{"id":3102,"date":"2020-10-18T16:32:29","date_gmt":"2020-10-18T14:32:29","guid":{"rendered":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/?p=3102"},"modified":"2025-08-28T18:45:32","modified_gmt":"2025-08-28T16:45:32","slug":"mitteilungen-nr-58-september-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diebuchmacherei.de\/de_de\/mitteilungen-nr-58-september-2020\/","title":{"rendered":"&#8220;Mitteilungen&#8221; Nr. 58 \/ September 2020"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>&#8220;War das Fr\u00fchjahr 1919 eine zweite Revolution? Nach dem Willen der Handelnden sicherlich. Aber sie hatten fast \u00fcberall keine Chance.&#8221;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte der modernen Revolutionen seit der englischen Revolution 1640\u20131689 zeigt uns, dass Revolutionen relativ genau bestimmbare Phasen durchlaufen, Phasen der mobilisierenden K\u00e4mpfe, der Teilerfolge, der scheinbaren Stabilisierung, der Gegenrevolution und des neuen Anlaufs. Manchmal, wie das englische Beispiel und das Revolutionsjahr in Russland 1917 zeigen, sind es sogar zwei Revolutionen, die v\u00f6llig unterschiedlichen Abl\u00e4ufen folgen und bei denen neue revolution\u00e4re Akteure das Geschehen bestimmen. Die Frage, ob es sich bei den revolution\u00e4ren und von der R\u00e4tebewegung bestimmten K\u00e4mpfen im Fr\u00fchjahr 1919, die vor allem im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland, in Bayern und im Berliner Raum zur Durchsetzung der noch unerf\u00fcllt gebliebenen Forderungen des Novembers 1918 \u2013 Sozialisierung, Demilitarisierung, R\u00e4tedemokratie \u2013 gef\u00fchrt wurden, um eine zweite Revolution handelt, ist deshalb durchaus von wissenschaftlicher Relevanz. Und so fand am 9. M\u00e4rz 2019, hundert Jahre nach dem Generalstreik in Berlin, im Rathaus Lichtenberg eine wissenschaftliche Tagung statt, durchgef\u00fchrt vom Museum Lich-tenberg und von \u201eHelle Panke\u201c e.V. \u2013 Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Generalstreik wurde in Berlin blutig niedergeschlagen, ausgel\u00f6st durch den Schie\u00dfbefehl des Reichswehrministers Gustav Noske (SPD), versch\u00e4rft und zum bewussten grausamen Massaker eskaliert durch General Walther von L\u00fcttwitz und ausgef\u00fchrt von Regierungstruppen und Freikorps. Dass es sich bei Noskes Schie\u00dfbefehl um eine Reaktion auf einen vermeintlichen Massenmord an Polizisten, um eine bewusst ge\u00e4u\u00dferte Unwahrheit handelt, wird in den einleitenden Worten der Herausgeber vermerkt. Unsere Vereinsmitglieder Dietmar Lange und Axel Weipert haben sich in fr\u00fcheren Publikationen damit eingehend besch\u00e4ftigt.1<\/p>\n\n\n\n<p><br>Diese \u201eM\u00e4rzk\u00e4mpfe\u201c forderten im Osten Berlins und in Lichtenberg mehr als 1200 Tote unter der Arbeiterschaft und den revolution\u00e4ren Soldaten, die oft ohne Anlass und unter unmenschlichster Gewaltanwendung regelrecht hingerichtet wurden. Klaus Gietinger hat in seinem Buch \u201eBlaue Jungs mit roten Fahnen\u201c an die Volksmarinedivision erinnert, gegen deren Mitglieder die Soldateska mit besonderer Grausamkeit vorging.2<br><\/p>\n\n\n\n<p>An vielen St\u00e4tten in Berlin gedenkt man der Opfer des wei\u00dfen Terrors. Auch das vorliegende Buch tr\u00e4gt zweifellos dazu bei. Der Leiter des Museums Lichtenberg, Thomas Thiele, w\u00fcrdigt die sozialen und demokratischen Hoffnungen der Streikenden und verurteilt die brutale Erstickung demokratischen Handelns mithilfe von Feldgesch\u00fctzen, M\u00f6rsern und sogar Flugzeugen gegen die Wohnquartiere der eigenen Bev\u00f6lkerung.