{"id":3077,"date":"2020-09-30T12:20:36","date_gmt":"2020-09-30T10:20:36","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3077"},"modified":"2025-08-28T09:23:26","modified_gmt":"2025-08-28T07:23:26","slug":"soz-09-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/2020\/09\/30\/soz-09-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;SoZ 09-2020&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Dieter Braeg<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das \u00abSystem T\u00f6nnies\u00bb &#8230; kn\u00fcpft an das an, was Upton Sinclair vor \u00fcber hundert Jahren beschrieben hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schlachthoftod. Das ist nicht der Titel eines jener Kriminalromane, die mit Lokalkolorit, einen mit seltsamsten Krankheiten ausgestatteten Ermittler oder einen an einer Leberk\u00e4ssemmel oder einem Fischbr\u00f6tchen erstickten Verbrecher in einer mit kitschigstem Lokalkolorit ausgestatteten Landschaft \u00fcberf\u00fchren. Im Jahre 1905 erschien in Amerika der Roman <em>The Jungle<\/em> von Upton Sinclair. Dieser Roman wurde ein Welterfolg, er schildet das Leben und die Arbeitswelt in den Schlachth\u00f6fen Chicagos.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Mehr als hundert Jahre sind vergangen und wir m\u00fcssen erkennen, dass die \u00abSegnungen\u00bb der sozialen Marktwirtschaft, samt propagierter \u00abHumanisierung der Arbeitswelt\u00bb nicht nur in deutschen Schlachth\u00f6fen, sondern auch beim Bau oder der Ernte sich kaum von jenen Ausbeutungsmechanismen unterscheiden, die Upton Sinclair in seinem Roman schildert.<br>Heute geht es um das Schicksal jener Menschen in diesem Land, die als \u00abSchattenmenschen\u00bb oder \u00abWegwerfmenschen\u00bb zu Sklaven degradiert, ein Leben fristen, das dem Fr\u00fchwerk von Friedrich Engels aus dem Jahre 1845 <em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/em> entsprungen sein k\u00f6nnte.<br>Billiges Fleisch, Erdbeeren, Spargel. Jedes Jahr lesen wir Meldungen und Reportagen \u00fcber F\u00e4lle von eklatanten Hygienem\u00e4ngeln bei der Unterbringung, \u00fcber Lohnraub und Passentzug sowie \u00fcber Arbeitszeiten, die an den ungez\u00fcgelten Manchesterkapitalismus in der ersten H\u00e4lfte des 19.Jahrhunderts erinnern. Die vielen Fleischskandale \u2013 verdr\u00e4ngt? Erinnern wir uns noch an Salmonellen, Trichinen, Schwermetalle, Antibiotika \u2013 s\u00e4mtlich feinste Profitverfeinerer im Produkt Fleisch? BSE? Verdr\u00e4ngt?!<br>Seit Jahren akzeptieren nicht nur Deutschlands Konsumentinnen und Konsumenten, dass Lebensmittel eher der Gewinnmaximierung als der Gesundheit dienen. Das \u00abgesunde soziale\u00bb der Marktwirtschaft hat schon lange Konkurs angemeldet. Die Fleischproduktion verdirbt einem abscheinend bisher nicht den Appetit. Nicht nur aus Rum\u00e4nen kommen jedes Jahr Menschen, nicht nur nach Deutschland, um hier, vorbei an g\u00fcltigen Tarifvertr\u00e4gen und geltenden gesetzlichen Bestimmungen Spargel zu ernten, Erdbeeren zu pfl\u00fccken und Fleisch zu zerlegen. Sie, die fr\u00fcher in der eigenen Heimat von den Ertr\u00e4gen ihrer H\u00f6fe leben konnten, sind l\u00e4ngst Opfer jenes Supermarktkettenwahnsinns geworden, bei dem ein Kilo Fleisch nicht mehr als 3 Euro kosten darf und Agrarprodukte aus S\u00fcdamerika hier zu Ramschpreisen verh\u00f6kert werden \u2013 zum Wohle einer konsumierenden Bev\u00f6lkerung, die l\u00e4ngst das Denkverm\u00f6gen eingestellt hat und mit dem Kampfruf \u00abbilligbillig\u00bb in die Supermarktl\u00e4den gelockt wird.