getrieben von ihren milit\u00e4rischen B\u00fcndnispartnern, sei sie auch vor dem Einsatz milit\u00e4rischer Gewaltmittel nicht zur\u00fcckgeschreckt, wodurch sich die Konflikte erst zum B\u00fcrgerkrieg zugespitzt h\u00e4tten. Auf der anderen Seite \u00fcbt M\u00fcller scharfe Kritik an der revolution\u00e4ren linken Opposition, die durch \u00fcberst\u00fcrzte, einer Radikalisierung der R\u00e4tebewegung vorauseilenden Aktionen die vorhandenen M\u00f6glichkeiten der Revolutionsjahre verspielt habe. Er sieht daher weder im Januaraufstand noch in den diversen R\u00e4terepubliken die entscheidenden K\u00e4mpfe um die Weiterf\u00fchrung der Revolution, sondern in einer aus der wirtschaftlichen Not und der Entt\u00e4uschung breiter Massen entstandenen Streikwelle im Fr\u00fchjahr 1919. Die kam jedoch aufgrund der Schw\u00e4che der revolution\u00e4ren Linken nach den milit\u00e4rischen Niederlagen und ihrer organisatorischen und regionalen Zersplitterung, nur versprengt zur Entfaltung und scheiterte in erneuten zum Teil sehr blutigen milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen weitgehend.<\/p>\n<p>M\u00fcllers Werk ist eine beeindruckende Darstellung aus der Binnensicht. Wer seine durchaus kontrovers zu beurteilenden Thesen nicht teilt, wird dennoch eine F\u00fclle von sehr bewegenden Darstellungen entscheidender Stationen der Revolutionsgeschichte vorfinden. Vor allem aber liefert er einen guten Einblick in die organisatorische Struktur und mentale Verfassung der &#8220;gr\u00f6\u00dften Massenbewegung der deutschen Geschichte&#8221;[6] aus der Perspektive eines ihrer entscheidenden Akteure. Trotz der aus fachhistorischer Sicht vorhandenen Schw\u00e4chen des Buches, wie einer teilweisen Gl\u00e4ttung der eigenen Rolle M\u00fcllers in den Ereignissen, bleibt der Hoffnung der Herausgeber zuzustimmen, die Neuausgabe m\u00f6ge zu einer Belebung der seit den 1980er-Jahren zur\u00fcckgegangenen Debatten \u00fcber die Revolution beitragen. So betont M\u00fcller beispielsweise die wichtige Rolle psychologischer und sozialer Br\u00fcche in Weltkrieg und Revolution, deren Herausarbeitung eine Aufgabe zuk\u00fcnftiger Geschichtswissenschaft sei. Die von ihm selbst vor der Vernichtung bewahrten Protokolle der Vollversammlungen der Berliner Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te und des Vollzugsrates sind seit einigen Jahren in einer ausf\u00fchrlichen Edition leicht zug\u00e4nglich. Sie bieten ein reichhaltiges Material f\u00fcr eine erst in den Anf\u00e4ngen stehende mentalit\u00e4ts- und alltagsgeschichtliche Forschung zur Revolution von 1918\/19.[7]<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<strong>Dietmar Lange<\/strong><br \/>\n( Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universit\u00e4t Berlin)<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nAnmerkungen:<br \/>\n[1] Arthur Rosenberg, Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik,<br \/>\nFrankfurt am Main 1955. Im Original: &#8220;Entstehung der Deutschen Republik<br \/>\n1871-1918&#8221; und &#8220;Geschichte der Deutschen Republik&#8221;, ver\u00f6ffentlicht 1928<br \/>\nund 1935.<br \/>\n[2] Diese Gegen\u00fcberstellung bildete das Forschungsparadigma in der<br \/>\nwestdeutschen Geschichtsschreibung zur Revolution bis in die<br \/>\n1950er-Jahre hinein. Vgl. dazu am prononciertesten Karl Dietrich<br \/>\nErdmann, Die Geschichte der Weimarer Republik als Problem der<br \/>\nWissenschaft, in: Vierteljahrshefte f\u00fcr Zeitgeschichte, Nr. 3 (1955), S.<br \/>\n1-19.<br \/>\n[3] Ralf Hoffrogge, Richard M\u00fcller &#8211; Der Mann hinter der<br \/>\nNovemberrevolution, Berlin 2008.<br \/>\n[4] F\u00fcr einen \u00dcberblick \u00fcber die westdeutsche Forschungsdebatte siehe<br \/>\nEberhard Kolb, Revolutionsbilder: 1918\/19 im zeitgen\u00f6ssischen<br \/>\nBewusstsein und in der historischen Forschung, Heidelberg 1993.<br \/>\nInsbesondere Peter von Oertzen st\u00fctzt sich intensiv auf M\u00fcllers Werk.<br \/>\nDers., Betriebsr\u00e4te in der Novemberrevolution, 2. Auflage, Berlin\/Bonn<br \/>\n1976.<br \/>\n[5] Sebastian Haffner, Die verratene Revolution &#8211; Deutschland 1918\/19,<br \/>\nHamburg 1969. Kritisiert wurde insbesondere seine These des &#8220;Verrats&#8221;<br \/>\nder SPD-F\u00fchrung an der eigentlich sozialdemokratischen Revolution.<br \/>\nHierbei st\u00fctzt sich Haffner in weiten Teilen, allerdings<br \/>\nunausgesprochen, auch auf die Thesen Richard M\u00fcllers.<br \/>\n[6] Kolb, Revolutionsbilder, S. 30.<br \/>\n[7] Gerhard Engel, B\u00e4rbel Holz, Ingo Materna (Hrsg.), Gro\u00df-Berliner<br \/>\nArbeiter- und Soldatenr\u00e4te in der Revolution 1918\/19. Dokumente der<br \/>\nVollversammlung und des Vollzugsrats, 3 Bde., Berlin 1993-2002.<br \/>\nDiese Rezension wurde redaktionell betreut von:<br \/>\nDirk van Laak&lt;<a href=\"mailto:dvanlaak@t-online.de\">dvanlaak@t-online.de<\/a>&gt;<\/p>\n<p>URL zur Zitation dieses Beitrages<br \/>\n&lt;<a href=\"http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/rezensionen\/2012-2-021\" target=\"_blank\">http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/rezensionen\/2012-2-021<\/a>&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; eine F\u00fclle von sehr bewegenden Darstellungen entscheidender Stationen der Revolutionsgeschichte&#8221; Eine der wirkm\u00e4chtigsten zeitgen\u00f6ssischen Darstellungen zur Geschichte der Revolution von 1918\/19, welche die Forschung&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-304","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eine-geschichte-der-novemberrevolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=304"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8109,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/304\/revisions\/8109"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=304"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=304"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=304"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}