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Herausgeber Axel Weipert, Stefan Bollinger, Dietmar Lange und Robert Schmieder, allesamt ausgewiesene Kenner und Publizisten der Materie, beschreiben die Absicht der Konferenz und mithin des Bandes: Die \u201eStreiks, Unruhen, revolution\u00e4ren Erhebun-gen und blutigen Auseinandersetzungen im Fr\u00fchjahr 1919 in den Blick zu nehmen\u201c. Zus\u00e4tzlich betonen sie, dass im Fr\u00fchjahr 1919 nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europ\u00e4ischen Staaten soziale Unruhen und politisch radikale Proteste einen neuen Anlauf nahmen. So wurde Gro\u00dfbritannien von einer Streikwelle erfasst und in Ungarn wurde die R\u00e4terepublik ausgerufen. Und zumindest in einer Hinsicht legen sich die Herausgeber und Autoren auf den Begriff der \u201ezweiten Revolution\u201c fest. Dies widerspiegele die Erwartungen der jeweiligen Proteste, Streiks und Erhebungen: \u201eNeben der Frage nach den Chancen und M\u00f6glichkeiten, die in diesen revolution\u00e4ren Unruhen aufschienen, ging es aber auch um die gewaltsame und blutige Konterrevolution, mit der diese beendet wurden\u201c.<br><\/p>\n\n\n\n<p>In f\u00fcnf Kapiteln wird der \u201ezweiten Revolution\u201c nachgegangen. In \u201eSchicksale der Revolution\u201c schreiben Marcel Bois, Mark Jones und Stefan Bollinger \u00fcber die globale Perspektive, die Gewaltpolitik in Deutschland und \u00fcber die historischen Erfahrungen aus zweiten Revolutionen. Bois geht dabei auf die Protestbewegungen ein, die hierzulande selten thematisiert werden, aber gravierende Folgen f\u00fcr die Vielv\u00f6lkerreiche \u00d6sterreich-Ungarn und Russland, f\u00fcr das Osmanische Reich und f\u00fcr Kolonialgebiete hatten. Jones entwickelt hier erneut, dass die ausge\u00fcbte Gewalt seitens des Staates sowohl Unterdr\u00fcckungsinstrument als auch politische Botschaft war, um die staatliche Kontrolle \u00fcber \u201edie Stra\u00dfe\u201c zur\u00fcck zu erlangen. Die Tragik zweiter Revolutionswellen wird bei Stefan Bollinger deutlich, wenn er problematisiert, dass die Bewegungen, die die uneingel\u00f6sten radikaleren Revolutionsziele durchsetzen wollen, dabei von einer Verbindung der Gegenrevolution mit den neuen regierenden Kr\u00e4ften angegriffen wurden. In \u201eFrauen und Revolutionen\u201c behandeln Gisela Notz linke Positionen der Frauenpolitik, Mirjam Sachse das \u2013 auch in der SPD nicht unbekannte \u2013 Leitbild der Frau als Staatsb\u00fcrgerin im republikanischen Sinne und im Geist von 1848. Gisela Notz widmet sich vor allem den unz\u00e4hligen vergessenen Revolution\u00e4rinnen wie Minna Fa\u00dfhauer und Toni Sender (USPD) und weiteren Sozialistinnen, aber auch den b\u00fcrgerlich-radikaleren Frauenrechtlerinnen wie Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Helene St\u00f6cker oder Rosa Kempf (DDP). \u201eFrauen f\u00fcr die R\u00e4te, Frauen in den R\u00e4ten\u201c