<br>Der \u00abSpargelnotstand\u00bb hat Vorfahrt vor Ausbeutungsmethoden und Lebensumst\u00e4nden, die sich ein nach Tarifvertrag bezahlter abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigter (noch) nicht vorstellen kann.<br>Das \u00abSystem T\u00f6nnies\u00bb \u2013 organisierte Kriminalit\u00e4t und moderne Sklaverei. Aufhebung der Werkvertr\u00e4ge und des Subunternehmertums! kn\u00fcpft an das an, was Upton Sinclair vor \u00fcber hundert Jahren beschrieben hat. Darin beschreiben verschiedene Autorinnen und Autoren, unter die Aktivistin Inge Bultschnieder, der Gewerkschaftssekret\u00e4r Matthias Br\u00fcmmer oder der Pfarrer Peter Kossen, was mit Menschen und Tieren geschieht, wenn die Schlachterei beginnt.<br>Der Corona-Lockdown bei T\u00f6nnies in Rheda-Wiedenbr\u00fcck ist erst der Anfang einer Realit\u00e4t, die unter dem Namen Werksvertrag in immer mehr Branchen zur Anwendung kommt \u2013 vor allem dort, wo man auf Menschen setzt, die aus L\u00e4ndern \u00abrekrutiert\u00bb werden, die noch schlimmere Arbeits- und Lohnbedingungen haben, als sie T\u00f6nnies &amp; Co anbietet.<br>Pfarrer Kossen schreibt: \u00abWer nicht den Mut hat, das System zu wechseln, die Sklavenhalter ins Gef\u00e4ngnis zu bringen und die Arbeiter in Festanstellung, der wird immer nur an den Symptomen herumdoktern, aber nie das \u00dcbel beseitigen.\u00bb Er zeigt den Unterschied auf, der zwischen der Arbeitswelt und der Meinung der verantwortlichen Politik liegt: Am 6.M\u00e4rz stellte das Arbeitsministerium, Minister ist Hubertus Heil (SPD), zur Frage nach dem Unterschied zwischen Werksvertragsarbeit und Kernbelegschaft fest: \u00abDie Bundesregierung hat keine Kenntnis dar\u00fcber, ob die Arbeitsbedingungen stark voneinander abweichen.\u00bb<br>Wie oft Kontrollen der \u00abWerkvertragsfirmen\u00bb in den letzten zehn Jahren stattfanden, das ist der Regierung nicht bekannt. Endlich zwingend in allen Betrieben das Betriebsverfassungsgesetz samt Betriebsrat durchzusetzen, das ist derzeit keine Diskussion wert. Da regiert eher Coronachaos samt Pflichttestung an allen deutschen Grenzen und Flugh\u00e4fen.<br>Menschen werden benutzt, verschlissen und dann isoliert und abgeschoben \u2013 verschrottet wie veraltete Maschinen. Das ist legal. Wegwerfmenschen bauen Kreuzfahrtschiffe und teure deutsche Autos, schuften als Scheinselbst\u00e4ndige auf Baustellen, Paketzustellung oder in der Pflege. Der Rechtsstaat l\u00e4sst das zu und die Gesellschaft schaut augenzudr\u00fcckend weg. Wann wird eine Arbeitskontrollbeh\u00f6rde endlich mit Kontrollen diese Ausbeutung und Sklaverei beenden?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dieter Braeg Das \u00abSystem T\u00f6nnies\u00bb &#8230; kn\u00fcpft an das an, was Upton Sinclair vor \u00fcber hundert Jahren beschrieben hat. Schlachthoftod. 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