ist ein weiterer Schwerpunkt ihrer verdienstvollen Ausf\u00fchrungen, die den Bogen von der Novemberrevolution bis zur heutigen Gefahr eines \u201eroll back\u201c gegen die Frauen schlagen. Den beharrenden Kr\u00e4ften gilt das Augenmerk Miriam Sachses nachfolgend. Die europ\u00e4ische Perspektive wird in f\u00fcnf Beitr\u00e4gen vielf\u00e4ltig und sehr informationsreich bearbeitet. \u201eMomente der Revolution\u201c beschreiben Pierro Di Paola (Italien), P\u00e9ter Csunderlik (Ungarn), Reiner Tossdorff (Barcelonas Anarchisten), Simon Webb (Gro\u00dfbritannien) und Peter Haumer (\u00d6sterreich). Klaus Wisotzky, Mario Hesselbarth und Sebastian Zehetmair beleuchten die \u201eChancen und Risiken des deutschen Fr\u00fchlings 1919\u201c im Ruhrgebiet, in Mittel-deutschland und in Bayern. Abschlie\u00dfend untersuchen Axel Weipert, Klaus Gietinger und Dietmar Lange aus den Perspektiven der R\u00e4tebewegung, der Volksmarinedivision und der geschichtlichen Erinnerung die M\u00e4rzk\u00e4mpfe in Berlin. Weipert bilanziert: \u201eDer Generalstreik stellte gleicherma\u00dfen den H\u00f6he- und Wendepunkt der Berliner R\u00e4tebewegung dar. Zu keinem anderen Zeitpunkt gelang es ihr, eine derart breite Mobilisierung herbeizuf\u00fchren. Angesichts der offenkundig ver\u00e4nderten Kr\u00e4ftever-h\u00e4ltnisse r\u00fcckte danach die zweite Revolution in eine fernere Zukunft\u201c. Gietinger ruft uns die Geschichte der Volksmarinedivision und ihrer Zerschlagung im M\u00e4rz 1919 ins Ged\u00e4chtnis. Lange besch\u00e4ftigt sich in seiner Analyse der Geschichte des Gedenkens u.a. mit der tats\u00e4chlichen Zahl der Opfer, die sicher weit mehr als 1000 betragen d\u00fcrfte. Au\u00dferdem f\u00fchrt er uns an St\u00e4tten des Gedenkens. In der Weimarer Republik polarisierte der M\u00e4rz 1919 die Arbeiterschaft und die Gesellschaft. In der DDR gedachte man der Opfer auf vielf\u00e4ltige Weise, in der BRD \u00fcberging man sie mehr oder weniger.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Der Band ist beim Verlag \u201eDie Buchmacherei\u201c in Berlin erschienen, ein Verlag, der sich schon mehrfach um Publikationen zur Novemberrevolution und zum Kapp-Putsch verdient gemacht hat. War das Fr\u00fchjahr 1919 eine zweite Revolution? Nach dem Willen der Handelnden sicherlich. Aber sie hatten fast \u00fcberall keine Chance.<\/p>\n\n\n\n<p><em>1 Dietmar_Lange: Massenstreik und Schie\u00dfbefehl. Generalstreik und M\u00e4rzk\u00e4mpfe in Berlin 1919, Berlin 2012; Axel Weipert: Die zweite Revolution. R\u00e4tebewegung in Berlin 1919\/1920, Berlin 2015.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>2 Klaus Gietinger: Blaue Jungs mit roten Fahnen. Die Volksmarinedivision 1918\/19, M\u00fcnster 2019.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Holger Czitrich-Stahl<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Mitteilungen&#8221; &#8211; Herausg. vom F\u00f6rderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Beitrag erschien in einer verk\u00fcrzten Version auch in der &#8220;jungen Welt&#8221; vom 15.6.2020.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;War das Fr\u00fchjahr 1919 eine zweite Revolution? Nach dem Willen der Handelnden sicherlich. 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